Gut gegen böse

Winter schwebte heute ins Zimmer. Sie hatte einen irren Blick, als würde sie von irgendetwas getrieben werden.
Ich sagte: »Was verschafft mir die Ehre?«
Sie sagte: »Du bist schon wieder so abweisend. Freu Dich doch einfach, dass ich Dich besuchen komme.«
Ihre Besuche waren schwerer zu ertragen, wie ein Leben unter einer Brücke einer ICE-Strecke, ohne warme Kleidung im Schnee. Wirklich gewöhnen konnte man sich daran einfach nicht. Warm werden, stand nicht zur Debatte.
Ich sagte: »Gut finde ich Deine Besuche sicherlich nicht.«
Plötzlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie sagte: »Das Konzept von gut und böse habe ich sowieso nie begriffen. Wenn ich euch Menschen richtig verstehe, dann ist gut so etwas wie langweilig.
Wenn man sich die Leute ansieht, die sich selbst als Gutmenschen bezeichnen, dann schlafen einem doch gleich die Fußnägel ein. Auf der anderen Seite sind die Bösen immer die richtig interessanten.
Schlägt man eure Zeitungen auf – ich gebe zu, ein ziemlich antiquiertes Vergnügen, welches ich ab und zu mal nachkomme – dann sind sie voll, von den Taten der Bösen. Von den Langweilern ließt man da nicht.«
Sie gab mir Zeit zum Nachdenken, während sie unstet durch Zimmer schneite. Irgendwie ergaben ihre Worte Sinn.
Ich sagte: »Wenn man das Fernsehen anschaltet – wahrscheinlich auch bald genauso antiquiert – dann merkt man schnell, dass die Anzahl der bösen Charaktere überhandnimmt. Selbst der Held darf nicht nur gut sein.«
Sie sagte: »Das hat sich doch auch in eurer Partnerwahl verankert. Wer mag schon den Milchbubi, der mit seinem Glas Wasser in der Ecke hockt. Der Typ mit der boshaftesten Ausstrahlung bekommt immer die heißesten Frauen ab.«
Ich nickte. Waren wir Menschen tatsächlich so primitiv gepolt?
Dann zuckte ich mit den Schultern. Vielleicht sollte ich mir mal ein anderes Image anlegen. Das wäre wohl wirklich an der Zeit.

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7 Kommentare zu „Gut gegen böse

      1. Nur, wenn man Veganer ist. Aber dann geht Milchbubi eh nicht, dann muss es ein Kerl von Schrot und Korn sein, oder? Und schroten ist ziemlich brutal. Also von daher ist er wohl doch gut … 🙂

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  1. Das Negative fällt nur mehr auf, in Wahrheit sind die guten Menschen deutlich in der Überzahl. Ich wünschte, gut wäre zwingend gleichbedeutend mit „intelligent“, aber man kann ja nicht alles haben.

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    1. Ich dachte bei den beiden (der und der morgige) Beiträgen eher an Charakteren in Romanen und Geschichten. Hier ist seit einiger Zeit die Tendenz zu „bösen“ Charakteren zu erkennen. Ich denke da an Deskster, Sons of Anarchy, Breaking Bad, etc. Anscheinend werden diese Typen im Moment immer interessanter. Ich habe mich auch immer zu den Guten gezählt, aber die bösen Jungs waren immer für die holde Weiblichkeit wesentlich interessanter. Und auch umgekehrt- ich kann mich noch an eine Trennung erinnern, bei der der Dame vorgeworfen wurde, dass sie einfach nur „lieb“ ist. Ich glaub wir Menschen stehen auf die dunkle Seite. Das ist doch kaum zu verleugnen. Oder?

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      1. Ah ok, da hasg du natürlich Recht. Das ist nicht zu leugnen. Gerade die bisher alleinige Existenz des typischen Heldenbildes macht die neuen „Antihelden“ glaube ich so interessant. Es hat wirklich seinen Reiz, den Wandel eines Walter White vom Chemielehrer zum skrupellosen Drogenpaten zu sehen, mit all seinen kompromisslosen Schattenseiten. Und dieses anrüchige verführt scheinbar auch viele Frauen, bis sie dann doch weinend erkennen, dass das Arschloch ebendieses auch ihr gegenüber verkörpern kann.

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