Die Angebetete (Tag 1)

Wir unterhielten uns während des gesamten Essens über Literatur. Daniel las gerne die Klassiker, während Boris neuere Literatur bevorzugte. Anja lehnte so gut wie alles ab.
Wie von Daniel und Jörg vorhergesehen, wurden Andere zum Tischdienst bestimmt, ganz zur Freude der Beiden. Damit hatten wir eine kurze Pause bis zum nächsten Tagungsordnungspunkt.
Als die Anderen zur Bibelstunde eilten, hielt ich Anja an der Tür zum Saal zurück. »Mit wem saß denn Julia am Tisch?«
»Das sind meine Mädchen. Die blonde Sarah mit den Zöpfen kennst Du ja schon von gestern Abend. Die Dunkelblonde mit der Kurzschnittfrisur ist Hanna.
Die Drei gehen mir auf den Keks. Sie sind so brav, dass man sie als Barbiepuppen verkaufen könnte. Wahrscheinlich sind sie innerlich genauso hohl wie ihr Vorbild. Selbst Blumen wochenlang beim Welken zuzusehen, stelle ich mir interessanter vor, als den Dreien eine halbe Stunde lang zuzuhören.«
»Aber Julia ist doch eine Ausnahme oder?«
»Sie ist wie ein Abziebildchen in einer Mädchen & Pferde-Zeitschrift: Hübsch anzusehen, auf der anderen Seite etwas klebrig und wenn sie mal irgendwo dranhängt, ungemein schwer wieder loszuwerden.«
»Sie ist so schön.«
Anja boxte mir mit ihrem Ellbogen mit voller Kraft in den Magen. Herr Berkowitz, der in der Nähe stand, hatte dies gesehen und blickte sie strafend an.
Entschuldigend sagte Anja: »Oh ich muss gestolpert sein. Bitte entschuldige mich.«
Dann ging sie einen Schritt schneller an Herrn Berkowitz vorbei.
Ich fand sie an einem kleinen Tisch, an dem sie mit Boris zusammen kicherte. Ich gesellte mich zu ihnen.
Anja blickte nur kurz auf. »Willst Du Dich nicht lieber zu Deiner Flamme setzen?«
»Die ist noch nicht da und letztendlich sind eure Gespräche sehr lustig.«
Boris hatte seine Bibel vor sich hingelegt. Er beugte sich darüber.
Ich wollte ihn gerade fragen, was er gerade las, als Herr Berkowitz lautstark hinter sich die Tür schloss.
Er sagte: »Es ist schön, dass Ihr euch alle eingefunden habt. Es fehlen noch die Kinder vom Tischdienst, aber letztendlich können wir schon einmal anfangen.
Das Thema heute, ist das erste Buch Mose – ›Genisis‹. Wer hat das Buch schon einmal gelesen?«
Ich zeigte als Einziger auf.
Herr Berkowitz sah überrascht in meine Richtung. »Was hast Du daraus gelernt?«
»Dass verdammt viele Leute verdammt viele Leute zeugten – wobei ich gerade zu diesem Thema noch einige Fragen habe.«
Einige Kinder lachten. Der Leiter erhob beschwichtigend die Hände. »Wir wollen nicht darüber sprechen. Tatsächlich wollen wir uns über die Schöpfung unterhalten.«
Boris verdrehte die Augen und sagte: »Na Prima! Kreationismus ist genau das, was ich jetzt brauche.«

Frühstück Tag 1

Anja blickte mich an und lachte. »Du siehst nicht besonders erholt aus. Kaffee werden wir hier bestimmt nicht bekommen.«
»Sie wussten in den Achtzigern noch nicht, dass schwarzer Tee ungefähr den gleichen Koffeingehalt beinhaltet. Wenn Du Glück hast, haben sie den hier. Allerdings ist es ein Glücksspiel, wie lange er gezogen hat. War der Tee zu lang im Wasser, macht er müde.«
Tatsächlich konnte ich in der Kanne auf unserem Tisch allerdings nur roten Tee finden.
Boris hatte die Augenbrauen hochgezogen. »Was meint ihr mit den Achtzigern?«
Mit einem glockenhellen Lachen sagte Anja: »Die gesamte Zeitreise von der Du erzählt hast, ist der einzige Teil Deiner Geschichte, die ich Dir glaube. Der Rest klingt viel zu fantastisch.«
»Wie soll er denn sonst hierher gekommen sein?«
»Mit dem Bus?« Anja lachte erneut.
»Außerdem wird er von den Men in Black verfolgt.«, sagte ich leise.
Boris riss die Augen auf. Seine Stimme überschlug sich. »Die Men in Black kommen erst in den Neunzigern in die Kinos. Die Comics sind auch noch nicht raus. Woher kommt ihr?«
Mit einem Schulterzucken sagte Anja: »Geht Dich eigentlich nichts an. Wenn Du es allerdings unbedingt wissen willst, kann ich Dir verraten, dass der Ort im nördlichen Ruhrgebiet liegt und mit ‚G‘ beginnt.«
Als ich aufschaute, konnte ich Julia sehen, die zielstrebig unseren Tisch ansteuerte. Sie lächelte mich kurz an und drehte sich dann um. Sarah trabte neben ihr. Die Beiden gingen zu zwei freien Plätzen am Tisch gegenüber.
Ich konnte sie von meiner Position aus leider nur von hinten sehen. Statt der beiden Damen setzten sich kurz darauf Daniel und Jörg an unseren Tisch.
Jörg grinste und sagte: »Ihr ward ja schon gestern dran. Die Chancen stehen also gut, dass wir heute verschont bleiben.«
Daniel erhob grüßend die Hand und sagte: »Hallo schöne Frau.«, in Anjas Richtung. Diese rollte mit den Augen und sagte: »Hallo Spagel. Heute schon gewachsen?«
Kopfschüttelnd setzte sich Jörg neben Anja. »Was hast Du für ein Problem?«
»Ich mag es nicht, auf körperliche Werte reduziert zu werden. Es ist eine Tatsache, dass ich schön bin, aber das muss muss man mir nicht sagen. Außerdem sagt Platon, dass ein Mensch, der anderen Leute Komplimente macht, im Gegenzug dadurch hässlicher wirkt. Er verliert an Wert, in dem er Andere öffentlich wertschätzt.«
Boris schnalzte mit der Zunge. »Du hast Platon gelesen?«
»Nur den Klappentext. Ich würde mich nicht als Kennerin bezeichnen.«
Von der Seite sagte Daniel: »Wir haben in der Klasse gerade Göthe gelesen.«
Jetzt war es an mir, mit den Augen zu rollen. »Die Aufklärung finde ich so pathetisch moralisierend, dass ich sie kaum ertragen kann. Das gilt sowohl für den alten Dichtervater wie auch seinem Partner mit der Locke.«
Anja lachte und sagte: »Fehlt nur noch der Typ mit dem Walküren-Ritt und wir können den Sack zumachen.«
Daniel sagte: »Ich find Wagner voll toll.«

Morgenstund hat Dreck im Mund (Tag 1)

In meinem Traum unterhielt ich mich mit Julia. Ganz plötzlich wurde es um mich herum hell und jemand rief meinen Namen. Ich öffnete die Augen und blickte in das Gesicht von Daniel. Er lächelte mich an und sagte: »Du Schlafmütze verpasst noch das Frühstück. Raus aus den Federn und zieh Dich an. Außerdem solltest Du Deine Bibel mitnehmen. Nach dem Essen ist Bibel- und Gebetsrunde.«
Der Gedanke an eine Gebetsrunde verdunkelte meine Stimmung. In einem engen Raum mit unzähligen Kindern und zwei Erwachsenen eingepfercht zu werden, nur um lustige Lieder und Gebete zu erleben, war nicht wirklich das, was mich als Erwachsener reizte. Allerdings wusste ich, dass ich in meiner Kindheit diese Kreise immer gerne besucht hatte.
Mir fiel schlagartig wieder ein, dass ich erneut ein Kind war. Dies hier war meine Kindheit, auch wenn ich mich nicht an diese Freizeit erinnern konnte, was wahrscheinlich ein Geschenk von Frühling darstellte. Anscheinend waren einige Erinnerung durcheinandergebracht worden.
Dann musste ich lächeln. Julia würde bei uns am Tisch sitzen. Ich hatte also erneut die Möglichkeit, mich bemerkbar zu machen.
Allerdings würde auch Anja da sein. Wer wusste schon, was die Dame über Nacht ausgeheckt hatte. Schließlich hatte sie mich aus meinem erwachsenen Körper zurück in meine Kindheit geschickt.
Mit einem gemischten Gefühl voller Vorfreude, Panik und Neugierde stand ich auf. Die Sachen, die ich am Vortag in Eile ausgepackt hatte, waren zu einem bunten Gewirr in meiner Truhe geworden. Die Farben waren sämtlich zu grell.
Eigentlich bevorzuge ich dunkle und dezente Farben.
Ich fischte einen roten Pulli hervor, der glücklicherweise ohne christliche Botschaft auskam und streifte ihn über. Die Jeans von gestern lag noch in einer Ecke und innerhalb von wenigen Minuten hatte ich mich angezogen.
Daniel und Jörg standen in der Tür und winkten mir. Ich drehte mich zu Boris, der seinen schwarzen Pulli gerade überstreifte.
»Die Jungs machen tierisch viel Stress. Es geht doch nur um ein Frühstück.«
Daniel lachte aufgeregt. »Es ist die erste Stärkung des Tages. Nach dem Brei gestern habe ich richtig Hunger bekommen.«
»Für Deinen sportlichen Körper brauchst Du wahrscheinlich jede Kalorie, die Du kriegen kannst.«
Boris sah etwas zerknautscht aus. Sein Haar ragte an einer Seite zu weit von seinem Kopf ab. Er sah aus, als wäre dort oben ein Meteoroid eingeschlagen.
Ich reichte ihm eine Bürste und einen Spiegel.  Er stellte sich an den Spülstein und feuchtete die Bürste etwas an.
Daniel sagte: »Wenn es euch nichts ausmacht, werden wir schon einmal vorgehen. Heiko ist auch schon oben. Er hat uns noch nicht einmal wach gemacht.«
Ich nickte ihnen zu und drehte mich zu Boris. »Hast Du gut geschlafen?«
»Du machst Scherze. Die Matratzen hier sind hart wie Baumstämme. Ich hätte auch gleich auf dem Boden schlafen können.«

Einschlafen (Tag 0)

Als ich an dem Abend ins Bett fiel, surrte mir der Kopf. Boris Ausführungen erschienen mir plausibel. Außerdem ging mir Julia nicht aus dem Sinn. Ich spürte mein Herz rasen, sobald ich an sie dachte. Daraus konnte ich mir keinen Reim machen.
Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. »Bist Du noch wach?«
Die Worte hatten mich aus dem Takt gebracht. Ich musste mich für eine Sekunde sammeln. Es war Boris, der über mir lag. Ich brummte: »Ja.«
»Hättest Du Lust, mit mir zu fliegen?«
Jede Faser meines Körpers sehnte sich danach, den Weltraum zu sehen. Allerdings hatte ich meine Zweifel an der gesamten Geschichte. Sie klang viel zu fantastisch.
»Wie kommt ein 12 Jähriger an ein Raumschiff? Das ist doch eigentlich gar nicht möglich.«
Boris schwieg eine Weile. Ich dachte schon,  dass er  eingeschlafen war, als er sagte: »Die Antwort ist kompliziert. Sagen wir, dass ich mir das Ding geborgt habe. Wobei das auch nicht ganz stimmt. Wenn man mit der Zeit spielt, kann man einiges bewerkstelligen.«
»Du hast ein Raumschiff geklaut?«
Meine Stimme war etwas zu laut. Boris machte ein ›Scht‹-Geräusch. Dann flüsterte er: »Ich werde dafür bezahlen. Genau dafür brauche ich Deine Hilfe.«
Mir wurde erneut schwindelig. »Ich soll Dir glauben, dass Du aus der Zukunft kommst?«
»Ich hatte schon gesagt, dass das fantastisch ist und Dir wahrscheinlich unmöglich erscheinen wird. Trotzdem antwortest Du nicht auf meine Frage.«
»Ja ich will. Natürlich will ich den Weltraum sehen und auf unbekannten Planeten landen. Ich möchte Außerirdische treffen und mich mit ihnen unterhalten.«
Ein leises Lachen ertönte von oben. »Wahrscheinlich werden wir uns nie mit Außerirdischen unterhalten können. Wenn man bedenkt, das die Evolution auf anderen Planeten ganz andere Wege gegangen ist, wird das Ergebnis wahrscheinlich so fremdartig sein, dass wir uns niemals verstehen könnten, selbst wenn wir es wollten.«
Nachdenklich kaute ich auf meiner Unterlippe und schaute auf das Brett über meinem Kopf. »Du meinst, es wäre so, wie in diesem Buch von Lem?«
»Solaris? Das Buch in dem ein gesamter Planet versucht, mit der Crew einer Weltraumstation zu kommunizieren, und die gesamte Mannschaft dadurch fast verrückt wird?
Eigentlich glaube ich nicht, dass ein gesamter Planet lebt. Allerdings geht der Vergleich in diese Richtung.
Was wäre, wenn Außerirdische, die Wind erzeugen, schon gelandet sind? Die Orkane und Sturmböen könnten eine Sprache sein, die wir nicht verstehen.«
Angestrengt dachte ich darüber nach. Wir könnten auf Planeten landen, auf dem jedes Einzelne unserer Worte für die Bewohner tödlich war.
Außerdem bestand die Möglichkeit, mit unseren Krankheitskeimen eine gesamte Weltbevölkerung auszurotten. Meine Augen fielen mir zu.

Der Zeitreiseflüchtling

Boris ging nicht wirklich sanft mit den Schalen und Tellern um, die er in die Spüle tauchte. Er blickte verdrossen auf Anja, während er die letzten Speisereste entfernte. »Warum bist Du überhaupt hier? Du wirkst nicht wirklich, wie einer dieser Intelligenz-Verweigerer da draußen.« Anja hatte sich mit einem Trockentuch bewaffnet und wartete darauf, dass ihr Boris das nasse Porzellan reichte. Ich stand derweilen am ersten Becken und entfernte den groben Schmutz mit einem kräftigen Wasserstrahl.
Boris sagte: »Das ist der perfekte Ort für mich. Hier wird mich niemand aufspüren. Außerdem suche ich nach Leuten, die mitmachen.«
Interessiert sagte ich: »Wobei sollen wir denn mitmachen?«
Kopfschüttelnd sagte Boris: »Ihr werdet mir das sowieso nicht glauben.«
»Du wirst überrascht sein, woran die Leute hier glauben. Es kann nicht weniger fantastisch sein, als die Wunder, von denen man uns hier jeden Tag erzählen wird.«
Boris Stimme wurde leise, so dass der Wasserstrahl seine Worte fast vollständig schluckte. »Ich habe mich schon immer für Physik interessiert. Es gibt da eine Theorie, die von Einstein entwickelt, jedoch verworfen wurde.
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg verfasste er diese Hypothese, die er dann anschließend vertuschte. Er sagte, dass die Menschheit noch nicht bereit dafür wäre.
Es gibt nur eine einzige Aufzeichnung davon und sie war schwer zu beschaffen.
Die Hypothese stellte die Basis des legendären Philadelphia Experiments.
Wenn man ein starkes Magnetfeld innerhalb eines ebenfalls starken Magnetfeldes erzeugt, kann man innerhalb des inneren Feldes Gegenstände tunneln. Durch die Überlagerung der beiden Felder, die perfekt aufeinander ausgerichtet sein müssen, kann Materie über eine unbestimmte Distanz transportiert werden.
Die Theorie führte letztendlich zur heisenbergschen Unschärferelation und der Berechnung der Aufenthaltswahrscheinlichkeiten von Elektronen im Quantenmodell.«
»Du arbeitest an einem Transporter?«
»Ich habe die Arbeit schon beendet. Allerdings habe ich dabei die Aufmerksamkeit einiger störenden Parteien erweckt, die sich meiner Meinung nach zu viel für meine Erfindung interessieren.«
Anja blies die Luft aus ihrer Lunge. Sie sah mich an und sagte: »Er ist auf der Flucht.«
Boris schüttelte den Kopf und sagte: »Es ist etwas mehr als das. Wenn man Materie tunnelt, d.h. sie von einem Ort zum Anderen ohne Verzögerung schickt, ist die Bewegung schneller als das Licht und nach der einsteinschen Relativitätstheorie damit auch schneller als die Zeit. Das ist der Fehler, der beim Philadelphia Experiment zur Katastrophe führte. Man hatte diese Faktoren nicht berücksichtigt.«
»Du meinst, dass Du mit dem Antrieb durch die Zeit reisen kannst?«
»Ja, das kann ich und das habe ich auch bewiesen.«
»Wo ist dieser Antrieb?«
»Der bewegt sich im Moment in einer Umlaufbahn um die Erde.«
Anja grunzte und sagte: »Das sollen wir Dir glauben?«
Boris nickte. »Ich habe ja gesagt, dass ihr es mir nicht glauben werdet.«

Tischdienst

Die Heimleitung stimmte den Kanon „Komm Herr Jesus“ an. Bis auf Boris sangen alle Kinder mit. Die vielen Stimmen verknüpften sich miteinander zu einem harmonischen Teppich. Herr Helm hatte ein breites Grinsen aufgesetzt, während er uns den Takt mit beiden Händen winkte. Sein weißer Haarkranz tänzelte zwischen den Tischreihen herum. Es schien so, als würde er ein paar Zentimeter über dem Boden schweben.
Nach dem Singen wurden Schüsseln auf klappernden Servierwagen hineingeschoben. Mit Freude erkannte ich, dass es zum Abendessen warmen Milchreis mit Dosenfrüchten gab. Was für Einige eine Qual darstellt, esse ich außergewöhnlich gerne.
Herr Helm setzte sich an seinen Platz neben Herrn Berkowitz. Dieser erhob ich und sah sich prüfend im Raum um. Sein streng gekämmter Scheitel gab ihm zusätzliche Strenge. Alle Kinder im Raum blickten ihn wartend an. Er erklärte uns, dass nach jeder Mahlzeit ein anderer Tisch den Tischdienst hatte. Nach dem Essen musste das Geschirr in die Küche und anschließend abgewaschen werden. Natürlich traf es meinen Tisch als Ersten, was nicht verwunderlich war, da Herr Berkowitz nach mir Ausschau gehalten hatte. Er glaubte anscheinend, dass ich als kleiner Unruhestifter einen Denkzettel für meine lautstarke Ankunft erhalten sollte.
Mir machte dies allerdings wenig aus, da es mir hoffentlich die Gelegenheit gab, etwas länger mit Julia in einem Zimmer zu sein. Eigentlich erkannte ich meinen Körper kaum wieder. Diese Anziehung zu dem Mädchen war fast widernatürlich. Meine Hormone spielten Haschmich. Ich benahm mich in Julias Gegenwart wie der größte Idiot auf Erden. Zwei Mal hätte ich beim Essen fast den Löffel fallen gelassen, nur weil dieses holde Wesen in meine Richtung blinzelte.
Die Worte, die meinen Mund verließen, ergaben kaum Sinn.
Während des gesamten Essens unterhielten sich Boris und Anja, als hätten sie sich schon ewig gekannt. Anscheinend bestand eine Verbindung zwischen ihnen.
Ab und an, verfolgte ich ihre Diskussion.
Julia schien unterdessen ebenfalls abgelenkt. Sie lächelt und plauderte mit einem Mädchen, welches Sarah hieß und einem Abziehbild der Frömmigkeit glich – zwei blonde Zöpfe und ein ausdrucksloses Gesicht – und blickte immer wieder in meine Richtung, obwohl Sarah zu ihr sprach.
Vielleicht fühlte sie sogar die gleiche Anziehung, die ich spürte? Mein Herz machte einen Salto.
Anja sagte: »Wenn wir hier fertig sind, können wir uns sofort in die Küche verziehen. Julia, Sarah und dieser andere stille Typ bringen uns das Geschirr, während wir schon abwaschen. Das geht schneller.«
Ich blickte an Boris vorbei und sah, dass Heiko neben ihm saß. Ich hatte ihn die gesamte Zeit gar nicht wahrgenommen. Er blickte in sein Essen, als wollte er es studieren. Seine Schüssel war immer noch zur Hälfte gefüllt.
Ich sagte: »Wir können es doch auch so machen, dass Julia, Sarah und ich in die Küche gehen und Du mit Boris und Heiko die Schüsseln bringen?«
»Kommt gar nicht in die Tüte. Das wäre eine Überzahl an Frauen am Waschbecken und was sagte das bitte über die Gleichberechtigung?«
»Wir sind hier auf einer christlichen Bibelfreizeit. Da wird in der Regel auf die Gleichberechtigung verzichtet.«
Julia blickte mich strafend an. Ich versank in meinem Stuhl, rutschte beinahe unter den Tisch. Vielleicht sollte ich doch erst darüber nachdenken, was ich sagte, bevor ich es sagte.

Das Abendessen (Tag 0)

Wir verließen um kurz vor sieben zusammen unseren Raum. Es waren nur noch wenige Minuten bi zumAbendessen. 
Ich blieb in Boris Nähe, der mir von allen anderen Kindern der Normalste erschien. Als wir uns an die Tische setzten, drängelte sich Anja auf den Stuhl mir gegenüber.
»Hast Du schon neue Freunde gefunden?«
Mit einem Kopfnicken deutete ich zu Boris. »Einen potentiellen Kandidaten habe ich. Darf ich Dir Boris vorstellen?«
Nachdem sich die beiden bekannt gemacht hatten, sagte ich zu Anja: »Wie sieht es mit Dir aus?«
Mit einem Lachen sagte sie: »Hier sind definitiv zu viele Zombies. Die Mädel in meinem Zimmer mussten tatsächlich erst einmal zusammen beten. Zum Glück waren sie so abgelenkt, dass ich mir das beste Bett schnappen konnte.«
Ein engelsgleiches Geschöpf setzte sich neben Anja. Sie hatte lange schwarze Haare, weiße Haut mit Sommerspossen. Ich blickte in ihre blaue Augen.
Anja sagte: »Du kannst den Mund schließen. Das ist Julia. Sie ist bei mir untergebracht.«
Boris sagte: »Das mit den Zombies kann ich nur bestätigen. Ich frage mich immer noch, warum ich unbedingt diese Freizeit auswählen musste. Das bringt doch gar nichts. Dabei hatte ich so große Hoffnungen.«
Ich konnte meinen Blick nicht von Julia lösen. Er heftete an ihr, wie eine Gurkenscheibe an einem Fenster. Sie sah mich lächelnd an und sagte: »Hallo.«
Sämtliches Blut schoss in meinen Kopf und meine Zunge fühlte sich so trocken an, als hätte ich einen Löffel voll Zimt im Mund. Ich stammelte etwas, was evtl. »Hi« gewesen sein konnte. Sicher war ich mir allerdings nicht.
Anja sagte: »Du benimmst Dich wie ein Höhlenmensch.«
»Eigentlich hatte ich gedacht, dass er auch zu diesen selenlosen Jesus-Spinnern gehört. Sein Pulli gibt ein eindeutiges Zeichen. Wer schreibt schon: ›Jesus liebt Dich mehr als jeder Teddy-Bär‹ auf seinen Körper?«
»Den haben ihm seine Eltern aufgezwängt. Er selbst ist allerdings nicht viel cooler.«
Mir wurde auf einmal bewusst, dass ich den Pulli nicht gewechselt hatte, obwohl ich das doch vorgehabt hatte. In mir machte sich ein Gefühl von Panik breit.
Mit einem verlegenen Blick auf mich sagte Julia: »Mir gefällt Dein Pulli. Er sagt so viel über Dich aus. Du scheinst Jesus treu zu folgen.«
In diesem Augenblick wäre ich gerne im Boden versunken. Ich lächelte krampfhaft und sagte: »Danke.«
Mit einem schmerzhaften Tritt gegen mein Schienbein brachte mich Anja in die Realität zurück. Sie sah mich an und sagte: »Können wir uns jetzt bitte unterhalten?«
Ich blickte kurz zurück zu Julia, die mich immer noch anlächelte und dann auf Anja, die ihre Zahnspange kurz aufblitzen ließ und sagte: »Ich weiß nicht. Worüber würdest Du Dich denn gerne unterhalten?«
In diesem Augenblick kamen Herrn Berkowitz und Herr Helm in das Zimmer.

Die Jungs

Ich musste mir mein Zimmer mit vier Personen teilen. Die zwei oberen Liegen der beiden Doppelbetten, sowie das Einzelbett waren schon belegt,  bevor ich den Raum betrat. Als Letzter musste ich mich mit einem unteren Bett abfinden.
Die Jungs in der rustikalen Kammer hießen Heiko, Jörg, Daniel und Boris.
Boris kam mir sofort vertraut und sympathisch vor. Er war kleiner als ich, leicht untersetzt und hatte eine runde Brille auf der Nase. Eigentlich entsprach er dem Klischee eines Strebers, hatte jedoch einen verschmitzten Blick, der mein Interesse an ihm weckte. Seine kerzengerade Körperhaltung strahlte soviel Selbstsicherheit aus, dass  schüchterne Kinder in seiner Nähe Komplexe bekamen.
Jörg war schmächtig, bestimmt zwanzig Zentimeter größer und trug die Haare meiner Meinung nach etwas zu lang. Er ging auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.
»Hallo Neuer. Du hast ja schon einen prima Eindruck bei Herrn Berkowitz hinterlassen. Nicht schlecht für den ersten Tag.«
Ich schüttelte seine Hand. »War nicht meine Absicht.«
Daniel stand hinter ihm. Er war athletisch gebaut und hatte ein kurzes, fast weißes Stoppelfeld auf seinem Kopf.
»Das wird ihm gar nicht gefallen. Er mag keine Kinder, die aus der Reihe tanzen.«, sagte er und lächelte dabei.
Heiko kauerte verängstigt in einer Ecke. Er hatte ebenfalls eins der unteren Betten bekommen und packte still seinen Koffer in die Truhe, die vor seinem Bett stand.
Er blickte erst auf, als ich mich direkt vor ihn stellte und ihm meine Hand anbot.
Ganz vorsichtig griff er danach, ließ seine Finger dann allerdings hängen, wie nassen Baby-Socken auf einer Wäscheleine.
Beim Handschlag schaute er mich nicht an, sonder schielte zu Boden.
Ich sagte: »Ist es auch Dein erstes Mal?«
Kopfschüttelnd sagte er: »Ich bin das dritte Mal hier. Es ist super toll.«
Seine Worte klangen, als hätte er sie auswendig gelernt. Insgesamt wirkte er auf mich, als stände er unter Hypnose.
Boris kam auf mich zu und sagte: »Für mich ist es auch das erste Mal. Mal sehen, was wir hier alles anstellen können. Die beiden Bewacher sehen nicht so aus, als würden sie extrem viel Spaß verbreiten.«
Jörg lachte auf. »Der erste Schein trügt. Sie haben Einiges auf Lager, um jeden Tag speziell zu machen. Ich bin immer gerne hier. Ihr werdet sehen, es wird eine gesegnete Zeit.«
»Was genau verstehst Du unter gesegnet?«
Eine monotone Stimme intonierte: »Die Bibelstunden jeden Morgen und am Nachmittag machen wirklich Spaß. Wir lernen viel über Jesus und seine Werke.«
Mit einem Stöhnen sagte ich: »Oh Gott, das ist eine DIESER Freizeiten.«
»Du sollst den Namen Deines Gottes nicht unnütz führen.«, sagte Daniel
»Sagt wer?«, sagte Boris.
»Sagt Gott.«
»Na prima, der müsste wissen, wovon er redet.«

Gesegnete Begrüßung 

Als sich die Türen vor mir öffneten, stand ich vor einer Horde stinkender Kleinwüchsiger. Die erstarrte Menge blickte auf zwei Männer in grauen Hemden, schwarzen Hosen und dunkelblauen Krawatten. Der ältere Anzugträger hielt die Arme in die Luft. Aufgrund seines versteinerten Gesichtsausdrucks, wirkte die Geste wenig herzlich. Es sah eher so aus, als streckte er im Angesicht des Chaos flehend, die Arme zum Himmel.
Er sagte: »Willkommen in Haus Friede. Ihr werdet eine gesegnete Zeit bei uns verbringen.« In meinen Ohren klang das wie eine Drohung.
Die Tür hinter mir schlug mit einem Donnern ins Schloss. Es klang wie der Anschlag einer übergroßen dumpfen und hallenden Kirchenglocke. Alle Köpfe drehten sich gleichzeitig zu mir um.
Der jüngere Schlipsträger schloss die Augen, ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn. Der andere richtete seine Aufmerksamkeit auf mich. Sein Blick traf mich, wie einer der unvorhergesehenen Treffer beim Völkerball.
Er räusperte sich lautstark, zögerte einen Augenblick, bis sich Alle zu ihm umgedreht hatten und sagte: »Nachdem wir vollzählig sind, möchte ich euch herzlich begrüßen. Ich bin Wilhelm Berkowitz und dies hier ist Siegfried Helm. Wir sind die Heimleiter und werden die nächsten zwei Wochen eure Freizeit betreuen.«
Er machte eine kurze Pause, während der er mich fixierte, bis ich in der Gruppe untertauchen konnte.
»Wir haben Pläne an die Pinnwand geheftet. Bitte schaut, in welchem Raum ihr untergebracht seid und begebt euch augenblicklich auf eure Zimmer. Die Lage der Zimmer entnehmt ihr dem Lageplan, der daneben hängt. Ihr könnt auspacken und euch gegenseitig bekannt machen.
Um 19 Uhr treffen wir uns alle im Raum zu meiner Linken, zum Abendessen.«
Er ging ein paar Schritte nach rechts, während sein Kollege ein paar Schritte in die Gegenrichtung machte. Wir blickten auf eine Tafel, auf der zwei DIN-A4 Zettel befestigt waren.
Einige Kinder drängelten nach vorne.
Herr Berkowitz übertönte das Geschrei, das kurzzeitig aufflammte. »In unserem Haus werden keine Drängeleien, kein Toben oder Schreien toleriert. Außerdem wollen wir kein Rennen in den Fluren. Dazu ist das große Sportfeld auf der Hinterseite des Hauses da.«
Es dauerte wenige Sekunden und die Kinder standen ordentlich in einer Schlange. Der jeweils Vorderste blickte kurz auf den Aushang und den dazugehörigen Plan und ging anschließend langsam und gemessen in die eine oder andere Richtung.
Einer der Jungen, welcher gerade vorne stand, schüttelte den Kopf und protestierte lautstark. »Ich wollte mit Jörg auf ein Zimmer. Der ist mein bester Freund. Wir hatten uns schon so sehr darauf gefreut.«
Herr Berkowitz schritt auf ihn zu und flüsterte so laut, dass fast Alle es mitbekamen: »Wir werden hier auf die Wünsche Einzelner nicht eingehen. Wir haben die Zimmer extra so ausgewählt. Es gibt keinen Grund, aus der Reihe zu tanzen.«
Der Junge wollte noch etwas erwidern, doch Herr Berkowitz wischte seine Anmerkungen mit einer holen Handfläche aus der Luft. Sein Gesicht sah dabei nicht so aus, als würde er mit sich verhandeln lassen.
Mit hängenden Schultern griff der Knirps seinen Koffer und stapfte davon.
Anja, die ich nicht bemerkt hatte, stand plötzlich neben mir. »Wir müssen wohl darauf verzichten, in einem Zimmer untergebracht zu werden.«
Mir entschlüpfte ein: »Gott sei es gedankt.«
Ein Mädchen hinter Anja sagte: »Halleluja.«


Hier gibt es das Geschriebene noch einmal vorgelesen.

Das Heim

Der Bus ruckelte um eine Ecke und hielt stotternd an. Kurz darauf öffneten sich die Türen. Die ersten Kinder drängelten vergnügt auf dem Gang in die Freiheit.
Anja streckte die Hand aus. Ich zuckte zurück. Sie sah mich an: »Jetzt komm endlich. Die Ferien dauern nicht ewig. Wir haben letztendlich nur zwei Wochen Zeit.«
»Einigen da draußen werden die Tage viel länger vorkommen.«
Während ich das sagte, hatte sich Anja schon umgedreht. Sie federte beim Gehen, als hätte sie Sprungfedern in den Beinen. Mein Gang war eher stelzig und schwer.
Als ich sie draußen einholte, blickten wir einen Abhang hinauf zum Gemäuer, welches sich dort drohend vor uns auftürmte.
In den riesigen grauen Wänden der Festung waren in regelmäßigen Abständen vergitterte Fenster eingelassen. Das Monstrum hatte mindestens fünf Etagen und mehrere kleiner Häuser die drum herum standen, als würden sie den großen quadratischen Fels in ihrer Mitte anbeten.
Eine Treppe führte von der Bushaltestelle herauf zu einer überdimensionalen Pforte. Über der Doppeltür stand mit schwarzen Lettern auf dem hellgrauen Beton: »Haus Friede«.
Wolken bedeckten den Himmel. Die Sonne hatte diese passive, grelle Helligkeit, in der selbst ein kleines Kaninchen wie ein gefährlicher Wolf aussah.
Erste Regentropfen fielen um mich auf die Erde.
Anja hatte sich an die Seite des Busses begeben und wartete dort darauf, dass ihr Koffer vom Fahrer auf den Gehweg gestellt wurde. Mindestens zwanzig Kinder taten es ihr gleich.
Ich drängelte mich an ihre Seite. »Das habe ich allerdings anders in Erinnerung. Das Haus erschien mir als Kind weniger beängstigend. Eigentlich habe ich es als freundlicher Ort im Kopf.«
Flüsternd sagte Anja: »Ich dachte, ich mache es dramatischer. Wenn wir uns jedes Mal darüber unterhalten, was Du in Erinnerung hast, wird Dir die gesamte Geschichte nicht gefallen. Lass es auf Dich wirken. Vieles von dem was Du siehst, ist ähnlich, basiert auf wahren Begebenheiten. Vieles ist allerdings auch anders. Es wäre doch gelacht, wenn wir uns nur an Deinem Leben orientieren.«
»Du hast also alles verändert?«
Ein Koffer wurde auf die Straße gestellt, der jeden empfindsamen Menschen erschaudern ließ. Er hatte pinke Herzchen auf einer Seite und war sonst in ein wenig dezentes Türkis getaucht. Ein etwas zu großer Zettel, welcher am Handgriff angebracht war, zeigte meinen Namen.
Anja sagte: »Ich habe nur sehr wenig geändert. Der Koffer gehört übrigens Dir.«
Dann lachte sie, nahm einen kleinen dezent dunklen Koffer, der neben meinem stand und rannte die Stufen zur Tür hinauf.
Verlegen wartete ich, bis alle anderen Kinder ihre Koffer genommen hatten, nahm erst dann meinen eigenen und ging den Kindern hinterher.


Hier gibt es die Texte vorgelesen. Für blutende Ohren übernehme ich keine Verantwortung.