Guten Morgen (Tag 4)

Natürlich wurden wir sofort ins Bett geschickt. Siegfried stellte sicher, dass wir ordnungsgemäß dort ankamen, wo wir nach Meinung von Herrn Berkowitz auch lange hingehörten.
Siegfried schüttelte während des gesamten Wegs seinen Kopf und murmelte: »Das hätte ich nie von euch gedacht. Sowas gab es noch nie.«
Er blieb an unseren Betten stehen, bis er glaubte, dass wir eingeschlafen waren, und verließ erst dann unseren Raum.
Tatsächlich konnte ich in der gesamten Nacht kaum Schlaf finden. Ich fürchtete mich viel zu sehr vor dem nächsten Morgen und der Predigt, die auf uns wartete.
Boris schlief hingegen sofort ein. Ich fragte mich noch lange, wie er das schaffte.
Als ich dann doch noch einschlief, erwachte ich mit einem schlechten Gewissen. Herr Berkowitz stand vor meinem Bett. Er blickte mir prüfend ins Gesicht.
Zunächst dachte ich an einen Alptraum und schloss schnell erneut die Augen.
»Wenn ihr wach seid, dann kommt bitte direkt zum Büro neben dem Speisesaal.«
Die Stimme gehörte Herrn Berkowitz, dessen Gegenwart ich trotz geschlossener Augen spürte.
Ich hörte, wie er die Kammer verließ, und atmete aus.
Boris lehnte sich zu mir hinunter. »Der schien recht sauer zu sein.«
Daniel stand auf einmal neben meinem Bett. »Was habt ihr denn ausgefressen?«
Ich sagte: »Wir waren heute Nacht mit Anja verabredet, allerdings wurden wir erwischt.«
»Ihr wolltet uns doch mitnehmen.« Die Enttäuschung war Jörg anzuhören. »Wir wollten herausfinden, welchen Weg wir für unseren Ausflug zusammen nutzen können. Der Gestern war nicht perfekt.«
»Ich möchte nicht in eurer Haut stecken.«, sagte eine Roboter-Stimme aus dem Off. »Wir werden es überleben.«, sagte Boris mit einem Schulterzucken.
Er war vom Bett gesprungen und gerade dabei seine Hose überzustreifen. Mit erwartungsvoll Blick musterte er mich.
Ich erhob mich schwerfällig. Am liebsten hätte ich mir die Bettdecke über das Gesicht gezogen.
Bevor ich mich angezogen hatten, wartete Boris an der Tür. »Wenn wir uns beeilen, kommen wir vielleicht noch rechtzeitig zum Frühstück.«
Ich sagte: »Deine gute Laune hätte ich jetzt auch gerne.«
Wir rannten die Treppe hinauf und liefen zur Bürotür. Siegfried stoppte uns kurz davor. Er sagte kopfschüttelnd: »Wir hatten euch doch gesagt, das Laufen auf den Gängen nicht gestattet ist.« Dann drehte er sich um und ging ins Büro.
Wir entschuldigten uns.
Anja schritt langsam auf uns zu. Ihr Gesicht strahlte. Sie winkte uns zu. Boris winkte zurück.
»Sag mal,«, flüsterte ich den Beiden zu, »woher nehmt ihr eure Zuversicht?« »Uns kann doch quasi nichts passieren.«, sagte Boris.
»Wenn sie uns bestrafen wollen, sagen sie es unseren Eltern. Die interessieren sich garantiert nicht dafür.«
Als ich an meine Eltern dachte, wurde mir schwer ums Herz. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Beiden die Beschwerden aufnehmen würden.

In der Nacht

Das abendliche Singen streckte sich bis in die Unendlichkeit, obwohl wir noch nicht einmal das Lied: ›Oh Ewigkeit, Du Donnerwort.‹ sangen. Dafür wurde zunächst das Mercedes-Lied (›Stern auf den ich schaue‹) und anschließend das beliebte Lied der Metzger (›Oh dass ich tausend Zungen hätte‹) angestimmt. Dieses uralte Liedgut lag schwer und sperrig im Mund und ging definitiv nicht in die Beine.
Mein Blick auf Boris und Anja verriet mir, dass es den Beiden ähnlich ging. Sie konnten das nächtliche Abenteuer kaum abwarten.
Dann sah ich hinüber zu Julia, die mit weit offenem Mund und strahlenden Augen die Lieder sang. Sie sah dabei wie ein Engel aus.
Kaum hatte ich meine Blicke auf sie geheftet, war das Singen vorbei und wir auf dem Weg ins Bett. Ich konnte mir nicht erklären, warum die Zeit manchmal so komische Sprünge vollführte.
Es dauerte endlos, bis sich Daniel und Jörg überhaupt hinlegten. Sie schwatzten die gesamte Zeit über die Mädchen, denen sie den gesamten Tag hinterhergelaufen waren. Aus Daniels Mund erklang auffallend oft der Name Sarah, was Heiko jedes Mal aufzucken ließ. Es war, als würde Daniel Heiko mit dem Namen schlagen.
Natürlich war es nicht verwunderlich, dass Heiko als Erste im Bett lag. Er drehte uns anderen den Rücken zu und tat so, als ob er schlafen würde.
Endlich legten sich auch Daniel und Jörg hin.
Im Liegen unterhielten sie sich über Julia. Daniel und Jörg waren sich darüber einig, dass dieses Mädchen keinerlei Persönlichkeit ausstrahlte und hinter der Schönheit der Anderen verblasse.
Ich ballte die Fäuste und war kurz davor, die Brüder von ihren Betten zu ziehen. Dann machte ich mir allerdings klar, dass es besser war, wenn sie kein Interesse zeigten.
Im Bett liegend dachte ich an Julia, bis mir jemand am Ärmel zupfte. Anscheinend war ich doch eingeschlafen.
Boris beugte sich über mich. »Können wir jetzt los?«
»Ich muss mir noch die Hose anziehen.«
Leise hüpfte ich aus dem Bett und streifte mir meine Kleidung über. Heiko murmelte leise im Schlaf.
Als ich fertig war, ging ich auf Zehenspitzen zu Boris, der schon die Tür geöffnet hielt. Er spähte in die Dunkelheit hinaussah. Dann nickte er mir zu. »Der Weg ist frei.«
Wir verließen den Raum, mit dem Ziel zweiter Stock – verbotenes Terrain der Mädchen. Vorsicht blickten wir um jede Ecke, immer in Angst entdeckt zu werden. Die Lampen auf den Fluren waren gedimmt. Wie konnte nie weit sehen.
Vor Anjas Tür lauschten wir. Im Zimmer war kein Laut zu hören. Boris klopfte leise gegen die Tür, als plötzlich die Lampen im Flur aufflackerten. Anschließend war jeder Zentimeter hell erleuchteten.
An einem Ende des Flurs stand Herr Berkowitz. Eine Hand lag auf der Anjas Schulter, die uns panisch anschaute.
Seine Stimme hallte zu uns. »Was hattet ihr denn bitte vor? Wisst ihr nicht, dass Besuche zu so später Stunde untersagt sind?«

Kapitel 3 Online

Hallo und herzlich willkommen im Frühling 2017.

Das dritte Kapitel meiner Geschichte ist jetzt online. Ihr findet es oben im Menü oder hier!

Ab Heute dürft ihr dann erfahren, wie es im 4. Kapitel weitergeht.

Ich freue mich, über jede Meldung. Wenn Ihr Anregungen habt oder Einwände, wenn euch etwas nicht gefällt, oder Ihr einfach nur labern wollt, dann meldet euch.

Gruß,

SAC

 

 

Kapitel 4: Spüldienst Tag 3

Beim Abendessen schaffte es Anja, die Dreiecke  am Stift zu befestigen. Der feine Draht, der die einzelnen Teile zusammenhielt, knotete sie so zusammen, dass er dem Ganzen Stabilität verlieh.
Wir reichten das Gebilde unter dem Tisch zwischen uns weiter, so dass Daniel, Jörg und Heiko nichts von unserer Arbeit mitbekamen.
Herr Berkowitz beschloss, dass unsere kleine Tischgemeinschaft bei diesem Abendessen den Abwaschen machen durfte. Jörg machte das gar nicht glücklich.
Er wollte gerade einen Einwand einbringen, als Herr Berkowitz ihn strafend ansah. »Vielleicht glaubt ihr, dass ich eure veränderte Sitzordnung nicht bemerkt habe, allerdings halte ich viel von Gerechtigkeit und jeder von euch sollte zumindest einmal den Tischdienst durchführen.«
Mir machte die Entscheidung nichts aus. Wir Drei konnten uns in der Küche prima unterhalten, während die Anderen das Geschirr brachten.
»Sag mal, müssen wir denn heute Abend überhaupt raus? Wir haben den Schlüssel doch jetzt fertig. Warten wir doch auf das Geländespiel morgen.«, sagte ich, während ich den ersten Teller in das Spülwasser hielt.
»Wir müssen auf jeden Fall raus. Ich will wissen, ob das Ding funktioniert. In der Nacht sind wir sicherer vor Besuchern. Interessiert es Dich gar nicht, was hinter der Tür liegt?«
»Aber wir haben doch noch genügend Zeit. Was soll denn die gesamte Hetze.«. Anja trocknete den Teller ab, den ich ihr gereicht hatte. Sie sah Boris fragend an.
»Ich habe Angst, dass man mich findet. Ich bin hier nicht gut genug versteckt. Meine Verfolger könnten zu jeder Zeit hier erscheinen.«
»Du kannst uns ruhig mehr über sie erzählen.«
Boris schüttelte den Kopf. »Ich kann euch nicht wirklich etwas sagen, da ich die Typen selbst nicht verstehe. Sie erscheinen immer irgendwann, sobald ich an einem Ort zu lange bin. Bis auf die schwarze Kleidung ist immer Alles an ihnen anders. Sie suchen mich. Es sind niemals zwei Gleiche.«
Anja schüttelte den Kopf. »Das ist mir viel zu mysteriös. Uns über die Männer in Schwarz zu unterhalten, bringt uns nicht weiter, solange Du nichts über sie weißt oder nichts erzählen willst. Sag uns lieber, wann wir uns treffen.«
»Ich würde sagen, dass wir abwarten, bis unsere Jungs schlafen. Danach holen wir Dich ab. Bis dahin müssten auch Deine Mädels tief schlummern. Wir treffen uns vor Deinem Zimmer und gehen dann gemeinsam los.«
Ich sah Boris an. »Ist die Haustür nicht abgeschlossen?«
»Von Innen müssen die Türen als Fluchtwege immer offenbleiben. Es wird schwerer erneut hineinzukommen. Entweder lassen wir ein Fenster offen, oder wir verhindern, dass sich die Außentüren fest hinter uns schließen.«
»Vielleicht wäre es besser, uns beide Wege offen zu halten?« Der Gedanke, die gesamte Nacht draußen zu bleiben, gefiel mir nicht.
Boris nickte nachdenklich. »Können wir so machen.«
Wir sahen gleichzeitig Anja an, die nickte. Damit war der Plan abgemacht.

Schnipseljagd

Nach der Bibelstunde zeigte mir Boris strahlend die Dreiecke. Sie bildeten eine feste Einheit. Anja riss ihm den Schlüssel aus der Hand. Ihre Mundwinkel berührten fast ihr Kinn. Ihr war nicht klar, wie wir das ohne sie hinbekommen hatten. Kopfschüttelnd sagte sie, dass sie das Gebilde sofort am Stab befestigen würde. Wenn sie schnell genug war, könnten wir vielleicht schon während des Geländespieles die Tür öffnen. Anschließend ließ sie die Kette in ihrer Hosentasche verschwinden.
Boris war über ihre Idee nicht glücklich. Er meinte, dass im Moment viel zu viele Leute im Wald waren, um ungestört arbeiten zu können.
Wir waren nicht nur in der Bibelstunde abgelenkt. Wir dachten nur noch an die Nacht. Unsere Sinne waren Kompassnadeln, die auf unseren Plan ausgerichtet waren. Selbst die große Jägerin Anja war nicht scharf auf das Geländespiel, wie es normalerweise der Fall war.
Wir suchten ewig nach den versteckten Hinweisen. Auf kleinen Papierkarten waren Fragen zu biblischen Geschichten aufgeschrieben, die wir beantworten mussten. Auf der Rückseite bekamen wir dann Hinweise, wo die nächste Frage zu finden sei.
Wir drei waren eine Gruppe. Diesmal konnten der alte Berkowitz und Siegfried uns nicht trennen.
Auf dem Weg trafen wir Daniel, Julia und Hanna, die gemeinsam suchten. Daniel baute sich vor uns auf. Er flüsterte verschwörerisch: »Geht es heute Nacht los?«
Den kopfschüttelnd sagte Boris: »Wir werden es auf morgen verschieben. Da ist noch ein kleines Problem mit dem Schlüssel.«
Sarah lehnte sich über Daniels Schulter. »Können wir helfen?«
»Nein.«, sagte Anja.
»Worum geht es?«, fragte Hanna.
»Der nächste Hinweis für eure Jagd, liegt gleich dadrüber hinter dem Baum.«, sagte ich und zeigte in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
»Du sagst Ihm jetzt aber bitte nicht, wo wir schon waren!« Sarah blickte fragend in Daniels Richtung. Der machte eine eindeutige Handbewegung, die die Richtung verriet und sagte: »Wir müssen ihnen ja nicht direkt sagen, unter welchem Stein sie zu suchen haben.« Er blinzelte dabei in Richtung Anja. Kaum hatte er das gemacht, war seine Gruppe auch schon unterwegs. Sie hatten es augenscheinlich eilig.
»Seine Charmeoffensiven sind ziemlich klebrig.«, sagte Anja.
»Nur weil sie bei Dir nicht ankommen, heißt das noch lange nicht, dass er unsympathisch ist.«, sagte ich.
Natürlich fand Anja den nächsten Hinweis. Sie tänzelte um den Stein herum, wedelte mit dem Zettel durch die Luft und schrie »Wie schreibt man Ass?«
Langsam und für alle deutlich buchstabierte ich: »A-A-S«
Sie funkelte mich böse an. Ich musste lachen.
»Was steht denn diesmal drauf?«, sagte Boris.
»Wie viele Geschwister hatte Josef?«
Ich schüttelte den Kopf. »Die Frage ist nicht zu beantworten. In der Bibel steht lediglich, dass er zwölf Brüder hatte. Nur eine Schwestern wird erwähnt, die sich stark zu anderen Frauen hingezogen fühlte. Man muss davor ausgehen, dass es noch mehr Schwestern gab.«
»Die Frauen kommen in diesem Buch nicht wirklich gut weg. Sie werden einfach ausgelassen.« Anja zeigte ihre Wut, indem sie einen Stein so hart trat, dass er erst in einem gefühlten Kilometer erneut den Boden berührte.
»Was erwartest Du von einem Buch, welches laut christlichem Glauben ein alter Mann mit grauem Bart diktiert hat. Sei froh, dass überhaupt Frauen darin auftreten.« Boris lachte.
»Ich würde es anders schreiben.«, sagte Anja, »Und vielleicht mache ich das auch mal.«

Ein Rätzel für die Bibelstunde

Alle Energie floss in die Lösung des Schlüsselproblems. Während der Bibelstunde tüftelte Boris die gesamte Zeit verdeckt an dem Schlüssel. Er schob und zog, konnte allerdings keinen Teil an einem anderen verkeilen. 
Nach einer halben Stunde riss Anja Boris den Schlüssel aus den Händen. Ihre Mine war verkniffen. Auch sie probierte es eine halbe Stunde, war dann jedoch so genervt, dass ihre Hände zitterten.
Diesmal war ich an der Reihe. Im Gegensatz zu den Beiden studierte ich die Komponenten genau. Die Kerben schienen völlig zufällig angeordnet zu sein.
Durch ein vorsichtiges Verschieben gelang es mir, zwei Teile so anzuordnen, dass sie sich gegenseitig verzahnten. Mit einem leisen Klick hingen sie auf einmal zusammen.
Herr Berkowitz sah strafend in meine Richtung. Wahrscheinlich hatte er das Klicken gehört.
»Was meinst Du denn zur Geschichte von Sodom und Gomorra?«
»Würde die Geschichte verfilmt, würde ich sie wahrscheinlich noch nicht sehen dürfen. Dieser strafende Gott kommt mir sowieso etwas merkwürdig vor. Er scheint innerhalb der Bibel eine 180° Wende gemacht zu haben.«
»Wir müssen Gott auch fürchten. So wie es in der Bibel in Jesaja 40:10 steht: ›Denn siehe, der HERR HERR kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, sein Lohn ist bei ihm und seine Vergeltung ist vor ihm.‹.«
»Über das ›Gewaltige Kommen‹, sollten wir noch einmal reden«, flüsterte Anja von der Seite. Boris hielt beide Hände vor den Mund. Ich konnte nicht verstehen, warum er das tat.
Herr Berkowitz sagte: »Gott ist groß und wir haben einen Grund ihn zu fürchten. Doch durch Jesus ist er uns näher gekommen.«
»Sein Sohn hat bei ihm wohl einigen Eindruck hinterlassen. Er ließ seinen Vater einiges überdenken. Gar nicht mal schlecht für jemanden, der keinen vernünftigen Job hatte, die gesamte Zeit getrampt ist und am Ende gerne einfach so abhing.«, sagte Anja.
Herr Berkowitz verdrehte erneut die Augen. »Jesus war Zimmermann, wie sein Vater.«
»Bezeichnend, dass er hinterher so viele Probleme mit einem Stück Holz hatte. Er muss nicht sehr gut in seinem Job gewesen sein.«, flüsterte Boris.
Ich schob ihm den Schlüssel zurück in die Hand und er sah das Ding staunend an. »Du hast das erste Teil befestigt!«
Anja schüttelte den Kopf. »Bevor ihr jetzt jubelnd herumlauft, muss ich euch Hohlbirnen sagen, dass das nur einer von drei Schritten ist. Wir müssen das Gebilde hinterher noch an dem Stab anbringen.«
»Wir haben aber zumindest einen Anfang.«
Herr Berkowitz sah immer noch strafend in unserer Richtung. Ich nickte ihm freundlich zu. Er verdrehte die Augen und machte mit seiner Predigt über die Angst vor Gott weiter.

Vorbereitung für die Nacht

Auf dem Weg zurück planten wir einen ungestörten nächtlichen Ausflug, um das Rätzel der Tür zu lösen. Dabei hatte Boris die gesamte Zeit Angst, dass man uns belauschte. Er blickte sich immer wieder um. 
Zunächst würden wir den Schlüssel zusammensetzen. Dafür hatten wir den gesamten Nachmittag. Das Geländespiel war perfekt. Keiner von uns glaubte, dass wir den Schlüssel schon vorher fertig hatten. Außerdem wäre die Gefahr, dass man uns Nachts folgte, viel geringer. Wir würden auch nicht unter Zeitnot stehen.

Wenn wir später in der Nacht aufbrachen, war es wichtig zu warten, bis die Anderen schliefen. Erst dann konnten wir unbemerkt aus dem Haus entfliehen.
Ich blickte zu Boris. »Die Anderen werden mitkommen wollen. Du hast ihnen gesagt, dass die Sache steigt, sobald das Wetter es zulässt. Sie wollten schon gestern Nacht raus.«
»Ich werde mir etwas einfallen lassen, dass sie ruhig stellt. Wir können heute noch niemand mitnehmen, da wir zunächst die Tür öffnen müssen.«
Wir traten aus dem Wald und konnten das Fußballfeld erkennen, auf dem Daniel gerade eine Attacke gegen die gegnerische Mannschaft lief. Er traf das Tor in der rechten oberen Ecke und der Ball prallte am Pfosten ab.
Herr Berkowitz stand am Spielfeld und beobachtete das Geschehen. Wir versuchten, an ihm vorbeizuschleichen, doch er drehte sich genau in dem Moment um, als wir direkt hinter ihm standen.
»Was habt ihr im Wald gemacht?«, fragte er.
»Wir wollten uns umsehen, damit wir wissen, was uns heute bei der Schnipseljagd erwartet.«
»Ihr wolltet euch einen Vorteil verschaffen?«
»Die Meisten sind schon oft hier gewesen. Sie kennen den Wald auswendig. Es wäre nicht fair, wenn wir Neuen die meisten Probleme hätten.«
Herr Berkowitz sah uns der Reihe nach an. Er hatte die Arme verschränkt und blickte über seine Brille auf uns hinab. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Ich mag es gar nicht, wenn man sich von der Gruppe absetzt. Wir haben hier eine Freizeit mit vielen Kindern. Wir können nicht auf jeden von euch aufpassen. Das nächste Mal unterlasst bitte solche Alleingänge. Das ist nicht im Sinne einer christlichen Gemeinschaft.«
»Sie meinen es wäre besser, wenn wir alle händchenhaltend zusammen herumturnen würden. Am besten ohne Individualität und Persönlichkeit?« Anja funkelte Herrn Berkowitz böse an.
»Anja, Du kommst aus einer guten Familie. Ich kenne Deine Eltern schon sehr lange, da sie auch zu unserer Gemeinschaft gehören. Sie haben mir Dein Leben anvertraut. Es geht hier nicht um Individualität, sondern darum, dass ich für eure Sicherheit verantwortlich bin. Außerdem mag keiner Außenseiter, die sich nicht in die Gruppe eingliedern wollen.«
Etwas Merkwürdiges geschah mit Anja. Vielleicht hatte sie eingesehen, dass eine weitere Diskussion keine Ergebnisse bringen würde. Auf jeden Fall sagte sie plötzlich: »Ja, Sie haben Recht.«, drehte sich um und ging zum Haus.
Wir folgten ihr.
Boris flüsterte: »Sie mögen keine Außenseiter?«
»Die meisten Christen fühlen sich selbst als Außenseiter in der Welt. Es wäre tragisch, wenn es unter den Außenseitern noch Außenseiter gäbe. Die wären dann schon fast Mainstream.«
Boris schüttelte den Kopf und sagte: »Verstehe ich nicht.«

Ohne Erfolg

»Könnte das die Lösung sein?« Ich deutete auf die Zeichen vor uns. Die beiden Anderen blickten auf die Skizze.
Nach einer Weile sagte Anja: »Vielleicht ist das tatsächlich ein Tipp, allerdings bringt er uns nicht weiter. Wir müssen herausfinden, wie man die Teile ineinander befestigt.«
Boris nahm Anja den Schlüssel aus der Hand. »Wir müssen jetzt wirklich los. Unsere Zeit wird knapp.«
Anja betrachtete weiter die Symbole. »Ich glaube, dass sich die Nazis absichtlich keine genaue Lösung gegeben haben. Sie brauchten einen Hinweis, allerdings wusste jeder von ihnen, was grundsätzlich zu tun ist. Wir müssen uns den Mist erst erarbeiten.«
»Du meinst, es wäre so, als würde jemand etwas beschreiben – wir müssten allerdings erst einmal seine Sprache lernen, um ihn zu verstehen?«
Boris zog an meinem Arm. »Jetzt kommt endlich, bevor man uns hier erwischt.«
Schnell sah er sich um. »Wir nehmen den gleichen Weg zurück.«. Dann rannte er in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Anja folgte ihm und als Letzter setzte ich mich in Bewegung.
Der Rückweg erschien mir viel länger als der Hinweg. Der Umweg, den wir genommen hatten, um die Lichtung zu umrunden, kam mir endlos vor. Wir stoppten in der Mitte und nahmen eine kleine Auszeit.
Mit versteinerter Mine sagte Anja: »Der Ausflug hat sich überhaupt nicht gelohnt. Wir sind immer noch so schlau wie vorher.«
»Zumindest weißt Du jetzt, dass da tatsächlich eine Tür ist.«, sagte ich.
»Das bringt überhaupt gar nichts. Wir wissen nicht, wie man die Tür öffnet, wissen nicht, was hinter der Tür ist und ob das Gold wirklich da ist.«
»Wir sind immerhin noch ein paar Tage hier. Da werden wir das Rätzel bestimmt lösen können.«
»Soweit es mich betrifft, bleibe ich nur, so lange ich muss. Diese Bibelarbeiten und das Singen geht mir auf den Geist.«, sagte Boris. Er sah verdrießlich in den Wald, als würde er jemand suchen.
»Wir wären auch glücklicher, wenn Du uns sofort mit Deinem Raumschiff mitnimmst.«
»Diese drei Teile müssen doch irgendwie festzumachen sein. Wenn das Nazis konnten, müssten wir das auch hinbekommen.«, sagte Anja.
Sie lachte auf. »Es waren sogar männliche Nazis. Wir werden es bestimmt schaffen. Ihr habt Glück, dass ich dabei bin.«
»In Deinem Selbstvertrauen kann man ohne weiteres schwimmen.«, sagte Boris. Er fügt hinzu: »Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich darin ertrinken könnte. Bis zum Hals stehe es mir auf jeden Fall.«
»Was willst Du jetzt damit sagen?«
»Er meint, dass Du in Gefahr stehst, Dich selbst zu überschätzen. Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren.«, sagte ich.

Vor der Tür

Boris schlug einen großen Bogen um den Steinbruch, nur um von der anderen Seite die Lichtung zu betreten. Er schaute sich zu allen Seiten um, während er vorsichtig den schützenden Wald verließ.
Anja flüsterte mir zu: »Bei der Vorsicht würde ich mich an seiner Stelle einmal auf Paranoia untersuchen lassen. Die Vorkehrungen die er trifft sind doch völlig übertrieben.«
Das Grünzeug, hinter der die Tür verborgen lag, befand sich jetzt direkt vor uns. Die Bäume und Büsche vor dem Eingang waren mir vorgestern gar nicht so groß vorgekommen. Die Tür war dahinter nicht zu sehen.
»Die Pflanzen müssen schon vor Einbau der Tür hier gewesen sein. Wäre dieser Zugang immer sichtbar gewesen, wäre die Höhle kein gutes Versteck.«, sagte ich.
»Die Tür selbst sieht man ebenfalls nur, wenn man danach sucht.« Boris zog das Geäst auseinander. Tatsächlich fügte sich der Zugang perfekt in den Felsen. Die Tür erkannte man nur, wenn man sie sehen wollte. Die Details fielen mir beim ersten Besuch gar nicht auf.
Anja ging um das Grünzeug herum. Sie fuhr mit der Hand über die Stahltür. Danach legte Sie ihre Hand auf das merkwürdige Symbol. Anschließend tastete sie etwas darunter.
»Hier ist das Schlüsselloch. Eine Metallklappe ist darüber angebracht.«, sagte sie.
Das Material der Tür war kaum gealtert. Ich entdeckte keine Rostspuren. Vielleicht waren die Angeln trotzdem schon verwittert? Ich trat gegen das Metall. Ein tiefes Dröhnen erklang, als hätte man einen Gong geschlagen.
Anja sahen mich verärgert an. »Du musst nicht unbedingt auf uns aufmerksam machen. Das brauchen wir jetzt wirklich nicht. Oder binden Dir Deine Elter zu Hause zur Vorsicht immer eine schwere Kuhglocke um den Hals?«
»Es war einen Versuch wert.« »Warum Gewalt, wenn wir einen Schlüssel haben?«, sagte Boris und griff sich unter sein T-Shirt.
Die drei dreieckigen Gebilde am Stab schlugen gegeneinander. Boris versuchte sie, in das Schlüsselloch zu stecken. Nach ein paar Minuten gab er es auf.
Anja hatte die Arme verschränkt und lehnte gegen den Berg. Sie schüttelte mehrfach mit dem Kopf. »Das kann so nicht funktionieren. Wie kann man ein Schloss mit so einem komischen Ding aufschließen. Die Dinger müssen am Griff fixiert werden, sonst kannst Du das ewig probieren.«
Boris blickte sie an. »Hast Du eine Idee, wie das klappen könnte?«
Sie nahm ihm den Schlüssel umständlich ab, in dem sie die Kette, an dem er hing, über Boris Kopf streifte. Dann spielte sie mit den vier Teilen.
»Hier sind kleine Einkerbungen, als könnte man die Dinger darin gegeneinander befestigen, so dass sie fixiert sind. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie das klappen könnte.«
Ich griff nach dem Schlüssel, doch Anja zog ihn zurück, so dass meine Hand ins Leere griff. »Warum meinst Du, dass Du das besser kannst? Mädchen verstehen mehr von Technik, als Du denkst.«
»Ich wollte ihn mir nur anschauen.« »Vielleicht versuchst Du einfach, diese Dreiecke aneinander festzumachen, und wir schließen die Tür auf?«, sagte Boris.
Anja drehte und wendete die Dreiecke in ihrer Hand. Dann schüttelte sie ihren Kopf. Mit hochrotem Kopf versuchte sie zwei Dreiecke ineinander zu schieben.
Boris schaute auf seine Uhr. »Wir haben nicht so viel Zeit. Eigentlich sollten wir uns gleich auf den Heimweg begeben.«
Ich sah mir noch einmal die Tür an. Meine Hand wanderte über das Emblem. »Was sind das hier für Zeichen?«
Boris und Anja starrten auf die Tür. Das eingestanzte Logo zeigte drei Berge, die einander überlappten.

Zurück zum Steinbruch

Ich schlüpfte schnell in die verdreckte Jeans vom letzten Geländespiel, streifte mir die matschigen Schuhe über und rannte zur Treppe.
Siegfried stand am Treppenende. Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Bitte renn nicht im Treppenhaus und auf den Gängen.«
Etwas langsam erklomm ich die Stufen.
Auf der Treppe kam mir Herr Berkowitz entgegen, der mich prüfend ansah. Als ich an ihm vorbeieilte, zuckten seine Hände. Für eine Schrecksekunde dachte ich, dass er nach mir greifen würde. Statt dessen drehte er sich wieder um.
Ich sah, wie er zu Siegfried ging. Meine Schritte wurden schneller, ohne das festgelegte Tempolimit innerhalb dieses geschlossenen Ortes zu brechen.
Als ich draußen ankam, standen Anja und Boris schon vor der alten Holzbank und warteten. Ich musste erst tief Luft holen.
»Wir müssen uns beeilen. Wenn wir zu langsam sind, erwischt uns Herr Berkowitz.«
Ohne zu antworten, liefen Anja und Boris los. Wir brauchten vielleicht 2 Minuten bis zum Wald. Ich sah, wie sich die ersten Fußballspieler auf dem Platz versammelten. Jörg winkte uns. Daniel war nicht zu sehen
Als wir fast zwischen den Bäumen eingetaucht waren, hörte ich jemand nach uns rufen. Es klang nach Herrn Berkowitz. Dann waren wir aus dem Sichtfeld.
Bei der ersten Gabelung stoppte uns Boris. Er sah sich um. »Wir können nicht auf dem direkten Weg zum Steinbruch. Wir müssen erst sicherstellen, dass wir nicht verfolgt werden.«
»Wenn wir verfolgt werden, dann ist es allerdings auch nicht von Vorteil, wenn wir hier Wurzeln schlagen.«, sagte Anja.
Nickend setzte sich Boris wieder in Bewegung. Allerdings blieb er nicht auf dem Weg. Er rannte direkt durch die Sträucher in das Zwielicht des Waldes. Kopfschüttelnd rannte ihm Anja hinterher, allerdings nicht ohne zu brüllen: »Wir werden genügend Spuren hinterlassen, wenn wir querfeldein laufen.«
Schon nach wenigen Metern zogen Zweige und Dornen an meiner Kleidung. Ich riss mich los und rannte weiter. Vor mit taumelte Boris. Er war in ein Loch getreten. Beinahe wäre er gestürzt, hätte Anja ihn nicht im letzten Augenblick von hinten gestützt.
Ein unterdrücktes Fluchen erklang.
»Ich will ja nicht sagen, dass ich recht hatte, aber ich hatte recht.«, sagte Anja, »Wir sollten so schnell wie möglich zurück auf einen Weg.«
Kopfschüttelnd sagte Boris: »Wir rennen noch eine Weile weiter. Dann warten wir. Wenn uns jemals folgt, werden wir das hören.«
Dann drehte er sich um. Er sprang über ein kleines Gebüsch. Anja folgte ihm.
Ich setzte zum Sprung an, blieb allerdings mit dem linken Fuß an einer Wurzel hängen Die Schwerkraft ließ mich direkt hinter dem Gebüsch mit dem Gesicht auf den Boden klatschen. In diesem Augenblick hasste ich die Gravitation.
Schnell rappelte ich mich auf, wischte ein wenig Dreck von meiner Kleidung und sagte, mit so viel Selbstsicherheit, wie ich aufbringen konnte: »Ist nichts passiert.«
Anja war stehen geblieben. Sie sah mich an. »Der arme Boden. Du solltest Ihn aus Deinem Mund wischen. Selbst Nilpferde bewegen sich im Allgemeinen graziler.«
Hektisch ruderte Boris mit den Armen: »Wir müssen noch ein kleines Stück. Dort drüben ist der Weg.«