Ich rannte in unser Zimmer, in dem sich die Anderen schon umzogen. Für die nächsten zwei Stunden, bis zum Mittagessen, stand körperliche Höchstleistung auf unserem Terminplan. Der gesunde Geist im gesunden Körper wird zwar in der Bibel nicht erwähnt, da er der Körper allerdings den Tempel Gottes darstellt, ist man in christlichen Kreisen dem Leitsatz der griechischen Antike nicht abgeneigt. Ganz getreu dem Motto: Jesus ist in mir – kein Wunder, dass ihn keiner sieht.
Jörg und Daniel hatten ihre Fußballschuhe mitgebracht, die sie dem staunenden Heiko vorführten. Dieser stand in seinem ausgewaschenen Trikot in einer Ecke und zeigte einen Anflug von Begeisterung.
Boris hingegen saß auf dem Bett und blätterte in einem dicken Buch. Ich ging zu ihm und fragte, ob er nicht mitspielen wollte.
»Ich hab keine Sportsachen mit, da ich sowas nicht brauche.«
Jörg höhnte lautstark: »Wenn man sich nicht bewegt, darf man sich nicht wundern, wenn man fett wird.«
Ein heiseres Lachen erklang aus Heikos Ecke.
Ich wühlte in meiner Wäsche herum, bis ich ein T-Shirt, einen dünnen Pullover und eine Flieshose fand, die ich nutzen konnte. Fußballschuhe besaß ich nicht, da ich sie bei meinem ungenügenden Talent nicht benötigte. Bei Ballsportarten kommt meine Grobmotorik voll zur Geltung. Tore sind für mich im Allgemeinen nur grobe Richtungsangaben. In der Regel bin ich froh, wenn ich den Ball überhaupt mit den Füßen treffe und nicht darüber stolpere.
Jörg und Daniel standen wie heute Morgen an der Tür und winkten uns. »Wir kommen noch zu spät zum Fußball.«
»Das wäre extrem ungeschickt – geradezu tragisch.«, murmelte ich. Boris, der mich gehört hatte, lachte. Er sagte: »Willst Du Dir das wirklich antun?«
»Ich stehe seit der Bibelstunde sowieso auf der Roten Liste. Ein wenig Anpassung täte mir gut.«
»Musst Du wissen. Ich mach da nicht mit.«
Ich trabte hinter den beiden Sportlern her und hörte, wie mir Heiko in einiger Entfernung folgte.
Die anderen Kinder kannten meine Unsportlichkeit noch nicht, weshalb ich wie sonst üblich nicht als Letzter gewählt wurde. Das sollte sich schon nach dem ersten Spiel ändern.
Ich spielte zusammen mit Jörg und Daniel, wobei Jörg als der Größte unsere Mannschaft anführte.
Er fragte, ob ich lieber hinten oder vorne mitspielen würde. Ich sagte ihm, dass ich am liebsten von der Außenlinie zuschauen würde, solange man dort nicht vom Ball getroffen wird. Er lachte und steckte mich ins Tor. Warum er die Anspielung auf meine Ungeschicklichkeit nicht verstand, bleibt mir bis heute ein Rätzel.
Ich musste nur für ungefähr zehn Minuten Torwart spielen, bis ich nach drei Treffern, zurück aufs Spielfeld durfte. Meine Angst, mir die Finger am Ball zu brechen, war während der Zeit extrem groß.
Als Abwehrmann war ich nicht völlig unnütz, solange es nur ums Decken ging. Ich stand immer wieder im Weg, was den Spielablauf der Anderen störte. Nur Anja hatte es natürlich auf mich abgesehen.
In einer unbeobachteten Minute schubste sie mich von den Beinen. Sie stand anschließend grinsend über mir.
Ich sagte: »Waren foulen und beten nicht verboten?« »Ich hab nicht so genau hingehört, als die Regeln erklärt wurden.«

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