Der Bus ruckelte um eine Ecke und hielt stotternd an. Kurz darauf öffneten sich die Türen. Die ersten Kinder drängelten vergnügt auf dem Gang in die Freiheit.
Anja streckte die Hand aus. Ich zuckte zurück. Sie sah mich an: »Jetzt komm endlich. Die Ferien dauern nicht ewig. Wir haben letztendlich nur zwei Wochen Zeit.«
»Einigen da draußen werden die Tage viel länger vorkommen.«
Während ich das sagte, hatte sich Anja schon umgedreht. Sie federte beim Gehen, als hätte sie Sprungfedern in den Beinen. Mein Gang war eher stelzig und schwer.
Als ich sie draußen einholte, blickten wir einen Abhang hinauf zum Gemäuer, welches sich dort drohend vor uns auftürmte.
In den riesigen grauen Wänden der Festung waren in regelmäßigen Abständen vergitterte Fenster eingelassen. Das Monstrum hatte mindestens fünf Etagen und mehrere kleiner Häuser die drum herum standen, als würden sie den großen quadratischen Fels in ihrer Mitte anbeten.
Eine Treppe führte von der Bushaltestelle herauf zu einer überdimensionalen Pforte. Über der Doppeltür stand mit schwarzen Lettern auf dem hellgrauen Beton: »Haus Friede«.
Wolken bedeckten den Himmel. Die Sonne hatte diese passive, grelle Helligkeit, in der selbst ein kleines Kaninchen wie ein gefährlicher Wolf aussah.
Erste Regentropfen fielen um mich auf die Erde.
Anja hatte sich an die Seite des Busses begeben und wartete dort darauf, dass ihr Koffer vom Fahrer auf den Gehweg gestellt wurde. Mindestens zwanzig Kinder taten es ihr gleich.
Ich drängelte mich an ihre Seite. »Das habe ich allerdings anders in Erinnerung. Das Haus erschien mir als Kind weniger beängstigend. Eigentlich habe ich es als freundlicher Ort im Kopf.«
Flüsternd sagte Anja: »Ich dachte, ich mache es dramatischer. Wenn wir uns jedes Mal darüber unterhalten, was Du in Erinnerung hast, wird Dir die gesamte Geschichte nicht gefallen. Lass es auf Dich wirken. Vieles von dem was Du siehst, ist ähnlich, basiert auf wahren Begebenheiten. Vieles ist allerdings auch anders. Es wäre doch gelacht, wenn wir uns nur an Deinem Leben orientieren.«
»Du hast also alles verändert?«
Ein Koffer wurde auf die Straße gestellt, der jeden empfindsamen Menschen erschaudern ließ. Er hatte pinke Herzchen auf einer Seite und war sonst in ein wenig dezentes Türkis getaucht. Ein etwas zu großer Zettel, welcher am Handgriff angebracht war, zeigte meinen Namen.
Anja sagte: »Ich habe nur sehr wenig geändert. Der Koffer gehört übrigens Dir.«
Dann lachte sie, nahm einen kleinen dezent dunklen Koffer, der neben meinem stand und rannte die Stufen zur Tür hinauf.
Verlegen wartete ich, bis alle anderen Kinder ihre Koffer genommen hatten, nahm erst dann meinen eigenen und ging den Kindern hinterher.


Hier gibt es die Texte vorgelesen. Für blutende Ohren übernehme ich keine Verantwortung.

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