Das abendliche Singen streckte sich bis in die Unendlichkeit, obwohl wir noch nicht einmal das Lied: ›Oh Ewigkeit, Du Donnerwort.‹ sangen. Dafür wurde zunächst das Mercedes-Lied (›Stern auf den ich schaue‹) und anschließend das beliebte Lied der Metzger (›Oh dass ich tausend Zungen hätte‹) angestimmt. Dieses uralte Liedgut lag schwer und sperrig im Mund und ging definitiv nicht in die Beine.
Mein Blick auf Boris und Anja verriet mir, dass es den Beiden ähnlich ging. Sie konnten das nächtliche Abenteuer kaum abwarten.
Dann sah ich hinüber zu Julia, die mit weit offenem Mund und strahlenden Augen die Lieder sang. Sie sah dabei wie ein Engel aus.
Kaum hatte ich meine Blicke auf sie geheftet, war das Singen vorbei und wir auf dem Weg ins Bett. Ich konnte mir nicht erklären, warum die Zeit manchmal so komische Sprünge vollführte.
Es dauerte endlos, bis sich Daniel und Jörg überhaupt hinlegten. Sie schwatzten die gesamte Zeit über die Mädchen, denen sie den gesamten Tag hinterhergelaufen waren. Aus Daniels Mund erklang auffallend oft der Name Sarah, was Heiko jedes Mal aufzucken ließ. Es war, als würde Daniel Heiko mit dem Namen schlagen.
Natürlich war es nicht verwunderlich, dass Heiko als Erste im Bett lag. Er drehte uns anderen den Rücken zu und tat so, als ob er schlafen würde.
Endlich legten sich auch Daniel und Jörg hin.
Im Liegen unterhielten sie sich über Julia. Daniel und Jörg waren sich darüber einig, dass dieses Mädchen keinerlei Persönlichkeit ausstrahlte und hinter der Schönheit der Anderen verblasse.
Ich ballte die Fäuste und war kurz davor, die Brüder von ihren Betten zu ziehen. Dann machte ich mir allerdings klar, dass es besser war, wenn sie kein Interesse zeigten.
Im Bett liegend dachte ich an Julia, bis mir jemand am Ärmel zupfte. Anscheinend war ich doch eingeschlafen.
Boris beugte sich über mich. »Können wir jetzt los?«
»Ich muss mir noch die Hose anziehen.«
Leise hüpfte ich aus dem Bett und streifte mir meine Kleidung über. Heiko murmelte leise im Schlaf.
Als ich fertig war, ging ich auf Zehenspitzen zu Boris, der schon die Tür geöffnet hielt. Er spähte in die Dunkelheit hinaussah. Dann nickte er mir zu. »Der Weg ist frei.«
Wir verließen den Raum, mit dem Ziel zweiter Stock – verbotenes Terrain der Mädchen. Vorsicht blickten wir um jede Ecke, immer in Angst entdeckt zu werden. Die Lampen auf den Fluren waren gedimmt. Wie konnte nie weit sehen.
Vor Anjas Tür lauschten wir. Im Zimmer war kein Laut zu hören. Boris klopfte leise gegen die Tür, als plötzlich die Lampen im Flur aufflackerten. Anschließend war jeder Zentimeter hell erleuchteten.
An einem Ende des Flurs stand Herr Berkowitz. Eine Hand lag auf der Anjas Schulter, die uns panisch anschaute.
Seine Stimme hallte zu uns. »Was hattet ihr denn bitte vor? Wisst ihr nicht, dass Besuche zu so später Stunde untersagt sind?«

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Ein Kommentar zu „In der Nacht

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