Sommer 2016 – Kapitel 2

Sommer hatte sein nettestes Lächeln ausgepackt. Meiner Meinung nach, hätte er es auch gerne verstecken können. Es lag thematisch irgendwo zwischen ›treudoof‹ und ›minderbemittelt‹. Ich wich automatisch zurück.
Die Klingel ertönte zum zweiten Mal.
Leise sagte ich: »Du hättest der Dame des Hauses gerne noch ein wenig Zeit einräumen können. Sie hatte noch nicht einmal Zeit, sich vom ersten Schellen erholen zu können.«
Sommer sagte: »Ich will nicht zögerlich wirken.«
Ich sagte: »Du wirkst eher verzweifelt.«
Die Tür öffnete sich und eine wirklich nette Frau öffnete. Ich schätzte sie auf 25 Jahre. Ohne ein paar Fragen zu stellen und ihre Antworten zu erhalten, war die Schätzung jedoch sehr grob.
Sommer sagte: »Hallo Patricia. Ich war gerade in der Nähe und da dachte ich, dass ich Dich besuchen sollte.«
Patricia lachte. Es war ein entwaffnendes Lachen, welches mich völlig für sie einnahm. Sie hatte etwas Ehrliches und Natürliches an sich, dessen Anziehungskraft man sich nur schwer entziehen konnte.
Sie sagte: »Das ist ja witzig. Wir waren doch vorgestern noch in Australien.«
Meine Stirn wurde schlagartig heiß. Ich fühlt mich so, als wäre der Siedepunkt erreicht und aus meinen Ohren würde Dampf aufsteigen.
Es gibt kaum etwas, was mir peinlich ist. Situationen wie diese hier meide ich allerdings, wie der Schiedsrichter nach drei Fehlentscheidungen, die aufgebrachte Meute meidet, die mit brennenden Fackeln vor seinem Auto wartet.
Sommer sagte: »Ja ich dachte, dass ich erscheine, bevor Du mich vergessen hast.«
Sie sagte: »Deshalb bist Du mir extra hinterhergereist?«
Sommer sagte: »Ach das – war nur ein Zufall. Ich hatte sowieso einen Besuch bei meinem Freund verabredet.«
Ein kleiner Busch im Vorgarten bot leider nur ungenügenden Schutz. Hätte ich mich mit einem Hechtsprung in Sicherheit bringen können, dann hätte ich das getan. Allerdings fand ich nichts, hinter dem ich mich verstecken konnte.
Patricia winkte mir freundlich zu. Mir wurde schlagartig klar, dass es geschickt gewesen wäre, jetzt darauf hinzuweisen, dass ich den Surfer vor ihrer Tür erst seit ein paar Stunden kennen würde. Außerdem wäre er kein Freund, sondern nur ein Bekannter, dessen Schwestern und Bruder ich kannte.
Allerdings blieben mir die Worte im Hals stecken.
Ich fragte mich, wie sich dieser Dussel so geschickt ins Abseits schießen konnte? Wenn sein Taktgefühl immer so pünktlich aussetzte, wäre eine Karriere als Schlagzeuger für ihn sicherlich ausgeschlossen.
Sommer lächelte unterdessen fleißig weiter.
Ich stammelte ein kurzes »Hi!«
Patricia lächelte.
Dann sagte Sommer: »Ich wollte nur sehen, wo Du wohnst.«
Patricia sagte: »Das hier ist unsere WG. Solange ich noch mein Referendariat machen muss, kann ich mir keine eigene Wohnung leisten.«
Mit einem kurzen Blick auf die Erde, sagte ich: »Welche Fächer hast Du denn belegt?«
Patricia sagte: »Germanistik, Philosophie und Pädagogik.«
Sommer sagte: »Das ist ja voll langweilig.«
Den Impuls, meine Hand gegen meine Stirn zu donnern oder ihm den Mund zuzuhalten, konnte ich nur schwer unterdrücken.
Patricia lachte hell auf und sagte: »Ich liebe diese Fächer. Sie sind so toll.«
Ich sagte: »In meinem Leben habe ich viele Leute kennengelernt, die diese Fächer studiert haben. Die meisten waren mir sehr sympathisch.«
Sommers Stirn lag in Falten, als er mich ansah. Dann sagte er: »Ich dachte immer, dass Du diese Fächer nicht magst.«
Ich sagte: »Nur weil ich etwas anderes studiert habe, heißt das noch lange nicht, dass ich andere Fächer nicht respektiere.«
Mit einem interessierten Unterton sagte Patricia: »Was hast Du denn studiert?«
Ich sagte: »Chemie.«
Sie pfiff durch die Zähne und riss die Augen dabei auf. Bisher hatte ich nur Kopfschütteln und ›Tststs‹ Geräusche geerntet, wenn ich von meinem Studienfach berichtete. Es war definitiv verständlich, warum sich Sommer in dieses Mädchen verliebt hatte. Warum er sich allerdings gerade so aufführte, wie ein ausgewachsenes Pferd in einer Küche, entzog sich meiner Logik.
Ich sagte: »Wie war denn die Reise nach Australien? Ich war noch nie da.«
Natürlich war das eine ziemlich lahme Ablenkung, Patricia schien jedoch eher amüsiert als belästigt und ging freudig auf die Abwechselung ein.
Sie sagte: »Ich war vorher ein paar Wochen in Afrika und habe in einem Kindernotdorf gearbeitet. Mit der Reise nach Australien wollte ich mich ablenken.«
Sommer sagte: »Du wohnst nicht alleine, weil Du es Dir nicht leisten kannst, aber einen Urlaub in Australien und einen Aufenthalt in Afrika kannst Du sofort bezahlen? Das verstehe ich nicht.«
Leider stand ich nicht nah genug, um Sommer auf den Fuß zu treten. Außerdem konnte er meine Blicke nicht sehen, mit dem ich ihn zum Schweigen aufforderte.
Patricia sagte: »Australien war ein Lebenstraum. Ich wollte immer dahin, schon seit ich denken kann. Für den Urlaub habe ich drei Jahre gespart. Für die Reise nach Afrika kam Brot für die Welt auf. Sie sind dankbar, wenn man sich engagiert und anschließend darüber berichtet.«
Ich sagte: »Du schreibst in Deinem Blog darüber?«
Patricia lächelte und sagte: »Ja das mache ich.«
Sommer sagte: »Der ist bestimmt voller Selbstlob und Eigendarstellung.«
Patricia sagte: »Ich schreibe über die Dinge, die mir passiert sind. Es gibt einfach zu viel Elend in der Welt.«
Ich sagte: »Irgendwie passt das Thema gerade auch auf meinen Blog. Im Moment schreibe ich dort auch über das Elend der Welt.«
Sommer sah mich irritiert an und sagte dann: »Ich dachte Du erzählst nur, was uns passiert?«
Ich lächelte und sagte: »Sag ich doch.«
Ich sagte: »Wir drei könnten uns doch auf einen Kaffee in die Studentenkneipe an der Uni setzen.«
Patricia sagte: »Das ist heute leider sehr schlecht. Ich bin gerade dabei ein paar Klamotten einzupacken. Ich will für ein paar Tage an die Nordsee.«
Sommer sagte: »Das ist aber ein ganz schöner Abstieg. Gerade warst Du noch in Australien und jetzt willst Du an den Strand im Norden?«
Patricia sagte: »Ach, ich wurde eingeladen und konnte im Grunde nicht ablehnen. Eigentlich hat mir die Idee sogar gefallen.
Im Moment hab ich ja noch etwas Ruhe, aber übernächste Woche geht es dann wieder los. Bevor ich erneut Unterrichte vorbereiten muss, ist es nett, noch etwas auszuruhen.«
Ich sagte: »Meine Familie war immer gern dort. Fährst Du in Deutschland an die Küste?«
Sie sagte: »St. Peter-Ording.«
Ich sagte: »Für einen Augenblick hatte ich Sylt befürchtet.«
Patricia lachte und sagte: »Westerland? Ne danke.«
Ein irritierter Blick traf mich. Sommer sah so aus, als wäre sein Taxi gerade ohne ihn abgefahren, nachdem er seine Taschen, in dessen Kofferraum gepackt hatte.
Ich nickte ihm zu und versuche nonverbal mit ihm zu kommunizieren. Mein Körper, mein Geist, meine Mimik und Gestik sagte gerade: »Jetzt bist Du dran – unterhalte Dich gefälligst mit ihr.«
Sommer sah mich noch irritierter an. Ich hätte mehr Chance einem Blinden Farben zu erklären, als Sommer begreiflich zu machen, was er jetzt zu tun hatte. Wie konnte ein Wesen nur endlos alt werden und dabei so naiv bleiben?
Patricia hatte die Pause anscheinend auch gemerkt. Sie sagte: »Es war so nett, Dich wiederzutreffen. Wenn Du Lust und Zeit hast, dann können wir uns in zwei Wochen treffen. Lass mir doch einfach Deine Nummer da.«
Sommer sagte: »Nummer?«
Ich sagte: »Hast Du ein Handy?«
Sommer sagte: »Handy?«
Bevor wie losfuhren, gab ich Patricia meine Nummer. Wir verabschiedeten uns und fuhren kurz darauf zurück.
Als wir im Auto waren sagte Sommer: »Sie ist bei Weitem, die schönste Frau, die ich je getroffen haben. Du kannst Dir vorstellen, dass das eine ganze Menge Manschen waren.«
Während ich den Wagen startete, sagte ich: »Du hast ungefähr so viele Chancen, wie ein Koalabär gegen einen Eisbären in einem Kampf Tier gegen Tier.«
Sommer sagte: »Wie meinst Du das bitte?«
Ich sagte: »Diese Koalabären sind doch eher sanft. Das Tier würde innerhalb von Sekunden von dem Eisbären geschluckt worden sein.«
Sommer sagte: »Ich wollte eigentlich wissen, wer in Deinem Vergleich der Koalabär ist?«
Ich sagte: »In Sachen Knuffigkeit und Niedlichkeit liegt Patricia ganz klar vorne. In dem Fall wärst Du somit der Eisbär.«
Sommer sah verletzt aus, soweit ich das aus den Augenwinkeln erkennen konnte.
Er sagte: »Warum glaubst Du nicht, dass sie mich mag?«
Ich sagte: »Das hat nichts mit dem Mögen zu tun. Du hast Dinge gesagt, die man nicht sagen sollte, wenn man Leute nicht direkt verärgern möchte. Die Wahl ihrer Studienfächer z.B. kannst Du doch nicht als Dummheit abwinken.«
Sommer zog die Augenbrauen hoch und sagte: »Das macht man nicht?«
Mit dem Kopf schüttelnd sagte ich: »Nein.«
Sommer sagte: »Das war früher ganz groß angesagt.«
Ich sagte: »Und in welcher Steinzeithöhle war das?«
Sommer verzog sein Gesicht, verschränkte die Arme und ließ sich nach hinten in den Sitz fallen.
Er sagte: »Du hast doch selbst mit ihr geflirtet.«
Ich sagte: »Sie mag ganz nett sein, aber ich habe eine Frau und wie ich das immer zu sagen pflege – eine Frau reicht mir. Zwei wären mir einfach zu stressig.
Ich habe lediglich versucht, die Unterhaltung auf sicheres Terrain zu bringen, nachdem Du sie mehrmals mit einem Panzer überrollt hast.«
Eine Weile schwiegen wir. Sommer gab ab und an ›Pahh‹-Laute von sich und schien dabei die Arme noch ein wenig fester um sich selbst zu verschränken.
Dann sagte er: »Bring mir das bei.«
Ich sagte: »Was?«
Er sagte: »Wie man mit Frauen spricht. Mach mich zu einem Koala«
Ich sagte: »Vielleicht kann ich Dir ja die Basis näher bringen, ob aus Dir jedoch ein flauschiger kleiner Pelzträger zu machen ist, gilt zu bezweifeln.«
Wir schwiegen erneut. Die Fahrt nach Hause wurde immer länger. Dazu kam der übliche Stau, auf der einzigen Straße zwischen zwei großen Städten.
Sommer regte sich nicht. Als ich ihn, während ich erneut beim Spiel Stop&Go mitspielte, ansah, wirkte er am Boden zerstört.
Ich sagte: »Du scheinst in Selbstmitleid zu versinken.«
Sommers Stimme war leise und durch das Wummern der Motoren kaum zu hören, als er sagte: »Ich kann einfach nicht mit Frauen.«
Ich sagte: »Deine Probleme sind ziemlich alltäglich, dafür dass Du einer von den Unsterblichen bist.«
Sommer sagte: »Unsterblich würde ich nicht sagen.«
Ich sagte: »Du hattest auf jeden Fall genügend Zeit Dich auf die Menschheit einzustellen.«
Sommer sagte: »Ich verstehe euch trotzdem nicht. Euer ganzes Leben dreht sich um die Beziehung von Mann und Frau. Tausendfach wird darüber gesungen, geschrieben und gespielt. Wenn man es von Außen betrachtet ist eure Sippe ziemlich langweilig.«
Ich sagte: »Im Moment scheinst Du nicht von außen zuzusehen.«
Sommer sagte: »Das habe ich lange gemacht. Irgendwann habe ich beschlossen mitzumachen und seit dem verfolgt mich das Pech.«
Ich sagte: »Hinterher ist man immer klüger.«
Sommer nickte und schwieg. Normalerweise schätze ich Stille und die Möglichkeit, mich auf die Musik oder ein Hörbuch zu konzentrieren. Sommers Stille war jedoch nagend. Wie das überlaute Ticken einer Uhr, die einen nachts nicht schlafen lässt.
Ich sagte: »Du hast Dich tatsächlich in Patricia verliebt?«
Sommer nickte und sagte: »Glaube ja.«
Ich sagte: »Schöner Mist.«
Ich sagte: »Bist Du sicher, dass sie die Richtige ist?«
Sommer sagte: »Sie ist so wunderbar.«
Ich schüttelte meinen Kopf und sagte: »Weißt Du das mit dem Kopf oder mit dem Herzen?«
Zunächst schwieg er eine Weile und dann sagte Sommer: »Ist das nicht das Gleiche?«
Ich sagte: »Das Herz vergibt man schneller als seinen Kopf. Es heißt ja nichts zu Unrecht, dass man sein Herz an jemanden verliert. Das dumme Ding scheint in manchen Situationen rauszufallen und irgendwo liegen zu bleiben.
Wenn man den Kopf verliert, dann rammt man ihn meistens gerade gegen irgendetwas. Dann geht man mit dem Teil durch die Wand.
Im Kopf denkst du darüber nach, ob Du mit ihr leben kannst. Du denkst, wie ein Leben mit ihr wäre und ob ihr von euren Gedanken, Gefühlen und euren Zielen zusammenpasst. Lässt Du Dein Herz sprechen, kommt da meistens etwas raus, was sich bald auflösen kann.
Das Herz merkt meistens zu spät, wenn etwas nicht passt. Es ist wie ein Kind, das die Puzzelteile solange mit der Faust bearbeitet, bis sie scheinbar passen. Damit ist das Puzzle beschädigt und für alle Zeit ruiniert.
Glaub mir, wenn nur Dein Herz regiert, könnte in der Beziehung schon der Wurm drin sein, bevor sie beginnt.«
Sommer sagte: »Oder ich schalte das Herz gar nicht erst aus.«
Ich sagte: »Soll auch schon vorgekommen sein. Aber verlassen würde ich mich darauf nicht.«
Der Klingelton meines Handys riss uns aus unserer Unterhaltung. Instinktiv betätigte ich den Knopf, um das Gespräch anzunehmen.
Die andere Seite schwieg. Ich hasse es immer, wenn man irgendwo anruft und dann noch nicht einmal die Höflichkeit besitzt, ›Hallo‹ zu sagen. Auf dem Display meiner Freisprechanlage konnte ich ebenfalls nicht erkennen, wer der ominöse Anrufer ist.
Sommer sagte: »Hallo Winter.«
Ich sah ihn an, als hätte er gerade ein 2.000 Jahre altes mathematisches Problem gelöst.
Auf der anderen Seite antwortete eine altbekannte, etwas blasierte Frauenstimme: »Hallo Sommer.«
Sommer sagte: »Warum rufst Du an? Willst Du Dich schon wieder über mich lustig machen?«
Winter lachte gekünstelt und sagte: »Eich lächerlich zu machen, schaffst Du sowieso sehr gut ohne mich. Ich wollte Dir nur sagen, dass Mutter sich immer noch über Dein Fehlen beim letzten Familientreffen echauffieren.«
Sommer brummte: »Es ist nicht mein Fehler, dass die alte Hexe angepisst ist. Es gibt Wichtigeres.«
Ich sagte: »Die Undankbarkeit der Kinder ist immer grenzenlos. Fast so, wie die Dummheit des Durchschnitts.«
Sommer sagte: »Misch Dich da nicht ein.«
Winter sagte: »Ein kleines Vögelchen hat mir gesungen, dass mein Bruder sich verliebt hat.«
Sommer sagte: »Das geht Dich gar nichts an.«
Winter sagte: »Du weißt ganz genau, was Mutter von solchen Verbindungen hält.«
Sommer sagte: »Seit wann bist Du so ein verdammtes Mutter-Tier?«
Winter sagte: »Ich wollte Dich nur daran erinnern. Dazu kommt ja noch, dass Du Dich im Umgang mit Menschen, insbesondere dem jeweils anderen Geschlecht, immer so unbeholfen anstellst, wie ein Einarmiger bei der eigenen Maniküre.«
Sommer drückte auf den Knopf um die Verbindung zu trennen.
Er sah lange in meine Richtung und schwieg.
Als wir in meine Straße einbogen, sagte ich: »Wenigstens Eine, die an Dich glaubt.«
Sommer ließ sich in die Couch fallen. Sein Gesicht war nahezu genauso verknautscht, wie die Kissen, auf denen er saß.
Ich sagte: »Du könntest auch versuchen darüber hinwegzukommen.«
Sommer sagte: »Jeder meiner Geschwister hat die große Liebe gefunden. Jedenfalls redeten sie darüber.«
Ich sagte: »Als ich sie kennengelernt haben, waren sie alle Singles. Was ist passiert?«
Sommer sagte: »Sie hatten nicht die Richtigen. Es hielt meistens nur ein paar hundert Jahre.«
Ich sagte: »Was ist passiert?«
Sommer sagte: »Frühling hatte diesen Griechen. Für eine Zeit sah es recht gut aus. Das Pärchen stiftete das absolute Chaos. Nebenbei schufen sie allerdings auch eine Zivilisation, ganz nach ihren Wünschen.
Sie wollten ein Volk, dass sie anbetet und das hatten sie schlussendlich auch geschafft. Sie hatten einige Söhne und Töchter. Insgesamt war die Geschichte sehr harmonisch, bis dieser bescheuerte Grieche fremdging.
Es gab ein ziemliches Gewitter. Meine Mutter und mein Vater haben kräftig mitgemischt.
Hätte man mich gefragt – ich mochte diesen Zeus nie.«
Ich sagte: »Nach einem Gespräch mit euch stellt man wirklich alles in Frage. Jetzt auch noch die griechische Mythologie? Hatte Percy Jackson etwa unrecht?«
Sommer sagte: »Ich liebe diese Patricia. Sie ist die Liebe meines Lebens.«
Ich sagte: »Wie oft hast Du diese denn schon kennengelernt?«
Sommer sagte: »Bisher kenne ich keinen Menschen, mit dem ich mich so verbunden fühle. Sie ist einzigartig in aller Zeit und an jedem Ort.«
Ich sagte: »Warum reimst Du nicht? Das hat einige Leute stark abgelenkt.«
Sommer erhob sich und wankte in die Küche. Ich folgte ihm, nur um zu sehen, dass er sehr zielstrebig zu dem kleinen Bäumchen ging, welches Frühling ans Fenster gestellt hatte.
Er ließe die Hände durch die Blätter gleiten und verzog dabei den Mund zu einem breiten Grinsen. An einer Beere blieb seine Hand hängen.
Ich sagte: »Du willst Dich doch jetzt nicht betäuben?«
Sommer sagte: »Was sollte ich denn sonst machen? Ohne die Liebe von Patricia kann ich nicht leben.«
Ich sagte: »Das ist eine tolle Liebe, die Du Dir da zusammenreimst.«
Er sagte: »Fandest Du es nicht romantisch?«
Ich sagte: »Wenn die Liebe Dir so etwas antut, dann solltest Du sie meiden.«
Sommer sagte: »Es sind schon schlimmere Dinge im Namen der Liebe geschehen.«
Ich sagte: »Typisch Romeo und Julia – erst kommt die Liebe und dann das Fiasko. Allerdings bezweifele ich, dass das richtige Liebe ist. Man will doch schließlich das Beste für den Partner.
Zuzusehen, dass sich der geliebte Partner für einen opfert, ist da sicherlich nicht der adäquate Weg um seine Liebe auszudrücken.«
Sommer sagte: »Du meinst, dass Patricia es nicht wollte, dass ich die Beeren esse?«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »So wie ich die Sache sehe, bist Du Patricia egal. Wenn Du das ändern willst, solltest Du an Dir arbeiten und Dich ins rechte Licht rücken.
Ein einsamer Drogenrausch hilft Dir da nicht. Es kommt klar auf die Droge an. Alkohol zum Beispiel hat beim Start von vielen Beziehungen geholfen.
Bei der ersten und zweiten Begegnung mit meiner ersten Freundin war ich betrunken. Tatsächlich war ich auch bei der dritten Begegnung nicht ganz nüchtern.«
Sommer pfiff durch die Lippen und sagte: »Und wie ging es weiter?«
Ich sagte: »Es dauerte achteinhalb Jahre, bis ich merkte, dass sie nicht diejenige ist, mit der ich mein Leben teilen wollte.«
Sommer sagte: »Das war nicht besonders schnell.«
Ich sagte: »Das war auch nur ein Beispiel dafür, dass Alkohol zwar hilft, aber noch lange kein Garant dafür ist, dass die Beziehung für immer besteht.«
Ich sagte: »Was ist eigentlich Deine Superkraft? Kann Dir das nicht bei Patricia helfen?«
Sommer schüttelte traurig den Kopf und sagte: »Ich kann ein wenig Hypnose und den anderen Kram, den Winter, Frühling und Herbst auch draufhaben. Ich bin aber in keinem der Tricks besonders gut.«
Ich sagte: »Vielleicht klappt es ja mit der Hypnose.«
Sommer sagte: »Unter Hypnose kann man einen Menschen nicht dazu zwingen, Dinge zu machen, die er eigentlich nicht machen möchte. Außerdem wäre es keine Liebe, wenn ich sie zu etwas zwingen würde.«
Ich sagte: »Ein wenig Hypnose gehört zu jedem Gespräch mit dem anderen Geschlecht dazu. Nur wenn Du ihr tief in die Augen schaust und mit fester Stimme sprichst, nimmt sie dich wahr.
Außerdem hilft es ungemein, wenn man die Damen weder langweilt, noch beleidigt. Wesentlich wichtiger ist das Zuhören. Wenn Du etwas sagst, dann sollten es eine Frage sein. Allerdings nicht Fragen, die ihre vorhergehenden Aussagen kritisch hinterfragt.«
Sommer sagte: »Das geht mir viel zu schnell. Ich muss das mitschreiben.«
Ich sagte: »Da hast Du Glück, ich schreib es alles auf meinem Blog, da kannst Du das nachlesen.«
Sommer sagte: »Tief in die Augen blicken, interessierte Fragen stellen und Zuhören. Das kann ich mir merken.«
Ich sagte: »So schwer ist das gar nicht. Sonst würden auf diesem Planeten keine Menschen rumlaufen. Wäre eine Beziehung so kompliziert wie Bridge-Spielen, wären wir schon lange ausgestorben.«
Sommer sagte: »Ich finde es gar nicht so leicht, wie Du es behauptest.«
Ich sagte: »Wir machen es uns künstlich schwer. Irgendwo dramatisieren wir und machen aus einer ganz simplen Sache großes Theater.«
Ich sagte: »Wenn es mit dem Blicken, den freundlichen Fragen und dem Zuhören nicht klappen will, kann man auch einfach größtmögliche Penetranz an den Tag legen. Dem ein oder anderen hat das auch geholfen.«
Sommer sagte: »Wie meinst Du das?«
Ich sagte: »In meinem Leben habe ich mehrere Paare kennengelernt, in dem ein Partner so lange am Rockzipfel des anderen hang, bis der letztgenannt in eine Beziehung einwilligte. Das ist zwar erniedrigend und extrem zeitaufwendig, jedoch bekommt der Hartnäckigste meist am Ende, was er haben will.«
Sommer sagte: »Dann sollten wir jetzt wieder zurück?«
Ich sagte: »Das bringt nicht viel, da Patricia nicht mehr zu Hause ist. Sie wollte doch ans Meer.«
Sommer sagte: »Es scheint wohl Schicksal zu sein, dass wir uns nicht mehr sehen.«
Ich sagte: »Wir könnten auch einfach hinterher reisen.«
Sommer blickte mich an und überlegte. Er griff sich dabei an den Kopf und spielte mit einer Haartolle, die ihm zwischenzeitlich ins Gesicht gefallen war. Dann betrachtete er den Fußboden und anschließend die Decke. Abschließend sagte er: »Das ist keine schlechte Idee.«
Ich sagte: »Geht schon klar, sie kam ja auch von mir.«
Sommer sagte: »Dann lass uns doch direkt losfahren.«
Ich sagte: »Du müsstest mir ein paar Stunden geben. Zunächst hätte ich gerne eine Ferienwohnung gebucht und darüber hinaus muss ich noch ein paar Dinge einpacken.«
Sommer sagte: »Ich brauche nichts einpacken.«
Ich sagte: »Genau das habe ich mir gedacht. Da ich allerdings kein magisches Wesen bin, werde ich wohl ein paar Kleidungsstücke und eine Badehose einpacken müssen.«
Sommer sagte: »Bitte beeile Dich. Wir dürfen sie auf keinen Fall verpassen.«
Ich sagte: »Wir werden uns erst an Ort und Stelle auf die Suche nach ihr machen. Die paar Stunden Vorbereitung wird uns nicht viel stören.«
Während ich ein paar Sachen eilig in die Tasche packte, sah mir Sommer über die Schulter.
Er sagte mir mindestens drei Mal, dass ich mich beeilen sollte.
Meine Geduld ist ungefähr so dick, wie die Haut unterhalb der Eierschale. Sie reißt in der Regel schon bei leichter Beanspruchung. Den ersten Kommentar blendete ich, als angelernten Reflex, einfach aus. Wenn man es nicht hört, ist es nicht da.
Das ist genau das gleiche Prinzip mit dem sich kleine Kinder einfach hinter ihrer Hand verstecken, in dem Glauben, dass man sie dann nicht mehr sehen kann. Natürlich ist diese Methode nicht perfekt. Allerdings ist der Grund, aus dem man die Methode anwendet ebenfalls nicht perfekt.
Nach dreimaligem Nachhaken platzte mir allerdings der Kargen. Ich sagte: »Schnapp Dir einen Ball und spiel draußen. Ich hab hier zu tun.«
Sommer sagte: »Wir kommen noch zu spät.«
Ich sagte: »Soweit ich weiß, haben wir keinen Zeitdruck. Was soll denn bitte passieren?«
Sommer sagte: »Patricia soll nicht alleine bleiben.«
Ich sagte: »Dafür, dass sie bisher noch nicht einmal wusste, dass Du in Deutschland bist, wirst Du langsam wirklich aufdringlich. Meinst Du nicht, dass es ziemlich erdrückend erscheinen wird, wenn Du jetzt auch noch im zweiten Urlaub auftauchst?«
Sommer sagte: »Es war Deine Idee.«
Ich sagte: »Die Idee ist gut. Wir müssen nur die Umsetzung planen. Wir sollten Patricia zufällig treffen.«
Sommer sagte: »Ich dachte, wir sind schon da, wenn sie ankommt.«
Ich sagte: »Du wirst ihr Herz nicht erobern, wenn Du es übertreibst.«
Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis wir im Auto saßen und losfuhren. Sommer tänzelte die gesamte Zeit von einem Bein auf das andere. Er machte wirklich nervös.

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