Früher war auch Scheiße

Herbst atmete tief aus und sagte: “Früher war alles besser.”
Dieser Satz ist meine wunde Stelle – mein seidener Faden, das Eichelnblatt auf meiner Schulter. Wer auch immer diesen Satz sagt, muss sich darauf gefasst machen, dass ich explodiere.
Ich sage: “Was soll denn das jetzt bitte? So ein Quatsch. Früher war alles anders, aber definitiv nicht besser.
Das gehört zu unserem Wesen, dass wir das, was wir überlebt haben, als ganz toll empfinden. Ich hatte z.B. mal eine Lehrerin, die ich abgrundtief verabscheute. Heute muss ich sagen, dass die Dame mir Englisch beigebracht, wie es sonst keiner hätte machen können.
Damals hätte ich sie gerne erwürgt. Heute, mal davon ab, dass sie schon lange tot ist, würde ich sie fast schon mit einem Orden belohnen.

Die Zeit in der ich mich redlich um eine Frau bzw. Freundin bemühte, war die schlimmste meines Lebens. Mir ging es pausenlos beschissen, ich las Kafka (schon das ein Zeichen tiefster Depression) und hörte dumpfe Musik.
Heute rede ich gerne von der Zeit und denke mir, dass sie grandios gewesen ist und ich doch so viel erlebt habe.
Das sind nur meine persönlichen Beispiele, den anderen geht es nicht besser.

Ein kleines Gedanken Experiment:
Wenn es früher kontinuierlich besser war, wie viel Spaß hatten die Leute dann während des zweiten Weltkrieges? Das muss grandios gewesen sein.”
Herbst sah mich an und sagte: “Na ja aber vieles…”
Ich sagte: “Glaub mir doch endlich. Es war immer scheiße.”
Herbst sah nicht glücklich aus, wollte allerdings auch nichts mehr sagen.

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5 Kommentare zu „Früher war auch Scheiße

  1. Günter Grass hat gesagt, im Zweiten Weltkrieg waren sie alle betrunken. Deshalb hat er ja auch vergessen, daß er bei den Schwarzröcken Mitglied war und für diese Bescheidenheit wohlverdient den Nobelpreis bekommen. Und mit den garstigen Lehrern hast Du total recht. Aber das würde ja eher bedeuten, früher war manches schlimm, hat aber was gutes bewirkt…?

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    1. Jing und Jang mein Guter – aus dem Dunklen wird was Helles, aus dem Schlechten kommt das Gute, die Rose wächst auf dem Scheißhaufen.
      Bevor ich mich hier weiter in Klischee wälzen, wollte ich nur sagen, dass ich einige dieser Dinge auch bei der Erziehung meiner Kinder anwende. Ein wenig Strenge ist sicherlich angebracht. Daraus lernt man. Aus Inkonsequenz wächst kein gesunder Mensch.
      Gruß,
      Sebastian

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