Kapitel 2: Die Ermahnung

Herr Berkowitz packte nach der ›Stunde‹, die zu meiner Überraschung zwei realen Stunden entsprach, meinen Arm. Er zog mich zurück.
Mit bedeutungsschwangerer Stimme und ebensolchem Blick sagte er: »Wissen Deine Eltern, welche gefährlichen Gedanken Du in Dir trägst? Jeder Schritt in die Richtung Wissenschaft, entfernt Dich weiter von dem Lamm, welches unsere Sünde trägt – Jesus Christus.«
Ich sah ihm lange in die Augen. Er meinte seine Worte absolut ernst. Ich fragte: »Will Gott, dass ich dumm bleibe?«
Herr Berkowitz schüttelte den Kopf. »Gott möchte nicht, dass Du dumm bleibst. Er will allerdings auch nicht, dass Du Dich mit gefährlichen Sachen beschäftigst.
Es gab einen jungen Wissenschaftler, der das Wissen, welches ihm beigebracht wurde, mit der Bibel verglich. Er strich alle Passagen, die sich nicht mit der Wissenschaft vereinbaren lassen. Am Ende war seine Bibel fast völlig geschwärzt. Darauf traf er die einzige richtige Entscheidung. Er wählte sein Seelenheil und den Glauben und verwarf die schlechten Ideen, die man ihm einflößte.
Ein Schiff, welches nicht fest gebaut ist, geht im Sturm unter. Die Wissenschaft ist dieser Sturm und Dein Glauben ist noch jung.
Paulus schreibt nicht zu Unrecht, dass dem Weisen der Glaube wie eine Torheit vorkommt. Der Baum im Paradis wird nicht umsonst der Baum der Erkenntnis genannt. Jesus preist in seiner Bergpredigt besonders die Unwissenden. Das ist es, was uns die Bibel lehrt.«
»Glaube und Wissenschaft hatten keinen guten Start. Freunde werden die Beiden wohl nie.«
Herr Berkowitz schüttelte enttäuscht den Kopf. Dann sah er mich wieder an und sagte: »Ich kenne Deine Eltern seit vielen Jahren. Ein klärendes Gespräch über Dein Seelenheil täte uns gut.«
»Ich bin mir sicher, dass meine Eltern ein gutes Gespräch schätzen.«
Seine Mine verdunkelte sich. Er starrte mich an, als erwartete er ein Wunder. Ich verstand für einen Augenblick nicht, was er von mir wollte. Schweigend blickten wir uns an.
Es dauerte, bis der Groschen fiel. Schnell ließ ich die Schultern und die Mundwinkeln hängen, wie er es von mir erwartete. »Bitte erzählen sie Nichts meinen Eltern. Ich versuche, an meinem Glauben zu arbeiten.«
Ein schmallippiges Lächeln legte sich auf das Gesicht meines Seelen-Hirtens. Es war an den Rändern ausgefranst, schien allerdings das erste Anzeichen einer Besserung zu sein.
Er nickte mir wohlwollend zu. Ich wollte gerade gehen, als er sagte: »Ich wollte Dir noch sagen, dass Du Dich vor Boris in Acht nehmen solltest.«
»Wenn sie das sagen wollen, dann sagen sie es doch auch! Sie können Alles mit mir besprechen.
Warum soll ich vor ihm Angst haben?«
»Er ist ein Störenfried. Ich kenne seine Eltern nicht. Ich weiß nicht, wer ihn zur Freizeit angemeldet hat. Ich sehe sofort, wenn Kinder verdorben sind und dieser Bube ist von innen faul. Er manipuliert Dich, wenn Du nicht aufpasst. Lass Dich nicht auf die falsche Bahn lenken.«
Fleißig nickend, dankte ich dem weisen Ratschlag.
Herr Berkowitz fügte hinzu: »Und auch Deine Freundin Anja…«
Noch bevor er den Satz beenden konnte, sagte ich: »Sie ist nicht meine Freundin. Ich bin weder mit Ihr noch mit ihrer Schwester zusammen. Sie sind nur gute Bekannte.«
Der Mann vor mir sah mich überrascht an.
Mit den Schultern zuckend sagte ich: »War nur ein Reflex. Ich weiß, dass sie ständig auf dumme Ideen kommt. Anscheinend hängt sie jedoch an mir. In Zukunft versuche ich, sie positiv zu beeinflussen.«
Herr Berkowitz nickte zustimmend.

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10 Kommentare zu „Kapitel 2: Die Ermahnung

    1. War ein Runninggag – als ich anfing mit Winter im Jahr 2015-2016 hatte ich extrem viele Kommentare, die mir ein Verhältnis mit ihr unterstellten (was da wohl meine Frau zu sagt?). Dabei ist sie doch rein fiktional. Die Leute kommen wirklich auf Ideen.
      Seit dem hab ich den Gag in so gut wie jede von meinen „weiblichen“ Jahreszeiten untergebracht.
      In diesem Jahr (2016-2017) wurde der Witz mit Winter etwas überstrapaziert. Ich gelobe Besserung.
      Außerdem ist der Witz doppelt lustig. Die Dame, die mich zu diesem Charakter inspirierte, war mir tatsächlich von frühester Kindheit bekannt. Einige Leute in meiner Umgebung hätten eine Verbindung liebend gerne gesehen (z.B. Ihre Oma). Mir wäre dies allerdings nie in den Sinn gekommen, genauso wie sie wahrscheinlich nie auf diesen blödsinnigen Gedanken gekommen wäre. Dafür waren wir viel zu unterschiedlich. 😉

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      1. Ich war davon ausgegangen, dass Anja fiktional ist. Spannend geschrieben. In meinen Geschichten benutze ich auch nur fiktionale Figuren. Die früheren Geschichten habe ich bisher nur angelesen. Ich werde mich weiter einlesen.

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      2. Ich versuche mich gerade mit einem Spagat aus realen Ereignissen und Fiktion. Da rät jeder Ratgeber von ab, aber ich versuche es gerne trotzdem.
        Bisher war Alles fiktional, jetzt gibt es die krasse 50/50 Packung um die Ohren. Ich glaube allerdings, dass man die Fiktion recht leicht durchschaut – besonders wenn man weiterliest…

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      3. Eigentlich sollte man es nicht machen, weil es langweilig werden kann.
        Die Realität ist oft sehr dröge. Witze, wie man sie auf der Arbeit erlebt, sind meist in einer Erzählung weniger lustig.
        Meine Figuren sind absolut verfremdet und kommen meist wesentlich besser weg, als ihre realen Vorbilder.
        Die Heimleitung ist insoweit fiktional, dass sie die schlimmste Mischung von Äußerungen beinhaltet, die ich während meiner Kirchenzeit erlebt habe. Diese Charakter sind völlig verzerrt und haben keinen realen Menschen als Vorbild, höchstens einige der Einstellungen, die ich erlebt habe. Man muss sich mal vorstellen, dass Alf als Fernsehserie als dämonisch dargestellt wurde. Von Harry Potter (nach meiner Zeit) gar nicht zu reden. Zauberei ist Teufelszeug. So einfach ist das in manchen Köpfen.
        Die einzigen Charaktere, die reale Vorbilder haben, sind Boris und Anja – und von denen zeige ich eigentlich nur die positiven Seiten.
        Ihre realen Vorbilder müssen sich daher nicht beschweren.
        Hoffe ich jedenfalls… 😉

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      4. Das Fiktive speist sich aus der Realität, aus den Wogen der Gefühle. Beim Schreiben werden sicherlich manchmal erst Zusammenhänge erkannt.

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      5. Ich glaube es ist etwas mehr als das. Wir sprechen hier um einen sehr alten Streit. Mark Twain war einer der Verfechter einer Ansicht, die lautete: „Wenn es nicht real ist, ist es schlecht!“. Diese Einstellung wurde von Henry Miller, Charles Bukowski und soweit ich weiß auch Hemmingway weiter getragen und vermarktet. Die Realität galt als höchstes Gut. Man durfte sie verfremden, allerdings nicht vollständig fiktional schreiben.
        Erst mit dem Siegeszug unserer heutigen Belletristik (Fantasy/Krimi/Sience Fiction) änderte sich die Meinung. Heute findet man kaum noch die Einstellung, dass man Realitäten aufgreifen sollte. Die Meinung wurde zu 180° gedreht. Ratgeber schreiben darüber, dass eine tolle Figur überwiegend fiktional seien muss und nur etwas von der Realität beeinflusst sein darf. Mark Twains findet man fast gar nicht mehr.
        Ich glaube, dass man vielleicht einen Mittelweg gehen sollte. Es fragt sich nur, wie der aussehen kann…

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