Diesmal versuchte ich es mit gespielter Freundlichkeit. Ich hatte Winter schon einen heißen Tee hingestellt und hoffte sie damit etwas länger zu halten und ihr Informationen zu entlocken.
Als sie in den Raum trat und das heiße Getränk sah, rümpfte sie die Nase. Sie sagte: »Was soll das denn jetzt bitte, mein Junge?«
Ich sagte: »Ich würde sehr gerne wissen, wie Du bei dem Verbrechen vorgingst, welches wir gestern besprochen haben.«
Sie lächelte mich gönnerhaft an und sagte: »Tja, ich hatte so meine Mühe damit.«
Ganz langsam setzte sie sich zu mir an den Tisch. Dann hob sie die Teetasse an den Mund. Bevor sie trank, sagte sie: »Was hältst Du eigentlich von den ganzen merkwürdigen Teesorten, die es mittlerweile gibt?«
Entnervt sah ich sie an. Alle meine Gesichtszüge entgleisten gleichzeitig und wurden umständlich zurück in den Bahnhof geschoben. Sie sagte: »Besinnlichkeit, Entspannung, Power, Energie, Magen und Darm – sie erfinden immer etwas Neues.«
Ich sagte: »Meinst Du nicht, dass schon genug darüber gesprochen wurde?«
Sehr langsam führte sie die Tasse weiter. Mit einem Schnauben zog sie einen winzigen Schluck ein. Dann schüttelte sie sich.
Ich sagte: »Zu kalt oder zu warm?«
Winter schüttelte den Kopf und sagte: »Gerade richtig. Aber Du hast mir noch nichts von Deiner Meinung über Teesorte gesagt.«
Ich sagte: »Ich habe noch nie irgendeine Wirkung erlebt. Der Tee zur Beruhigung beruhigt mich genauso, wie der mit Energie. Sobald grüner oder schwarzer Tee dabei ist, macht er zwar wach, aber mehr auch nicht.

Die Sorte ‚Glück‘ ist mehr mentales Mottenkugelnlutschen als Propellermütze. Ob ich mir die Wirkung des Erkältungstees nur einbilde oder ob sie medizinisch belegt ist, kann ich nicht sagen. Hätte man Wirkstoffe, die wirklich einen Effekt hätten, wären sie in Deutschland wahrscheinlich sowieso verboten. Die meisten Bezeichnungen sind absolut sinnfrei.«

Winter nickte und nippte weiter.

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8 Kommentare zu „Mentales Mottenkugelnlutschen

  1. Bei einer Kollegin von mir hatte ein solcher Tee tatsächlich mal eine Wirkung. 😀 Sie bestellt den immer im Internet und der wird dort als Premium und sowas angepriesen. Jedenfalls war das auch ein angeblich energiespendender Tee und es hat gewirkt. Sehr stark. Sie hat auf einmal angefangen, ihren Schreibtisch, welcher ein vollkommenes Sammelsurium unterschiedlichster Gegenstände war, aufzuräumen und war den gesamten Tag über so aktiv wie ein Eichhörnchen auf Speed. Das war erstaunlich.

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    1. Mit Koffein kann man einiges erreichen – Energie ist also kein Problem. „Friede“, „Glück“ und „Innere Ruhe“ würde ich allerdings besser nicht mit einem Tee erreichen.
      Allerdings gibt es da ja immer noch den Placebo-Effekt. Vielleicht werden ja wirklich einige Leute mit Tee glücklich.

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    1. Ich weiß allerdings nicht, ob es so ratsam wäre, die Glücklich-Macher für jeden gewöhnlichen Menschen zugänglich zu machen. Sicherlich hätten die Präparate auch Nebenwirkungen und sollten von einem Fachmann überwacht werden.
      Auf der anderen Seite gibt es ja Baldrian und Johanniskraut, die auch eine Wirkung zeigen sollen. Wie medizinisch das ist, weiß ich nicht…

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      1. Das ist richtig. Baldrian und Johanniskraut haben eine echte Wirkung. ‚Schuld‘ daran haben die Inhaltsstoffe der Pflanzen.

        Ansonsten kann man die Tees spätestens nach Zusatz von Alkohol zu Glücklich-Machern oder Schlaf-Tees machen. 😀

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