Die ersten Texte

Beinah hätte ich Winter operativ aus meinem Gesicht entfernen müssen. Sie hatte ihre Krallen schon erhoben und in ihrem Blick lagen ausgefahrene Springmesser, die nur darauf warteten, durch mich hindurchzufahren, wie zwei Löffel durch Eierlikör.
Schnell sagte ich: »Eigentlich fing es während meiner Ausbildung als Chemielaborant an. Ich schrieb am Abend ein Tagebuch, welches ich immer wieder durch kleine Erzählungen ergänzte. Nach und nach entstanden so immer längere Texte.«
Die Hautfarbe von Winter wechselte langsam von der Farbe von flüssigem Metall zu der vornehmen Blässe zurück, die sie normalerweise bevorzugt. Sie nickte und sagte: »Weiter!«, wobei sie sich fast auf die Lippe biss.
Ich sagte: »Nach der Ausbildung entstand für mich eine ganz neue Welt. Ich hatte einen Freundeskreis, der gerne schrieb. Zunächst waren es nur kleine Gedichte, doch mit der Zeit wurden es Kurzgeschichten. Wir hatten sogar unsere eigene monatliche Zeitung. Ich glaube nicht, dass sie viel gelesen wurde, aber es war zumindest ein Anfang. Ich setzte die Texte auf eine Internetseite. Das muss um 1995 gewesen sein. Eine Geschichte wurde mir damals für 200 DM abgekauft. Das war ein ganz besonderer Moment. Begeistert von dem Geld wollte ich mich hinsetzen und ein Buch schreiben.«
Winter sagte: »Du müsstest mittlerweile ein paar Bücher gefüllt haben.«
Ich sagte: »Dazu kam es nicht. Das Studium war zu einnehmend. Dazu kam, dass meine Freunde lieber in den Pub gingen, als sich zum Schreiben zu treffen. Das Hobby wurde beerdigt – für eine verdammt lange Zeit.«

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18 Kommentare zu „Die ersten Texte

    1. Ich war immer Realist. Als Autor in Deutschland Geld damit zu verdienen ist fast unmöglich. Gelesen zu werden ist eine Ehre, weshalb ich auch über jeden, der hier vorbeikommt sehr glücklich bin. Dank euch!

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      1. Wir sind dann wohl alle Beide Realisten – nervt es dich aber nicht doch wenn Freunde (bei mir ist es stetig die Freundin) sagen: Lass mal den Blog-Quatsch und verschwende nicht dein Talent?
        Darüber nachdenken macht wohl jeder von uns, was wäre wenn…

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      2. Ich hab das Glück dass meine Frau das unterstützt. Sie weiß wie wichtig mir das ist. Und sie liest sogar mit. Wobei sie manchmal sauer ist, wenn ich kommentiere, während wir eigentlich zu zweit sind. Gerade sind wir sogar auf einer größeren Veranstaltung… 😉

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      3. Ich kann Dir kaum sagen, wie glücklich ich über die Frau bin. Sie meinte heute sogar, ich soll aufpassen, dass das Handy aufgeladen ist. 😉
        Die Leute die mich kennen, wissen sowieso, dass ich immer leicht abgelenkt bin.

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      4. oh we 🙂 Wenn du und dein Umfeld damit klar kommen, kann man dich aber auch nicht kritisieren. Ich finde es beim Partner trotzdem manchmal nervig, dieses Handy-Gestarre (und ich Depp hab der zu Weihnachten auch noch ein Tablet geschenkt – außer „Yeah! Ich weiß endlich ein Geschenk für sie!“ habe ich mir dabei nicht viel gedacht 😀

        Ich bin ebenso happy mit meiner und ich wünsche uns Beiden, dass das so bleibt 🙂

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      1. Sehr cool! Ich hab den Weg beschritten, den die meisten Chemiker gehen – erst als Programmierer und jetzt als Projektleiter in der Verfahrenstechnik. 😉
        Zumindest bin ich ein ziemlich bunter Hund in meinem Job…

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    1. Ja das ist sie. Manchmal ist es schwer damit umzugehen. Aber im Vertrauen und ohne es hier an die große Glocke zu hängen: sie ist mir immer noch lieber als die Art einiger anderer.
      Jetzt ehrlich: Leute die mich so behandeln, als wäre ich ein kleines Kind dem man die Welt erklären müsste – vorzugsweise sind die Personen dann noch im gleichen Alter oder jünger – kann ich gar nicht aushalten. Das ist allerdings auch der einzige Wesenszug, der mich absolut abschreckt. Ich hoffe noch, dass Sommer nicht so ist…

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      1. Ja, also diese Leute verkrafte ich auch nur schwer, weil man sich z.T. regelrecht herabgesetzt fühlt. Winter ist vielleicht gerade aufgrund ihres schweren Charakters eine Figur, die mir sehr gut gefällt. Warum einfach wenns auch kompliziert geht? 😉 Aber wirklich eine interessante Person bzw. Jahreszeit. 🙂

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  1. Liebender Sebastian

    nachdem Deine Pubfreunde lieber im Alkoholfluß badeten
    Bist Du ja jetzt der Mittelpunkt und Radius eines literarischen Weltcirkels
    Der schreibenden Zunft
    Als deren Pförtner Ich Dich immer wieder auf s Neue bewillkommne
    Wenn ich gerade Schicht habe und so oft es Herrn Doctors knapp bemessene Zeit ermöglicht

    Verbindlichen Dank
    Ihr Joachim von Herzen

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