Der neue Roman (Szene 1.4)

Dieser Urlaub war ein Alptraum. Ausgerechnet sein Vater, der zu Hause nur unter Vollnarkose operativ von dem Mobiltelefon zu trennen war, hatte diese dämlichem Regel des elektronischen Verzichts für die Fahrt erlassen. Mag ja sein, dass er die Pause dringend brauchte, Tom selbst hatte jedoch keine Lust auf die Trennung von seinem sozialen Netzwerk.
Außerdem hatten sie hier kostenloses WLAN.
Es gab also noch nicht einmal einen Grund für die selbstauferlegte Enthaltsamkeit. Was würden seine Freunde sagen, wenn er sich nicht regelmäßig meldete? Was würde Paul davon halten, wenn er keinen Bericht erstattete?
Genervt blickte er durchs Fenster auf die graue Wand aus Nebel und Regen. Eigentlich sollte hier eine grüne Wiese sein, die sich bis zum Meer zog. Seine Mutter fand den Ausblick, den man sich momentan nur vorstellen konnte, ‚einfach magisch‘.
Das einzige was allerdings wirklich ‚magisch‘ war, war die Fee, die von draußen an die Scheibe seines Schlafzimmerfensters klopfte.
Sie sah noch etwas verärgerter aus, als Tom sie zurückgelassen hatte. Immer wieder deutete sie ihm mit Gesten an, dass er das Fenster öffnen sollte.
Tom beschloss, dass das Ding vor dem Fenster eine Halluzination war und ignorierte es, so gut es ging. Er legte sich auf sein Bett und nahm das Buch, welches aufgeschlagen auf dem Betttisch lag.
Seine Halluzination wurde sekündlich penetranter. Sie trommelte jetzt mit Händen und Füßen gegen die Scheibe, in einem Takt, der sekündlich schneller wurde.
Kurz überlegte er sich, wie es passieren konnte, dass dieses Ding die dunkle Kammer seines Verstandes verlassen hatte. Der Medien-Verzicht musste seine Spuren hinterlassen haben.
Wenn er sich konzentrierte, würde er bestimmt wieder in die Spur zurückfinden. Er wollte doch nur normal sein.
Das Klopfen hörte ganz plötzlich auf.
Überrascht sah Tom zum Fenster. Die Fee lächelte ihn breit an und winkte ihm zu. Als sie sah, dass er zu ihr blickte, zeigte sie ihm, immer noch lächelnd, den Mittelfinger. Dann sprang sie von der Fensterbank.
Tom fasste den Entschluss, seine Halluzination mit allen Mitteln zu unterdrücken.
Warum hatte sein Geist nicht irgendetwas Cooleres erfunden? Musste es unbedingt eine Fee sein? War er ein kleines Mädchen, das noch an Feen glaubt?
Er hörte seine Mutter Nikol durch den Flur stapfen.
In solchen Urlauben waren seine Eltern immer nervig.
Der Wunsch zu ‚entspannen‘ grenzte an Hysterie – genauso wie zu Hause. Das merkte man zum Beispiel an ihrer Kleidung.
Während des Tages trugen sie modische, allerdings sehr spießige und teure Kombinationen in dunklen Tönen.
Sobald sie jedoch die Haustür öffneten, schlüpften sie in ökologisch gut abbaubare Lumpen, die immer so aussahen, als hätte man Jutebeuteln nach jahrzehntelanger Nutzung eine zweite Chance gegeben.
Mit der akkuraten Kleidung wechselte auch die Einstellung von strebsam, auf gezwungen offenherzig und lässig.
Er hatte diese gezwungene Lässigkeit nie wirklich verstanden.
Seine Mutter würde ihn in spätestens einer halben Stunde zum Frühstück rufen. Der Gedanken an das Essen ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ein gefüllter Magen würde vielleicht auch seinen Geist beruhigen.
Tom schälte sich vom Bett und ging in die Küche. Wenn er seiner Mutter half, könnte er das Frühstück vielleicht noch beschleunigen. Außerdem half er ihr gerne in der Küche. Sie mochte es, wenn er dabei war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s