Kapitel 1: Winter is coming

Es klopfte an der Tür. Es klang zögerlich und leise, gar nicht, wie ich es erwartet hatte. Mühsam erhob ich mich von meinem Sessel und schlurfte zum Flur. Dass jemand an die Tür klopfte, war in vielerlei Hinsicht merkwürdig.
Winter war im letzten Jahr einfach eingefallen, wie das Licht durch eine Glaswand. Man konnte sich kaum gegen sie wehren und soweit ich mich erinnerte, hatte sie nie angeklopft.
Zusätzlich hätte ich ihr dieses unaufdringliche Klopfen gar nicht zugetraut und außerdem hätte sie die Klingeln benutzt, um gehört zu werden.
Das Alles sprach dagegen, dass mich auf der anderen Seite, meine alte Feindin Winter erwartete.
Tatsächlich stand vor mir ein verängstigter Jüngling, der ein Paket in den zittrigen, überdimensionalen Wurstfingern hielt. Ich erkannte ihn als den Nachbarsjungen, der sich bisher noch nicht einmal getraut hatte, mich auf dem Hausflur zu grüßen. Ich schob es innerlich auf mein einnehmendes und autoritäres Auftreten und hätte über diesen Gedanken fast laut gelacht.
Der Junge streckte mir das Ding hin, als hätte es Ausschlag und huschte ohne ein Wort hinfort, als ich es ihm abnahm.
Auf dem Adressenaufkleber stand mein Name, in einer komischen, krakeligen Handschrift. Das hier kam definitiv nicht vom weltweit größten Internet-Versandhaus – oder sagen wir genauer, dem größten, außerhalb von China. In China ist bekanntlich alles größer, bis auf die Menschen.
Das Papier hatte ein merkwürdiges Muster, war allerdings nicht weihnachtlich dekoriert. Zumindest hatte der Absender so viel Anstand, es nicht mit einer Schleife versehen zu haben.
In der Küche öffnete ich den Rand vorsichtig mit einem Messer und linste durch den kleinen Spalt, den ich geöffnet hatte. Vielleicht war es ja trotzdem ein Weihnachtsgeschenk und ich sollte es erst in ein paar Tagen öffnen.
Der Geruch, der aus dem Paket kam, war scharf und merkwürdig. Außerdem vibrierte etwas, zwischen meinen Händen. Noch bevor ich erkennen konnte, was sich im Inneren vor mir versteckte, schlug mir das Ding eine Mischung aus Rauch und Feuer entgegen, die die gesamte Küche in ihre Bestandteile zerlegte. Ich fand mich unvermittelt auf dem Fußboden wieder.
Irgendjemand hatte mir eine Briefbombe geschickt. Womit er nicht gerechnet hatte war, dass ich seit letztem Sommer immun gegen den Tod war. Leider traf das nicht für meine Kücheneinrichtung und die vielen elektrischen Geräten zu.
Der Feuermelder piepste aus dem Wohnzimmer und ich musste mich kurz hinsetzten, um meine Gedanken zu sammeln.

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