Eine Nacht Ruhe

Die Ärztin sagte mir, dass man kurioserweise keine Verletzungen bei den Untersuchungen hatte finden können. Meine Verwirrung am Marktplatz – sie hatte anscheinend mit dem Sanitäter gesprochen – ließ allerdings auf eine Kopfverletzung schließen. Eine Nacht würde man mich beobachten und wenn es mir am nächsten Morgen gut ginge, könnte ich das Krankenhaus wieder verlassen. Eigentlich hatte ich es mit der Entlassung gar nicht so eilig. An den Typen im anderen Bett konnte ich mich tatsächlich erinnern. Wir tauschten Erinnerungen an frühere Zeiten aus und unterhielten uns darüber, was bis jetzt alles in unseren Leben passiert war.
Er erzählte, dass er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern auf dem Markt war. Sie hatten zum Glück keine Verletzungen. Als sie sich in der Drogerie nach den neuesten Duftwässerchen erkundigte, hatte er die Flucht nach draußen angetreten, was sich im Nachhinein als eine ziemlich ungesunde Idee herausstellte. Zumindest war es nicht ganz so langweilig, wie sich ein Bataillon an Parfüm-Fläschchen durch die Nase ziehen zu lassen.
Er hieß Simon und gehörte früher zum Kreis enger Kollegen. Ich fragte ihn, ob er sich an Jochen erinnerte.
Simon sagte: »Du meinst den Langeweiler, der sich immer gerne an unseren Tisch setzte? Ich sehe ihn ab und zu in der Stadt. Was ist mit ihm?«
»Er stand bei der Explosion direkt neben mir.«
»So kennen wir ihn. Er will überall dabei sein. Ist er auch hier im Krankenhaus?«
»Ich will es mal so ausdrücken: Er hat es nicht ganz so gut aufgenommen, wie ich. Das Blut, auf meiner Kleidung, stammte größtenteils von ihm.«
»Ach du Scheiße.«
»Kannst Du so sagen.«
Wir unterhielten uns noch die halbe Nacht. Ich genoss es wirklich, mal nicht gehetzt, beleidigt, verfolgt oder bedroht zu werden. Irgendwie fühlte es sich fast schon wie Urlaub an. Leider hielt das Gefühl nicht lange an.
Als ich morgens früh die Augen öffnete, stand Winter vor meinem Bett. Sie wirkte ziemlich sauer.
Ich sagte: »Hast Du Blondchen erwischt?«
»Ohne Deine Hilfe ist sie mir leider entkommen. Der feine Herr legt lieber seine Beine hoch und genießt seine Freizeit.«
»Ich hatte keine Wahl. Ein Sanitäter hat mich ruhiggestellt und in sein Auto gezerrt.«
»Du wurdest entführt?«
»So kann Du es auch bezeichnen.«

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