Wir versteckten uns in der Nähe des Steinbruchs, gleich gegenüber der geheimen Tür. Zum Glück fand uns niemand. Das lag wahrscheinlich daran, dass die anderen Kinder durch die eindringlichen Warnungen viel zu eingeschüchtert waren. Die Schauergeschichten von Seiten der Heimleitung hatten ihre Spuren hinterlassen.
Innerhalb einer halben Stunde hatte ich den Schlüssel zusammengesetzt. Es war gar nicht schwer, wenn man den Trick einmal heraus hatte. Diesmal sah er so aus, wie auf dem Emblem auf der Tür.
Den Draht wickelte ich wie vorher um die drei Teile, damit er dem Gebilde zusätzliche Stabilität verlieh.
Anja nickte in Richtung Steinbruch. »Komm, lass es uns ausprobieren.«
»Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen Boris. Er hatte es mir versprochen und jetzt breche ich das Versprechen von meiner Seite.«
»Wenn Du damit so ein Problem hast, werde ich die Tür öffnen.« Anja riss mir den Schlüssel aus den Händen und rannte los.
Ich holte sie erst am Felsen ein. Sie war verdammt schnell. Das war sie schon gewesen, als wir noch Kleinkinder waren und sie mir andauernd meine Spielzeuge und Süßigkeiten klaute.
Hinter dem Baum und den Büschen schob sie das Verdeck des Schlüssellochs hoch. Der Schlüssel glitt fast vollständig ins Schloss. Nur noch der kleine Ring am Ende des Stiftes blieb außen.
Sehr vorsichtig drehte Anja am Schlüssel. Zunächst schien er zu haken. Ich sah, wie Anja sich anspannte. Ihre Hand zitterte leicht. Dann gab das Innenleben des Schlosses nach.
Es klickte metallen. Anja zog an dem Schlüssel und die Tür schwang auf. Nicht ganz, sie öffnete sich nur ein kleines Stückchen und blieb dann hängen.
Anja sah mich an. Ich nickte.
Sie griff die Außenkante und zog. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter.
Anjas Kopf wurde rot. Ihre Hände verkrampften sich im Metall. Nach ein paar Sekunden sah sie mich an.
»Du siehst doch, dass das hier schwer ist. Kannst Du nicht mal helfen, starker Mann?«
»Ich dachte Mädchen können alles besser?« »Besser auf jeden Fall, allerdings nicht grundsätzlich alleine.«
Ich stellte mich an ihre Seite, packte die Kante und zog. Irgendetwas quietschte. Dann war die Tür auf einem Schlag frei. Wir landeten in den Büschen.
»Hätte man sich auch denken können. Eine Tür, die 30 Jahre nicht geölt wird, hat so ihre Probleme.«, sagte ich.
Ich stand auf. Vor uns klaffte eine dunkle Öffnung. Die Wände rechts und links waren aus Stein. Ein schmaler Gang führte ins Innere. Das Gestein wirkte nass. Es glänzte dort, wo die Sonne es erreichte.
Der Weg vor mir wirkte unheimlich. Ängstlich fragte ich: »Gehen wir rein?«
Anja sprang nach vorn. »Warum sind wir sonst da?«

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