Kapitel 2: Die ewig Gestrigen

Jochen fing schon nach 10 Minuten an, mich zu nerven. Er lamentierte über sein verkorkstes Leben, den stressigen Job und dass er trotz seiner fast 40 Jahren immer noch keine Partnerin fürs Leben gefunden hatte. Kaum hatte er das beendet, segnete er seine Rede mit der typischen rückgewandten Melancholie als Abgesang an seine viel zu früh beendete Jugend.
Winter klopfte derweilen gelangweilt abwechselnd auf den Tisch und ihrem Essen herum. Sie schien satt zu sein. Meinen Hunger hatte ich derweilen auch gestillt.
In einem Augenblick in dem Jochen abgelenkt war, gab ich dem Kellner das internationale Zeichen zum Zahlen. Dieser nickte kurz und war zum Glück recht fix bei uns.
Jochen wirkte für eine Sekunde enttäuscht, sagte dann allerdings: »Lass uns doch kurz noch über den Markt schlendern. Vielleicht treffen wir ja Andi. Den habe ich auch schon eine Ewigkeit nicht gesehen.«
Innerlich wusste ich genau, warum dies der Fall war. Widerwillig willigte ich ein. Winter hatte ihren Kopf in den Händen begraben und schien zu beten. Ihr Atem klang wie kleine Seufzer.
Eigentlich war es doch ganz nett, einen alten Freund wiederzusehen – ganz besonders, wenn es Winter so nervte. Vielleicht konnte ich mit dem Schlendern und Einkaufen ein Stückchen Normalität in mein Leben zurückbringen. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann der ganze Wahnsinn angefangen hatte. Durch die Jahreszeiten hatte ich den Draht zum Leben vollständig gekappt.
Dann erwischte ich mich, dass ich der Vergangenheit genauso melancholisch nachtrauerte wie Jochen und riss mich zusammen. Die Gegenwart kann einem genauso viel bieten, wie die Erinnerung, man muss sie nur zu nehmen wissen. Ich blickte zu Winter, die hinter ihren Händen hervorlugte und schüttelte den Kopf. Solange ich mit diesem Pack herumhing, würde ich keine Ruhe haben. Meine Frau sagte mir schon seit Monaten, dass ich das Thema abschließen sollte. Es wird einfach langweilig.

Erstaunt dachte ich darüber nach, dass meine Familie in diesem Teil meines Lebens gar keine Rolle spielte.
Jochen zog mich vom Stuhl und sagte: »Komm lass uns gehen. Hier wird es langweilig.«
Winter flüsterte: »Was heißt hier ›wird‹. Es war schon langweilig, als sich der Trottel an unseren Tisch setzte.«
Jochen überhörte ihre Worte einfach.
Auf dem Markt war der Teufel los. Was trieb Leute bei diesem Wetter eigentlich auf die Straße? Die ewig gleiche Auswahl an den wenigen Ständen konnte eigentlich nicht der Grund dafür sein. Schließlich bekam man das alles fast genauso frisch und etwas preiswerter im Supermarkt. Vielleicht war es mehr das neudeutsche Happening, welches die Menschen anlockte, oder einfach nur das rückgewandte Denken eines Normalsterblichen: Was für die Eltern gut war, musste auch für einen selbst gut sein.

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