Das Netz im Netz

Leise und verschwörerisch flüsterte Herbst: »Es gibt ein Netz im Netz.«
Der Ton seiner Worte brachte mich dazu, laut aufzulachen. Strafend blitzte er mich durch seine Brillengläser an und sagte: »Es ist da.«
Meine Worte kamen stoßhaft und wurden von Lachern unterbrochen: »Und im Winter fliegen die Vögel rückwärts über die Scheibe namens Erde. Die Weltverschwörung der alten Männer in grauen Anzügen hat es bestimmt so geplant.«
Herbst wartete ungeduldig darauf, dass ich mich wieder beruhigt hatte. Sein Körper hatte sich in die Polster versenkt und er sah aus, als könne er mich jede Sekunde anspringen.
Er schüttelte den Kopf und sagte: »Du kannst sagen, was Du willst. Das Netz im Netz gibt es wirklich. Es wurde nicht geplant, es ist einfach da.«
Schwerfällig erhob ich mich und sagte: »Ich brauch erst einmal ein Wasser, sonst kann ich so schwere Worte nicht verdauen.«
Um Herbst nicht weiter zu verärgern, beeilte ich mich mit dem Wasser und saß kurze Zeit später, ihm gegenüber auf dem Sofa. Ich sagte: »Erzähl mir von dem Netz.«
Dabei konnte ich mir ein schwaches Lächeln nicht verkneifen, welches Herbst geflissentlich ignorierte.
»Das Netz ist einfach da. Es ist sozusagen natürlich gewachsen.«
Irgendwie kamen mir die letzten Worte sogar plausibel vor. Es gibt viele Systeme, in denen durch chaotische Zustände eine Art Leben entstanden ist.
Die letzten wissenschaftlichen Entdeckungen – ein paar Wissenschaftler hatten in einer Gesteinsprobe Spuren von versteinerten Mikroben gefunden, die wesentlich älter waren, als man dem Leben bisher zutraute – bezeugen, dass sich biologische Formen schneller bilden, als man dachte.
Mich hatte das nicht überrascht. Nach meiner eigenen kleinen Theorie ist das Leben auf einem Planeten von der Entropie begünstigt. Ohne jemand mit wissenschaftlichen Gebrabbel auf die Nerven zu fallen, nur die Kurzform:
Im Universum gibt es nur zwei treibende Kräfte. Die erste, die Enthalpie, bewirkt, dass alle Systeme den energetisch niedrigsten Zustand bevorzugen. Daher kühlt das Essen zum Beispiel ab und das Streichholz verbrennt, wenn es angezündet wird.
Die zweite Kraft ist die Entropie. Sie stürzt alle Systeme ins Chaos. Die Entropie ist daran schuld, dass ein Zimmer immer unordentlicher wird, solange wir keine Energie aufbringen, um es aufzuräumen.
Betrachtet man mit dem Wissen einen Planeten, so ist er mit dem merkwürdigen Grünzeug und den Barbaren, die auf ihm hausen weitaus chaotischer, als wenn er still und ruhig als Eiswürfel vor sich hin vegetiert, selbst wenn das energetisch günstiger wäre. Das Leben ist Chaos und daher begünstigt durch die treibende Kraft. Wenn meine Theorie stimmt, müsste es auch viele andere Planeten geben, die belebt werden.

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