Als sich die Türen vor mir öffneten, stand ich vor einer Horde stinkender Kleinwüchsiger. Die erstarrte Menge blickte auf zwei Männer in grauen Hemden, schwarzen Hosen und dunkelblauen Krawatten. Der ältere Anzugträger hielt die Arme in die Luft. Aufgrund seines versteinerten Gesichtsausdrucks, wirkte die Geste wenig herzlich. Es sah eher so aus, als streckte er im Angesicht des Chaos flehend, die Arme zum Himmel.
Er sagte: »Willkommen in Haus Friede. Ihr werdet eine gesegnete Zeit bei uns verbringen.« In meinen Ohren klang das wie eine Drohung.
Die Tür hinter mir schlug mit einem Donnern ins Schloss. Es klang wie der Anschlag einer übergroßen dumpfen und hallenden Kirchenglocke. Alle Köpfe drehten sich gleichzeitig zu mir um.
Der jüngere Schlipsträger schloss die Augen, ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn. Der andere richtete seine Aufmerksamkeit auf mich. Sein Blick traf mich, wie einer der unvorhergesehenen Treffer beim Völkerball.
Er räusperte sich lautstark, zögerte einen Augenblick, bis sich Alle zu ihm umgedreht hatten und sagte: »Nachdem wir vollzählig sind, möchte ich euch herzlich begrüßen. Ich bin Wilhelm Berkowitz und dies hier ist Siegfried Helm. Wir sind die Heimleiter und werden die nächsten zwei Wochen eure Freizeit betreuen.«
Er machte eine kurze Pause, während der er mich fixierte, bis ich in der Gruppe untertauchen konnte.
»Wir haben Pläne an die Pinnwand geheftet. Bitte schaut, in welchem Raum ihr untergebracht seid und begebt euch augenblicklich auf eure Zimmer. Die Lage der Zimmer entnehmt ihr dem Lageplan, der daneben hängt. Ihr könnt auspacken und euch gegenseitig bekannt machen.
Um 19 Uhr treffen wir uns alle im Raum zu meiner Linken, zum Abendessen.«
Er ging ein paar Schritte nach rechts, während sein Kollege ein paar Schritte in die Gegenrichtung machte. Wir blickten auf eine Tafel, auf der zwei DIN-A4 Zettel befestigt waren.
Einige Kinder drängelten nach vorne.
Herr Berkowitz übertönte das Geschrei, das kurzzeitig aufflammte. »In unserem Haus werden keine Drängeleien, kein Toben oder Schreien toleriert. Außerdem wollen wir kein Rennen in den Fluren. Dazu ist das große Sportfeld auf der Hinterseite des Hauses da.«
Es dauerte wenige Sekunden und die Kinder standen ordentlich in einer Schlange. Der jeweils Vorderste blickte kurz auf den Aushang und den dazugehörigen Plan und ging anschließend langsam und gemessen in die eine oder andere Richtung.
Einer der Jungen, welcher gerade vorne stand, schüttelte den Kopf und protestierte lautstark. »Ich wollte mit Jörg auf ein Zimmer. Der ist mein bester Freund. Wir hatten uns schon so sehr darauf gefreut.«
Herr Berkowitz schritt auf ihn zu und flüsterte so laut, dass fast Alle es mitbekamen: »Wir werden hier auf die Wünsche Einzelner nicht eingehen. Wir haben die Zimmer extra so ausgewählt. Es gibt keinen Grund, aus der Reihe zu tanzen.«
Der Junge wollte noch etwas erwidern, doch Herr Berkowitz wischte seine Anmerkungen mit einer holen Handfläche aus der Luft. Sein Gesicht sah dabei nicht so aus, als würde er mit sich verhandeln lassen.
Mit hängenden Schultern griff der Knirps seinen Koffer und stapfte davon.
Anja, die ich nicht bemerkt hatte, stand plötzlich neben mir. »Wir müssen wohl darauf verzichten, in einem Zimmer untergebracht zu werden.«
Mir entschlüpfte ein: »Gott sei es gedankt.«
Ein Mädchen hinter Anja sagte: »Halleluja.«


Hier gibt es das Geschriebene noch einmal vorgelesen.

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