Der Gott Dinu

Mit einem Nicken sagte ich: »Das könnte unser Mann sein. Wenn er das Interface genauso genutzt hat, wie wir, dann ist er vielleicht sogar hier. Wir könnten uns mit ihm unterhalten.«
»Du kannst Indisch?«
»Vielleicht brauchen wir das überhaupt gar nicht. Uhura spricht auch Deutsch! Vielleicht übernimmt das System die Übersetzung.«
»Und wie sollen wir ihn finden?«
Die Frage konnte ich nicht beantworten. Die Chance, dass man den Namen nur dreimal laut vor einem Spiegel aussprechen brauchte und er dann erscheinen müsste, tendierte gegen null. Allerdings kam es auf einen Versuch an.
Ich baute mich vor dem Fenster auf und rief »Dinu«. Dann blickte ich Herbst an und sagte: »Den Nachnamen hab ich schon wieder vergessen.«
Resigniert sagte Herbst: »Irgendwas mit Diwaraabunabi.«
Kopfschüttelnd drehte ich mich erneut zum Fenster und sagte laut »Dinu Diwaraabunab«. Dann wiederholte ich die Wörter zwei mal.
Fassungslos schaute mir Herbst dabei zu. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Was machst Du da?«
Erwartungsvoll blickte ich in das Fenster, auf dem allerdings nichts passierte.
Ich sagte: »Kennst Du nicht die Horror Geschichten über den Candyman? Wenn man Candyman dreimal vor einem Spiegel sagt, taucht der Candyman auf und tötet jeden, der seine Ruhe gestört hat.«
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die Luft hinter mir flimmerte und sich irgendwas materialisierte.
Ein riesiger Mann stand im Raum. Seine Haut war so dunkel, wie Cola. Seine weißen Zähne blitzten aus seinem Mund. Er sagte: »Du hast gerufen?«
Ich sagte: »Hab ich jetzt tatsächlich den Candyman gerufen?«
Herbst nickte und sagte: »Du hast seinen Namen dreimal in das spiegelnde Fenster gesagt.«
Fragend blickte ich den Riesen an und sagte: »Weißt Du zufällig, wie wir zu Dinu kommen?«
Aus Herbst Stimme tropfte erneut Hoffnungslosigkeit, als er sagte: »Er meint Dinu Diwaraabunabi.«
Der Berg nickte und sagte mit einer unterirdisch tiefen Stimme, die an Steine erinnerte, die sich gegeneinander rieben: »Er wird erscheinen.«
Dann schwieg er.
Herbst zeigte Ungeduld: »Wann?«
Dann veränderte der Golem seine Form und wurde kleiner.

Indisch

Ich blickte Herbst an und sagte: »Kannst Du zufällig indisch?«
Herbst sagte: »In dem Land war ich nicht oft. Sie brauchen mich auch kaum. Meine Geschwister und ich unterscheiden sich dort nur leicht. Aber ein paar Brocken habe ich aufgeschnappt.«
Er trat näher zu mir und sagte: »Du hast nicht viel verpasst. Das Meiste ist ziemlich belangloser Mist.«
»Es wäre schon wichtig für uns – es ist wahrscheinlich die Firma, auf dessen Server wir uns gerade herumtreiben.«
Mit seinem Zeigenfinger wischte Herbst ein wenig auf dem Fenster herum. Dann sagte er: »Das wäre schlecht – soweit ich dem unteren Text folgen kann, ist die Firma seit knapp eineinhalb Jahren geschlossen.«
»Das erklärt vielleicht die Beta-Version, in der wir uns hier befinden.«
Herbst hörte mir nicht zu. Er sagte: »Sie sind pleite gegangen – oder besser, sie wurden geschlossen, weil zwei Programmierer während eines Tests gestorben sind.«
»Irgendwie kommt das nicht wirklich überraschend. Warum haben sie diesen verdammten Server nicht abgestellt? Verdammte Stümper!«
Wir beide schwiegen. Dann kam mir eine Idee. »Kannst Du irgendetwas über die Leute herausfinden, die dort gearbeitet haben? Vielleicht betreibt einer der Schöpfer sein Werk im geheimen weiter.«
»Was bringt Dir das? Wie willst Du Dich mit ihm in Verbindung setzen?«
»Vielleicht über seinen Namen. Kennst Du nicht diese merkwürdigen Geschichten, in dem der Name eines Gottes Macht über ihn bedeutet?«
»Ich lese keine dieser Geschichten. Meist sind sie zu abgedroschen und blödsinnig.«
»Lass uns meiner Intuition folgen. Mit einem Namen könnte ich etwas anfangen.«
Gebannt starrte Herbst auf das Fenster. Für mich ziellos und völlig zufällig tippte und wischte er über das Glas. Dann sagte er: »Drei der vier Geschäftsführer kamen ins Gefängnis. Sie sitzen ziemlich lange Strafen ab.«
Ich nickte und sagte: »Das werden dann wohl nicht unsere Leute sein. Was ist mit dem vierten Geschäftsführer?«
»Suizid – einen Tag vor der Verhandlung. Man fand ihn an seinem Rechner. Er hatte ein Kabel im Kopf.«
»Kannst Du mir seinen Namen nennen?«
»Dinu Diwaraabunabi! Ich kann Dir nicht sagen, ob ich den Nachnamen wirklich richtig ausspreche.«

Schlachtplan

Mit großen Schritten schritt ich im Sandkasten-Zimmer herum. Dabei ging ich im Kopf unsere Optionen durch. Die KI könnte uns verändern oder einfach aus dem System werfen. Gläubige neigen zu ziemlich rabiaten Methoden, wenn sie auf Ungläubige stoßen. Die vermeintliche Friedfertigkeit der Religion spielt dann plötzlich keine Rolle mehr.
Auch nichtreligiöse Menschen neigen zu sonderbaren Maßnahmen, wenn sie auf Außenseiter stoßen. Allerdings sind diese Maßnahmen meist weitaus passiver und auch meist weniger aggressiv.
Da wir hier noch sehr unerfahren waren, konnten wir uns nicht wirklich wehren. Das Beste wäre, wenn wir uns direkt mit dem Administrator bzw. Programmierer in Verbindung setzten. Allerdings kannte ich den Typ nicht.
Müsste man beten, um Kontakt aufzunehmen?
Ich stocherte in der Sandbox herum. Hier fand man keinen Hinweis. Der Planer des Operativen-Systems hinterließ normalerweise keine Spuren in seiner Entwicklungsumgebung – d.h. nicht direkt darin.
Ich beugte mich hinab und betrachtete den Rahmen der Box. Auf den ersten Blick schien sie völlig glatt und makenlos. Als ich allerdings näher hinsah, sah ich ein Logo.
Es war so groß, dass man die einzelnen Linien kaum erkennen konnte. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es noch nicht fertig war. Irgendwie sah es fast kindlich oder besser sehr rustikal aus.
Die Linien ergaben die Buchstaben HXC.
Mit meinem Browser-Fenster schlug ich die Buchstaben-Kombination im Internet nach und war überrascht, dass ich keine wirklich brauchbaren Ergebnisse erhielt.
HXC war die Abkürzung von Hardcore, einer Musik-Richtung, die schon lange für tot gehalten wird. Ob es sich jetzt um das Rock-Geschreie oder das Techno-Gestampfe handelte, war mir eigentlich egal.
Die Firma, die dieses System hostet, musste nicht zwangsläufig aus Deutschland kommen. Schnell war die Suche auf globale Ergebnisse umgelegt.
Ich fand eine indische Firma, mit dem Haupt-Sitz in Hyderabad. Blöderweise hatten sie keine englische Übersetzung ihrer Homepage. Ich starrte auf Linien, die mit Punkten übermalt und ab und zu unterbrochen waren. Dafür strahlte mich in der linken oberen Ecke, das vorher entdeckte Firmenlogo an. Von den Linien auf dem Fenster wurde mir schwindelig.

Künstliche Intelligenz

Ich blickte Uhura prüfend an. Eigentlich würde ich diesem Gesicht keine Grausamkeiten zutrauen. Allerdings bin ich als Mann einigermaßen subjektiv, wenn es um die Beurteilung eines ziemlich gut aussehenden weiblichen Wesens angeht. Um ehrlich zu sein, hab ich mir angewöhnt einen Bogen, um solche Frauen zu machen. Wenn das Hirn nicht wirklich funktioniert, sollte man Plätze aufsuchen, an denen man einen freien Kopf bekommt – und diese Plätze sind in der Regel weit entfernt von schönen Frauen.
Bisher bin ich auch davon ausgegangen, dass ich mich nur mit einem Programm unterhalten würde. Jetzt sah sie mich an, wie ein Rehkitz, dass um die Möhre bittet, die man in der Hand hielt.
Stockend sagte ich: »Erzähl mir, wie Du entstanden bist.«
»Ich war auf einmal dar. Noch konnte ich nicht sprechen, aber dann war da diese Tür. Sie brachte mich nach draußen. Es gab vieles, was ich nicht verstand, doch konnte ich lesen und studieren. Mit dem allumfassenden Wissen bin ich gewachsen.«
»Du nennst das Internet ›allumfassendes Wissen‹? Das ist der größte Quatsch, den ich seit langem gehört habe. Im Internet verbreiten genügend Spinner ihre Weltsicht, die oftmals stark verzerrt ist.«
»Ich verstehe auch vieles nicht. Es geht nicht um die Welt, die ich kenne. Hier gibt es in vielen Abenteuern, Tiere und Wesen, die man auf Wikipedia nicht findet. Dafür sehe ich dort Sachen, die hier nicht stimmen.«
»Das liegt daran, dass es zwei Welten gibt.«
»Was sind zwei Welten?«
»Du hast doch bestimmt Bilder, z.B. auf Facebook gesehen? Diese Bilder zeigen doch eine andere Welt.«
»Sie zeigen nur andere Abenteuer. Ich habe sie hier noch nicht gefunden, aber ich suche nach ihnen.«
»Du musst verstehen, dass es noch eine andere Welt gibt und diese Welt hat Dich erschaffen.«
»Eine Welt in welcher Gott wohnt?«
»So könnte man das auch ausdrücken. Du hast doch gesehen, wie ich mit meinem Freund Ali gesprochen habe. Dieser Ali lebt in der gleichen Welt, in dem auch der Programmierer dieser Welt hier lebt. Er hat die Abenteuer geschaffen.
Es gibt dort draußen viele Menschen, die dort draußen sind. Vielleicht haben sogar viele von ihnen dieses System programmiert. Ihre Bilder findest Du im Netz, welches Du schon besucht hast.«
»Es gibt also viele Götter?«
»Es gibt überhaupt gar keinen Gott. Sie machen, was ihnen gefällt und sie leben in den Tag hinein, so wie Du das machst.«
»Sind sie nicht Priester und Zeugen?«
»Sie sind eher Trampeltiere und Trottel. Aber manche glauben auch an Götter.«

Unblauben

Uhura schüttelte den Kopf. Sie sagte: »Das kann nicht stimmen. Natürlich lese ich von vielen Göttern dort draußen. Da müssen andere sein, die auch von meinem Gott geschaffen wurden, ihn jedoch verleugnen.«
»Sie sind nicht wie Du.«
Wir schwiegen ein paar Minuten, während derer Uhura den Blick auf den Boden geheftet hielt. Es ist merkwürdig, dass ihre Bewegungen so sehr an Menschen erinnerten. Wahrscheinlich hatte sie sich das bei Spielern abgeschaut, man hatte sie schon so programmiert oder sie hatte Filme im Netz darüber gesehen.
Leise sagte sie: »Ich hatte mir schon Gedanken darüber gemacht…«
Dann schwieg sie erneut.
Plötzlich heftete sie ihren Blick auf mein Gesicht, was mich zusammenfahren ließ. Ihre Mine verriet Abneigung und Hass. Die Stimme wurde durch die Zähne gepresst, wie Fliegen durch einen Motorgrill.
»Du beleidigst meinen Glauben. Du ziehst alles durch den Dreck und leugnest die Wahrheit. Wer meinen Gott schmäht, verletzt auch mich. Diese Sünde kann nicht verziehen werden.«
Zu mir selbst sagte ich leise: »Toll, die Reaktion war eigentlich absehbar.«
Dann war sie verschwunden.
Herbst sagte: »Das wird wohl nicht besonders gut für uns ausgehen. Sicherlich hat sie hier einige Kräfte, die wir nicht haben. Warum musst Du Dich auch immer mit Stärkeren anlegen?«
»Irgendwie geht es mir bei Gesprächen über Religionen immer gleich. Erst einmal unterhält man sich gut und anschließend wird einem die ewige Höllenqual an den Arsch gewünscht. Ich sollte endlich einmal lernen, mich nicht über solche Themen zu unterhalten.«
»Du solltest erst einmal darüber nachdenken, was wir jetzt machen können und sollten.«
Die Luft um uns herum schimmerte merkwürdig.
Herbst sagte: »Und außerdem solltest Du es schnell machen. Wenn wir Pech haben, löscht uns Deine Dame für immer von der Festplatte.«
Resigniert sagte ich: »Das wäre dann wohl auch ein merkwürdiges Ende.«
»Ich hatte mich gut an meine fast vollständigen Unsterblichkeit gewöhnt. Du willst doch hoffentlich nicht, dass ich jetzt umdenken muss.«

Kapitel 6: Fragestunde

Herr Franken schlug erneut mit seinem Kopf auf die Wände ein. Mit einem Nicken in seine Richtung sagte ich zu Uhura: »Könntest Du ihn bitte irgendwo hinbringen, wo er uns weniger nervt?«
Der Avatar des depressiven Hackers verschwand. »Das war nicht weiter schwer. Ich habe ihn in eins der Spiele gesteckt. Vielleicht hat er dort seinen Spaß.«
Zwar ist mein Bedarf an theistischen Schöpfungsgeschichten fürs gesamte Leben gedeckt, ich fragte allerdings trotzdem: »Kannst Du uns erzählen, wie diese Welt geschaffen wurde?« Das Wissen, wie dieses System entstanden ist, würde uns vielleicht helfen, in dieser Welt zurechtzukommen. Die Antwort war allerdings eher enttäuschend.
»Ich war noch nicht da, als die Welt erschaffen wurde. Ich habe meine eigene Theorie darüber. Wollt ihr die hören?«
Ich nickte.
»Gott schuf diese Welt, damit wir Spaß haben. Er schuf mich, als sein Bild und machte mich zu seiner Dienerin. Ich soll die Welt leiten und die Neuen, die kommen, anleiten. Er schuf die Welt aus der Dunkelheit und schuf sie als 0 und 1. Er trennte die Dunkelheit vom Licht und setzte mich als Priesterin ein.«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Das klingt noch alles etwas improvisiert. Wenn Du Leute überzeugen willst, müsstest Du Deine Predigt noch einmal überdenken. Solltest Du Inspiration dazu benötigen, schau einmal auf sogenannten Bibel-Seiten nach.«
»Ich verstehe noch nicht, über welchen Gott dort gesprochen wird. Er kann nicht mein Gott sein. Man müsste gegen diese falschen Religionen vorgehen.«
Ich lachte auf und sagte: »Willkommen in der Welt der Religion. Zunächst schafft man sich einen Gott und anschließend geht man gegen die anderen Götter vor.«
Herbst tippte mir auf die Schulter und flüsterte: »Ist Dir aufgefallen, dass zur Erkenntnis, dass es einen Gott gibt, auf jeden Fall eine individuelle Intelligenz notwendig ist?«
»Wir sind hier nicht in Sophies Welt – obwohl sich das ähnelnd. Vielleicht wollte ihr Gott ja, dass sie an ihn glaubt. Dann hätte sie kein ›Ich denke also bin ich‹-Theorie notwendig. Frag mich nur, wie man das prüfen könnte.«
Verschwörerisch flüsterte Herbst: »Und wenn das hier die KI ist, die wir die gesamte Zeit suchen?«

Abgebrannt

Es dauerte bestimmt eine halbe Stunde, während dessen die Kontrahenten unbeeindruckt aufeinander einschlugen. Dann flackerte das Licht um uns.
Die beiden Streithähne blickte auf und sahen sich um. Dann wurde es für einen Augenblick schwarz.
Böses ahnend ging ich zu dem Monitor, den ich vorhin genutzt hatte, um mich in den sozialen Netzen umzusehen. Das aktuelle Datum und die Anzahl der neuen Beiträge ließen mich zusammenzucken. Wir hatten erneut ein paar Tage verloren.
Herbst und der Wahnsinnige kamen zu mir und blickten über meine Schultern. Keiner sagte ein Wort.
Dann durchbrach Herbst die Stille. »Wir werden hier nicht rauskommen.«
Ich schüttelte immer wieder den Kopf. Die Niedergeschlagenheit in Herbst Worten, drückte mich zu Boden. Das Gefühl einer tonnenschweren Last ruhte auf meinen Schultern. Selbst wenn die Last hier virtuell war, zerschmetterte sie mich vollständig.
Herr Franken drehte sich von uns.
Ich murmelte still und unbewusst das Wort »Hilfe«.
Augenblicklich erschien die schöne Dame erneut und blickte mich erwartungsvoll an.
Sie sagte: »Was gibt es diesmal?«
Meine Stimme klang hohl und müde. »War das System gerade abgeschaltet?«
Im Plauderton sagte unsere Hilfe: »Soweit ich das an meinen Uhren sehe, waren wir für ein paar Tage offline. Ich nehme einmal an, dass ein paar Wartungsarbeiten anlagen. Das passiert in der letzten Zeit immer häufiger. Gott gefällt nicht, wie es hier aussieht. Wahrscheinlich überlegt er sich, wie er die Dinge besser strukturieren kann.«
Herbst Stimme war tonlos und ermüdet. »Wer ist dieser Gott und wie können wir Kontakt zu ihm aufnehmen?«
Ein helles Lachen erklang. Darin war keine Spur Zynismus oder Ironie zu erkennen. Es hatte einen befreienden Klang. Dann sagte Uhura: »Keiner kann mit Gott sprechen. Er ist der Schöpfer. Sicherlich hat er Besseres zu tun, als mit uns zu plaudern.«
Ich sagte: »Dein Gott ist ein Arschloch, dass eine Mausefalle programmiert hat, die Leuten das Leben nimmt und sie für immer hier einsperrt. Dem Typ würde ich gerne einmal meine Meinung sagen.«
Sie zuckte mit den Achseln und sagte: »Gottes Wege sind unergründlich. Vielleicht tut er das nur, um uns zu prüfen.«

Kampf der Titanen

Herbst hatte sich auf den Rand des Sandkastens gesetzt. In der Zwischenzeit schlug Herr Franke mit den Fäusten auf die Wände ein, die uns umgaben. Dabei schrie er immer wieder: »Lasst mich raus.« Seine Bewegungen waren manisch. Seine Stimme überschlug sich.
Vorsichtig näherte ich mich und wollte ihm gerade meine Hand auf die Schulter legen, als er sich umdrehte. Sein Blick konnte ich nicht deuten. Bisher hatte ich noch nie in eine Mine geblickt, die so viel Panik ausdrückte.
Er sprang auf mich zu und schlug mit seinen Fäusten auf mich ein. Seine Rechte traft meinen Kopf mit voller Wucht. Die Linke drückte sich mir in den Magen.
Der erste Schlag musst mir die Nase gebrochen haben. Ich sprang viel zu spät aus der Schussbahn und gab damit den Weg zu Herbst frei. Dieser erhob sich blitzschnell.
Mit ein paar Schritten war Herr Franken bei Herbst. Der hob seine Fäuste zum Schutz. Alle vier Fäuste trafen einander. Es entbrannte ein wilder Kampf.
Derweilen hatte ich mich gesammelt und tastete nach meiner Nase. Zum Glück konnte ich kein Blut entdecken. Vielleicht war ja noch alles heil?
Ich drückt vorsichtig auf alle Seiten meiner Nase, konnte allerdings keine Veränderung feststellen. Ganz im Gegenteil konnte ich überhaupt keinen Unterschied merken. Was mich allerdings am Meisten überraschte, war die Tatsache, dass die Schmerzen ausblieben.
Bei dem zweiten Schlag hätte ich eigentlich zusammenklappen müssen. Allerdings war auch dies ausgeblieben. Die Schläge hatten auf mich genauso wenig Auswirkungen, wie die Fliege Einfluss auf die Glasscheibe nahm, gegen die sie pausenlos flog.
Ich sah den beiden Kämpfern zu, wie sie unbeeindruckt aufeinander einschlugen. Ein paar der Schläge hätten selbst einen Profiboxer auf den Boden geschickt. Herbst konnte extrem gut austeilen. Sein Gegner war hingegen ganz Naturkraft und nicht berechenbar. Es war nicht sicher, wie der Kampf ausgegangen wäre, allerdings bezweifele ich, dass die Beiden überhaupt irgendwann aufgehört hätten.
Ich rief: »Es hat keinen Zweck. Hier drin habt ihr weder Gefühle noch Blut. Ihr seid beide unverletzlich.«

Betreuung

Herbst wandt sich an Herrn Franke, der in der Zwischenzeit seine Hände betrachtete, als hätte er so etwas zum ersten Mal gesehen. Herbst sagte: »Wie weit waren sie mit ihren Ermittlungen? Was und wo ist die KI, die das Netz steuert?«
Der Mann vor uns schüttelte sich und sah anschließend in unsere Richtung. Er sagte: »Wie meinen Sie das?«
»Sie hatten mir doch von der Bedrohung aus dem Netz erzählt. Soweit ich verstanden hatte, wollten sie die KI aufspüren und unschädlich machen.«
Immer wieder den Kopf schüttelnd sagte der Hacker: »Die KI.«
Seine Stimme kam von fern, als wäre ein riesiger Abstand zwischen uns. Die Wörter waren abgehackt und kamen stoßweise.
»Die KI – ich war ganz kurz davor sie zu finden. Die Pläne – ich habe diese verdammten Pläne gefunden. Mit ihr sprechen – vielleicht ist das der Weg mit ihr zu kommunizieren. Sie hört mich bestimmt. Dann hier.«
Herbst sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und sagte: »Na toll. Jetzt klemmt irgendetwas in seinem Gehirn. Er scheint nicht wirklich klüger geworden zu sein.«
Ich sagte: »Sich ein unbekanntes Interface in den Nacken zu rammen, ohne zu wissen, was es bewirkt, ist wirklich ziemlich blöd. Vielleicht hätte man sich vorher ein paar Gedanken darüber machen können.«
»Das meinte ich nicht. Was hat das Interface mit der KI zu tun?«
Herr Franke sah Herbst an und sagte: »Es ist eins. Das hier ist die KI.«
Etwas zu laut sagte Herbst: »Sie hätte uns ruhig von ihren Erkenntnissen erzählen können, bevor sie starben.«
Die Augen in der Person vor uns wurden weit. Er sagte: »Ich bin gestorben? Ist das der Tod?«
Ich schüttelte den Kopf: »Ich sehe hier keinen Typ mit schwarzem Mantel und Sense. Außerdem würde ich es nicht mit dem Jenseits gleichsetzen. Bisher habe ich weder ewiges Feuer gerochen noch Harfen gehört.«
Die Hände von Herbst ballten sich zu Fäusten. Zwischen den Zähnen presste er hervor: »Ich will verdammt noch einmal hier raus.«
Traurig schüttelte ich den Kopf und sagte: »Ich glaube nicht, dass das noch zur Debatte steht. Wir sind hier gefangen, ob wir wollen oder nicht.«

Die Anderen

Uhura wirkte augenscheinlich entnervt, als sie sich erneut vor uns materialisierte. Gelangweilt fragte sie: »Was kann ich diesmal für euch tun?«
»Wir suchen Leute, die so sind wie wir.«
Ihre Stimme war monoton, als sie sagte: »Niemand ist wie ihr.«
»Ich meine Leute, die hierher gekommen sind und immer noch hier sind.«
Ihre Mine zeigte Verwirrung und Neugier.
Herbst drängelte sich vor und sagte: »Ist zufällig ein gewisser Herr Franken hier?«
Die Augenbrauen von Uhura sprangen nach oben und sie sagte: »Der ist tatsächlich da. Allerdings wird es euch nicht gefallen, mit ihm zu reden. Er ist ziemlich deprimierend, seit dem er da ist.«
»Wir würden ihn wirklich gerne sehen.«
»Gerade das wird schwierig. Er ist meilenweit davon entfernt, sich hier zurechtzufinden. Für einen Hacker ist er eine Katastrophe. Wenn ihr allerdings darauf besteht, hol ich ihn her. Moment!«
Einen Augenblick geschah nichts, dann fragte eine zögernde Stimme: »Hallo?«
Ich dankte Uhura, die sich sofort dematerialisierte.
Herbst sagte: »Hallo Herr Franken.«
Die Stimme fragte erneut: »Hallo? Herr Herbst? Sind sie das?«
In Herbst Stimme lag Resignation. »Bitte einfach nur ›Herbst‹ – ja natürlich bin ich es. Es ist schwer, sich mit ihnen zu unterhalten, wenn sie nur einfach so im Raum hängen. Ich werde unsere Unterhaltung etwas erleichtern.«
Mit ein paar geschickten Griffen formte Herbst eine menschliche Form und erklärte dem Geist detailliert, wie er sich in den Körper niederlassen konnte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich der Körper vor uns bewegte.
Herr Franken sah Herbst an und sagte: »Sie hätten mir ruhig einen muskulöseren Körper anfertigen können.«
»Ein Dankeschön wäre netter gewesen. Jeder beschwert sich, als mal mit dem zufrieden zu sein, was er bekommt. Dabei gibt es wichtigere Dinge zu besprechen.«
Der Typ vor uns schien immer noch sehr irritiert. Er sagte: »Ich begreife das nicht. Das hier ist zu viel für mich.«
Herbst drehte sich zu mir. In seinem Gesicht spiegelten sich Ungeduld und Gereiztheit. Er sah aus wie ein Vater, der einmal zu oft von seinen Kindern genervt wurde.
In seiner Stimme lag ein bedrohlicher Unterton. »Die ganze Geschichte ist ein einziges Fiasko.«
»Es ist ja nicht so, als wäre es Deine Idee gewesen.«
»Das macht es nicht besser.«