Ein Wunder

Um mich herum war es dunkel geworden. Zwei kleine glimmende Lichter erhellten den Raum nur ungenügend. Von meiner Position konnte ich die Toilette sehen, die im Halbdunklen hinter der Türöffnung lauerte. Ihre Klobrille wirkte wie die untere Zahnreihe eines Totenschädels, der mich lächelnd anblickte.
Ich schaute zur anderen Seite. Dort hatte sich vor Kurzem etwas bewegt, das mich geweckt hatte.
Allerdings konnte ich niemanden erkennen.
Langsam stand ich auf, zog meine Hose und meine Socken an und schlich zur Tür. Vielleicht war das, was mich wach gemacht hatte, gerade hinaus?
Mit ein paar Schritten auf Zehenspitzen tänzelte ich zum Eingang, immer bemüht keinen Lärm zu machen. Ich hielt den Atem an, um mich nicht zu verraten.
Die Tür stand in einem merkwürdigen Winkel. Ich zuckte zusammen, als ich merkte, dass sie offen stand. Wer lässt im Gefängnis denn die Türen auf? War hier gerade Tag des offnen Tors?
Wahrscheinlich wartete hinter dem Ausgang ein Polizist auf mich, der sich dafür revanchieren wollte, dass ich eine Polizistin umgebracht hatte. Sie warteten bestimmt mit langen Stöcken, und aus ihren Münder rann der Geifer auf den Boden.
Es wäre besser, wenn ich die einfach zuschließen würde. Vielleicht merkt keiner, dass was passiert war. Wenn sie dann hier rein wollen, müssen sie erst einmal den Schlüssel finden und ich konnte das Bett vor den Eingang schieben.
An dem Ort, an dem ich stand, zog ein eisiger Windhauch an mir vorbei. Ich musste mich schnell entscheiden. Wenn man mich morgens so erwischte, würde man mir Fragen stellen, die ich nicht beantworten konnte.
Vorsichtig setzte ich einen weiteren Fuß, vor den anderen. Jetzt war es noch wichtiger, keinen Laut zu machen. Angestrengt lauschte ich nach draußen. Hatte ich da eine Stimme gehört, die leise flüsterte?
Ich gefror erneut auf der Stelle und lauschte. Es war nur der Wind. Ein leises Brummen kam aus dem Gang.
Erneut ein paar Schritte weiter – da war wieder dieses Flüstern. Ich hatte es jetzt deutlicher gehört. Irgendetwas unterhielt sich da. Das mussten die Polizisten sein, die auf mich warteten.
Nur noch ein Katzensprung, bis ich die Tür zuschlagen konnte. Natürlich ging sie zum Gang auf, ich musste mich also ein kleines Stück nach draußen lehnen.
Ganz langsam streckte ich meinen Arm aus. Er reichte nicht ganz, bis zum Türgriff. Noch einen Millimeter mit meinem Fuß nach vorne. Ich stand jetzt auf einem Bein und streckte mich, wie ich es schon lange nicht mehr gemacht hatte.
Meine Finger berührten das kalte Metall des Knaufs. Schnell umschloss ich ihn mit meiner Faust.
Langsam zog ich.
Dann landete ich plötzlich unsanft auf dem Boden. Jemand hatte die Tür ganz aufgerissen und stand jetzt direkt über mir.
Schnell legte ich die Hände über meinen Kopf und wartete auf die Schläge, die mich sicherlich gleich treffen würden.
Als sie ausblieben, blickte ich langsam nach oben.
Über mir stand Winter und sagte: »Sollen wir jetzt rausgehen? Mir wird langsam langweilig.«

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