Panik

Sommer sagte: »Ich mag Johannes und ich werde ihn retten.«
Ich sagte: »Wärst Du jetzt eine Frau, könntet ihr beiden zusammenziehen.«
Sommer blieb kurz stehen und sah mich an. Dann sagte er: »Du bringst die Sache auf den Punkt. Wir gehen kurz zu Dir, damit ich mich umziehen kann.«
In einem kurzen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen. Dann standen wir im Wohnzimmer meiner Bude.
Sommer hatte meinen Arm losgelassen und eilte ins Bad. Er schloss die Tür hinter sich und ich hörte teilweise verstörende Geräusche.
Erschrocken klopfte ich an die Badezimmertür und sagte: »Ist bei Dir alles in Ordnung? Was machst Du da? Sollten wir nicht auf dem Weg zu Johannes sein?«
Eine helle, ziemlich atemlose Stimme antwortete: »Moment noch.«
Ich sagte: »Wir haben jetzt keine Zeit dafür, dass Du auf Toilette gehst. Wir sollten schon längst bei Johannes sein. Draußen wird es langsam dunkel. Wenn Du das hier vertrödelst…«
Die Tür öffnete sich und vor mir stand eine Frau, die mir den Atem nahm.
Natürlich ist Schönheit immer Geschmackssache, aber diese erfüllte alle meine Ideale. Diese Ideale sind etwas getrübt von meiner Kindheit.
Wer als Kind unendlich auf Pipi Langstrumpf stand, empfindet rote Haare und Sommersprossen für göttliche Tugenden.
Das einzige, was den Gesamteindruck trübte, waren die verschlafenen Augen, die mir merkwürdig vertraut vorkamen.
Ich sagte: »Sommer?«
Sommer sagte: »Wir sollten uns jetzt wirklich beeilen.«
Ich sagte: »Ihr könnt euer Geschlecht wechseln?«
Sommer sagte: »Ist doch augenscheinlich. Warum sollten Jahreszeiten überhaupt ein Geschlecht haben? Wir sind für jeden Menschen das, was er in uns sieht.«
Sprachlos stand ich in der Tür und schüttelte meinen Kopf.
Sommer sagte: »Du hast aus Winter eine Frau gemacht, weil Du meinst, dass ihre Attribute am besten zu einer Frau passen. Es heißt aber ›der Winter‹.
Du hast allerdings recht – sie ist nun mal am liebsten weiblich.
Ich für meinen Teil bin da weniger wählerisch.
Wir können uns später darüber unterhalten. Jetzt müssen wir erst einmal Johannes retten.«
Sommer packte meinen Arm und um mich herum wurde es schwarz.

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