Festessen ohne

Als Winter kam, hatte ich gerade den Tisch gedeckt. Sie schüttelte mit dem Kopf, als sie das Essen sah.
Dann sagte sie: »Eigentlich bin ich auf Diät.«
Ich sagte: »Warum hast Du Dich eingeladen, wenn Du dann nichts isst?«
Sie ging an mir vorbei, nahm ein Glas und füllte es mit Wein voll. Von Etikette hatte sie anscheinend noch nicht viel gehört.
Sie sah mich an und sagte: »In Afrika verhungern Menschen und ihr macht auf Festessen.«
Ich sagte: »Ich kann Deinen Teil des Bratens auch nach Afrika schicken, wenn Dir das lieber wäre. Soll ich Luftpost oder normal buchen?«
Erneut tat sie so, als hätte sie mich nicht gehört. Sie sagte: »Ihr habt den Reichtum einfach nicht verteilt.«
Ich sagte: »Du hast recht. Wir haben auf unserer Erde vieles nicht richtig im Griff. Außerdem läuft auch viel falsch, gegen das wir nichts unternehmen.
Ich frage mich nur gerade, ob Du Dich hinsetzten willst?«
Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Eigentlich habe ich gar keine Zeit dafür.«
Dann rannte sie aus dem Zimmer.
Ich setzt mich und nahm das Telefon von der Ladestation. Zum Glück hatte ich noch ein paar Freunde, die ich einladen konnte. Schließlich wollte ich das Festessen nicht verkommen lassen.

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15 Kommentare zu „Festessen ohne

    1. Eigentlich ist es eher traurig, dass Winter recht hat. Wenn ich an das ganze Essen denke, welches ich die letzten paar Tage zu mir genommen habe und dann daran denke wie viele Menschen nichts haben, dann ist das fies. Aber was kann man machen? Geld kommt fast nie dort an, wo es gebraucht wird. Wir blenden es einfach aus, dass es anderen schlechter geht und sehen nur die eigenen Probleme.
      Wollte aber auch niemand Weihnachten verderben…

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    1. Ein wenig sprunghaft ist die Gutste, würde ich meinen.
      Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, und alles nur weil sie ein Anflug schlechten Gewissens ereilte.

      Wir Menschen lassen uns auch immer wieder von derlei fragwürdig unvorhersehbaren Gefühlen überrumpeln.
      Wie das?
      Weil uns immer und immer wieder die mehr oder minder erfolgreich ausgeblendeten Misstände einholen. Umso erstaunter und erschrockener sind wir danach, obwohl uns eigentlich nichts mehr verwundern dürfte…

      Den bereits fertigen Braten im Affekt zu verschmähen, wäre das Dümmste, was man tun könnte. Stattdessen sollte man ihn mit Bewusstsein und Dankbarkeit zu sich nehmen!

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      1. Ach ja, die junge Dame ist nur so, wie ich sie mir erziehe. Im Moment scheinen meine Bemühungen allerdings fruchtlos. Kurzzeitig Resignation kann sich einstellen. Sie ist so außergewöhnlich kühl und schroff, wie ein Kühlschrank in der Arktis. Da werde ich wohl meine liebe Not haben.
        Wollen wir hingegen ehrlich bleiben, so bietet ihr Charakter doch einige Gelegenheit für Drama, welches Dialoge so würzen und brauchen.

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  1. Das ist schön! Traurig, aber sehr schön geschrieben. Du hast das sehr gut getroffen und dennoch in einer Art, dass es nicht so brutal klingt. Ich mag deine Jahreszeitengeschichten generell gerne, aber die hier ist wirklich schön! Alles Liebe!

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      1. Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen mit den Jahreszeiten? ich finde sie einfach großartig, besonders wie du ihnen diese Seele gibst, respekt dafür!

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