Kurznotiz an Herbst: Vorgeschriebene Trauer

Heute hatte ich mich in einen schicken schwarzen Anzug geschmissen. Herbst sah mich über den Tisch an und sagte: »Was ist los. Willst Du zu einer Beerdigung?«
Ich sagte: »Mir war nur gerade danach.«
Auf der anderen Seite hörte ich ein langgezogenes ›Mmmm‹. Dann schüttelte Herbst den Kopf. Er hatte sich heute erneut in Farbe geschmückt – alles erdige Töne, aber definitiv für mich zu bunt.
Ich sagte: »Dein Modegeschmack ist mir zu etwas zu extrovertiert.«
Herbst sagte: »Deiner ist mir heute zu traurig.«
Ich sagte, nur um ihm ein wenig den Wind aus dem Segeln zu nehmen: »Trauer ist doch im Moment ›en vogue‹. Wenn man sich im Internet umsieht, trauern doch immer tausende um andere. Manchmal geht es nur um eine verlorene Meinung, eine verlorene Diskussion oder ähnlich unnützem Zeug.
Nur selten ist man sich in seiner Trauer einig.«
Herbst sagte: »Es sollte doch Einigkeit bei einigen Dingen geben. Bei einem Anschlag zum Beispiel oder dem Tod einer großen Persönlichkeit muss Einigkeit gezeigt werden.«
Diesmal war es an mir, den Kopf zu schütteln. Ich sagte traurig: »Im Zeitalter der Massenunterhaltung bekommt jeder Probleme, der nicht um die richtigen Sachen trauert. Und auch die Leute, die um die vermeintlich richtigen Begebenheiten trauern, bekommen von anderer Seite gesagt, dass ihre Trauer falsch ist.
Irgendwie kann man im Internet über die persönliche Trauer diskutieren.«

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