Sommer 2016 – Kapitel 1

Abschätzend sah ich an Sommer hinab. Dann sagte ich: »Schickes Outfit. Ist das eine Surfer-Boy Retro-Uniform?«
Sofort erschien ein breites Lächeln auf Sommers Gesicht, welches mich an einen Erstklässler erinnerte, der voller Stolz sein erstes Zeugnis an die Mutter übergibt, ohne zu verstehen, welche Gemeinheiten ihm seine Lehrerin dort hineingeschrieben hat.
Mir kam der Gedanke, dass ich Sommer erzählen sollte, dass ich das Wort ›Retro‹ als Schimpfwort in meinem Freundeskreis einführen wollte, in dem ich Alles, was schwachsinnig war und hässlich aussah, mit genau diesem Wort titulierte. Leider hatte ich keinen großen Erfolg, Retro blieb weiterhin ‚in‘.
Sommer sagte: »Das ist das Outfit, welches ich immer gerne an der Beach von Australien trage.«
Ich sagte: »Anscheinend liebst Du Anglizismen?«
Sommer sagte: »Eh! Ein wenig mehr Understanding von Deiner Seite wäre echt Nice«.
Ich sagte: »Da Du anscheinend gerade aus dem Flieger aus Australien gefallen bist, werde ich Rücksicht nehmen. Von meiner Seite ist Cherry-Picking ein absolutes No-Go.«
Sommer sagte: »Voll korrekt, Alter!«
Ich sagte: »Das mit dem ›Alter< konnte ich auch noch nie so ganz nachvollziehen. Woher kommt das?«
Sommer sagte: »Ich komm auf jeden Fall aus Australien und hatte einen super Urlaub hinter mir. Das war so genial, dass ich Dir gar nicht genug darüber erzählen kann.«
Ich sagte: »Setzen wir uns erst einmal hin. Das wird wahrscheinlich im Sitzen besser zu ertragen sein.«
Ich sah Sommer an und sagte: »Irgendwie muss ich an Frisöre denken.«
Sommer sah mich fragend an und sagte: »Warum?«
Ich sagte: »Du erinnerst mich an das Musical Hair und von da ab, ist es nur noch ein kurzer Weg zum Frisör. Ich muss allerdings sagen, dass ich nicht gerne zum Frisör gehe.«
Sommers Blick war immer noch voller Fragen.
Ich sagte: »Das liegt wahrscheinlich an einem Kindheit-, bzw. Jugend-Trauma. Irgendwann, bevor ich mir die Haare unerträglich lang habe wachsen lassen, wurde ich beim Stammfrisör meines Vaters von einer netten Auszubildenden frisiert.


Als Jugendlicher, der gerade Probleme damit hat, den eigenen Hormonhaushalt in den Griff zu bekommen, war die Dame, die fast im gleichem Alter war, etwas Anbetungswürdiges.
Natürlich kamen wir ins Gespräch. Eine Dummheit, die man während des Haareschneidens immer begeht.
Natürlich glaubt man, sich unterhalten zu müssen, da das alle anderen Kunden schließlich auch tun. Eine gute Unterhaltung zwischen Kunde und Frisör, gehört klischeehaft so sehr zum Ritual, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt. Dabei werden sich die Leute, die den Beruf nachgehen, sicherlich nicht beschweren, wenn man einfach mal die Klappe hält. Sie müssen ja schon mit allen anderen sprechen, weil die meinen, dass man das aus lauter Höflichkeit so muss.
Meiner Meinung nach, ist man zu nichts verpflichtet und sollte so auch handeln.«
Es trat eine Pause an, während der mich Sommer ansah. Nach einer kleinen Weile sagte er: »Und was war mit der Auszubildenden?«
Mit einem Schütteln brachte ich mich in die Realität zurück. Ich sah Sommer an und sagte: »Na ja wir kamen ins Gespräch. Sie erzählte mir mehr über ihre Ausbildung und ich hört zu.
Es ist immer sehr wichtig zuzuhören, wenn Frauen einem Mann etwas erzählen.«
Sommer wedelte mit der Hand, als wolle er mich aus weiter Entfernung zu sich rufen.
Ich sagte: »Das Mädchen hatte das Problem, dass sie ein Modell für eine Prüfung brauchte. Da sie meine Haare als sehr schön empfand, sollte ich ihr Modell stehen.
Wir vereinbarten einen Treffpunkt und einen Termin.
Ich habe fast eine Stunde gewartet. Sie ist nie gekommen.«
Sommer holte ein Taschentuch aus seiner Tasche und schniefte laut.
Sommer sagte: »Das war echt deep, Mann.«
Ich sagte: »Schön wenn es Dich berührt hat. Wären die Würfel anders gefallen, wäre ich jetzt wohl Haar-Model und würde über die Laufstege dieser Welt wandeln. Oder vielleicht würde ich Haar-Spots drehen. Dann würde über meinen Haarwurzeln in goldenen Letter stehen >PalmOlive: Mit einzigartigem Wirk-Komplex, damit ihre Haare endlich mehr Komplexe haben, als sie selbst<.«
Sommer klatschte in die Hände und sagte: »Das ist, was mir an Dir so gefällt. Da sind unendliche gute Sprüche auf Deinem Blog.«
Er ließ sich auf das Sofa fallen und drehte sich eine Zigarette. Dabei war er so flink, dass man kaum sehen konnte, wie er es machte. Allerdings hätte ich schwören können, dass nicht alle Tabakblätter braun waren. Einige hatten ein merkwürdiges Grün.
Ich sagte: »Du musst schon auf dem Balkon rauchen. Hier drinnen wird nicht geraucht.«
Sommer sagte: »Macht nichts. Draußen ist ja warm genug. Ist aber trotzdem nicht gemütlich von Dir.«
Ich sagte: »Wir schicken alle rauchenden Kollegen und Verwandten raus. Du kannst also sicher sein, dass Du keine Sonderbehandlung erfährst.«
Als Sommer auf dem Balkon saß, sagte ich: »Was bringt Dich zu mir? Soweit ich weiß, hast Du ja noch nicht einmal Deine Familie besucht, als Deine Mutter dazu aufgefordert hatte.«
Sommer sagte: »Da unten wurde es langweilig. Da ich Deinen Blog regelmäßig einsehe, wuchs mein Interesse, Dich einmal kennen zu lernen.«
Ich sagte: »Es ist mir eine Ehre. Ich dachte, dass ich die letzten Leser durch den boshaften Charakter Deiner Schwester Frühling verloren habe.«
Sommer sagte: »Außerdem gab es noch einen anderen Grund.«
Hellhörig geworden sagte ich: »Und welchen?«
Sommers Augen leuchteten in ihrem eigenen Licht. Seine Augenfarbe war ein helles Gelb und erinnerte mich an den Strand in der Karibik.
Er sagte: »Australien ist echt cool.«
Ich sagte: »Kann ich mir nicht vorstellen. Liegt doch viel zu nah am Equator. Besteht der Kontinent nicht zum großen Teil aus Wüsten und Steppen?«
So wie mich Sommer ansah, musste ich annehmen, dass er mir entweder absichtlich nicht zugehört hatte oder das der Rauch, den er im Augenblick inhalierte, nicht zuließ, dass er etwas mitbekam. Ich hätte sein Gesicht auf ein Blatt Papier zeichnen und mich mit diesem Platt unterhalten können, es hätte ähnliche Auswirkungen.
Er sagte: »Australien ist großartig und cool.«
Ich sagte: »Es kommt mir so vor, als würdest Du Dich wiederholen.«
Sommer nahm einen weiteren Zug und sagte: »Endlose Sandstrände.«
Ich sagte: »Die Einheimischen nennen sie Wüsten. Saudi Arabien hat ähnlich viel zu bieten.«
Sommer sagte: »Surfing am großen Riff.«
Ich sagte: »Das ›Geat Barrier Reav‹ – ich hab mal einen getroffen, der mir von dem Ort vorgeschwärmt hat. Meinte, das wäre echt cool da.«
Sommer fuhr zu mir herum, sah mir in die Augen, als hätte er mich gerade zum ersten Mal gesehen und sagte: »Ja voll cool!«
Ich sagte: »Der Effekt von Kiffen ist immer wieder lustig. Auch wenn man nur unbeteiligt dabei steht. Auf einem Festival habe ich mal einem Pärchen gelauscht, die beide hacke-breit waren. Sie hatten die Tüte noch abwechselnd an den Lippen.
Sie sprach über einen Kaufstand auf dem Festivalgelände und er über einen Wohnwagen, der gleich in der Nähe stand. Beide waren total begeistert von den Worten des anderen, hatten das Gefühl sich auf allen Stufen des Seins zu verstehen und waren voll happy.
Es ist selten, dass Ehepaare so einer Meinung sind, obwohl sie sich nicht über die gleiche Sache unterhalten.«
Sommer sah mich fragend an.
Leise sagte ich: »Voll cool!«
Sommer sagte: »Ja genau – voll cool!«
Ich sagte: »Soweit ich mich erinnern kann, habe ich Deiner Schwester schon erzählt, dass ich nie weit rumgekommen bin. Die weite Welt hatte nicht den Sog auf mich ausgeübt.«
Sommer sagte: »Krass.«
Ich sagte: »Warum meinst Du das?«
Er sagte: »Na weil man das so sagt.«
Ich sagte: »Du meinst, anstelle einfach mal ruhig zu sein?«
Er sagte: »Ja klar.«
Ich sagte: »Warum musst Du eigentlich allen Klischees entsprechen, die ich über Strandboys im Kopf habe?«
Sommer lächelte mich an und entspannte sich in seinem Stuhl. Er sackte in sich zusammen und sah vollständig entspannt aus, wie ein Schlauchboot, aus dem man die Luft entlassen hatte. Er sagte: »Entspreche ich den Klischees oder entsprechen die Klischees mir?«
Mit den Schultern zuckend sagte ich: »Eigentlich interessiert mich die Antwort gar nicht.«
Eine peinliche Pause folgt, in der ich meine Blicke auf die Spitze meiner Schuhe fokussierte. Nach drei Ewigkeiten sagte ich: »Neulich war ich auf der Bank und wartete auf einen Termin bei Jemanden, den man anscheinend gerade aus der Ausbildung entlassen hatte. Neben mir saß meine Frau und daneben eine andere Dame.
Ein Sachbearbeiter trat auf die Stuhlreihe und sagte: ›Wer von ihnen ist jetzt Frau Dingskirchen?‹
Für einen Moment wäre ich gerne aufgesprungen und hätte mit möglichst hoher Stimme: ›das bin ich‹ gesagt.«
Sommer lachte aus vollem Hals, was mich zusammenzucken ließ. Er hatte Tränen in den Augen.
Ich sagte: »So gut war das auch nicht.«
Er sagte: »Das war voll Tight!«
Meine Augen weiteten sich und ich sagte: »Was meint dieses Wort überhaupt? Warum ist etwas gut, wenn es eng ist? Was ist damit gemeint? Eine Hose ist es sicherlich nicht. Die kneifen nur, wenn sie zu eng sind. Oder meinst Du ein Auto nach dem Unfall?«
Sommer zuckte jetzt mit den Schultern und sagte: »Das sagt man so.«
Mit einem Huster und zusammengezogenen Wangen drückte Sommer den kleinen übriggebliebenden Stummel im Aschenbecher aus.
Er sagte: »Hab gar nicht gefragt, ob Du auch was wolltest?«
Ich sagte: »Davon wird mir immer zwei Tage hintereinander schwindelig. Aber danke, dass Du fast an mich gedacht hättest.«
Sommer sagte: »Ich muss immer wieder an Patricia denken.«
Sein Grinsen weitete sich aus. Beinahe hatte ich Angst, dass wenn es sich weiter ausbreitete, Sommer bald wie Pac-Man aussehen würde.
Ich sagte: »Irgendwann mussten wir ja auf die Sache kommen, die Dir in Australien am besten gefallen hat.«
Sommer erhob sich und sagte: »Hast Du Chips da?«
Ich sagte: »Schau mich an. Ich habe nicht umsonst die Umrisse eines Nilpferds. Wenn ich mich gesund ernähren würde, könnte ich das Gewicht nicht halten und müsste mir immer neue Hosen kaufen.«
Sommer sagte: »Du isst also nur, um Dein Gewicht zu halten und dadurch beim Kleidungskauf zu sparen? Das kann ich gut verstehen. Ich hasse einkaufen.«
Ich sagte: »Das sieht man. Deine Klamotten sehen so aus, als hättest du sie das letzte Mal im Vietnam-Krieg gewechselt.«
Sommer sah an sich herab und sagte: »Ach so. Jetzt musste ich mir erst einmal sehen, was ich anhabe.«
Mit ein paar Schritten stand ich in der Küche und kramte aus dem Schrank die Chipstüte heraus. Sommer hatte sich derweilen auf der Couch niedergelassen.
Er sagte: »Patricia ist die Beste!«, dann ergriff er die Tüte, führte sie zum Mund und schüttete mindestens ein Viertel hinein.
Sommer versprühte erneut eine Flut kleiner Chips-Partikel über sein Hawaii-Hemd. Er verströmte dabei die gleiche Anmut, die ein Elefant während seines Bades in mir erweckte. Seine struppigen Haare fielen ihm immer wieder in die Augen. Er wischte es dann mit einer lässigen Handbewegung aus seinem Sichtfenster.
Ich sagte: »Ihr müsst doch schon verdammt lange auf diesem Planeten rumhängen.«
Sommer nickte und blickte mir in die Augen. Er zog die Brauen hoch und zuckte mit den Schultern.
Ich sagte: »Wie kommt es, dass Du Dich immer noch für Menschen interessierst? Bisher hatte ich das Gefühl, dass euch die Menschheit reichlich egal ist. Eigentlich waren Deine Geschwister und der Rest Deiner Verwandten eher negativ auf uns zu sprechen.«
Ein paar Minuten musste ich mich gedulden, bis Sommer den Mund leer genug hatte, um mir antworten zu können.
Er sagte: »Ich mochte die Menschen schon immer. Sie sind ein lustiges Volk und nach Jahrmillionen ohne Bewusstsein und der Möglichkeit sich mal zu unterhalten, sehe ich in euch, eine perfekte Gelegenheit sich abzulenken.«
Erneut wanderte seine Pranke in die Tüte. Wenn er in der gleichen Geschwindigkeit weitermachte, müsste das Ding bald leer sein.
Ich sagte: »Es muss langweilig gewesen sein, so lange ohne Gesprächspartner zu leben.«
Sommer nickte.
Es war wenig sinnvoll, sich weiter mit ihm zu unterhalten, solange er die Tüte umklammert hielt, als wäre sie der Heilige Gral.
Ich ging in die Küche, um mir einen Tee zu machen.
Als ich zurückkam, fächelte sich Sommer gerade die Krümel von der Kleidung. Er hatte ein zufriedenes und müdes Lächeln auf dem Gesicht.
Ich setzte mich ihm gegenüber auf den Sessel und sagte: »Was war denn jetzt mit der Frau?«
Sommer lachte schallend. Nach dem gekünstelten Lachen von Winter und dem boshaften Gegacker von Frühling, war sein Lachen eine befreiende Offenbarung.
Er sagte: »Patricia ist eine echte Traumfrau. Sie hatte immer so ein Tuch, mit dem sie sich die Haare nach hinten band. Das sah wirklich süß aus.«
Ich sagte: »Wenn Du sie noch nicht einmal gesprochen hast, wie willst Du dann beurteilen, ob sie zu Dir passt?«
Sommer sagte: »Wer sagt, dass wir nicht gesprochen haben? Außerdem weiß man so etwas sofort. Hast Du nie von der Liebe auf den ersten Blick gehört.«
Ich sagte: »Was sagen Deine Eltern eigentlich zu solch romantischen Beziehungen zu Sterblichen?«
Sommer sagte: »Mutter hält da überhaupt gar nichts von. Winter hatte einmal einen Menschen, mit dem sie, nach eurer Zeitrechnung, fast endlos zusammen war. Es ging bestimmt ein paar Jahrhunderte.«
Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch.
Er sagte: »Sie hatten ein paar Kinder. Mutter war gar nicht begeistert. Sie hat die beiden nicht mehr zu sich eingeladen. Sie schweigt immer noch beharrlich über die Zeit.«
Ich sagte: »Wenn ein Mensch so lange lebt, müsste er doch irgendwelche Spuren hinterlassen? Wer war dieser Typ?«
Sommer sagte: »Es war ein Baron oder Graf aus irgend einem kleinen osteuropäischem Land. Seine Legende wurde ziemlich berühmt. Ich hielt allerdings nichts viel von ihm. Sein Charakter war irgendwie düster.«
Ich sagte: »Was ist denn mit Dir?«
Er lachte erneut und sagte: »Ich suche noch nach der großen Liebe.«
Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als wäre ich in einem Liebesroman gefangen. In Panik entschuldigte ich mich und schlich auf Toilette.
Meine Hände umklammerten schweißnass mein Telefon und ich gab hektisch ein paar Suchwörter bei Google ein. Bisher hatte ich keine Erfahrungen, was einen guten Liebesroman ausmacht. Eigentlich habe ich mich mit der Materie noch nie auseinandergesetzt.
Sommers Erscheinen und die Unterhaltung bisher lief jedoch stark in die Richtung der Literaturgattung, in der ich mich noch gar nicht auskannte.
Wie schreibt man einen Liebesroman?
Inständig hoffte ich, dass es eine leichte Screwball Komödie werden würde. Selbst wenn ich mich an dieser Stelle oute sollte, so mag ich Filme wie ›Notting Hill‹, ›die Hochzeit meines besten Freundes‹ oder ›Frühstück bei Tiffanies‹.
Mit dem anderen „Schnulzen“-Kram – den, den man Sonntags im öffentlich Rechtlichen als Alternative zum Tatort vorgesetzt bekommt – konnte ich jedoch überhaupt gar nichts anfangen.
Bisher dachte ich, dass eine gute Story in dieser Gattung nur durch eine langweilige Dreiecksbeziehung und dem Kampf um das Herz des oder der Angebeteten auffiel.
Das war mir etwas zu billig und entbehrte jeglicher Spannung.
Wenn man die Wahl zwischen Traumschiff und einem abgedroschenen Blockbuster in 08/15 Anfertigung und Action Elementen hat, dann würde ich immer den Blockbuster nehmen.
Meist hat man noch ganz andere Alternativen, wie z.B. ein gutes Buch zu lesen. Wenn ich von gutem Buch spreche, dann meine ich in der Regel keinen Liebesroman.
Sommer lenkte mich jedoch in eine Richtung, in die ich nie wollte. Da war mir selbst der Roadmovie lieber, der mit Winter kaum inhaltliche Tiefe aufwies.
Mein Gesicht glänzte, von dem Wasser, welches ich mir gerade hineingeworfen hatte. Mein Pullover wies ein paar dunkle Flecken auf und die Hände tropften noch. Meine Devise ist immer gewesen, dass man eine Erfrischung nicht mit einem Handtuch aufwischen sollte.
Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, saß Sommer lächelnd und zurückgelehnt in der Couch. Er hatte die Augen geschlossen.
Ich sagte: »Du willst also die Frau kennenlernen und benötigst meine Hilfe dazu?«
Sommer öffnete die Augen und sagte: »Klar!«
Ich sagte: »Dann musst Du mir allerdings mehr Details liefern. Was mag sie? Wo wohnt sie? Was sind ihre Hobbys?«
Sommer zuckte mit den Schultern und sagte: »Bis auf den Wohnort hab ich noch nichts rausgefunden.«
Ich sagte: »Weiß sie denn, dass es Dich gibt?«
Sommer sagte: »Sie hatte mir angeboten, sie mal zu besuchen, falls ich in der Nähe wäre.«
Mit einem Griff an sein Gesäß, zog er ein braunes, ledernes Behältnis aus seiner Hose und kramte im Inneren. Was früher einmal eine Geldbörse gewesen seien mochte, hatte mit der Zeit jegliche Form verloren. Wäre ich Kassierer in einem Supermarkt, ich würde mich weigern, Geld aus diesem Ding anzunehmen. Selbst wenn ich keinen hysterischen Sauberkeitsfimmel auslebe, war dieses beinahe Lebewesen potentielle Brutstätte für den Virus, der die Menschheit auslöschen könnte.
Ich überlegte kurz, ob man darüber eine Geschichte schreiben könnte. Ein Virus wird weltweit über Geldscheine übertragen, bis die WHO in Panik befielt, jegliches Geld zu verbrennen.
Mit den handelsüblichen Hollywood Schauspielern könnte man einen prima Katastrophenfilm daraus machen.
Im Hauptteil wird dann natürlich nach dem Geldschein gesucht, auf dem sich der Virus als erstes entwickelt hat. Man könnte ihn Geldschein Zero nennen. Dem Film fehlt natürlich der ‚ach wie süß‘ Faktor des Affens. Ich frag mich, wer für einen solchen Film zahlen würde?
Sommer hatte derweilen einen Zettel hervor gefischt, auf dem ich Buchstaben erkennen konnte. Es schien eine Adresse zu sein.
Sommer las die Adresse laut vor. Es war nicht weit entfernt. Höchsten 20 Minuten mit dem Auto.
Sommer sagte: »Sollen wir hin?«
Ich sagte: »Ich sehe im Moment keine Alternative. Solange Du nicht weißt, ob die Damen regelmäßig ein bestimmtes Lokal frequentiert, sind wir wohl auf einen Besuch angewiesen. Vielleicht kannst Du sie dann ja in ein Café einladen.«
Sommer blickte in seine Leder-Virus-Anlage und sagte: »Im Moment habe ich nur Australische Doller. Damit kommen wir wohl nicht sehr weit. Ich muss dringend Geld wechseln.«
Ich sagte: »Vielleicht hebst Du Geld ab und kaufst Dir davon auch gleich ein neues Portemonnaie. Das Alte sieht ja widerlich aus.«
Sommer zog die Augenbrauen hoch und sagte: »Ich hab das hier schon seit Jahrzehnten.«
Ich sagte: »Ab und zu sollte man Dinge auch gehen lassen, wenn sie das so dringend wollen. Lieber ein Ende mit Schrecken, als das Leder des Schreckens. Das Ding sieht so aus, als könnte man es mit genügend Energie wiederbeleben.«
Sommer erhob sich und sagte: »Wir sollten jetzt fahren.«
Ich sagte: »Wie macht ihr das überhaupt mit dem Geld? Ich weiß, dass Winter und Herbst Jobs angetreten sind. Wie kommst Du an Dein Vermögen?«
Sommer sagte: »Über Geld spricht man nicht.«
Ich sagte: »Bisher bin ich nicht davon ausgegangen, dass Du deutsche Tugenden verinnerlichst.«
Sommer sagte: »Ich bin immer Teil des Landes, in dem ich gerade lebe.«
Ich sagte: »Dann wollen wir mal hoffen, dass Du nicht ganz plötzlich schwül warm wirst und mir das Auto verhagelst.«
Im Auto angelangt, weigerte sich Sommer zunächst, den Anschnallgurt anzulegen.
Ich sagte: »Das ist in Deutschland Vorschrift.«
Sommer sagte: »Als Nächstes verbieten sie mir die Einnahme von Drogen. Wie weit wollen sie denn noch gehen?«
Ich sagte: »Drogen SIND in Deutschland verboten. Schon der Besitz ist strafbar.«
Sommer sagte: »Mit dem Zeug schade ich mir doch höchstens selbst. Warum nimmt ihr hin, dass eure eigenen Entscheidungen zur Selbstzerstörung beschnitten werden?«
Ich sagte: »Drogen sind fast in allen Ländern der Erde verboten. Ich glaube, dass man davon ausgeht, dass man durch die Einnahme von Drogen andere dazu animiert, es einem gleich zu tun.«
Sommer sagte: »Das ist eine verdammt dumme Begründung. Man könnte damit doch auch Steuern kassieren. Außerdem bekommt man einen Großteil der Bevölkerung zufrieden und still. Junkies demonstrieren nicht. Schaden tritt doch nur bei dem Einzelnen auf.«
Ich sagte: »Der Staat will Dich vor Dir selbst schützen.«
Sommer sagte: »Und das darf er? Das ist doch widerlich. Wenn man mir schon Rechte einschränkt, dann doch nur zum Wohle der Allgemeinheit und nicht für mich selbst.«
Ich sagte: »Du wirst Dich trotzdem anschnallen müssen. Wenn Du es nicht machst, muss ich dafür büßen.«
Sommer sagte: »Das ist noch viel bekloppter. Warum sollte man jemand anderen bestrafen, nur weil man selbst keinen Sinn für Sicherheit hat.«
Ich sagte: »Denunzieren ist im Zeitalter der Whistleblower sehr populär geworden. Damals auf dem Schulhof hat das noch keiner verstanden.«
Sommer sagte: »Deine Gesellschaft macht mir Angst.«
Ich sagte: »Es ist die gleiche Gesellschaft, wie die Deiner Flamme. Also solltest Du überlegen, welche Worte Du wählst. Und jetzt schnall Dich an.«
Sommers Miene war die eines Kindes, dem man den kaputten Schweißbrenner aus der Hand genommen hatte. Wirklich einsehen konnte er es nicht.
Auf der gesamten Fahrt klagte er über die Enge durch seinen Sicherheitsgurt. Fast hätte er deswegen geweint.

Advertisements

2 Kommentare zu „Sommer 2016 – Kapitel 1

  1. Hey Bob…interessante, witzige und andersartige Geschichte…der Teil mit der Frisörin, hat mich an mich selbst erinnert, ich war tatsächlich froh, wenn mich ein Kunde mal nicht zugequatscht hat und vor allem die männlichen Kunden wussten es auch sehr zu schätzen, wenn eine Frisörin mal keine -„Na, wie gehts denn heute so?“- Fragen gestellt hat.
    Ich bin gespannt wie es weitergeht, allerdings möchte ich dir den Hinweis geben, dein Geschriebenes nochmal zu überlesen, denn da wiederholt sich der Part mit der Zigarette (weiß nicht ob das Absicht sein soll)…wenn du magst, lies gern mal bei mir rein, ich schreibe auch Geschichten…liebe Grüße, Stephanie

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s