Kapitel 1: Das verlorene Land

Herbst blickte mich über den Wohnzimmertisch aus an und schüttelte den Kopf. Er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. 
Sein gut frisiertes Haar war streng nach rechts gekämmt und seine Augen funkelten hinter den dicken Brillengläsern einer Hornbrille. Zur Zierde hatte er sich über den Sommer einen Schnäuzer wachsen lassen, der ihn um mindestens dreißig Jahre älter wirken ließ.
Insgesamt machte er auf mich den Eindruck eines Vorzeigemodells aus den 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts: Blond, Blauäugig und stark Begriffsstutzig.
Durch seine leicht geöffneten Lippen entwich ein hörbares Zischen. Dann sagte er: »Das Land, in dem Du lebst, geht vor die Hunde.«
Das gleiche Gefühl hatte sich in mir schon lange verfestigt. Normalerweise neige ich dazu, zu solchen Gelegenheiten, die Arme über den Kopf zu heben, mit ihnen zu winken und immer wieder mein Mantra »Wir werden alle sterben« zu brüllen.
Bei den Ereignissen der letzten Monate und meinem Gesprächspartner, hielt ich dies allerdings für unangebracht.
Daher nickte ich nur einmal kurz und sagte: »Leider muss ich Dir recht geben.«
Herbst erhob die Augenbrauen. »Schon letztes Jahr wollte ich Dir das klarmachen, aber Du wolltest ja nicht hören.«
»Vor einem Jahr hast Du davon gesprochen, das die Flüchtlinge unser Land bedrohen. Ich bin jetzt allerdings eher der Meinung, dass die neofaschistischen und völkischen Flachpfeifen immer mehr Aufmerksamkeit gewinnen und langsam das Land überrennen.«
Diesmal wirkte Herbst überrascht. Er lehnte sich zurück und sagte: »Die Übergriffe von Seiten der Flüchtlinge kannst auch Du nicht wegdiskutieren.«
»Und die Übergriffe von braunen Spinnern, die ständig an Zahl zulegen, kannst Du nicht ignorieren.«
»Es gibt auch Übergriffe von der linken Seite.«
»Und damit kommen wir zu dem Problem: jeder prügelt auf jeden ein. Wir sind kurz davor, dass wir uns gegenseitig zerfleischen. Wahrscheinlich hat unser Volk beschlossen, dass wir durch einen kollektiven Selbstmord mehr Platz für andere schaffen können, was übrigens eine noble Geste darstellt.«
Mit einem Seufzer ließ sich Herbst noch tiefer in die Kissen fallen. Er schüttelte erneut seinen Kopf.

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