Tischdienst

Die Heimleitung stimmte den Kanon „Komm Herr Jesus“ an. Bis auf Boris sangen alle Kinder mit. Die vielen Stimmen verknüpften sich miteinander zu einem harmonischen Teppich. Herr Helm hatte ein breites Grinsen aufgesetzt, während er uns den Takt mit beiden Händen winkte. Sein weißer Haarkranz tänzelte zwischen den Tischreihen herum. Es schien so, als würde er ein paar Zentimeter über dem Boden schweben.
Nach dem Singen wurden Schüsseln auf klappernden Servierwagen hineingeschoben. Mit Freude erkannte ich, dass es zum Abendessen warmen Milchreis mit Dosenfrüchten gab. Was für Einige eine Qual darstellt, esse ich außergewöhnlich gerne.
Herr Helm setzte sich an seinen Platz neben Herrn Berkowitz. Dieser erhob ich und sah sich prüfend im Raum um. Sein streng gekämmter Scheitel gab ihm zusätzliche Strenge. Alle Kinder im Raum blickten ihn wartend an. Er erklärte uns, dass nach jeder Mahlzeit ein anderer Tisch den Tischdienst hatte. Nach dem Essen musste das Geschirr in die Küche und anschließend abgewaschen werden. Natürlich traf es meinen Tisch als Ersten, was nicht verwunderlich war, da Herr Berkowitz nach mir Ausschau gehalten hatte. Er glaubte anscheinend, dass ich als kleiner Unruhestifter einen Denkzettel für meine lautstarke Ankunft erhalten sollte.
Mir machte dies allerdings wenig aus, da es mir hoffentlich die Gelegenheit gab, etwas länger mit Julia in einem Zimmer zu sein. Eigentlich erkannte ich meinen Körper kaum wieder. Diese Anziehung zu dem Mädchen war fast widernatürlich. Meine Hormone spielten Haschmich. Ich benahm mich in Julias Gegenwart wie der größte Idiot auf Erden. Zwei Mal hätte ich beim Essen fast den Löffel fallen gelassen, nur weil dieses holde Wesen in meine Richtung blinzelte.
Die Worte, die meinen Mund verließen, ergaben kaum Sinn.
Während des gesamten Essens unterhielten sich Boris und Anja, als hätten sie sich schon ewig gekannt. Anscheinend bestand eine Verbindung zwischen ihnen.
Ab und an, verfolgte ich ihre Diskussion.
Julia schien unterdessen ebenfalls abgelenkt. Sie lächelt und plauderte mit einem Mädchen, welches Sarah hieß und einem Abziehbild der Frömmigkeit glich – zwei blonde Zöpfe und ein ausdrucksloses Gesicht – und blickte immer wieder in meine Richtung, obwohl Sarah zu ihr sprach.
Vielleicht fühlte sie sogar die gleiche Anziehung, die ich spürte? Mein Herz machte einen Salto.
Anja sagte: »Wenn wir hier fertig sind, können wir uns sofort in die Küche verziehen. Julia, Sarah und dieser andere stille Typ bringen uns das Geschirr, während wir schon abwaschen. Das geht schneller.«
Ich blickte an Boris vorbei und sah, dass Heiko neben ihm saß. Ich hatte ihn die gesamte Zeit gar nicht wahrgenommen. Er blickte in sein Essen, als wollte er es studieren. Seine Schüssel war immer noch zur Hälfte gefüllt.
Ich sagte: »Wir können es doch auch so machen, dass Julia, Sarah und ich in die Küche gehen und Du mit Boris und Heiko die Schüsseln bringen?«
»Kommt gar nicht in die Tüte. Das wäre eine Überzahl an Frauen am Waschbecken und was sagte das bitte über die Gleichberechtigung?«
»Wir sind hier auf einer christlichen Bibelfreizeit. Da wird in der Regel auf die Gleichberechtigung verzichtet.«
Julia blickte mich strafend an. Ich versank in meinem Stuhl, rutschte beinahe unter den Tisch. Vielleicht sollte ich doch erst darüber nachdenken, was ich sagte, bevor ich es sagte.

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