Sommer schreckte hoch und mit ihm sein Kater. Es fühlte sich immer noch so an, als würde sich die Welt um ihn drehen, nur machte sie es diesmal direkt auf seinem Kopf und drückte ihm dabei das Hirn zu beiden Seiten aus den Ohren heraus.
Da war etwas gewesen.
Er überlegte.
Das tat weh.
Da hatte jemand geklingelt.
Mühsam erhob er sich. Eine Haarsträhne klebte im Gesicht. Seine Lippen schmeckten nach Kippe und Wein. Wer auch immer an der Tür stand, er konnte ihn jetzt nicht ertragen.
Es klingelte noch einmal.
Seine Füße trugen ihn nicht mehr so gut, wie am vorigen Abend. Sie hatten ihn gestern eigentlich noch recht aufrecht gehalten. Warum sich jetzt kein Gleichgewicht mehr einstellen wollte, wusste er nicht.
Zum Glück war die Tür nicht sehr weit.
Vor der Tür stehend sagte er: »Hallo?« und runzelte die Stirn, vor dem Echo der Worte in seinem Schädel.
Patricias Stimme drang durch das Holz. Sie sagte: »Hallo, ich wollte nur fragen, ob Bob und Du…«
Sommer riss die Tür auf.
Patricia hatte die Augen aufgerissen und sah ihn an.
Sommer sagte: »Guten Morgen. Du wolltest fragen?«
Patricia stammelte: »Ob Du und Bob zum Frühstück?«
Sommer kniff die Augen zusammen. Die Sonne streckte ihr grässlichen Finger, in hellem Licht nach ihm aus. Der Schmerz tanzte in seinem Kopf Tango – auf übergroßen Stilettos, in einem abartigen Tackt.
Als er die Augen wieder öffnete, sah ihn Patricia fragend an. Mit einem Nicken wies sie auf die kaputte Flasche, die im Flur lag und den Türrahmen, in dem eine Ecke fehlte.
Sommer sagte: »Bob wird nicht mitkommen.«
Patricia lachte und sagte: »Ihr hattet wohl eine rauschende Partie gestern?«
Sommer schüttelte den Kopf, den er gleichzeitig hängen ließ.
Er sagte: »Bob ist tot.«
Patricia sagte: »Habt ihr euch gestritten? Ist er nach Hause gefahren?«
Die Zähne zusammenbeißend sagte Sommer: »Er ist gestern überfahren worden.«
Die Augenbrauen von Patricia wanderten nach unten und sie sah Sommer prüfend an. Sie sagte: »Du willst mich verarschen?«
Sommer schüttelte erneut den Kopf und sagte: »Kurz nachdem ihr gegangen seid, hat ihn ein Lastwagen überfahren.«
Patricia schüttelte ungläubig den Kopf. Dann stockte sie und sagte: »Wir haben noch Sirenen gehört. Wir haben uns nichts dabei gedacht.«
Sommer sagte: »Er war ganz schön matschig.«
Sie standen eine Weile wortlos in der Tür.
Dann sagte Sommer leise: »Ich würde trotzdem gerne Frühstücken.«
Patricia sagte: »Das ist so traurig. Ihr ward so ein süßes Pärchen.«
Sommer linkes Augenlid begann unwillkürlich zu zucken. Er brauchte drei Sekunden, bis er es erneut vollständig unter Kontrolle hatte. Dann sagte er: »Wir waren kein Paar.«
Die Farbe in Patricias Gesicht schlug in ein helles Rot um. Sie wich ein paar Schritt zurück und bewege abwehrend die Hände, wie ein schlecht ausgebildeter Torwart.
Sommer sagte: »Wir waren nur Freunde. Er war schon lange mit meiner Familie befreundet.«
Patricia sagte: »Es tut mir leid. Es muss schwer sein, einen Freund zu verlieren.«
Sommer sagte: »Menschen kommen und gehen.«
Patricia sagte: »Wenn es ein geliebter Menschen ist, dann ist es immer schwer.«
Sommer sagte: »Steht Dein Angebot zu Frühstücken noch?«
Erneut schüttelte Patricia den Kopf, als wolle sie etwas abschütteln, was auf ihrer Schulter saß und sagte: »Aber natürlich.«
Sommer zog die Tür hinter sich zu und zuckte mit den Achseln, als er in das überraschte Gesicht von Patricia schaute.
Sie sagte: »Willst Du Dich nicht umziehen oder frischmachen?«
Sommer sagte: »Warum?«
Patricia sagte: »Der Tod von Bob hat Dich doch sehr getroffen.«
Sommer zuckte erneut mit den Achseln. Dann blieb er auf der Stelle stehen und legte die Stirn in Falten. Er wartete einige Momente, während er die Luft in kurzen Stößen durch die Nase sog und sagte danach: »Vielleicht sollte ich mich doch noch frischmachen.«
Patricia drehte sich auf der Stelle und Sommer sagte: »Wartest Du bitte? Ich weiß nicht, wie ich zu euch komme.«
Sie drehte sich sehr langsam um und sagte: »Ich warte hier.«
Sommer griff in seine rechte Hosentasche und holte die Hand leer wieder heraus. Seine Stirn legte sich erneut in Falten. Er tastete die linke Hosentasche ab und anschließend die beiden hinteren Taschen. Dann zog er die Achseln hoch und sagte: »Ich habe den Schlüssel drinnen vergessen.«
Er sah betretend zu Boden.
Patricia legte ihm eine Hand auf den Arm und sagte: »Du bis wohl ziemlich durcheinander.«
Sommer sah zur Hand, als wäre sie der Nobelpreis, den er nach langer Forschung im Bereich menschlicher Hormone überreicht bekam.
Es dauerte nur einen Augenblick, bis Patricia ihre Hand etwas zu schnell zurückzog. Sie hatte seinen Blick bemerkt.
Sommer sagte: »Eigentlich bin ich nicht mehr durcheinander als sonst.«
Sie sagte: »Deine Welt ist bestimmt zusammengebrochen.«
Sommer sagte: »Aber nein. Meiner Mutter geht es gut. Sie ist nur etwas unzufrieden mit der Gesamtsituation.«
In Patricias Gesicht bildeten sich übergroße Fragezeichen und Sommer gefror in seiner Bewegung. Leise sagte er: »Können wir jetzt gehen?«
Die Beiden kamen an einem angeberisch großen Ferienhaus an. Es stand nur ein paar Straßen entfernt, fast direkt am Strand.
Sommer ging immer ein paar Schritte hinter Patricia und wirkte zerknirscht. Seine Haare fielen ihm ins Gesicht und er ließ den Kopf hängen. Seine Miene zeigt abwechselnd ein leichtes Lächeln, pures Entsetzen und Nachdenklichkeit.
Patricia drückte die Klingel und wenig später stand Johannes vor ihnen.
Sofort ließ Patricia die Schultern hängen. Sie wirkte so, als hätte sie sich gerade um ein paar Sandsäcke erleichtert.
Sie sagte: »Bob ist tot.«
Johannes blickte sie überrascht an. Er sagte: »Aber…«
Sommer sagte: »Er wurde, kurz nachdem wir uns gestern verabschiedet hatten, von einem Laster überfahren.«
Johannes sagte: »Ich kann das gar nicht fassen.«
Sommer sagte: »Geht mir genauso. Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen.«
Patricia schluchzte.
Sofort war Johannes bei ihr und breitete seine Arme um ihre Schultern.
Sommer betrachtete die beiden apathisch und merkte nicht, wie sein linkes Augenlid erneut zuckte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
Patricia zuckte zum Takt ihrer Schluchzer und benetzte Johannes Schulter mit salzigen Tränen.
Es verging eine gefühlte Stunde, bis sie sich wieder gefangen hatte.
Johannes ging jetzt direkt auf Sommer zu und umarmte ihn ebenfalls.
Als er Sommers Kopf an seine Schulter drückte, sagte er: »Es tut mir so leid. Ihr war so ein süßes Pärchen.«
Sommers Zähne waren so sehr ineinander verkeilt, dass er keinen Laut herausbringen konnte. Seine Gesichtsfarbe tendierte zu einem sehr tiefen und sattem Rotton.
Sommer ließ sich von Johannes ins Haus führen. Patricia erklärte Johann s während dessen, immer noch unter Tränen, dass Sommer und Bob kein Paar gewesen waren, sondern lediglich Freunde.
Als Sommer das Buffet sah, welches die Beiden zum Frühstücken bereitgestellt hatten, entspannte er sich augenblicklich. Er sagte: »Das sieht aber lecker aus.«
Johannes sagte: »Ist Dir denn jetzt schon nach Essen zumute?«
Sommer sagte: »Mein Kater hab ich anscheinend zu Hause gelassen.«
Johannes blickte fragend zu Patricia, die nur mit den Achseln zuckte.
Sommer hatte sich derweilen schon an den Tisch gesetzt und blickte abwartend in ihre Richtung.
Er musste mit ansehen, dass Johannes Patricia den Stuhl anbot und sie behutsam an den Tisch schob.
Erneut bildeten die Augen von Sommer schmale Schlitze.
Anschließend setzte sich Johannes direkt neben Patricia.
Er blickte Sommer ins Gesicht und wartete.
Sommer sagte: »Wir sollten anfangen, bevor die Eier kalt werden.«
Johannes sagte: »Greif zu.«
Als hätte man einen Startschuss abgefeuert, langte Sommer über den Tisch, nahm die Schale mit dem Rührei und entnahm eine großzügige Portion. Dann reichte er Particia die Schale.
Sie sagte: »Mir ist der Appetit vergangen.«
Sommer führte seine Gabel zum Mund, blickte sie fragend an und sagte, obwohl sein Mund nicht ganz leer war: »Warum?«
Patricia sagte: »Weil doch Bob tot ist.«
Sommer nickte und sagte: »Ja das kann ich gut verstehen. Es muss Dich ziemlich hart treffen.«
Johannes sagte: »Wir kannten ihn doch nur ein paar Stunden.«
Sommer sagte: »Ich kenne ihn auch erst seit ein paar Wochen. Er kam mir allerdings sehr sympathisch vor.«
Patricia hatte die Schale zu Johannes geschoben, der ebenfalls ein paar Löffel der gelben Masse auf seinen Teller beförderte. Er hatte sich dazu ein Brötchen gegriffen und zusätzlich ein paar Streifen Speck auf seinen Teller gelegt.
Patricia sagte: »Das ist aber nicht Cholesterinarm!«
Sommer sagte, während er ebenfalls nach dem Speck griff: »Das war Bob auch nicht.«
Johannes musste grinsen.
Patricia sagte: »Das ist jetzt völlig abartig. Wie könnt ihr darüber nur lachen. Ein Mensch ist gestorben.«
Johannes sagte: »Ich glaube, dass es Bob nichts ausmachen würde, wenn er jetzt da wär.«
Sommer nickte und sagte: »Das glaube ich auch.«
Patricia schüttelte den Kopf und sagte: »Das ist absolut pietätlos.«
Sommer sagte: »Ich weiß nicht genau, was Du meinst, aber Bob hatte auf jeden Fall Humor.«
Johannes sagte: »Da bin ich mir sicher.«
Patricia schüttelte den Kopf und schluchzte erneut. Sie sah Johannes an und sagte: »Es ist so schlimm, wenn es jemand trifft, den man kennt.«
Johannes nahm Patricia erneut in die Arme und sie weinte an seiner Schulter.
Zunächst merkte es Sommer nicht, da er zu sehr mit dem Essen beschäftigt war, dann jedoch blieb er stumm sitzen, die Gabel immer noch zwischen den Lippen, und starrte die Beiden an.
Johannes bewegte seine Hand in Kreisbewegungen auf Patricias Schulter. Er hielt die Augen geschlossen, und schien den Augenblick zu genießen. Es kam Sommer fast so vor, als schnüffelte er an ihren Haaren.
Ihre Schultern zuckten ab und zu und Johannes Hand wanderte über ihren Kopf.
Sommer nahm die Gabel aus dem Mund und ließ sie aus ca. 20 cm Höhe auf den Teller fallen.
Blitzschnell war Patricia aus Johannes Armen verschwunden und sah Sommer überrascht an.
Sommer sagte: »Es war ein sehr netter und lieber Typ.«
Er kniff die Augen ein paar Mal fest zusammen und zog die Mundwinkel nach unten. Dabei blickte er hilfesuchend zu Patricia.
Innerhalb weniger Sekunden war jedoch Johannes an seiner Seite und drückte Sommers Kopf gegen seinen Bauch.
Leise sagte er: »Du wirst jemand anderen finden. Da bin ich mir sicher.«
Zwischen den Zähnen quetschte Sommer die Worte: »Wir waren nicht zusammen!«, heraus.
Johannes sagte: »Das macht die Sache doch viel schlimmer. Ihr hattet noch nicht einmal die Zeit, zusammen zu kommen.«
Sommer sprang auf und sah Johannes an. Für einige Sekunden schien er sich nicht entscheiden zu können, was er machen sollte. Er blickte auf das Essen, dann zurück zu Patricia und abschließend zu Johannes.
Sein Mund schien Worte zu bilden, doch es kamen keine. Er sah zurück zum Essen und ließe sich erneut davor nieder.
Johannes stand immer noch bei ihm.
Patricia sagte: »Hast Du seine Familie schon benachrichtigt?«
Sommer hatte gerade die Gabel erneut in die Hand genommen, als er stockte. Er sah Patricia an und bemerkte, dass Johannes langsam zurück zu seinem Platz trottete.
Sommer sagte: »Ich hätte die Familie benachrichtigen müssen?«
Patricia nickte und sagte: »Du musst doch seine Familie anrufen – und natürlich seine Freunde, solange Du sie kennst.«
Schwerfällig nickte Sommer. Er nahm einen Bissen in den Mund und sagte: »Meinst Du wirklich, dass meine Familie weiß, was ich machen sollte?«
Patricia sagte: »Ich meinte nicht Deine Familie, sondern Bobs Familie.«
Sommer sagte: »Meine Familie war aber auch gut mit ihm befreundet.«
Er sah fragend in die Luft, während er kaute.
Johannes sagte: »Vielleicht wurden sie schon vom Krankenhaus informiert?«
Sommer nickte, aber Patricia sagte: »Das reicht doch nicht. Du musst sicherstellen, dass die Leute, die es wissen sollten, es auch erfahren. Oder warst Du dabei, als man im Krankenhaus angerufen hat?«
Sommer sagte: »Ich war nicht im Krankenhaus. Hatte keine Zweck, es war nicht viel von ihm übrig.«
Johannes sagte: »Schrecklich.«
Patricia erhob sich und sagte: »Du rufst jetzt so schnell wie möglich an!«
Johannes sagte: »Lass ihn doch erst einmal aufessen.«
Den Kopf schüttelnd sagte Patricia »Das Essen kann bis später warten. Jetzt muss er erst einmal anrufen.«
Sommer erhob sich und sagte: »Ich geh dann mal lieber.«
Patricia nickte. Johannes sah mitleidig zu Sommer hinüber.
Sommer ging sehr langsam. Als er vorher mit Patricia gegangen war, brauchte er nur die Hälfte der Zeit.
Vor der Haustür blieb er stehen. Er wirkte unentschlossen. Dann blickte er um sich. Zunächst nach rechts, dann nach linke, dann drehte er sich einmal um die eigene Achse.
Erst nachdem er sich augenscheinlich unbeobachtet fühlte, verschwand er einfach vor der Haustür und tauchte im Inneren der Wohnung wieder auf. Der Schlüssel lag nahe der Tür. Dort hatte er ihn gestern Abend abgelegt.
Er blickte sich im Wohnzimmer um. Hier lagen Flaschen und ein überquellender Aschenbecher. Die Couch hatte ein paar Rotweinflecken abbekommen.
Im Flur hatte sich Sommer das Telefon gegriffen. Prüfend strich er über die Flecken der Couch, nur um zu sehen, ob sie trocken waren. Dann ließ er sich fallen.
Er legte das Telefon vor sich auf den Tisch und sah es unschlüssig an. Den Kopf in den Händen und die Ellbogen auf der Tischplatte, sah er das Ding vor sich an, als wolle er es hypnotisieren.
Es blitzte für einen Moment vor Entschlossenheit in seinem Augen und er griff nach dem Hörer. Kurz bevor seine Finger ihn greifen konnte, zuckte er allerdings zurück, als wäre er ein überhitztes Brennelement.
Die Minuten vergingen, ohne dass etwas passierte. Erneut griff Sommer nach dem Telefon. Diesmal gelangten seine Finger bis auf 5 cm an den Fremdkörper heran. Dann blieben sie in der Luft hängen.
Als sie gerade langsam zurückwichen, klingelte es. Sommer zuckte zusammen.
Diesmal griff er nach dem Hörer und sagte: »Hallo«
Eine vertraute, beißende Stimme sagte: »Hallo Bruderherz.«
Sommer ließ sein Gesicht in sich zusammenfallen. Er sagte: »Hallo Winter.«
Winter sagte: »Da passt man die ganze Zeit auf und dann bringt der eigene Bruder einen vertrauten Freund einfach um.«
Der Blick von Sommer bohrte sich in den Fußboden, knapp in die Mitte zwischen seinen beiden Füßen. Seine Stimmer war kaum noch ein Flüstern.
Er sagte: »Ich weiß nicht, wie das passiert ist.«
Winter sagte: »Das ist so typisch. Du weißt ja nie, warum etwas passiert. Es passiert einfach in Deiner Nähe. Kaum hast Du Dich umgedreht, schon brennt hinter Dir ein ganzes Waldgebiet. Dass es eine Deiner Zigaretten waren, siehst Du nie.«
Sommer sagte: »Ich habe gestern nicht geraucht.«
Winter sagte: »Das war auch nur ein Beispiel.«
Sommer musste sich ein paar Haare aus dem Gesicht streichen, die mittlerweile seinen Blick verdeckten. Er sagte: »Das hätte nie passieren dürfen. Du weißt doch, dass Sterbliche in unserer Nähe sicher sind.«
Winter sagte: »Sterbliche bekommen einen besonderen Status, wenn wir das so beschließen. Bei Bob waren wir uns fast sicher, dass wir diesen Status setzen sollten.«
Sommer sagte: »Das heißt, er war noch nicht sicher?«
Winter sagte: »So sicher, wie man sich in unserer Nähe fühlen kann. Du musst Dir einmal vorstellen, wie viel Überzeugungskraft ich bei Frühling einsetzen musste, damit sie ihn nicht in Gefahr brachte.
Ich war so froh, als sie ihr kleiner Krimi beendet hatten. Fast hätte ich die Korken knallen lassen.
Dann kommt ein Knallkopf wie Du und lässt einen LKW drüberfahren. Das ist der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen.«
Sommer sagte: »Ich war nur für einen kurzen Augenblick abgelenkt.«
Winter sagte: »Mal wieder zu viel Alkohol gesoffen?«
Winter sagte: »Was wolltet Ihr überhaupt an der Nordsee?«
Sommer antwortete nicht direkt. Er sah an die Decke, als würde die Antwort von irgendwo dort oben kommen.
Als sie nicht direkt auf ihn hinabstürzte, sagte er: »Wir sind wegen Patricia hier.«
Winter sagte: »Die kenne ich nicht. Da Bob ja bekanntlich eine Familie hat, wird Patricia anscheinend Dein Problem sein?«
Sommer stotterte: »J-j-a«
Winter sagte: »Na prima, mit Menschen hast Du ja bekanntlich immer Glück.«
Sommer sagte: »Geht so.«
Winter sagte. »Das war auch ironisch gemeint.«
Sommer sagte: »Ich brauche Hilfe.«
Winter sagte: »Auch das ist nichts Neues. Kommt ja oft genug vor, dass man Dir irgendwie helfen muss. Mit Deiner Particia werde ich Dir allerdings nicht helfen. Aber vielleicht kann man bei dem Problem Bob noch etwas in die Wege leiten.«
Sommer sagte: »Könnt ihr mir einen zweiten Bob besorgen?«
Winter sagte: »Nur damit Dir der dann auch wieder kaputt geht? Das kommt nicht in Frage. Ich dachte da eher an ein Gespräch mit der Ewigen.«
Sommer schluckte. Er strich mit der freien Hand über die Stirn, auf der sich einzelne Schweißperlen gebildet hatten.
Er sagte: »Gibt es da keinen anderen Weg?«
Sommer sagte: »Sprich zunächst mit Frühling. Ich werde ihr ausrichten, dass sie Dich anrufen soll.
Sie hat einen guten Draht zur dunklen Lady. Vielleicht kann sie ja ein gutes Wort für Dich einlegen.«
Sommer sagte: »Kannst Du da nicht hin?«
Winter sagte: »Soweit kommt es noch, dass ich für Dich die unerfreuliche Arbeit erledige. Da gehst Du gerne einmal selbst hin.«
Sommer sagte: »Ok.«
Winter sagte: »Dann warte kurz. Frühling wird sich gleich bei Dir melden.«
In der Leitung knackte es. Danach blieb sie tot.
Sommer erhob sich und ging in die Küche um sich etwas zu Trinken zu holen. Er kam mit einer Flasche billigem Whiskey zurück und setzte sich erneut vor das Telefon.
Als Sommer die Flasche zum Mund führte und den ersten Schluck nehmen wollte, klingelte das Telefon zum zweiten Mal.
Er setzte die Flasche behutsam ab und griff nach dem Hörer. Als er ihn in der Hand hielt, hörte das Klingeln schlagartig auf.
Missmutig schaute er auf das Telefon. Natürlich gab es keine Rückrufnummer.
Er legte das Plastikteil zurück auf den Tisch und griff nach der Flasche.
Noch bevor er den ersten Schluck nehmen konnte, fing der Apparat erneut an, komische verzerrte, schrille Klänge an die Umgebung auszusondern.
Sommer schüttelte den Kopf und setzte die Flasche erneut ab. Er griff nach dem Telefon und drückte den Knopf zur Annahme des Gesprächs.
Die Leitung war tot.
Sommer Gesicht verzog sich. Anscheinend hatte sein Anrufer eine schlechte Verbindung.
Er wartete ein paar Minuten, und starrte auf das Display. Wenn ihn jemand erreichen wollte, konnte er dies jetzt machen.
Nachdem er eine gefühlte Stunde – in Wahrheit waren es nicht einmal 5 Minuten – gewartet hatte, legte er den Hörer auf den Tisch und griff nach der Flasche.
Diesmal würde er sich beeilen.
In einer Bewegung zog er die Flasche zu sich und hob sie hoch.
Das Telefon klingelte.
Diesmal knallte Sommer die Whiskey-Flasche gegen die Tischplatte.
Er griff nach dem Telefon, drückte den Knopf und sagte: »Hallo Schwester!«
Auf der anderen Seite erklang ein Lachen.
Sommer sagte: »Bitte Du musst mir helfen.«
Frühling sagte: »Kaum zu glauben, darum hab ich angerufen.«
Frühling sagte: »Ich wollte Dir nur gratulieren, dass Du das geschafft hast, was ich die gesamte Zeit vermeiden wollte. Du bekommst es einfach immer hin.«
Sommer griff nach der Flasche und nahm einen großen Schluck. Dann sagte er: »Ich wollte es wirklich nicht.«
Frühling sagte: »War schon schwer genug Morpheus davon abzubringen, Bob zu töten. Dann kommst Du Trampel.«
Sommer nahm erneut einen Schluck.
Frühling sagte: »Es wird Zeit, dass Du das Ganze ausbadest.«
Sommer sagte: »Du klingst irgendwie wie Winter.«
Frühling lachte und sagte: »Es kommt zwar selten vor, aber diesmal sind wir einer Meinung.
Du musst zu der Ewigen gehen und mit ihr klären, ob es einen Weg gibt, das Problem rückgängig zu machen.«
Sommer erhob sich. Er schwankte stark und für einen Augenblick sah es so aus, als würden ihm die eigenen Beine nicht mehr tragen. Dann fing er sich.
Er sagte: »Kannst Du nicht mitkommen?«
Frühling lachte erneut. Ihr Lachen war frei und fröhlich, lange und laut. Zwischen zwei Lachattacken sagte sie: »Nein!«
Sommer sagte: »Bitte.«
Frühling lachte unbekümmert weiter.
Mürrisch ließ Sommer den Kopf hängen und hörte dem Lachen seiner Schwester zu. Nachdem sie sich gefangen hatte, sagte er: »Ist sie gut zu finden?«
Frühling sagte: »Du kannst Sie wie immer erreichen. Du kennst ja die Prozedur. Bestell der Dunklen einen schönen Gruß von mir.«
Sommer sagte: »Ihr seid doch so gute Freundinnen.«
Frühling sagte: »Solange ich nicht im gleichen Zimmer wie sie bin, kommen ich tatsächlich prima mit ihr aus. Aber ihre Ausstrahlung ist mir immer zu negativ.«
Sommer sagte: »Kannst Du nicht wenigstens ein gutes Wort für mich einlegen?«
Frühling sagte: »Hab ich schon. Sie überzeugen, musst Du aber trotzdem selbst. Es ist Deine Zeit und Deine Pflicht.«
Dann legte Frühling auf.
Sommer ergriff die Flasche und legte das Telefon zurück auf den Tisch.
Mit ein paar Schritten stand Sommer im Schlafzimmer. Er hatte keinen Koffer mitgebracht und daher auch nicht viel zu packen. Hier lagen nur Sachen von Bob.
Er nahm ein paar Wäschestücke auf und betrachtete sie.
Dann sagte er, zu niemand speziellen: »Ich glaub, ich nehme das Zeug mit.«
Es waren nicht viele Dinge, die er in den Koffer legen musste, schließlich hatte er darauf geachtet, dass nicht zu viel eingepackt wurde.
Nach ein paar Momenten war er fertig.
In der Küche blickte er auf die Flaschen, die quer über die Spüle verteilt lagen, nahm sie einzeln auf und schmiss sie in den Abfall.
Den Fleck im Flur beseitigte er mit einem einfachen Wisch über die Stelle. Genau das Gleiche machte er mit dem Türrahmen, der anschließend keine Spuren mehr aufwies.
Im Wohnzimmer ließ er den Qualm und die Zigarettenstummel verschwinden.
Er lächelte, während sich das Zimmer mit einfachen Mitteln selbst aufräumte. Meist musste er nur den Arm heben und schon wurde es sauber.
Im Wohnzimmer ließ er sich erneut auf das Sofa fallen. Ein Griff in seine Hosentasche förderte eine ziemlich pralle Tüte hervor. Sein Lächeln wurde breiter.
Dann wanderte sein Blick auf den Telefonhörer, der immer noch auf dem Tisch lag. Er wischte über den Hörer, der sofort verschwand und auf der Ladstation erneut auftauchte.
Sommer fixierte das Telefon, während er den Joint zwischen Daumen und Zeigefinger rollte.
Er schüttelte den Kopf und griff zum Koffer, der in Reichweite am Sofa lehnte.
Im selben Augenblick war er verschwunden.

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