Ich musste mir mein Zimmer mit vier Personen teilen. Die zwei oberen Liegen der beiden Doppelbetten, sowie das Einzelbett waren schon belegt,  bevor ich den Raum betrat. Als Letzter musste ich mich mit einem unteren Bett abfinden.
Die Jungs in der rustikalen Kammer hießen Heiko, Jörg, Daniel und Boris.
Boris kam mir sofort vertraut und sympathisch vor. Er war kleiner als ich, leicht untersetzt und hatte eine runde Brille auf der Nase. Eigentlich entsprach er dem Klischee eines Strebers, hatte jedoch einen verschmitzten Blick, der mein Interesse an ihm weckte. Seine kerzengerade Körperhaltung strahlte soviel Selbstsicherheit aus, dass  schüchterne Kinder in seiner Nähe Komplexe bekamen.
Jörg war schmächtig, bestimmt zwanzig Zentimeter größer und trug die Haare meiner Meinung nach etwas zu lang. Er ging auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.
»Hallo Neuer. Du hast ja schon einen prima Eindruck bei Herrn Berkowitz hinterlassen. Nicht schlecht für den ersten Tag.«
Ich schüttelte seine Hand. »War nicht meine Absicht.«
Daniel stand hinter ihm. Er war athletisch gebaut und hatte ein kurzes, fast weißes Stoppelfeld auf seinem Kopf.
»Das wird ihm gar nicht gefallen. Er mag keine Kinder, die aus der Reihe tanzen.«, sagte er und lächelte dabei.
Heiko kauerte verängstigt in einer Ecke. Er hatte ebenfalls eins der unteren Betten bekommen und packte still seinen Koffer in die Truhe, die vor seinem Bett stand.
Er blickte erst auf, als ich mich direkt vor ihn stellte und ihm meine Hand anbot.
Ganz vorsichtig griff er danach, ließ seine Finger dann allerdings hängen, wie nassen Baby-Socken auf einer Wäscheleine.
Beim Handschlag schaute er mich nicht an, sonder schielte zu Boden.
Ich sagte: »Ist es auch Dein erstes Mal?«
Kopfschüttelnd sagte er: »Ich bin das dritte Mal hier. Es ist super toll.«
Seine Worte klangen, als hätte er sie auswendig gelernt. Insgesamt wirkte er auf mich, als stände er unter Hypnose.
Boris kam auf mich zu und sagte: »Für mich ist es auch das erste Mal. Mal sehen, was wir hier alles anstellen können. Die beiden Bewacher sehen nicht so aus, als würden sie extrem viel Spaß verbreiten.«
Jörg lachte auf. »Der erste Schein trügt. Sie haben Einiges auf Lager, um jeden Tag speziell zu machen. Ich bin immer gerne hier. Ihr werdet sehen, es wird eine gesegnete Zeit.«
»Was genau verstehst Du unter gesegnet?«
Eine monotone Stimme intonierte: »Die Bibelstunden jeden Morgen und am Nachmittag machen wirklich Spaß. Wir lernen viel über Jesus und seine Werke.«
Mit einem Stöhnen sagte ich: »Oh Gott, das ist eine DIESER Freizeiten.«
»Du sollst den Namen Deines Gottes nicht unnütz führen.«, sagte Daniel
»Sagt wer?«, sagte Boris.
»Sagt Gott.«
»Na prima, der müsste wissen, wovon er redet.«

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