Während wir zum Essen eilten, riet mir Boris, alle Leute anzusprechen, die meiner Meinung nach dabei sein sollten. Um Mitternacht würden wir uns vor dem Haus treffen und gemeinsam zum Steinbruch gehen.
Ich hielt das für eine wirklich dumme Idee. Sie war viel zu übereilt, ich wollte Boris allerdings nicht widersprechen.
Die Menschenmenge im Speisesaal überraschte mich. Die Erwachsenen der Bläserfreizeit hatten den linken Teil für sich reserviert. Ich sah meinen Onkel, der mir lächelnd zuwinkte.
Auf unserer Seite waren nur noch zwei Plätze frei. Einer der Plätze war direkt neben Julia, die mich misstrauisch beäugte. Seit dem Fiasko in der letzten Nacht war ich anscheinend in ihrer Gunst weiter gesunken.
Trotz der kritischen Blicke setzte ich mich neben sie. Als ich mich auf den Stuhl fallen ließ, wandt sie ihren Kopf blitzschnell zu Sarah, die neben ihr saß.
Ich fühlte mich, wie in meiner Schulklasse, in der ich ebenfalls grundsätzlich ignoriert wurde. Das war allerdings angenehmer, als von den anderen verprügelt zu werden. Ich hatte mir den Außenseiterstatus hart erarbeitet. In meiner Schulklasse galt ich als Jesus-Spinner.
Boris saß an einem Tisch mit Daniel und Jörg. Die Drei diskutierten mit gesenkten Köpfen. Es schien ein wenig zu auffällig, für meinen Geschmack.
Die Wurstplatte stand zu weit von mir entfernt. Ich lehnte mich hinüber um sie näher zu ziehen. Dabei stupste ich Julia versehentlich an, die zu mir herumfuhr.
»Was ist Dein Problem?«
Ich schaute tief in ihre meerblauen Augen. Sie hatten das gleiche Blau, wie die Lagunen in den Werbeprospekten für tropische Inseln.
Meine Stimme war kaum zu hören. »Ich wollte mir nur die Wurst holen.«
»Du hättest auch fragen können.«
»Du sahst nicht so aus, als wolltest Du von mir gefragt werden.«
Julias Blicke bohrten sich in mich. Ich schaute verlegen auf den Boden, als wäre mir gerade die Butter unter den Tisch gerutscht.
»Seh ich so aus, als könnte man nicht mit mir sprechen?«
»Du siehst so aus, als wäre ich nicht würdig mit Dir zu sprechen. In Deiner Nähe vergesse ich immer, was ich sagen will. Es ist wie verhext.
All die Worte in meinem Kopf sind wie ein Tänzer ohne Bühne. Wie dieser Künstler ohne Bühne bin ich gezwungen, sie falsch auszusprechen.«
Ich blickte hoch in ihr Gesicht. Ihre Augen waren geweitet und sahen mich an.
»Ich dachte, dass Du mich verachtest«, stammelte ich. Meine Hände schwitzten und mein Kopf fühlte sich krank an.
Sie sagte: »Ich dachte, dass Du mich ignorierst. Du hängst immer mit dieser Anja ab. Ich war sicher, dass sie Deine Freundin ist.«
Bei dem Gedanken musste ich lachen. Ihre Augen verengten sich. Eine Falte lag auf ihrer Stirn.
»Anja ist eine Freundin, die ich schon kannte, bevor ich in den Kindergarten ging. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, dass ich irgendwann man Gefühle für sie entwickeln würde. Außerdem kratz sie. Ich kann das beweisen.«
Ich erhob meine Hand und deutete auf die Spuren an meinem Arm. Julia hingegen sah nur das Pflaster auf der Handfläche.
»Sie hat Dich verletzt?«
»Da bin ich über eine Wurzel gefallen. Das hier unten war sie.«
»Ich sehe nichts.«
»Sie hat mittlerweile gelernt die Spuren zu verwischen.«
Julia nickte. Dann lächelte sie mich an.

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4 Kommentare zu „Abendessen

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