Sommer lag unter dem Tisch. Sein Schädel brummte und er suchte die Wohnung ab.
Seine Hand griff nach der Tischplatte und verfehlte sie beim ersten Versuch nur leicht, so dass die Hand zurück auf den Boden, neben dem Gesicht von Sommer knallte.
Der zweite Versuch klappte besser und Sommer wuchtete sich Stück für Stück nach oben.
Als er stand, sah er sich erneut um.
Frühling hatte noch nicht angerufen. Er wartete jetzt seit 2 Tagen und bisher war noch nichts passiert.
Er blickte auf das Telefon, dessen Knopf merkwürdig blinkte.
Sommer murmelte ein paar Schimpfworte gegen die Wand und nahm den Hörer ab.
Die Nummer des Anrufers stand im Display. Eingang war der Vortag, irgendwann um 20 Uhr.
Sommer drückte den Rückrufknopf und wartete.
Seine Uhr zeigte 10 Uhr an. Es war nicht so früh, dass er irgendwen wecken würde. Seine Schwestern waren sowieso immer wach. Sie mochten das Gefühl des Schlafens nicht.
Die Leitung knackte und jemand sagte vorsichtig und zögerlich: »Guten Morgen.«
Es klang mehr nach einer Frage, denn nach einer Feststellung und Sommer huschte ein breites Grinsen über das Gesicht.
Er sagte: »Hallo Patricia. Wie geht es Dir?«
Die Stimme am anderen Ende sagte: »Wie geht es Dir? Wir haben uns gar nicht mehr gesehen, bevor Du abgereist bist. Es muss schlimm sein, die ganzen schlechten Nachrichten überbringen zu müssen. Du wolltest es bestimmt lieber persönlich machen?«
Sommer sagte: »Welche schlechten Nachrichten?«
Patricia sagte: »Na vom Tod von Bob.«
Sommer schwieg zerknirscht. Er hatte die Augen schuldbewusst auf dem Boden gewendet und schüttelte langsam den Kopf.
Dann sagte er: »Ja das war sehr schlimm.«
In der Leitung knackte es erneut und Johannes meldete sich. Er sagte: »Wie geht es Dir? Du musst immer noch recht fertig sein.«
Sommer sagte: »Ach es gibt so viel zu tun.«
Dabei blickt er auf den Tisch vor sich, auf dem sich mindestens zwanzig leere Flaschen Wein um einen Aschenbecher gruppierten, der schon an allen Seiten auslief und seine Füllung überschwänglich, bis auf den Boden, verteilte.
Sommer winkte einmal über den Tisch und der Müll verschwand.
Er sagte: »Es ist so viel zu organisieren.«
Johannes sagte: »Soll ich Dir helfen? Wir sind zwar gerade selbst im Stress, aber wenn Du willst, komme ich rüber und helfe Dir.«
Sommer sagte: »Es wird schon gehen. Warum habt ihr denn so viel zu tun?«
Johannes zog zunächst ein ›Ehhhmmm‹ in die Länge, bis es sich so zog wie Gummi. Dann sagte er sehr leise: »Patricia und ich haben beschlossen zusammenzuziehen.«
Auf beiden Seiten stellte sich eine Leere ein, die sich anfühlte, als würden zwei Bodybuilder mit 50 Kilogramm Zementsäcken Kissenschlacht spielen.
Sommer schien sehr unschlüssig zu sein, wie er sein Kissen zurückwerfen sollte.
Er sagte: »Das ist schön für euch.«
Johannes sagte: »Ich wollte Dich gar nicht damit belästigen. Wir sind einfach so aufgeregt, dass es so schnell geht. Aber was sprechen wir über uns? Es geht hier nur um Dich. Wie können wir Dir noch helfen.«
Sehr leise sagte Sommer: »Gar nicht.«
Dann fügte er lauter dazu: »Ich komme schon klar. Macht ihr eure Sachen, ich mache meine. Wir treffen uns dann bald.«
Johannes sagte: »Noch einmal schöne Grüße von Pat. Sie macht sich wirklich große Sorgen um Dich.«
Sommer nickte und legte auf.
Es klingelte erneut.
Frühling antwortete: »Die ganz Zeit versuche ich, Dich anzurufen, und es ist immer besetzt. Kannst Du nicht einmal machen, was ich Dir sage?«
Sommer sagte: »Was hast Du mir denn gesagt?«
Frühling sagte: »Ich hab Dir gesagt, Du sollst auf meinen Anruf warten und nicht andere Leute anrufen.«
Sommer sagte müde: »Ich habe auf Dich gewartet. Nach zwei Tagen hatte ich nur nicht erwartet, dass Du Dich noch meldest.«
Frühling sagte: »Aber natürlich melde ich mich, wenn ich sage, dass ich mich melden werde.«
Sommer sagte: »Oder auch nicht.«
Frühling sagte: »Jetzt sprechen wir auf jeden Fall miteinander.«
Sommer verdrehte die Augen und sagte: »Und jetzt?«
Frühling sagte: »Ich hab mit ihr gesprochen. Sie erwartet Dich jetzt.«
Sommer sagte: »Muss das sein?«
Frühling sagte: »Stell Dich nicht so an. Es muss sein. Du wirst schon sehen, dass wir alle etwas davon haben.«
Sommer sagte: »Wo finde ich sie?«
Ein Zettel materialisierte sich vor ihm auf dem Tisch.
Frühling sagte: »Ich habe Dir das gerade geschrieben. Schau einfach vorbei.«
Sommer grummelte und legte auf. Für ein paar Augenblicke stand er unschlüssig im Raum und betrachtete die Adresse.
Dann trottete er zur Couch zurück und ließ sich hineinfallen.
Das Telefon klingelte erneut. Sommer schälte sich aus seinem Sitz und ergriff den Hörer.
Frühling sagte: »Sofort?«
Sommer sagte: »Ja ok.«
Er legte das Telefon zurück und verschwand von der Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte.
Er stand vor einem Reihenhaus und blickte zur Haustür. Das Haus sah aus, als hätte es beide Weltkriege erlebt, und wäre bisher nicht einmal renoviert worden.
Die Tür war irgendwann einmal lackiert worden. An vielen Stellen war die Farbe abgeblättert, an anderen Stellen hing sie in Lackstücken wie Birkenrinde in alle Richtungen.
Ein Blick zu den benachbarten Häusern zeigte, dass der Eindruck des extremen Alters dieses Anwesens, auf keinen Fall stimmen konnte. Die Gebäude konnten erst kürzlich fertiggestellt worden sein.
Sommer konnte erkennen, dass einige Häuser noch nicht einmal bezogen waren.
Er schüttelte den Kopf und ging auf die Tür zu.
Die Klingel sah gefährlich aus. Blanke Drähte hingen aus der Wand und waren nur notdürftig am Gehäuse befestigt.
Sommer näherte seinen Finger sehr vorsichtig dem schwarzen Knopf. Als er ihn endlich drückte, konnte er von drinnen keine Geräusche hören.
Er schüttelte erneut den Kopf.
Einige Minuten vergingen, in denen rein gar nichts passierte. Dann drückte Sommer den Knopf mit wesentlich mehr Elan.
Minuten verstrichen, in denen Sommer von einem Bein auf das andere wechselte.
Dann schlug er mit der Faust gegen die Tür.
Das Holz gab einen merkwürdigen Klang von sich. Es erinnerte an einen nassen Waschlappen, den man mit voller Wucht gegen die Wand schlug.
Von drinnen konnte man eine Stimme hören.
Die Tür öffnete sich von allein und gab einen dunklen Flur frei.
Sommer blickte sich noch einmal draußen um, bevor er das Haus betrat.
Nach dem dunklen Flur betrat Sommer das riesige Wohnzimmer. Er kannte diesen Effekt von der Wohnung seines Vaters.
Dieser riesige Saal würde einen begeisterten Fantasy-Leser an die Hallen des Bergkönigs und dem dazugehörigen Lied erinnern.
Düstere Säulen standen zu beiden Seiten des schier unendlich wirkenden Hallenbaus. Fackeln setzten die Szenerie in flackerndes Halblicht. Jeder Schritt von Sommer verwandelte sich in ein Staccato überlagernder Echos. Die Luft fühlte sich schwül und schwer an. Sommer Kleidung klebte an ihm.
In der Ferne sah er den schweren Thron, aus tausend nackten und durchrosteten Eisenstangen geformt, schwer wie die Trümmer eines Armee-Luftfrachters. Auf ihm saß eine zierlich wirkende Gestalt und betrachtete Sommer durch zusammen gekniffenen Augen.
Ein Lächeln huschte über Sommer gesicht, als er die Gestalt bemerkte, die neben dem Thron stand. Die Frau war in weiß gekleidet und hatte rotblonde Locken, die ihr ins Gesicht fielen. Dann schüttelte Sommer seinen Kopf.
Mittlerweile war er am Thron angekommen und sagte »Hallo«.
Die Frau, die auf dem Thron saß, ganz in Schwarz gekleidet, mit dunkelroten Haaren, die streng nach hinten geflochten waren und die so aussah, als wäre ein Lächeln von ihr etwas besonders wertvolles, sagte: »Hallo Sommer.«
Der Angesprochene verneigte sich vor der Dame.
Tod sagte: »Willst Du Dein Tantchen Liebe nicht auch begrüßen?«
Kurz angebunden verneigte sich Sommer ebenfalls vor ihr und sagte: »Hallo.«
Tod, die Dame in Schwarz sagte: »Nenne Dein Begehr. Warum suchst Du unsere Gegenwart?«
Sommer sagte: »Ich dachte, Frühling hätte schon mit Dir gesprochen, Tante?«
Tod schüttelte den Kopf und sagte: »Mit mir hat niemand gesprochen, obwohl ich gerne von Frühling aufgeheitert worden wäre. Bestell ihr einen schönen Gruß und sag ihr, sie soll sich mal melden.
Worum geht es denn?«
Sommer schluckte, sah Liebe an und sagte: »Das müsstest Du doch wissen. Du hast mir das ja alles eingebrockt.«
Liebe lächelte ihn an. Ihre Mine war wunderschön und Sommers Anspannung wich von ihm.
Sie sagte: »Ich bin vielleicht nicht ganz unschuldig. Du solltest Deiner Tante trotzdem sage, was Du auf dem Herzen hast, sonst wird sie noch sauer.«
Sommer drehte sich zu der Frau auf dem Thron und sagte: »Tante Liebe hat mich eine Frau kennenlernen lassen.«
Die Augenbrauen in Tods Gesicht huschten nach oben und sie kräuselte die Lippen. Dann sagte sie: »Du bist doch nicht wegen Liebeskummer hier? Wir haben Dir schon mehrfach gesagt, dass ihr das selbst regeln sollt.«
Sommer sagte: »Ich habe keinen Liebeskummer, sondern einen Widersacher, der mir das Herz der Dame stielt.«
Tod sagte: »Und Du willst, dass er stirbt? Das müsste sich einrichten lassen.«
Sommer sah sie erwartungsvoll an, so als hätte sie ihn auf eine Idee gebracht, auf die er selbst nie gekommen wäre.
Dann schüttelte er sich und sagte: »Das wäre gar keine so schlechte Idee. Deshalb bin ich aber nicht da.
Auf dem Weg zum Herzen der Frau ist ein Begleiter von mir gestorben.«
Diesmal zog Tod den linken Mundwinkel kurz hoch und zeigte makellose, allerdings auch besonder scharf wirkende Eckzähne.
Sie sagte: »Du hattest einen Begleiter?«
Sommer sagte: »Nicht nur ich, er war auch mit Frühling, Winter und Herbst befreundet. Alle drei sind nicht besonders erfreut, dass er zerquetscht wurde, wie eine reife Orange auf einer Autobahn.«
Die Augen von Tod durchbohrten Sommer und sie sagte: »Du willst von mir, dass er wieder lebt?«
Sommer nickte und sagte: »Wir hatten doch eine Abmachung, dass unsere Begleiter von Dir verschont werden.«
Tod sagte: »Aber nur, wenn man sie mir anmeldet. Ich wusste nichts davon, dass sich jemand zu euch gesellt hat.«
Sommer sagte: »War aber so.«
Liebe sagte: »Es ist schön, dass Du für einen Menschen ein gutes Wort einlegen möchtest.«
Sommer sah sich suchend um. Hier drinnen war es so kalt, dass sein Atem eine weiße Spur in der Luft hinterließ.
Er sagte: »Winter und Frühling haben darauf bestanden. Ich hätte eigentlich lieber ein gutes Wort für Patricia eingelegt.«
Liebe nickte ihm lächelnd zu, ein Lächeln, welches Sommer rot werden ließ. Er scharrte mit seinem rechten Fuß auf dem Steinboden und heftete seine Blicke auf die Stelle knapp unter Tods Stuhl.
Tod sagte: »Ich werde sehen, was sich machen lässt. In der Zwischenzeit wollte ich gerne wissen, was ich mit Deinem Widersacher machen soll.
Sommer sagte: »Wenn er zufällig einen Herzstillstand haben würde, hätte ich sicherlich nichts dagegen.«
Liebe schüttelte den Kopf und sagte: »Wo ist nur Deine Moral? Wäre es nicht ungerecht, wenn der Menschen stirbt, nur weil es Dir nützt?«
Sommers Gesicht wurde erneut rot. Er sah wieder auf den Boden und sagte: »Das war nur so dahingesagt.«
Die eisige Stimme von Tod sagte: »Wolltest Du mich etwa beleidigen, in dem Du mir eine Lüge erzählst?«
Sommer drehte sich auf der Stelle und man sah ihm an, dass er gerne fliehen würde.
Liebe sagte: »Natürlich war es nicht seine Absicht einen Menschen umzubringen.«
Tod sagte: »Das hörte sich aber genau so an.«
Sommer blickte kurz hoch und nickte.
Tod nickte ihm zu und sagte laut: »Siehst Du, meine Schwester, der will, dass er stirbt.«
Liebe schüttelte traurig den Kopf.
Tod sagte: »Bob wartet zu Hause auf Dich.«
Liebe sagte: »Ich wünsche Dir noch viel Glück. Du wirst es brauchen.«
Bis Sommer endlich zurück war, war mir verdammt langweilig. Irgendwie wusste ich, dass irgendetwas Schlimmes passiert war. Da war etwas in meinem Hinterkopf, was sich so anhörte, als hätte man mir gerade ein Nebelhorn ans Ohr gehalten.
Ich ging im Zimmer herum und dachte darüber nach, was passiert war. In einem Augenblick war ich mit drei Personen essen gewesen und dann hatte ich einen leichten Aussetzer.
Sommer stand plötzlich im Zimmer und hob seine Hand zum Gruß.
Ich sagte: »Wo warst Du denn jetzt?«
Sommer sagte: »Das sollte ich wohl eher Dich fragen. Als ich Dich das letzte Mal gesehen habe, parkte ein Laster auf Deinem Gesicht.«
Ich sagte: »Das erklärt die höllischen Kopfschmerzen. War ich lange im Krankenhaus?«
Sommer schüttelte den Kopf und sagte: »War nicht nötig. Von Deinem Hirn war nicht mehr viel übrig. Das hätte man nie retten können.«
Ich sagte: »Du willst mir sagen, dass ich tot war?«
Sommer sagte: »Ich komme gerade von der Dame. Sie hat noch einmal eine Ausnahme gemacht und hat Dich zurückgebracht.«
Instinktiv griff ich mir an meinen Kopf und betastete mein Haar.
Sommer sagte: »Keine Angst, für einen Zombie siehst Du recht gesund aus.«
Ich hob den Zeigefinger in die Höhe und schaute Sommer groß an. Dann sagte ich: »Ich glaube, ich habe Hunger auf Menschenfleisch.«
Sommer sagte: »Das Hungergefühl ist typisch, wenn man von den Toten wieder aufersteht. Iss erst einmal einen Happen, dann können wir uns weiter unterhalten.«
Mit ein paar Schritten war ich in der Küche und musste feststellen, dass fast alle frischen Lebensmittel abgelaufen waren. Enttäuscht setzte ich Nudelwasser auf.
In Richtung Wohnzimmer sagte ich: »Du kannst mir in der Zwischenzeit ruhig erzählen, was ich verpasst habe.«
Währen ich meine Nudeln aß, erzählte mir Sommer alle Begebenheiten. Ab und an schüttelte ich den Kopf und musste ein paar Nachfragen stellen.
Sicherlich war Sommer kein perfekter Erzähler. Er sprang von Oberflächlichkeiten zu präzisen Details, so dass man hinterher kaum noch wusste, was wichtig und was unwichtig war (den Teil mit dem ausführlich erzählten Besäufnis, nach meinem Dahinacheiden, hätte er meiner Meinung auch weglassen können).
Dabei hatte er sich erneut eine Tüte angezündet.
Gegen Ende seiner Rede fragte er mich, warum ich unbedingt sterben musste.
Ich lächelte ihn an und sagte: »Kennst Du die Heldenreise?«
Sommer sagte: »Keine Ahnung, wovon Du sprichst. Willst du mir jetzt auch noch sagen, dass du der Held der Geschichte bist?«
Ich sagte: »Die Heldenreise stammt von einem Forscher der Mythologie. Er untersuchte Sagen und Legenden aus der gesamten Welt und leitete daraus eine typische Handlung dieser Geschichten ab.
Meinen Tod kann man in dieser Hinsicht auch anders deuten. In der Heldengeschichte gibt es einen weisen Berater, der irgendwann stirbt und dadurch die Handlung forciert. Das kennt man auch aus tausend Filmen. Bei Harry Potter ist es der Partenonkel bzw. der Direktor, bei Star Wars der weise Meister – es gibt unendliche Beispiele.«
Sommer zog die Augenbrauen hoch und sagte: »Du bist der weise Berater, der am Ende der Geschichte stirbt?«
Ich sagte: »Bei einer anderen Deutung, wäre ich der Held, der in der Mitte der Handlung sterben muss, um neu geboren zu werden.«
Sommer sagte: »In meiner Geschichte, bin ich immer selbst der Held.«
Ich sagte: »Dann einigen wir uns auf den weisen Berater.«
Sommer schüttelte unschlüssig den Kopf.
Das Telefon schellte und ich war schneller am Telefon als Sommer. Auf der anderen Seite hörte ich eine fröhlich, aufgedrehte Stimme sage: »Spreche ich mit dem Jenseits? Ich hätte ein paar Fragen zum Leben nach dem Tod.«
Ich sagte: »Hallo Frühling. Soweit ich das beurteilen kann, gibt es kein Leben nach dem Tod. Jedenfalls habe ich keins gesehen.«
Frühling lachte ausgelassen.
Sommer zog fragend die Achseln hoch und sagte: »Was will sie?«
Frühling hatte seine Frage gehört und sagte: »Ich wollte eigentlich nur hören, wie es Dir geht. Außerdem wollte ich Sommer sagen, dass Tante Liebe gar nicht nett auf ihn zu sprechen ist.«
Ich sagte: »Eure Tante ist die Liebe?«
Frühling sagte: »Eigentlich nicht. Sie gehört zu den Ewigen und ist sowas wie unsere Uroma. Sie mag es jedoch nicht, wenn man sie so anspricht.«
Ich sagte: »Was hat denn Sommer angestellt?«
Frühling sagte: »Er hat Tod den Auftrag erteilt, einen Menschen aus dem Weg zu räumen.«
Sommer schaute mich immer noch erwartungsvoll an und wartete. Auf meiner Stirn tanzten Falten.
Frühling sagte: »Liebe sagt, er soll Tod den Mord ausreden.«
Ich sagte: »Ich werde es ihm ausrichten.«
Ohne sich zu verabschieden, wie es bei ihr üblich ist, war Frühling aus der Leitung geflogen.
Ich sagte: »Bei Deinem Bericht, hast Du ein entscheidendes Detail vergessen. Wann wolltest Du mir sagen, dass Tod Johannes Leben verkürzen soll?«
Die Farbe wich aus Sommers Gesicht. Seine Stimme war leise und brüchig, als er sagte: »Das war doch nur Spaß.«
Ich sagte: »Frühling hat das anders verstanden. Du sollst Tod die Sache ausreden. Soweit ich Johannes kennengelernt habe, ist er auch viel zu sympathisch, um zu sterben.«
Sommer sagte: »Du bist noch sympathischer und bist auch gestorben.«
Ich sagte: »Und weil ich so sympathisch bin, habt ihr mich zurückgeholt.«
Sommer ließ sich in die Couch sinken und sagte: »Ich gehe nicht noch einmal zu diesem Drachen. Sie geht immer so herablassend mit uns um. Als wären wir nicht würdig in ihrer Nähe zu sein.«
Ich sagte: »Johannes soll nicht sterben. Bitte geh hin und rede Deiner Tante das aus.«
Sommer sagte: »Du kannst doch selbst hingehen und ihr das ausreden.«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Wird sie denn auf mich hören?«
Sommer sagte: »Du wirst noch nicht einmal zu ihr gelassen werden. Sie hat es nicht so mit Sterblichen, nachdem die immer mit ihr verhandeln wollen. Im alten Griechenland fand sie das noch sehr unterhaltsam. Nach Odysseus hat sie allerdings ihre Meinung geändert.«
Das Telefon klingelte erneut.
Ich stand direkt daneben und nahm ab, bevor Sommer in Bewegung kam.
Am anderen Ende meldete sich Winter. Sie sagte: »Hallo Bob. Schön Dich wieder bei uns zu haben. Ohne Dich hätten wir gar kein Tierchen, das wir dressieren könnten.«
Ich sagte: »Freut mich auch Dich zu sprechen. Du willst bestimmt Deinen Bruder sprechen?«
Winter sagte: »Von Wollen kann keine Rede sein. Der Typ nervt mehr, als ein verrotteter Zahn.«
Sommer verdrehte die Augen und sagte sehr leise: »Ich gehe nicht«. Dabei fuchtelte er mit dem Zeigefinger durch die Luft.
Ich hielt Sommer den Hörer hin und wartete. Sommer führte sich immer noch so auf, als müsse er sich Wasser aus den Locken schütteln.
Immer wieder formten seine Lippen das Wort: »Nein.«
Ich nahm den Hörer zurück an mein Ohr und sagte: »Er will nicht mit Dir sprechen.«
Winter sagte: »Sag ihm, dass ich persönlich vorbei kommen werde um ihm in den Allerwertesten zu treten, wenn er diesen nicht sofort zu seiner Tante bewegt.«
Ich sagte: »Warum gehst Du nicht selbst?«
Winter blies die Luft aus und sagte: »Das ist nicht meins. Sommer hat es angestellt und soll es auch ausbaden.«
Ich sagte: »Du willst nicht?«
Winter sagte: »Kann man so sagen.«
Ich sagte: »Es gibt keinen anderen Weg, als dass Du Deine Tante überredest.«
Sommer stand mittlerweile sehr dicht bei mir. Ich konnte seinen Atem riechen, der nach Gras und Alkohol roch. Irgendwie hatte ich diese Gerüche schon seit meiner Jugend, mit Sommer in Verbindung gebracht. In meinen Erinnerungen spielten sich gerade laue Tage auf einem Rock-Festival ab.
Leise sagte Sommer: »Du kannst mich mal.«, und schüttelte dabei seine Mähne.
Ich sagte: »Du kannst jetzt keinen Rückzieher machen.«
Sommer sagte: »Wer sollte denn wissen, dass ich es war, der den ›Fehler‹, so wie Du Ihn nennst, gemacht hat?«
Ich sagte: »Deine gesamte Familie weiß es. Willst Du, dass man es Deiner Mutter erzählt?«
Sommers Augen blitzten. Ich sah in ihnen etwas, was ich von Sommer bisher noch nicht kannte. Genau definieren kann ich es nicht. Sein Gesicht wirkte steinern.
Er drehte sich auf dem Fleck und schlenderte aus dem Zimmer.
Ich sah ihm lange nach. Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss.
Eigentlich mag ich es überhaupt gar nicht, wenn man sich nicht verabschiedet. Leute die sich einfach in Luft auflösen, fand ich immer merkwürdig.
Dann kam ich auf diese Parties, auf denen ich ganz schnell wieder verschwinden wollte und konnte ganz plötzlich die Beweggründe einiger Mitmenschen verstehen.
Dass Sommer sich allerdings diesmal nicht verabschiedete, war eine andere Geschichte.
Das Telefon klingelte und ich hob den Hörer ab.
Ohne abzuwarten, wer am anderen Ende war, sagte ich: »Hallo Winter. Sommer ist gerade gegangen. Anscheinend hat Deine Rede doch etwas bewirkt.«
Das Schweigen am anderen Ende brachte mich ins Grübeln. Vielleicht hätte ich doch erst einmal fragen sollen, wer dort mit mir sprechen wollte?
Nach mehreren Augenblicken Stille, die sich wie Gummi zogen, sagte ich: »Hallo? Wer ist denn da?«
Eine leise, völlig entsetzte Stimme sagte: »Bob bist Du das?«
Zunächst erkannte ich die Person am anderen Ende nicht. Dann fiel der Groschen und ich sagte: »Ja klar, Patricia, ich bin es.«
Patricia sagte sehr leise: »Ich dachte, Du bist tot.«
Ich sagte: »Einigen Menschen sind einfach nicht totzukriegen.«
Patricia sagte: »Aber Sommer sagte, dass Du von einem Laster überfahren wurdest.«
Ich sagte: »Das kam mir auch so vor. Ich hoffe nur, dass es dem Laster ähnlich weh getan hat, wie mir.«
Die Stille, die jetzt erneut einsetzte, drückte ein wenig aufs Gemüt.
Im Plauderton sagte ich: »Und wie geht es Dir?«
Mein Gegenüber geriet ins Stottern. Sie sagte: »Ich – ich – mir geht es gut. Johannes ist auch hier. Das muss ich ihm erst einmal erzählen.«
Ich auf meiner Seite konnte hören, dass sie den Hörer ablegte und sich entfernte.
Während ich wartete, spielten meine Finger miteinander Fangen.
Nachdem sie sich tausend Mal gegenseitig gefangen hatten, meldete sich Johannes.
Er sagte: »Bob? Komm rüber, ich glaube es erst, wenn ich dich sehe.«
Ich sagte: »Das passt gut. Ich wollte sowieso gerade zu euch.«

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