Heiko hatte seinen Mund staunend offen stehen. Anja schluckte lautstark. Keiner von uns, außer Anja, hatte weitergegessen.
Anja hatte die Augen zugekniffen. Sie biss noch einmal von ihrem Brot ab. Ihr Blick war auf Boris fixiert, der sie ebenfalls ansah. Sie schluckte erneut. »Wie hast Du davon erfahren?«
»Von einem Überlebenden – meinem Großvater. Es war seine Lieblingsgeschichte, die letzte Nacht des dritten Reichs. Er verlor drei seiner besten Freunde und sein rechtes Auge. Sein Bericht brannte sich in unser Gedächtnis ein.
Die merkwürdigen Schlüssel, die Verschwiegenheit, mit der die Offiziere den Transport begleiteten und der verheerende Bombenangriff waren für ihn ein Mysterium.
Ich untersuchte die Angelegenheit, zählte eins und eins zusammen. Über einen Kontakt in Amerika erhielt ich vor einem Monat diesen Schlüssel.«
Er zog an einer Kette, die er unter seinem Pullover verborgen hielt. Am Ende kam ein klobiges Objekt zum Vorschein. Es sah nicht wie ein Schlüssel aus. An einem kleinen runden, metallischem Stab mit einer Öse am Ende, durch die sich Kette zog, waren drei Dreiecke durch einen feinen Draht befestigt. Die Dreiecke hingen lose hinunter und schlugen gegeneinander. Sie wiesen eigenartige Zähne und Riefen auf.
Ich erkannte zu spät, dass Siegfried auf unseren Tisch zusteuerte. Er schien durch unser vertieftes Gespräch neugierig geworden zu sein.
Mit einer Handbewegung zeigte ich Boris, dass er den Schlüssel zurückstecken sollte. Danach deutete ich mit einem Kopfnicken in Richtung Siegfried.
Siegfried stand mittlerweile hinter Anja. Er lächelte uns der Reihe nach an.
»Das war ein unterhaltsames Geländespiel heute Nachmittag. Deinen körperlichen Einsatz Anja, fand ich allerdings nicht sehr fair.«
Er ließ den Kopf hängen. Dann schüttelte er ihn.
Anja blickte zu ihm hoch. »Es ist ein körperbetontes Spiel. Da muss man Alles geben.«
Ich strich über die Wunden, die bei der Berührung brannten. »Geben mag seeliger sein als Nehmen. Auf Kratzer und Blaue Flecken kann ich jedoch gerne verzichten. Außerdem wusstest Du, dass ich die Fahne nicht hatte.«
Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Keine Ahnung, wovon Du sprichst. Ich wollte Dir nur Dein Bändchen nehmen. Ich ahnte nicht, dass Du eine Heulsuse bist.«
Siegfried erhob beide Handflächen nach außen. »Hoffentlich hast Du Dich bei Sebastian entschuldigt. Es sah schmerzhaft aus.«
Mit hängendem Gesicht und weit aufgerissenen Augen nickte ich. Anja lachte nur kurz auf. »Ich habe gar nicht vor, mich für etwas zu entschuldigen, was nicht der Rede wert war. Es ist ein Spiel. Er hat mit seiner Gruppe sogar gewonnen.«
»Ich werde Dich in meinen Gebeten einschließen.«, sagte Siegfried. Er drehte sich mit hängendem Kopf um.
Als er aus der Hörweite war, flüsterte Anja: »Wollte er jetzt an mein Mitleid appellieren? Wahrscheinlich geht es ihm nur um diese dumme Sache: Mädchen müssen grundsätzlich schwächer sein als Jungs. Bestimmt war ich ihm nicht damenhaft genug. Diesen Blödsinn kann er sich gerne aufs Brötchen schmieren.«

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s