Der neue Roman (Szene 1.2)

Tom hatte von Anfang an keinen Bock auf die Fahrt gehabt. Für einen Familienurlaub war er mit 16 Jahren schon zu alt. Die meisten der Gang waren alleine in den Urlaub gefahren. Seine Eltern Michael und Nikol wollten es einfach nicht wahrhaben, dass er zu reif für diesen Mist war.
Dann hatten sie auch noch den Vorschlag mit Schottland und der Isle of Skye gemacht. Drei Wochen Urlaub im Hochsommer, auf einer Insel, auf der die Regenwahrscheinlichkeit bei 100% und die Durchschnittstemperatur bei 20 Grad lagen.
Sie hätten auch vorschlagen können, Urlaub in einer Waschgarage zu machen. Das wär näher und wesentlich wärmer gewesen.
Zwei Tage Fahrt, zusammengepfercht in einem Wagen mit seinen Erzeugern – wie drei vakuumverpackte Grillwürstchen – dann erst hatten sie ihr Ziel erreicht.
Als sein Vater Michael vor einer zweistöckigen Holzhütte hielt, war Tom kurz davor, ihm, als Zeichen seiner Laune, direkt vor die Füße zu kotzen. Allerdings wollte er keinen Ärger mit den Eltern haben.
Nach einer nahezu schlaflosen Nacht auf einer viel zu weichen Matratze, war er nach draußen geschlichen und hatte diese märchenhafte Begegnung, die ihn an seinem Verstand zweifeln ließ.
Die Fee hatte in einer kleinen Lache auf dem verwitterten Holztisch direkt vor der Hütte gelegen. Die Pfütze schimmerte in allen Regenbogenfarben unterhalb ihres Kopfes. Ein paar Strähnen ihrer Haare klebten ihr immer noch im Gesicht.
Während er sie ansah, fiel ihm auf, dass ihre Bewegungen irgendwie schwankend und weniger gradlinig und grazil waren.
„Sag mal, bist Du etwa besoffen?“
Die Gesichtsfarbe der Fee wechselte zu Dunkelrot. Ihr Kopf mit dem schwarzen Zopf erinnerte Tom nun stark an eine Kirsche.
„Ich bin nicht besoffen. Es ist verdammt viel mehr nötig, um mich besoffen zu machen. Ich hatte nur einen kleinen Schluck. Sowas macht mich doch nicht besoffen.“
„Ist das Feen-Erbrochenes, in dem Du da gelegen hast?“
„Ich werde Dich und Deine Familie verfluchen. Ihr sollt in einem Land leben, das nicht grün ist und in dem es nur selten regnet.“
„Wir kommen aus Deutschland. An das Grau sind wir gewöhnt und es könnte gerne weniger regnen.
Kannst Du überhaupt zaubern?“
„Natürlich! Ich bin ein magisches Wesen.
Ich könnte Dich zum Beispiel kleiner zaubern, damit ich nicht immer so zu Dir hochschauen muss. Ich bekomme schon Nackenschmerzen.“
Sie verzog ihre Nasenspitze und schaute angestrengt in Toms Gesicht.
Die Beiden starrten sich mehrere Sekunden an. Dann schüttelte sich die Fee.
„Mist! Klappt nicht. Irgendwas klemmt.“
„Vielleicht bist Du noch zu besoffen?“
„Kannst Du mal die Schnauze halten? Ich muss mich konzentrieren.“
Die Fee schloss die Augen und wirkte, als würde sie meditieren.
Eine gesamte Minute geschah absolut gar nichts.
Ein paar Regentropfen fielen auf die Erde. Tom fröstelte es. Er hätte vielleicht doch besser den warmen Pulli anziehen sollen.
Die Fee blinzelte mit einem Auge zu Tom hoch. Dann schüttelte sie enttäuscht den Kopf.
„Verdammte Scheiße. Vor ein paar Jahrhunderten war das mein beliebtester Partytrick. Wenn das geklappt hätte, hätte ich Dich schnell wieder vom Arsch gehabt. Das mit dem Kleinmachen ist bei vielen Leuten der letzte Schrei.
Ich hab von einer Kollegin gehört, die ihren Penner nach nur fünf Stunden wieder von der Hacke hatte. Er schreibt immer noch Bücher über seine tolle Zeit als winziges Fabelwesen.“
Aus dem Haus, oben aus dem Schlafzimmer seiner Eltern, kam ein dumpfes Geräusch.
Tom drehte sich überrascht um und starrte hoch zum Fenster, aus dem jetzt nichts mehr zu hören war.
Ihm wurde schlagartig bewusst, in welcher peinlichen Situation er sich gerade befand. Es war definitiv nicht normal, sich mit Fantasiewesen zu unterhalten.
Tom schüttelte den Kopf. „Weißt Du, wenn das eh nicht klappt, brauch ich auch nicht weiter hier im Regen stehen. Dann geh ich lieber wieder rein und wecke meine Eltern.“
„Eh! Warte mal. Mir fällt bestimmt…“
Ohne den Satz abzuwarten, drehte sich Tom um, ging eilig ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

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