Sommer 2016 – Kapitel 3

Zum Glück hatte unsere Ferienwohnung zwei Schlafzimmer, die weitgenug voneinander entfernt waren.
Während ich meine Sachen in den Schrank räumte, inspizierte Sommer die übrigen Räume. Mein Koffer war noch nicht vollständig leer, als er im Türrahmen auftauchte.
Seine Mine spiegelte Enttäuschung wieder.
Er sagte: »Hier ist ja wirklich gar nichts.«
Ich sagte: »Solange wir WLAN haben, bin ich glücklich. Was brauchst Du noch mehr?«
Er sagte: »Du hast keine Raucherwohnung bestellt, der Fernseher ist mickrig und noch nicht einmal mit dem Internet verbunden und der Kühlschrank ist leer. Wie sollen wir hier überleben?«
Meine letzten Sachen verschwanden etwas ungeschickt im Schrank, während ich sagte: »Du kannst draußen rauchen, wir sind nicht hier um Fernsehen zu schauen, streamen kannst Du über meinen Rechner und für das letzte Problem haben wir Menschen Geschäfte erfunden. Das bringt mich sozusagen sofort zum nächsten Punkt. Ich hoffe, Dir ist klar, dass wir uns die Kosten mindestens gerecht teilen. Eigentlich war das sowieso nur Dein Wunsch hierherzukommen.«
Sommer sagte: »Du brauchst Dir um die Finanzierung keine Sorgen zu machen. Das habe ich noch nie getan und mir ging es bisher immer gut.«
Ich sagte: »Wenn man unendlich viel Zeit zur Verfügung hat, kann man sich ein paar Jahre Gefängnis sicherlich leisten.«
Sommer verzog den Mund und sagte: »Im Gefängnis war ich noch nie. Zur Not hat immer Mami bezahlt. Außerdem würden sie mich dort nicht lange halten können.«
Ich sagte: »Nachdem Du sie nicht einmal besucht hast, als sie danach verlangt hat, würde ich mich nicht auf Gefälligkeiten Deinerseits Mutti verlassen. Ich für meinen Teil habe keine Lust auf Probleme mit der Polizei.«
Sommer sagte: »Sollten wir jetzt nicht erst einmal einkaufen gehen?«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Muss wohl so sein.«
Vor der Stadt war ein Supermarkt der besonders günstigen Sorte. Zwischen den Regalen wirkte Sommer genauso verloren, wie ein Eisbär in der Sauna. Er trottete von einer Ware zur anderen, nahm ab und an etwas in die Hand, prüfte die Aufschrift und legte es dann ruckartig wieder zurück.
Er sagte: »Was ist das denn hier?«
Ich sagte: »Ein Supermarkt.«
Er sagte: »Kann mich nicht daran erinnern, mal in einem gewesen zu sein. Warum sieht das hier alles so billig aus?«
Einen Wein aus dem Regal nehmend sagte ich: »Das scheint nicht nur so, es ist auch preiswert. Man erreicht diese Preise nur, in dem man Lagerbestände aufkauft. Diese werden dann ohne viel Marketing und Produktmanagement eingefrachtet.
Das ist gar nicht so schlecht für den Kunden.«
Sommer sagte: »Die Wirtschaft wird es lieben.«
Ich sagte: »Soweit ich weiß, haben einige Wirtschaftszweige stark daran zu kämpfen. Ein Typ von Henkel sagte mal, dass man weltweit ihre Waschmittel für einen wesentlich höhren Preis verkauft. Nur in Deutschland machen die Supermärkte den Gewinn kaputt. Aus dem Grund versucht man auch, dieses Konzept in andere Länder zu exportieren.«
Sommer gähnte. Er blickte mich mit großen Augen an und sagte: »Das waren jetzt zu viele Informationen. Ich glaube, ich schlafe gleich ein, wenn Du mich weiter mit so einem Müll quälst.«
Ich sagte: »Du hattest danach gefragt, also beschwer Dich nicht.«
Ich packte noch vier Flaschen Wein in den Wagen, machte mir kurz darüber Gedanken, ob ich noch härteren Alkohol brauchen würde, verwarf den Gedanken, und machte mich dann gemächlich auf den Weg, immer kurz hinter Sommer, der weiterhin jede Wahre kritisch inspizierte. Bei seinen Proben sah er manchmal wie ein Wilder aus, der zum ersten Mal eine Dose Cola in den Händen hält.
Ab und an erhellte sich sein Blick, er verweilte dann an einem Ort und schmiss anschließend wahllos Schokoriegel oder andere Süßigkeiten in den Wagen. Ich hoffte inständig, dass er aufhörte, sobald der fahrbare Untersatz voll war.
Sommer dreht sich zu mir um und lächelte. Er hielt einen Schokoriegel in die Höhe und sagte: »Die mag ich!«
Innerlich an ein kleines Kind denkend, welches unter einem 20 kg Berg Karneval Bonbons endlich einen Lutscher mit Kirschgeschmack gefunden hat, nickte ich nur kurz und wies Sommer an, weiter zu gehen.
Dabei konnte dieser seinen Blick jedoch nicht vom Schokoriegel abwenden. Instinktiv ging er ein paar Schritte rückwärts und las dabei halblaut die Bestandteile seiner Beute vor.
Bisher habe ich mich schon oft gefragt, welche Experten sich wirklich noch die Beipackzettel von Frischwaren durchlesen. Anscheinend hatte ich hier jemanden gefunden.
Genau am Ende des Ganges – Sommer ging weiterhin rückwärts – schoss ein Einkaufwagen von rechts auf ihn zu.
Für den Bruchteil eines Moments sah ich Sommers überraschtes Gesicht.
Mit den Armen rudernd, versuchte er Halt, zu finden. Drei Ausweichschritte später, lag er in einem mannshohen Regal voller Katzenfutter.
Ein wenig überrumpelt sah ich zum feindlichen Einkaufswagen.
Sehr verlegen, die Augenbrauen zusammengezogen, wie kleine Raupen und den Kopf leicht nach unten gebeugt, sah ich in das Gesicht von Patricia.
Sie hatte uns gefunden.
Sommer rappelte sich schwerfällig auf. Einer der Katzenfuttersäcke musste geplatzt sein. Ein paar von den merkwürdig geformten trockenfleischigen Stücken hingen an Sommers Kleidung und in seinen Haaren. Natürlich folgte den Stücken, der obligatorische muffige Gestank, den man niemals vergisst.
Als er erkannte, dass Patricia die Verursacherin des schweren Einkaufswagen-Unfalls war, tanzten zwei Gefühle in seinem Gesicht Tango.
Für einen Moment schien er milde verärgert, dann wieder sehr erfreut zu sein. Die Kombination der zwei Empfindungen, machten ihn, in meinen Augen, nicht unbedingt attraktiv.
Es erinnerte mich eher an den Umstand, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter die Möglichkeit haben, ihre Gemütsregungen fließend ineinander übergehen zu lassen. Jeder der ein Kind fast zeitgleich weinen und lachen gesehen hat, wird dies als höchst bemerkenswert empfinden.
In dem Zusammenhang wäre es vielleicht interessant, von Sommer zu erfahren, in welchem Entwicklungszustand er sich selbst gerade sah.
Sommer fing an zu stottern. Er sagte: »Hallo Patricia.«
Wie in einem Tennisspiel wanderte mein Kopf von einer auf die andere Seite. Patricia sagte leise: »Hallo«
Hinter ihr tauchte ein Typ auf.
Er hatte es anscheinend nicht wirklich eilig und hielt irgendein Tiefkühlpaket in der Hand. Als er auf Patricias Höhe war, sagte er: »Was ist denn hier passiert?«
Dann legte er eine Hand auf den Arm von Patricia und sagte: »Ist Dir was passiert?«
Sommer brummt und sagte: »Nein mir geht es gut. Eigentlich alles OK.«
Patricia blickte verlegen zu Sommer.
Ich sagte. »Wir wollten nur kurz einkaufen und es uns gemütlich machen.«
Sommer sagte: »Wenn Du willst, können wir uns ja später treffen.«
Patricia nickte und sagte: »Heute abends gegen sieben in der Bar am Hafen?«
Sommer nickte und strich sich noch ein paar Katzenfutterbrocken aus dem Haar. Dann marschierte er an Patricia und dem Typen vorbei, der immer noch seine Hand auf ihrem Arm hielt.
Ich zuckte mit der Schulter und folgte Sommer.
Sommer schien zu schweben. Er lachte und warf weiter Dinge wahllos in den Einkaufswagen.
Irgendwie konnte ich das nicht ganz nachvollziehen. Allerdings hatte ich so sehr damit zu tun, ihn zu verfolgen, als dass ich dazu kam, ihn anzusprechen.
Erst als wir endlich nebeneinander an der Kasse standen und er mich glücklich anstrahlte, sagte ich: »Warum bist Du denn so gut drauf?«
Sommer sagte: »Es hätte doch gar nicht besser für uns laufen können. Sie hat mich angelächelt und wir haben uns für heute Abend verabredet. Das zeigt doch, dass sie wirklich etwas für mich empfindet.«
Kopfschüttelnd sagte ich: »Sie hatte so ein schlechtes Gewissen, wegen des Unfalls, dass sie Dir Alles versprochen hätte.«
Sommer sagte: »Das war noch viel besser. Sie hat noch nicht einmal nachgefragt, was wir hier treiben. Durch den Schock ist das in den Hintergrund getreten. Es blieb nur ihre Zuneigung zu mir.«
Ich sagte: »Es tut mir leid, Dich enttäuschen zu müssen. Der Typ, der sich hinter ihr aufbaute und seine Hände auf ihrem Arm hatte, scheint weitaus mehr Glück bei Ihr zu haben.«
Sommer runzelte die Stirn und sagte: »Welcher Typ?«
Ich sagte: »Hast Du nicht bemerkt, dass da noch jemand war?«
Sommer sagte: »Patricia war alleine da. Es gab da keinen anderen.«
Ich sagte: »Dieses Stadium kenne ich, aus eigener Erfahrung. Als ich als Jugendlicher meine erste Flamme, an deren Rockzipfel ich schon mindestens seit 5 Monaten hing, zufällig auf einem Festival, in den Armen eines anderen Typens und an dessen Lippen hängen sah, blendete ich den Fremden einfach aus.
Das scheint eine ganz normale menschliche Regung zu sein. Was man nicht sehen will, sieht man nicht.
Dass Du als Unsterblicher so etwas hast, ist beruhigend.«
Sommer schüttelte den Kopf: »Da war keiner.«
Dann sah er mich groß an und sagte: »Wie hast Du denn damals erfahren, dass bei Deinem Schwarm ein Männchen hing?«
Ich sagte: »Das war genau die gleiche Situation. Freunde, die gleichzeitig mit mir am gleichen Fleck waren, versuchten mich stundenlang aufzumuntern.
Erst habe ich nicht gerafft, warum sie das taten.
Es dauerte eine Weile, bis sie mich überzeugt hatten. Vier Menschen können nicht gleichzeitig blind geworden sein. Anscheinend hatte nur einer nicht das gesehen, was er nicht sehen wollte.«
Sommers Stimme war leisen. Er sagte: »Da war wirklich ein Typ?«
Ich nickte und sagte: »Ja.«
Während des restlichen Tages drehte sich Sommers Laune, wie eine Schnellrestaurant Fahne, in den Händen eines Dreijährigen.
Erst war er sich sicher, dass da kein Typ war, dann war er am Boden zerstört, dann dachte er daran, dass ich bestimmt nur einen fernen Bekannter oder Verwandter von Patricia gesehen hatte und zum Schluss war er voller Hoffnung, dass ich mir den Typ nur eingebildet hatte.
Zum Glück konnte ich mich, mit der Entschuldigung, dass ich mich noch ›fertig‹ machen musste, ein paar Stunden zurückziehen. Während ich auf der Toilette meinen Blog pflegte, hörte ich Sommer im Zimmer herumlaufen.
Von dem ausgehend was ich hörte, musste er es sich bei einer dicken Tüte gemütlich gemacht haben. Der süßliche Geruch zog unter der Tür zu mir auf. Hoffentlich hatte er wenigstens die Fenster geöffnet. Eigentlich hatte ich bewusst ein ›Nichtraucher‹-Apartment gemietet.
Nach dem Duschen streifte ich ein schwarzes Hemd über, schlüpfte in die schwarze Hose – schwarz soll ja bekanntlich schlank „machen“ und ich habe allerhand zu kaschieren – und zum krönenden Abschluss steckte ich mir meinen Poser-Hut auf den Kopf.
Das sollte mir definitiv das Aussehen eines Hipsters geben.
Als ich im Wohnzimmer stand hatte Sommer weder sein ausgewaschenes Surfer-T-Shirt noch seine Badesandalen gewechselt.
Ich sagte: »Willst Du Dich nicht schick machen?«
Sommer sagte: »Ich bin immer schick.«
Ich sagte: »Dann lass uns. Dein Ego muss dann wohl reichen.«
Wir brauchten nur ein paar Minuten, um zur Bar zu gelangen.
Ich sagte: »›Heute Abend‹ ist ein ziemlich unpräziser Zeitpunkt für eine Verabredung.«
Sommer sagte: »Kein Problem ich sehe sie schon.«
Ich sagte: »Und es ist wirklich ein Typ bei ihr.«
Sommer sagte: »Verdammte Axt. Ich wünschte, Du hättest nicht recht.«
Ich sagte: »Hab ich aber.«
Sommer sagte: »Manchmal wünschte ich mir, dass Du von einem Laster überfahren wirst.«
Sommer grüßte Patricia mit einem versucht selbstsicheren Lächeln, welches meiner Meinung nach an den Rändern etwas ausgefranzt wirkte. Den Typen neben Patricia ignorierte er.
Hätte ich den Typ zu einer anderen Zeit kennengelernt, wäre er mir auf den ersten Blick sympathisch gewesen.
Ich begrüßte Patricia und schüttelte dann die Hand des Fremden, was mir Sommer zähneknirschend quittierte.
Der Typ sagte: »Hallo, ich bin Johannes. Wir hatten ja heute Mittag kaum Zeit uns kennenzulernen.«
Inständig hoffte ich, dass er BWL oder WiWi studiert hatte, damit er mir einen Grund gab, ihn von ganzem Herzen zu hassen. Naturwissenschaftler haben in der Regel eine sehr beengte Weltsicht und ihre eigenen Vorurteile – es geht nicht darum, woher Du stammst, solange Du kein Kaufmann bist.
Johannes wirkte allerdings nicht wie der typische BWLer. Er hatte eine Kippe zwischen den Lippen und eine Flasche Bier in der Hand. Sein blondes Haar bildete eine Locke, bleich über den Augen. Die Kleidung war lässig. Nicht ganz Schwiegermutters Liebling, etwas mehr Bad-Boy, aber auch nicht zu verwegen.
Er sagte: »Was bringt euch nach Sant Peter?«
Ich sagte: »Mein Kollege war total angetan, als Patricia ihm von dem Ort erzählte. Er meinte, dass er noch nie hier war und auch mal nachsehen wollte, was hier so geht.«
Sommer sagte: »Es gibt keine Orte, an denen ich noch nicht war.«
Ich sagte: »Wenn Du meinst, die Geschichte besser erzählen zu können, dann kannst Du gerne übernehmen.«
Sommer sagte: »War genauso, wie er es sagte.«
Patricia lächelte und sagte: »Wir sollten uns setzen. Johannes hat uns einen Tisch reserviert.«
Sommer lächelte erneut schräg und folgte Patricia nach innen.
Johannes sagte: »Was ist mit dem Kerl los? Ist er immer so weltfremd?«
Ich sagte: »Er ist ziemlich naturverbunden. Das liegt in seiner Familie. Die haben da alle was mit Mutter Erde. Wie in einer dieser esoterischen Sekten.
Johannes sagte: »Zumindest sagte Patricia, dass er sehr gut surfen kann.«
Ich sagte: »Wenn er sich nicht gehen läßt, ist er ein ganz schöner Sonny-Boy.«
Sommer sagte: »Bob wollte sofort nach Sankt Peter, als du die Stadt erwähnt hattest.«
Ich sagte: »Wart ihr schon öfter hier?«
Patricia sagte: »Johannes war schon oft hier. Seine Eltern haben hier ein Ferienhaus.«
Johannes sagte: »Ich hatte als Kind immer Probleme mit Asthma. Die Ärzte sagten, dass mir Meerluft guttun würde.«
Ich sagte: »Ich habe Hautprobleme und die Ärzte hatten damals den gleichen Vorschlag.«
Johannes lachte und sagte: »Scheint wohl ein Mittel gegen viele Krankheiten zu sein.«
Ich sagte: »Wenn man nicht mehr weiter weiß, bildet man einen Arbeitskreis – will man dann noch mehr, schickt man das Kind ans Meer.«
Johannes sagte: »Seid ihr auch immer hierher gefahren?«
Ich sagte: »Zum Glück meinten meine Eltern, dass zwei Aufenthalte genug wären.«
Sommer sagte: »Ich fahre lieber um die Welt, als an einem Ort zu bleiben. Das wird doch langweilig, wenn man immer die gleichen Ziele hat.«
Johannes sagte: »Mittlerweile fahre ich nur noch selten hierher. Aber da Patricia den Ort nicht kannte, dachte ich mir, dass ein kurzer Besuch nett wär.«
Ich sagte: »Ihr studier zusammen?«
Patricia sagte: »Wir kennen uns von der Uni. Wir haben uns auf einer Partie getroffen.«
Johannes sagte: »Ich studiere Wirtschaftskommunikation.«
Ich sagte: »Das ist gut. Bisher kenne ich nur Kaufleute, die nicht kommunizieren können. Es wird Zeit, dass es ihnen mal jemand beibringt.«
Sommer sagte: »Oder sie lassen es ganz bleiben. Wäre es nicht viel schöner, wenn wir alle ein wenig mehr auf die Natur hören würden?«
Patricia sagte: »Die Natur hat so viel zu bieten.«
Ich sagte: »Natürlich – ich denke da an Tsunamis, Tornados und Erdbeben.«
Sommer sagte: »Das sind nur die lautesten Kommentare.«
Ich sagte: »Treibsand zählt dann wohl zu den leiseren?«
Patricia lachte offen, was mich ein wenig an Frühling erinnert. Allerdings fehlte ihrem Lachen das Quäntchen Boshaftigkeit, welches bei Frühling immer mitschwang.
Sie sagte: »Es ist so schön, so viele nette Leute, um mich herum zu haben.«
Ihre Naivität in diesem Augenblick ließ mich erahnen, was Sommer so sehr an ihr schätzte. Vielleicht hatte er ja doch noch Chancen.
Johannes sagte: »Der Laden hier ist besonders beliebt, wegen seiner Fischgerichte.«
Ich sagte: »Wie toll, dass Fisch nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgerichten zählt.«
Jonnas lachte und sagte: »Da geht es Dir wir mir. Ich wäre auch lieber in die beliebte Burger-Bar gegangen.«
Ich sagte: »Vielleicht haben sie ja Fish & Chips.«
Johannes meinte: »Fischstäbchen würden es zur Not auch tun.«
Patricia verdrehte die Augen. Sie sagte: »Wenn man schon am Meer ist, sollte man frische Produkte essen.«
Sommer sagte: »Frische Produkte aus der Region, sind immer das, was ich bevorzuge.«
Ich sagte: »Wenn dann noch etwas Sand dran klebt, wird es noch viel bekömmlicher.«
Johannes sagte: »Dreck reinigt den Magen.«
Sommer sagte: »Fangfrische ist ein besonderes Prädikat.«
Ich sagte: »Mit der deutschen Grammatik stand ich schon immer auf Kriegsfuß. Jedoch mein ich mich zu erinnern, dass in unserer Sprache das Prädikat immer ein Verb beinhaltet.«
Patricia sagte: »Wir essen Fisch.«
Sommer sagte: »Das sehe ich genauso.«
Anscheinend hatten meine Predigten endlich etwas gebracht. Sommer stimmte ihr endlich zu. Manchmal passieren Wunder gerade dann, wenn man sie nicht unbedingt braucht.
Nach längerem Zögern bestellte ich dann die Calamari mit Pommes, die überraschend mies schmeckten. Ich hätte auf die Frische auch gerne verzichten können.
Sommer schlug sich überraschend gut. Johannes hingegen schlug sich überraschend besser. Es war wie ein Fußballspiel, in dem der Ball immer wieder von der einen Hälfte in die andere geriet und gefährlich nah am gegnerischen Tor verweilte, bis ein schneller Konter ihn wieder zurückbrachte.
Ich verstand nicht viel von dem Spiel welches ich sah, jedoch war ich mir sicher, dass Johannes am Ende des Abends um mindestens drei Tore in Führung lag.
Sommer war die Enttäuschung anzusehen. Er stocherte in seinem halbvollen Teller herum, bevor er ihn zurückgehen ließ.
Als wir uns erhoben, blieb der Kopf von Sommer, ein wenig zu tief hängen. Er blickte weder Patricia noch Johannes ins Gesicht.
Die Beiden verließen uns vor dem Restaurant.
Sommer sagte: »Ich habe keine Chancen mehr. Dieser Johannes ist einfach besser als ich.«
Ich sagte: »Es ist noch nicht aller Tage Abend. Wenn Du die Frau wirklich gewinnen willst, musst Du um sie kämpfen.«
Sommer blickte mich fragend an.
Ich sagte: »Versuch Dein Glück. Begeistere sie für Dich. Ihr habt einige Gemeinsamkeiten. Wenn Du sie von Dir begeistern möchtest, dann bau das aus.«
Sommer sagte: »Aber Johannes?«
Ich sagte: »Er hat im Moment die besseren Karten. Sie wohnt bei ihm, auch wenn sie noch nicht zusammen sind. Anscheinend hält sie ihn für nett. Du musst jetzt einfach netter sein.«
Sommer sagte: »Wie soll ich das anstellen?«
Ich sagte: »Lass uns darüber bei einem Bier zu Hause sprechen.«
Sommer nickte.
Ich sah ihn an, schüttelte den Kopf und ging auf die Straße.
Wie oft habe ich meinen Töchtern gesagt, dass sie Links und Rechts schauen sollen, bevor sie eine Straße betreten?
Sommer hatte mich abgelenkt.
Er stand hinter mir und sah zu, wie ich die Straße betrat. Für einen Augenblick war er sich nicht sicher, was gerade passierte.
Als er ganz plötzlich zu Schreien anfing, wusste ich, dass irgendetwas extrem schief lief. Sommer und schreien, das passte nicht zueinander.
Ich blickte mich um und konnte den Lastwagen sehen, der mit einer irren Geschwindigkeit auf mich zuraste.
In meinem Kopf erklang ein fürchterliches Geräusch, als der Kühlergrill meinen Körper berührte.
Sommer stand wie gelähmt da.
Er sah, wie ich erfasst wurde. Er hörte, wie die Reifen quietschen und die Knochen brachen. Dann sah er, wie ich meterweit durch die Luft geschleudert wurde und mit verdrehten Armen und Beinen, auf dem Gesicht liegend landete.
Er wusste sofort, dass ein menschlicher Körper so etwas nicht aushalten konnte.
Wie in Trance ging er los und beugte sich langsam über mich und betrachtete den Schaden.
Traurig schüttelte er den Kopf. Hier war nichts mehr zu machen.
Er hatte einige Geheimnisse von seiner Familie gelernt. Leider gehörte die Wiedererweckung nicht zu seinen Fähigkeiten.
Tausend Dinge gingen in seinem Kopf vor. Irgendjemand von seiner Sippe könnte hier vielleicht helfen?
Erneut schüttelte er den Kopf. Ihm wollte niemand einfallen. Mein letzter Vorschlag schien ihm immer mehr zu gefallen. Vielleicht war es besser, nach Hause zu gehen und mit einer Flasche Bier, den Abend zu beschließen.
Hier konnte er nicht mehr viel machen.
Er wartete nicht mehr auf einen Krankenwagen, da ihm das Ergebnis klar war. Er hatte schon sehr viele Menschen sterben sehen. Patricia und Johannes hatten auf jedem Fall nichts von dem Unfall mitbekommen.
Mein Handy lag unweit von meinem Körper auf der Straße. Komischerweise hatte der Schutzrahmen und die Panzerglasfolie, alle Schäden abgehalten. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich meinen Körper mit dem Zeug verklebt.
Sommer hob das Handy auf und steckte es ein. Es würde nützen, wenn er Patricia treffen wollte.
Wenn er sie morgen treffen würde, könnte er vielleicht mit dem Umfall punkten. Mitleid war ein starker Verbündeter. Das würde ihm vielleicht helfen.
Er holte einen Joint aus der Tasche, zündete ihn an und machte sich auf den Weg.
Als Sommer zu Hause die erste Flasche Rotwein in den Händen hielt, wurde ihm bewusst, dass er keine Ahnung hatte, wo der verdammte Flaschenöffner war. Das Getränk würde ihm guttun. An den Inhalt zu kommen, stelle jedoch ein Problem da.
Sommer mochte die Erfindungen der Menschen in Bezug auf Alkohol. Sie hatten es schon recht früh erlernt, nette Dinge aus Früchten oder Getreide herzustellen. Die Entstehung des Korkens hatte ihn allerdings immer gestört. Genauso wie die Entwicklung der Konservendose.
Kork war sicherlich ein Naturprodukt – aber wie bekommt man dieses Naturprodukt aus einer Flasche, wenn man das passende Werkzeug vermisst?
Sommer ging in der Wohnung herum und suchte nach der passenden Idee.
Irgendwer hatte mal eine Flasche mit einem Schuh geöffnet. Man musste nur im richtigen Takt und mit genügend Stärke auf die Unterseite der Flasche schlagen.
Vielleicht hätte er einfach nur kiffen sollen?
Er stand mittlerweile im Flur. Die Haare hingen ihm im Gesicht. Mit der Flasche in der Hand sah er aus wie ein Landstreicher, der gerade von seiner allabendlichen Tour zur Lieblingsbude, zurück zu seinem Schlafplatz unterhalb einer Brücke wankt.
Ein paar Sportschuhe von Bob lagen herum. Wahrscheinlich würde ihm nicht auffallen, wenn Sommer sie zum Flaschenöffnen benutzte. Es stand sowieso zur Diskussion, was Bob mit Sportschuhen anfangen sollte. Von Sportlichkeit verstand er nichts.
Sommer erhob einen Schuh und schlug, so stark wie er konnte, gegen den Flaschenboden.
Der Korken bewegte sich keinen Millimeter.
Er versuchte es mit mehr Schwung.
Wenn man genau hinsah, dann könnte sich der Korken bewegt haben.
Der Schuh erschien ihm nicht optimal. Er musste etwas anderes nehmen.
Er schlug die Flasche mehrfach mit ihrem Boden gegen den Türrahmen.
Ein Stück vom Rahmen platzte ab.
Eine Auswirkung auf den Korken war immer noch nicht zu erkennen.
Sommer schlug fester zu und die Flasche explodierte in seiner Hand.
Er ging zurück in die Küche.
Drei Flaschen warteten auf eine neue Idee.
Er nahm die zweite aus der Reihe.
Bob hätte bestimmt eine Idee gehabt, was jetzt zu tun wäre.
Die Korken ließen sich mit ein wenig Geschick und dem Griff eines langen Löffels, in die Flasche drücken.
Mit jedem Schluck wurde Sommer bewusster, dass er keinen Plan hatte.
Was sollte er machen?
Seine Füße ruhten auf dem Wohnzimmertisch. Neben ihm lag die Weinflasche. Er hatte sie mittlerweile genügend geleert, dass er sie gefahrlos hinlegen konnte. In seinem Mundwinkel klebte ein Joint.
Zu spät hatte er bemerkt, dass die Droge seine aktuellen Gefühle verstärkt. Sein Körper fühlte sich schwer an. Er stand kurz davor, einen Heulkrampf zu bekommen.
Ohne Bob schwanden seine Hoffnungen.
Mit einem Schluck versuchte er seine Enttäuschung, herunterzuwürgen. Er kämpfte gegen das Gefühl, welches in ihm hochstieg.
Wer konnte ihm jetzt helfen?
Wie konnte er lernen, wie man sich gegenüber einer Frau zu benehmen hat, um ihr Herz zu gewinnen?
Bob hatte ihm immer gesagt, dass sein Vorgehen ziemlich plump war. Ohne Training würde er das nicht abstreifen können. Egal was man macht, einen großen Teil von sich selbst trägt man immer mit sich.
Er musste an sich arbeiten, so wie man an einem Diamanten die Kanten schleift, bis man dieses glitzernde Etwas perfektioniert hat.
Bob war die Garantie für den Schliff. Ohne ihn war Patricia unerreichbar.
Er würde improvisieren müssen.
Eine Träne rann sein Gesicht hinunter.
Wenn er wenigstens auf seine Familie zählen könnte. Keiner von denen würde helfen. Sie hatten entweder ihre eigenen Probleme oder waren dazu gar nicht fähig.
Frühling konnte er nicht trauen, Herbst war schlimmer als er und Winter’s Humor konnte er im Moment nicht gebrauchen.

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