Kapitel 4: Erinnerung

Ich sah Herbst an und musste schmunzeln. Er hatte ein blaues, hautenges Trikot, in dem man prima seinen Bauch sah, mit einer schlabbrigen schwarze Trainingshose an. An seiner Brust klebte ein Abzeichen und an seiner Schulter waren ein paar silberne Punkte angebracht. Seine Brille war jetzt total verschwunden. Dafür fehlte ihm seine Haarpracht. Auf seinem Kopf hatte sich seine Stirn breitgemacht und spiegelte das Neonlicht der Deckenbeleuchtung.
»Warum grinst Du so?«
»Du solltest Dich besser nicht im Spiegel sehen. Es würde Dich wahrscheinlich umbringen.«
Plötzlich wurde mein Nacken heiß. Es fühlte sich so an, als drückte man mir eine brennende Zigarette an die Haut. Der Schmerz breitete sich aus und wurde immer stärker.
Im gleichen Augenblick presste Herbst seine Hand gegen seinen Nacken. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.
Ich roch für einen Augenblick brennende Haare und Haut. Dann verschwand die Plage so plötzlich, wie sie gekommen war.
Herbst hatte sich als Erster gefangen. »Was war das?«
»Wahrscheinlich eine Rückkopplung. Wenn ich raten dürfte, dann war das der Grund, warum Dein Herr Franke sein Leben verloren hat.«
In Herbst Gesicht lag eine Spur Unwohlsein. »Hast Du einen Ausgang gesehen? Wir müssten doch irgendwo in die Einstellungen kommen. Zumindest müsste man ins reale Leben zurückgegangen.«
»Das System ist noch nicht fertig. Das hat ja auch unser letztes Abenteuer bewiesen. Dies hier ist eine Betaversion. Wer auch immer die Spiele hier programmiert hat, ist nicht fertig geworden oder arbeitet noch daran.«
»Du meinst, es gibt hier kein Entfliehen? Wir sind auf Gedeih und Verderb an das Spiel gebunden?« Herbst Stimme hatte einen merkwürdigen Unterton. Anscheinend überlegte er gerade, wie es wäre, auf ewig hier festzusitzen.
Mit kam ein Gedanke.
»Vielleicht kann Ali ja irgendetwas für uns machen. Wir müssen unbedingt Kontakt zu ihm aufbauen.«
Herbst wies mit einem Nicken auf die endlosen Knöpfe und Schalter hin, die uns von allen Seiten umgaben. In Gedanken ging ich die Serien durch, die ich gesehen hatte. Das Schaltpult des Kommunikationsgenerals, oder wie auch immer man diese Funktion nannte, lag normalerweise immer auf der unwichtigsten Position in der Nähe der Tür. Außerdem hatte man in den 60gern und 70gern noch so etwas wie ein Sprachrohr eingebaut. Die Ideen von damals, wie sich die Dinge ändern würden, war ziemlich beschränkt. Der Gedanke dahinter war wohl, dass man mit Außerirdischen bestenfalls mit einem Ding sprechen würde, was so aussah wie zwei leere Jogurtbecher und einer straff gespannten Leine dazwischen.

Kurzschluss

Der Anführer zeigte uns, was auf den Blättern stand. Ich konnte erkennen, dass es zwei Bilder von Herbst und mir waren. Beide trugen die Überschrift ›tot oder lebendig‹ und einen Zahlenwert am unteren Rand.
Herbst sagte: »Oh toll, das müssen Fans sein.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Das sind eher andere Feinde. Mal ganz davon ab, warum kann hier eigentlich niemand Deutsch sprechen, obwohl alle Texte in Deutsch geschrieben wurden? Die Lokalisierung sollte dringend überarbeitet werden. Zumindest klemmt die Sprachausgabe.«
Der Anführer zog sein Schwert aus der Schneide und richtete es auf Herbst. Der sagte: »Ich hoffe, dass er mir jetzt endlich diese blöden Fesseln durchschneidet.«
Einer der Ritter zerrte Herbst an den Haaren nach vorne.
Der Hauptmann richtete die Spitze seiner Schneide direkt zwischen die Augen meines Mitstreiters, sagte irgendetwas undeutliches und holte zum Schlag aus.
Ich schrie, so laut ich konnte, doch das Schwert sauste mit ungebremster Geschwindigkeit auf den Hals von Herbst zu. Soweit ich es beurteilen konnte, war die Wucht ausreichend um Herbst Kopf vom Körper zu trennen.
Als die Klinge die Haut berührte, fing die Umgebung plötzlich an zu flackern. Es sah so aus, als hätte man einen alten Röhrenfernseher eingeschaltet. Die Landschaft verformte sich. Alle Ritter wirkten wie eingefroren, als hätte man sie zur Konsevierung in Einmachgläser gesteckt. Einige wechselte, ohne sich zu bewegen, ihre Position. Die Löwen auf ihren Wappen schienen für einen Augenblick lebendig und kämpften miteinander.
Dann verdampfte ein Ritter nach dem anderen, bis wir alleine im Gras lagen, welches kurz danach auch verschwand. Ich merkte, wie unsere Fesseln von uns abfielen. Dann standen wir unvermittelt in einem dunklen Raum, der überirdisch beleuchtet wurde. Man konnte keine Lichtquelle erkennen, allerdings waren sowohl Herbst, wie auch meine Gesichtszüge von einem inneren Leuchten erfüllt.
Wir standen uns gegenüber und Herbst sagte: »Was war jetzt das?«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Ich weiß es nicht. Anscheinend war das ein Bug in der Matrix.«
Dann änderte sich unsere Umgebung abrupt erneut. Herbst hatte eine Uniform an und wir standen auf der Brücke eines Weltraumschiffes. Auf dem riesigen, wandfüllenden Monitor vor uns drehte sich ein Planet im Licht einer fernen Sonne.

Die Kavallarie

Ein paar mal musste ich Keuchen, bis ich wieder genügend Luft in der Lunge hatte. Dann schrie ich, um den Kampflärm zu überwinden: »Soweit ich das sehe, werden wir gerade gerettet.«
»Meinst Du, das ist dieses Langohr, welches wir auf der Straße getroffen haben?«
»Ich bin mir nicht sicher, aber für eine Person sind das hier zu viele Pfeile. Sieht mir eher so aus, als kämen uns jetzt andere Mächte zu Hilfe.«
Etwas umständlich hatte sich Herbst in meine Nähe gerollt. Die Nacht war leiser geworden. Das Summen der Pfeile waren verschwunden. Jetzt konnte man nur noch das übermächtige Prasseln des Feuers hören.
»Es ist an der Zeit, dass man uns die Fesseln losbindet.«
Als hätte mich jemand gehört, wurde ich an meinen Armen nach oben gerissen. Ich blickte in ein Gesicht eines Ritters.
Das Visier war zugeklappt und ich konnte lediglich die Augen hinter der Gardine erkennen. Es Amüsierte mich etwas, als ich über die Ähnlichkeit von Burka und Ritterhelm nachdachte.
Das Wappen auf seiner Brust leuchtete hell im Feuer. Auf ihm waren drei Löwen zu erkennen und ich sang im Stillen: ›Football is coming home‹. Die gesamte Situation war merklich blödsinnig und extrem klischeehaft. Das war einer der stumpfsinnigsten Deus-Ex-Machina-Tricks, die mir seit den Adlern im großen Standardwerk untergekommen waren.
Der Ritter hatte sein Schwert erhoben und blickte mich weiterhin prüfend an.
Von hinten erklangen Worte, die ich nicht verstand und mein Retter packte mich fest an der Hüfte, warf mich über seinen Rücken und stampfte in die Richtung der Stimme davon.
Es gelang mir, meinen Kopf etwas anzuheben, nur um zu sehen, dass Herbst die gleiche Beförderungsmethode erfuhr. Abseits des Dorfes wurden wir unsanft auf dem Boden geworfen.
Ein Ritter trat auf uns zu. Er musste der Anführer dieser wilden Horde sein.
Ich sagte: »Es war nett uns zu retten. Wenn ihr uns jetzt noch unsere Fessel durchschneiden würdet, wären wir euch unendlich dankbar.«
Auch dieser Mensch schien meiner Sprache nicht verstehen zu können. Er blickte mich nur weiter fragend an.
Mehrere Ritter hatten sich hinter ihrem Anführer versammelt. Einer von ihnen trat hervor und reichte dem Chef zwei Blätter Papier.

Eine Einladung als Abendessen

Es war nur kurz dunkel. Dann erwachte ich mit einem Ruck. Meine Hände und Beine waren gefesselt. Neben mir schnaubte jemand.
Ein riesiges helles Feuer wärmte mein Gesicht, so dass ich für einen Moment glaubte, Fieber zu haben.
Eine Stimme neben mir flüsterte: »Bob?«
Ich drehte meinen Kopf, soweit ich das gefesselt konnte. Neben mir lag Herbst, der zu einem netten Geschenk verknotet worden war. Er hatte eine Schramme am Kopf, sah allerdings noch recht gesund aus. »Was passiert jetzt mit uns?«
»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich haben wir eine Einladung als Abendessen erhalten. Wenn wir Glück haben, werden sie uns erst töten. Allerdings verstehe ich nicht, warum wir kein ›Game Over‹ gesehen haben. Eigentlich müsste das Abenteuer doch längst zu Ende sein.«
Herbst verzog sein Gesicht und ich flüsterte: »Wie geht es Dir?«
»Eigentlich viel zu gut. Einer von den Tieren hat mir einen Baum auf den Kopf geschlagen. Der Schlag hätte im normalen Leben eigentlich tödliche Konsequenzen.«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Das hier ist alles sehr merkwürdig.«
Eine Horde wilder 2 bis 3 Meter Dinger tanzte um das Feuer. Einer von ihnen blieb stehen und blickte in unsere Richtung. Er beleckte sich die Lippen und kam auf uns zu.
»Jetzt, glaube ich, werden wir das Ende des Spiels erleben. Vielleicht ist das hier nicht mehr als ein programmierter Abspann.«
Ein zweiter Riese gesellte sich zum ersten. Der eine packte Herbst und der andere mich. Sie trugen uns huckepack zum Feuer.
Ich merkte, wie es ungemütlich heiß wurde.
Dann brach der Oger unter mir zusammen. Ich schlug auf dem harten Boden auf. Mein Träger sackte neben mir zusammen und als er dort lag, sah ich, dass ein Pfeil in seinem rechten Auge steckte.
In der Nähe hörte ich Herbst. Er rief: »Sag mal ist Deiner auch gerade gestorben?«
Die Nacht hörte sich so an, als wäre eine Horde wildgewordener Hornissen freigelassen worden. Überall um uns herum summte die Luft.
Ich drehte mich um die Aches, nur um zu sehen, die alle Grünlinge ins Taumeln gerieten, auf die Knie fielen und zusammensackten. Einer fiel dabei ins Feuer, was tausende kleiner Funken in den Himmel fliegen ließ.

Ein Kampf – nichts für schwache Nerven

Weitere Pfeile surrten um uns durch die Luft. Der erste Riese trampelte bis auf 2 Meter auf uns zu, als der Zeitlupen-Effekt einsetzte. Er hatte einen Arm über dem Kopf erhoben. In der Hand hielt er etwas Unförmiges, in der Größe eines Vorschulkindes.
Herbst stand in Reichweite des Riesen und hätte den Schlag abbekommen, der wahrscheinlich zu mehr als leichten Kopfschmerzen geführt hätte. Er duckte sich, sprang im selben Augenblick nach vorne, den Morgenstern knapp hinter sich herziehend. Noch während des Flugs holte er aus und traf das stinkende Wesen mit der schweren Kugel direkt in die Weichteilen.
Die ganze Szene war etwas unorthodox, allerdings sehr wirkungsvoll. Der Ork klappte hinter Herbst zusammen, wobei er seinen Unterleib mit beiden Händen umschlossen hielt.
Das Ungetüm welches soeben auf mich zurannte, war dem Ersten wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich dachte kurz darüber nach, dass der Programmierer anscheinend keine Zeit gehabt hatte, jedem Gegner individuelle Züge zu verpassen, als ich mich zum Sprung bereit machte.
Das Ding welches auf mich zu schwankte, wirkte auf mich wie eine Mischung aus Dampfwalze und Wand. Das rechte Bein war im Lauf geknickt und ich erkannte meine Chance.
Ich sprang auf das Knie meines Gegners, zog mich an seiner Fellbekleidung hoch, bis ich auf der Höhe seines Kopfes ankam und rammte ihm mit aller Kraft mein Messer ins Ohr.
Der Kollos geriet ins Schwanken, unterdessen ich bemerkte, dass dies genau der richtige Zeitpunkt war, meine Waffe wieder zu entfernen. Noch bevor ich reagieren konnte, war der Moment verstrichen und ich wurde mit dem sterbenden Titan nach unten gerissen.
Als wir zusammen dem Boden entgegenrasten, sah ich, wie Herbst von zwei Gegnern gleichzeitig attackiert wurden. Er hatte nur einen von ihnen im Blickfeld. Dass jemand hinter ihm stand, konnte er aus seiner Perspektive nicht erkennen.
Ich wollte ihn warnen, wollte schreien, wurde allerdings herumgeschleudert und hatte jetzt mein Gesicht genau vor dem Gesicht meines Opfers.
Glasige Augen sahen mich an, die erahnen ließen, dass dahinter schon nichts mehr funktionierte. Mit aller Kraft zog ich am Messer. Wir prallten auf den Boden, wie ein Auto, welches von einem Baum auf die Erde fällt. Alle Luft wurde aus meinem Brustkorb gepresst. Der Kopf meines Gegners knallte gegen meinen. Dann wurde es auf einmal dunkel.

Und seine Bewohner

Eine der Häute, die über den Türöffnungen baumelte, wurde plötzlich zur Seite gerissen. Im Halblicht der Dämmerung konnte man ein grünes Gesicht erkennen.
Die Zähne ragten aus dem Mund, als wollten sie diesem entfliehen. Rote Blasen bedeckten den größten Teil der Wangen und der Stirn. Aus jeder Blase spross ein schwarzes Haarbüschel. Die Stirn war viel zu weit nach oben gerutscht. Die wenigen Haare, die man noch erkennen konnte, ragten zu allen Seiten ab.
Das Geschöpf hatte seinen Körper in eine schwarze Wolldecke gewickelt und war in seiner ganzen Pracht über 2 Meter groß.
Von meiner Seite hörte ich ein Keuchen und die Frage: »Was zum Kuckuck ist das jetzt hässliches?«
Die Frage ließ den Bewohner der Hütte zu uns wenden. Die schwarzen Knopfaugen richteten sich auf uns und Geifer tropfte von den oberen Zähnen auf das schwarze Fell auf seiner Brust.
Dann stieß es, einen markdurchstreifenden Schrei aus, bis meine Ohren dröhnten. Den Pfeil, der knapp an meinem Ohr hinwegfegte, konnte ich daher diesmal nicht hören. Ich sah nur, wie er sich in das linke Auge des Monsters bohrte, das getroffen nach hinten taumelte und wenig später fiel.
Gleichzeitig fing das gesamte Dorf an, sich zu bewegen. Aus allen Türen kamen grüne Wesen. Einige waren sogar noch größter als das erste Exemplar.
Ich drehte mich zu Herbst um und sagte: »Soweit ich das erkenne, sind das Orks und sie sind nicht besonders erfreut uns zu sehen.«
Währenddessen holte ich das Messer aus dem Sack und schmiss Herbst seinen Morgenstern zu. Dieser fing ihn zwar auf, allerdings blickte er mich irritiert an.
»Wenn du nicht als Dönerspieß über dem Feuer enden möchtest, wirst Du wohl kämpfen müssen.«
»Aber ich kann dieses Ding nicht benutzen. Niemand hat mir eine Bedienungsanleitung gegeben.«
»Du solltest es lernen, während du es benutzt. Das macht sowieso am meisten Spaß.«
Herbst verdrehte die Augen, nahm dann allerdings seinen rechten Fuß nach vorne und wartete auf den ersten Angreifer. Ich brachte mich ebenfalls in Position.

Das Dorf

Die Sonne, ein komisch geformter Ball, der gelangweilt am Himmel rumhing und kaum zu erkennen war, wollte sich gerade hinterm Horizont eine Auszeit nehmen, als vor uns ein Dorf erschien.
Das Wort Dorf war hier allerdings noch zu hoch gegriffen. Um eine Feuerstelle standen eine handvoll Holzhäuser, die alle so aussahen, als hätte man sich beim Bearbeiten des Baumaterials kaum Mühe gegeben. Aus zwei der Häuser erhob sich dichter schwarzer Rauch aus größeren, grob angebrachten Löchern in ihren Dächern.
Irgendwer war anscheinend zu Hause und ließ das Essen anbrennen. Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft. Es roch nach verkohltem Fleisch und etwas anderem undefinierbaren.
Der Statist hinter uns zog die Luft scharf ein.
Ich blickte Herbst an und sagte: »Sollen wir die Leute da unten besuchen?«
Herbst sagte: »Was sollen wir sonst machen? Wir haben keine Ausrüstung um im Freien zu übernachten.«
Wir gingen langsam auf das Dorf zu.
Je näher wir kamen, desto merkwürdiger schienen die Hütten auf mich. Die meisten hatten keine Türen, sondern waren mit schweren Lederfetzen vor den Eingängen versehen. Der Geruch wurde immer stärker und biss mir in die Nase.
Der Innenplatz war schwarz. Wahrscheinlich wurde hier regelmäßig zusammengesessen. Mitten auf dem Platz lagen riesige Holzblöcke, aufgeschichtet zu einem mehr als mannshohen Turm.
Die Häuser selbst wirkten merkwürdig groß. Zusätzlich konnten wir keine Bewohner ausmachen. Keiner blickte aus dem Fenster und keiner schien uns willkommen zu heißen.
»Sollten so welche Dörfer eigentlich nicht durch einen Zaun geschützt sein?«
Der Fremde hinter uns zischte erneut. Diesmal war er lauter und klang beunruhigt. Auch Herbst wirkte nervös. Mittlerweile waren wir bis auf 100 Meter auf eins der Häuser zugegangen.
Die Sonne versank am Himmel und verteilte ihre letzten roten Strahlen sparsam über alles Sichtbare um uns. Die Schatten wurden endlos lang und erstreckten sich ins Land.
Schlagartig blieb Herbst stehen und sagte: »Was ist, wenn dieses Dorf gar nicht geschützt werden muss, weil hier sowieso niemand hin will?«
Der Schatten des Hauses schlug über uns. Die ersten Sterne waren zu erkennen. Die Nacht brach ein, als hätte jemand ganz plötzlich den Lichtschalter betätigt.

Neuer Freund?

Herbst hechtet mit einem Kopfsprung ins Gras, während ich erstarrt stehen blieb. Das elfische Wesen vor mir zischte mir ein unverständliches Wort zu und nickte.
Etwas irritiert blickte ich ihm ins Gesicht. Er zischte das Wort noch einmal und Herbst schrie: „Runter!“. Erst jetzt schmiss ich mich auf den Boden. Der Pfeil surrte knapp über meinem Kopf vorbei
Hinter mir erklang ein fürchterlicher Schrei, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann schlug etwas ziemlich nah von uns auf dem Boden auf.
Herbst war der Erste, der wieder auf den Beinen war. Er murmelte: »Das ist sowas von lächerlich. Ein Pfeil für einen Drachen. Wer denkt sich nur so einen Unfug aus?«
Während ich mich aufrichtete, strich ich mir ein wenig Gras und Erde vom Umhang. Dann ging ich zu unserem Retter und streckte ihm meine Hand entgegen.
Er hatte seinen Bogen gesenkt und schaute mich prüfend an. Meine Hand betrachtete er, als wäre sie eine giftige Schlange, die sich ihm entgegenstreckte. Ich zog sie schnell wieder zurück und sagte: »Hallo ich bin Bob und dies hinter mir ist Augustinus.«
Der blonde Rauscheengel sah mich mit großen grünen Augen an und sagte kein Wort. Er schien meine Worte gar nicht wahrgenommen zu haben.
Herbst baute sich hinter mir auf und fragte mich flüsternd: »Ist er taub?«
Ich flüsterte zurück: »Vielleicht ist dieses Rollenspiel ja in Englisch.«
Das Wesen blickte uns immer noch kritisch aus großen Augen an.
»Hi I am Bob. Thank you for saving us.«. Erneut blieb eine Reaktion aus. Der Typ schien an Ort und Stelle festgefroren zu sein.
Herbst stand jetzt dicht bei mir. »Vielleicht brauchst du ein Schlüsselwort, um ihn zu aktivieren.«
»Meinst Du, ich rate jetzt groß rum? Die Situation ist mir viel zu doof. Wenn er nicht reagiert, ist es wohl auch nicht nötig. Ich greif mir lieber, was vom Drachen übrig beblieben ist, bade vielleicht noch kurz in seinem Blut und dann können wir weiter gehen.«
Nachdem ich einen kleinen Bündel Drachenhaut und einen größeren Geldsack aufgehoben hatte, gingen wir zurück auf die Straße. Wir entschieden uns, der Sonne entgegen zu reisen, und machen uns auf den Weg.
Erst später bemerkten wir, dass das magische Wesen mit den spitzen Ohren uns folgte.

Atemlose Reise

Die Reise verlief außergewöhnlich schnell. Meine Schritte schienen hier mindestens viermal so weit zu reichen. Außerdem hatte ich bei meinem kurzen Sprint bemerkt, dass ich zwar außer Atem kam, das Rennen allerdings keinerlei Kraft kostete.
Eigentlich war es überraschend, dass die Ansicht nicht in die Vogelperspektive schwenkte und wir, betrachtet von weit oben, als zwei Punkte über eine Karte zogen.
Die Landschaft um uns herum schien sich dabei kaum zu ändern. Wir sahen grüne, einheitliche Hügel unter einem betongrauen  Himmel. Es waren keine Wolken zu sehen, das Wetter passte zur Jahreszeit. Die Sonne schien schwächer als sonst und war kaum zu erkennen.
Von einem der unzähligen Hügel aus blickten wir auf einen Fußweg, der so aussah, als hätte ein Kleinkind ihn mit einem Kohlestift auf einen grünes Filz gezeichnet.
Herbst sagte: »Wenn wir dem Weg folgen, müssten wir bald etwas erreichen.«
»Du weißt nicht, ob wir dahin wollen, wo der Weg uns hinführt. Er könnte uns direkt zum bösen Zauberer bringen.«
»Ich kenne so einen Film, in dem es auch um einen Zauberer geht.«
Lachend schüttelte ich den Kopf und sagte: »Wir sind hier nicht in Oz und das hier ist nicht ›The Yellow Brig Road«, der wir folgen müssen.«
Herbst sah mich fragend an und ich sagte: »Es bleibt uns immer noch zu wählen, welche Richtung wir nehmen sollen.«
Plötzlich hörte ich ein Fauchen, welches direkt über uns die Luft zerriss. Als ich mich umdrehte, sah ich ein riesiges grünes Gebilde, welches seine mindestens zwanzig Meter langen Flügel ausgebreitet hatte und im Sturzflug auf uns zueilte. Über dem mannshohen aufgerissenen Rachen konnte man noch die spitzen Ohren sehen.
Ich brauchte Herbst nichts viel zu sagen – wir beide setzten uns gleichzeitig in Bewegung, immer auf den Weg zu.
Immer wieder blickte ich mich angstvoll um, wobei es klar wurde, das dieses geflügelte Ungetüm schnell aufholte.
Herbst keuchte neben mir. Wir waren in etwas gleich schnell.
Fast hätten wir die in Grün gekleidete Gestalt umgerannt, die sich nahe des Weges aufgebaut hatt und mit Pfeil und Bogen auf uns zielte. Der Typ hatte tatsächlich lange, spitze Ohren und blonde, lange und gelockte Haare. Er sah aus, als hätte man ihn aus einem Plattencover einer 80ger-Jahre Heavy Metal Combo befreit.

Völlig unmöglich

Das Erste was Herbst zu mir sagte, war: »Das war nicht nur rein physikalisch völlig unmöglich.« Dann machte er eine theatralische Pause und stemmte die Hände in die Hüfte.
Mit der Robe wirkte diese Bewegung völlig deplatziert. Sein Schnäuzer passte überhaupt gar nicht ins Bild. Nur seine Laune war genauso, wie ich sie kannte.
Er schüttelte erneut den Kopf und sagte: »So ein Tier hat es auch noch nie gegeben. Was ist das überhaupt? Eine Mischung aus Panther und Säbelzahntiger? Selbst wenn es diese Art gab, war sie im Mittelalter längst ausgestorben.«
»Hier gelten andere Regeln. Wir sind nicht im Mittelalter, sondern in einem alternativen Universum. Hier gibt es boshafte Wälder und Säbelzahn-Panther.«
»Was machen wir jetzt? Willst Du darauf warten, dass noch so ein Monster angreift, oder bewegen wir uns in eine andere Richtung?«
Diesmal schüttelte ich den Kopf. Irgendetwas wollte nicht, dass wir den Wald betraten und es hatte mich handfest davon überzeugt, dass es keine wirklich gute Idee war, diesem Wunsch nicht nachzukommen. Schließlich hing ich an meinem Leben, auch wenn es hier nur ein virtuelles war.
»Wir sollten in die andere Richtung gehen.«
Dann lachte ich und sagte: »Wo bleiben meine Erfahrungspunkte? Sollte ich jetzt nicht hochgestuft werden?«
Herbst sah mich fragend an, und ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Kein Problem, lass und gehen.«
Das Tier war schwer und riesig. Der Körper dampfte leicht in der kühlen Umgebung und strömte einen Geruch nach nassem Fell aus. Bevor ich hier verschwand, wollte ich mein Messer zurückhaben. Aus diesem Grund nahm ich alle Kraft, die ich aufbringen konnte zusammen und rollte den Kadaver auf die Seite. Es ging erstaunlich leicht.
Das Messer lag in einer Lache von Blut und Erde und funkelte mich böse an.
»Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen«, rief mir Herbst zu, der sich schon zum Gehen herumgedreht hatte.
»Sollten wir nicht den Pelz abziehen? Wir könnten ihn als Trophäe mitnehmen oder ihn irgendwo verkaufen.«
»Das raubt uns zu viel Zeit.«
Kaum hatte er das gesagt, verschwand das Tier in einem kurzen Flimmern vor mir. Zurück blieben ein Fell, ein größerer Sack und ein kleiner Lederbeutel. Instinktiv wusste ich, was dort vor mir stand: Fleisch und Geld.
Ich nahm die Sachen an mich, steckte sie in den Rucksack und eilte Herbst hinterher, der sich schon ein großes Stück von mir entfernt hatte. Als ich ihn eingeholt hatte, sagte ich atemlos: »Da war schon wieder einer dieser Computer-Rollenspiel Tricks, um die Alterfreigabe zu senken. Gar nicht schlecht, wenn man sich nicht um das Häuten und Ausnehmen von Tieren kümmern muss.«