Der neue Roman (Szene 1.3)

Das kleine Wesen hatte Tom verwirrt. Schon alleine der Gedanken, dass er sich mit einer Märchenfigur für kleine Mädchen unterhalten hatte, trieb ihm einen Schauer in den Nacken. Vielleicht hatte die Einbildung recht und sein Geist geriet wirklich aus der Spur – entgleiste gerade wie ein LKW bei Glatteis. Irgendwas musste ihn traumatisiert haben. Wahrscheinlich war dieser verdammte Urlaub daran schuld. Angst füllte seine Magengrube.
Eigentlich wollte er nur eine Nachricht an seinen besten Freund Paul schreiben. Der war gerade in Frankreich auf einem Kunst- und Kultur-Festival. Seine Eltern hatten Paul ganz alleine fahren lassen. Was würde er von ihm halten, wenn er wüsste, dass Tom gerade abdrehte?
Die Fee hatte ihn so abgelenkt, dass er sein Handy ganz vergessen hatte. Ein Griff in die Hosentasche, gleich nachdem er die Tür zugeschlagen hatte, erinnerte ihn wieder daran.
Tom zuckte zusammen, als er seinen Vater im Pyjama im Flur vor sich stehen sah. Er wirkte zerknirscht, so als hätte das Kopfkissen seinen Kopf noch nicht vollständig verlassen. Die Augen waren immer noch verklebt.
„Hast Du Dich gerade draußen mit jemand unterhalten? Ich könnte schwören etwas gehört zu haben.
Wer war das?“
Tom schüttelte den Kopf. Die väterliche Definition des Wortes Familienurlaub, mit einer exklusiven Betonung auf „Familie“, war auf Dauer schwer erträglich.
Kurz zögerte Tom. Er lief rot an. Von der Fee konnte er auf jeden Fall nichts erzählen.
Er kaute auf der Unterlippe und ließ die Augen im Raum kreisen. Dann zuckte er mit den Schultern und sagte: „War nur Paul. Er hat mich aus Frankreich angerufen. Der hat da 35 Grad im Schatten. Wir haben lediglich die Hälfte, ganz ohne Schatten und Regen aus allen Richtungen.“
„Aber es ist doch auch hier wunderschön.“
Tom gelang es nicht, das abfällige Schnaufen zu unterdrücken.
„Die Französinnen sind super freundlich zu ihm.“, fügte er hinzu.
Michael schien den Schlaf abzuschütteln und es war, als würde er sich an etwas Schlimmes erinnern. Die Laune versank merklich und wesentlich schneller, als dieser dämliche Kahn im Schnulzenfilm Titanic, den Tom einmal zwangsweise, auf Drängen seiner Mutter, hatte sehen müssen.
„War nicht abgemacht, dass Handy erst mal abzuschalten? Wir wollten uns doch auf die Familie konzentrieren.“
Als Michael den Blick seines Sohnes bemerkte, fügte er hinzu: „Außerdem gibt es hier bestimmt auch nette Mädchen.“
In diesem Augenblick hätte man mit Toms schlechter Laune ein gesamtes Toastbrotpäckchen beschmieren können.
Er nickte nur und dachte: „Bei meinem Glück sind es kleinwüchsige Geschöpfe, die in ihrer eigenen Kotze auf Tischen übernachten.“
Sein Vater schien seine Gedanken lesen zu können. Er lächelte und sagte: „Die Mädels hier sind vielleicht etwas rustikaler als in Frankreich, dafür tragen sie das Herz am rechten Fleck. Du wirst schon sehen, sie werden Dir gefallen.“
Mit einer Handbewegung verließ Tom seinen Vater. Er biss die Zähne zusammen, während er die Tür hinter sich zuzog.
Die Bücher, die er mitgebracht hatte, warteten auf ihn.

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