Als wir vor dem Thron standen – er erinnerte mich ein wenig an die armselige Version des Titelbildes einer bekannten Fernsehserie – wurde Sommer nervös.
Er sagte: »Normalerweise ist sie hier. Sie ist immer hier.«
Ich sagte: »Und jetzt?«
Er schrie: »Tante Tod!«
Ich sagte: »Das mit den Alliterationen hatten wir schon. Frühling war ein klarer Gegner, anscheinend siehst Du das anders.«
Sommer sagte: »Was auch immer du meinst.«
Dann schrie er erneut: »Tante Liebe!«
Aus den Augenwinkel heraus sah ich ein weißes Band in der Luft flattern. Plötzlich erschien vor uns ein wunderschönes Mädchen.
Sommer sagte: »Wo ist Tod?«
Das Mädchen lächelte und sagte: »Jetzt willst Du Deinen Fehler berichtigen? So spät willst Du Deine Tante umstimmen?«
Sommer sagte: »Es war ein Fehler. Aber könnten wir jetzt aufhören über Dummheiten zu sprechen? Wo kann ich meine Tante finden?«
Ich sagte: »Wolltest Du sie nicht sprechen, bevor wir zu Patricia und Johannes aufgebrochen waren?«
Sommer sagte: »Ich hab mich nicht getraut. Stand vor der Tür und wollte nicht klingeln..«
Ich sagte: »Verstehe ich gut. Ist schließlich schmerzhaft.«
Liebe sagte: »Sie ist schon unterwegs. Wenn Du sie stoppen willst, musst Du das selbst machen. Ich kann Dir da nicht mehr helfen.«
Ich sagte: »Jetzt ehrlich, eigentlich kannst Du Dir Zeit nehmen. Zur Not kannst Du Ihn doch wiedererwecken lassen, so wie Du das bei mir gemacht hast.«
Liebe sagte: »Dann ist es zu spät. Wenn Tod sich jemanden persönlich vornimmt, dann kann er nicht erweckt werden. Sie ist da ziemlich eigen, was das angeht.
Normalerweise übergibt sie Unwichtiges an das Schicksal, welches sich um die Dinge kümmert. Wenn doch mal ein Fehler unterläuft, ist das rückgängig zu machen.
Wenn sie es allerdings selbst macht, dann löscht sie nicht nur die Person, sondern auch sämtlich Erinnerungen an sie vollständig aus.«
Ich sagte: »Das ist dann blöd.«
Sommer sagte: »Wir sollten uns beeilen.«
Zu seiner Tante Liebe gewandt sagte Sommer: »Was ist ihr Plan?«
Seine Tante sah auf ihn hinab, was wirklich schwierig war, da sie eigentlich einen Kopf kleiner war als Sommer. Sie sagte: »Sie will das machen, worum Du sie gebeten hast.«
Sommer sagte: »Ich hab nur zugestimmt. Es war ihre Idee.«
Liebe sagte: »Sie ist in Deinem Kopf geboren worden.«
Ich sagte: »Könnten wir die Belehrung aussetzen und zum Punkt kommen?«
Liebe schaute mich entgeistert an. Ich zuckte die Achseln und verzog den Mund zu einem Grinsen.
Liebe sagte: »Sie will heute Abend zu ihm gehen und ihn auslöschen.«
Sommer sagte: »Dann müssen wir sie aufhalten.«
Mit einem Blick auf die Uhr sagte ich: »Anscheinend hat meine Uhr einen Knacks. Ich könnte schwören, dass es noch nicht so spät ist.«
Sommer blickte ebenfalls auf meine Uhr und blickte dann etwas angesäuert zu Liebe hinüber. Er sagte: »Wer hat an der Uhr gedreht?«
Liebe lachte und sagte: »Wenn ihr noch so viel Zeit hättet, dann wäre die Geschichte doch nicht spannend. Mal sehen, ob Ihr Tod aufhalten könnt. Es wäre schön, zu sehen, dass auch diese Geschichte mit mir endet.«
Ich sagte: »Diese andauernden Happy Ends gehen mir gewaltig auf den Sack.«
Sommer sagte: »Also ich habe nichts dagegen. Es ist immer so sonnig, wenn das Gute gewinnt.«
Ich sagte: »Normalerweise sitzt Du in einer Ecke und kiffst. So aktiv habe ich Dich noch nie gesehen.«
Sommer sagte: »Ich bin schon seit der Minuten aktiv, seit dem Du den Löffel abgegeben hast.«
Ich sagte: »Wir wollen hoffen, dass sich das so schnell nicht wiederholt. Wäre ja schade, wenn ich zwischenzeitig erneut aussteige.«
Liebe lachte auf und sagte: »Ihr solltet euch beeilen und euch nicht über Kleinigkeiten streiten. Ich persönlich mag Happy Ends und es wäre schön, erneut eines bestaunen zu können.«
Mit einem kurzen Luftstoß, der die Silbe »Pah« trug, machte ich meinem Missfallen Raum.
Sommer packte mich am Arm und schleifte mich hinter sich her.
Sommer sagte: »Ich mag Johannes und ich werde ihn retten.«
Ich sagte: »Wärst Du jetzt eine Frau, könntet ihr beiden zusammenziehen.«
Sommer blieb kurz stehen und sah mich an. Dann sagte er: »Du bringst die Sache auf den Punkt. Wir gehen kurz zu Dir, damit ich mich umziehen kann.«
In einem kurzen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen. Dann standen wir im Wohnzimmer meiner Bude.
Sommer hatte meinen Arm losgelassen und eilte ins Bad. Er schloss die Tür hinter sich und ich hörte teilweise verstörende Geräusche.
Erschrocken klopfte ich an die Badezimmertür und sagte: »Ist bei Dir alles in Ordnung? Was machst Du da? Sollten wir nicht auf dem Weg zu Johannes sein?«
Eine helle, ziemlich atemlose Stimme antwortete: »Moment noch.«
Ich sagte: »Wir haben jetzt keine Zeit dafür, dass Du auf Toilette gehst. Wir sollten schon längst bei Johannes sein. Draußen wird es langsam dunkel. Wenn Du das hier vertrödelst…«
Die Tür öffnete sich und vor mir stand eine Frau, die mir den Atem nahm.
Natürlich ist Schönheit immer Geschmackssache, aber diese erfüllte alle meine Ideale. Diese Ideale sind etwas getrübt von meiner Kindheit.
Wer als Kind unendlich auf Pipi Langstrumpf stand, empfindet rote Haare und Sommersprossen für göttliche Tugenden.
Das einzige, was den Gesamteindruck trübte, waren die verschlafenen Augen, die mir merkwürdig vertraut vorkamen.
Ich sagte: »Sommer?«
Sommer sagte: »Wir sollten uns jetzt wirklich beeilen.«
Ich sagte: »Ihr könnt euer Geschlecht wechseln?«
Sommer sagte: »Ist doch augenscheinlich. Warum sollten Jahreszeiten überhaupt ein Geschlecht haben? Wir sind für jeden Menschen das, was er in uns sieht.«
Sprachlos stand ich in der Tür und schüttelte meinen Kopf.
Sommer sagte: »Du hast aus Winter eine Frau gemacht, weil Du meinst, dass ihre Attribute am besten zu einer Frau passen. Es heißt aber ›der Winter‹.
Du hast allerdings recht – sie ist nun mal am liebsten weiblich.
Ich für meinen Teil bin da weniger wählerisch.
Wir können uns später darüber unterhalten. Jetzt müssen wir erst einmal Johannes retten.«
Sommer packte meinen Arm und um mich herum wurde es schwarz.
Im Zwielicht erschien mir Sommer noch ein wenig schöner. Ich konnte meine Augen kaum von ihr lassen.
Sommer merkte das und sagte: »Du bist verheiratet. Benimm Dich bitte auch so.«
Ich sagte: »Nebenbei bin ich aber auch männlich. Du siehst wirklich gut aus. Nicht dass ich jetzt etwas mit Dir anfangen würde – wie Du schon bemerkt hast, bin ich verheiratet und halte nicht viel von Seitensprüngen. Aber ansehen kann doch nicht verboten sein.«
Sommer sagte: »Wie kommen wir jetzt in das Haus hinein?«
Ich sagte: »Warum teleportierst Du uns nicht einfach hinein.«
Sommer sagte: »Das funktioniert nicht so. Ich muss die Umgebung kennen, in die ich springe. Es ist ziemlich schmerzhaft, wenn man sich an einen Ort teleportiert, an dem schon etwas anderes steht.«
Ich sagte: »Eine ziemlich lächerliche Einschränkung, die wahrscheinlich nur hier gilt, damit die Geschichte spannender wird.«
Sommer sagte: »Ich kann nichts dagegen machen. Schließlich schreibe ich die Geschichte nicht.«
Ich sagte: »Wir waren doch in seinem Wohnzimmer. Du müsstest doch wissen, was wo steht.«
Sommer sagte: »Ich war nur einmal bei Johannes und war bekifft. So gut erinnere ich mich nicht daran. Bei Dir war es etwas anderes. Ich hab in Deiner Bude ja ein paar Tage gelebt.«
Ich sagte: »Ich hätte allerdings ein paar Möbel umstellen können. Dann wäre es schmerzhaft für dich geworden.«
Sommer sagte: »Hast Du nicht und uns rennt die Zeit davon.«
Ich sagte: »Ist die Zeit eigentlich auch mit Dir verwandt?«
Sommer sagte: »Mach Dich nicht lustig. Die Zeit ist eine Variable. Ein wissenschaftlicher und kultureller Faktor. Sowas hat doch keine Persönlichkeit.«
Ich sagte: »Wir könnten doch über den Dachboden in das Haus gelangen. Johannes hatte erzählt, dass die Fenster noch nicht drin sind.«
Sommer sagte: »Ich hatte mich schon darüber gewundert, warum dieser Schwachsinn in der Geschichte erwähnt wurde. Anscheinend musste es erzählt werden, weil es später noch wichtig wird.«
Ich sagte: »Es ist wie mit der Pistole. Kommt an irgendeiner Stelle im Buch eine Pistole vor, dann muss sie bis zum Ende abgefeuert werden. Eine strenge Regel in Romanen.«
Sommer sagte: »Gut, dann bringe ich uns mal aufs Dach.«
Das Dach war rutschig. Ein paar Mal glitt ich fast auf den Ziegeln aus. Sommer packte dann nach meiner Hand, damit ich mich nicht erneut vor dem Haus wiederfand.
Ich sagte: »Nachts auf Häusern herumschleichen, habe ich mir spaßiger vorgestellt.«
Sommer sagte: »Deine Schuhe haben so viel Profil, wie ein zugefrorener See. Warum ziehst Du den sowas an?«
Ich sagte: »Ich fand die Schuhe toll und wir haben im Moment ja auch Sommer und kein Schneegestöber zu befürchten.«
Mit einer Hand griff Sommer nach dem Fensterrahmen, der neben uns aufragte, wie das Tor zur Hölle.
Er zog sich näher an das Fenster und fluchte. »Soweit ich mich erinnere, sagte Johannes, dass die Fenster gerade eingebaut werden. Dieses hier ist auf jeden Fall schon da.«
Ich blickte mich um. Der nächste Giebel war vielleicht 20 Meter entfernt.
»Wir können es da vorne noch einmal probieren. Hoffentlich ist der Weg frei.«
Der Himmel verdunkelte sich schlagartig.
Ich schaute nach oben und sagte: »Wenn wir Pech haben, fängt es jetzt auch noch an, zu regnen.«
Sommer sagte: »Da hat sich keine Wolke vor den Mond geschoben. Das ist etwas anderes.«
Ich blickte erneut auf und sah, dass eine schwarze Wolke viel zu dicht über uns schwebte.
Sommer sagte: »Das ist Tante.«
Die Wolke verdichtete sich und ich hatte das Gefühl, in ihr Augen zu erkennen.«
Sommer sagte: »Lass es Tante. Bitte.«
Die Wolke schwebte an uns vorbei, zu dem nächsten Giebel und verschwand in der Öffnung.
Ich sagte: »Jetzt wissen wir zumindest, dass das Fenster offen steht.«
Sommer sagte: »Die Dame kann aber auch nicht hören.«
Ich sagte: »Vielleicht liegt das an der Form. Ich konnte nur Augen erkennen.«
Sommer sagte: »Mag sein. Aber sie ist sowieso dafür bekannt, nur das zu hören, was sie gerne hören möchte.«
Wir kletterten langsam zum zweiten Giebel und ließen uns nacheinander nach innen fallen.
Die schwarze Wolke drang durch die Tür, am Ende des Raums, in dem wir gerade standen.
Sommer und ich rannten ihr hinterher.
Ich sagte: »Kannst Du Dich auch zu so einer Wolke verändern?«
Sommer sagte: »Das hab ich in der Schule gelernt. Hab das Fach aber gehasst. Ich war nie besonders erfolgreich. Meist blieben noch Körperteile übrig und Mutter hat gesagt, ich sollte das nicht machen, solange ich es nicht richtig kann.«
Schweratmend kamen wir an die Tür. Sommer griff nach der Klinke und zog. Die Tür bewegte sich nicht.
Sie blickte mich an und sagte: »Verschlossen.«
Ich sagte: »Gar nicht mal so dumm. Wenn ich offene Fenster im Haus hätte, dann würde ich auch die Türen abschließen.
Außerdem ist die Wohnung wirklich genial. So groß und freundlich.«
Sommer sagte: »Ich wette, es wird hier ziemlich heiß, wenn mal die Sonne drauf scheint. Sollten wir nicht lieber die Tür aufbrechen, als die Wohnung zu besichtigen?«
Ich sagte: »Es wäre schon ganz praktisch, wenn Du Dich zu einer Wolke machst und unter der Tür hindurch fliegst. Vielleicht steckt auf der anderen Seite ja ein Schlüssel.«
Sommer sagte: »Wir könnten uns auch hindurchteleportieren. Niemand stellt doch Sachen direkt vor eine Tür.«
Ich ließ mich auf die Knie fallen und blickte durch den schmalen Spalt.
Dann sagte ich: »Warum bringen wir keine Taschenlampe mit, wenn wir schon Nachts irgendwo einbrechen?«
Sommer sagte: »Wir sind nicht gut ausgerüstet, müssen aber doch unser Bestes geben. Sonst erinnert sich bald keiner mehr an Johannes. Genauso wie an Josef Zemt oder die anderen der Gruppe.«
Ich sagte: »Wer war das?«
Sommer sagte: »Sie waren recht bekannt zu ihrer Zeit. Die Zeitungen waren immer voll. Dann hat sich Tod der Sache angenommen und heute kennt sie keiner mehr.«
Ich sagte: »Ich kann auf der anderen Seite nichts erkenne, was uns im Weg stehen würde. Wir müssten springen können.«
Sommer griff mir an die Schulter und ich fand mich knieend im Treppenhaus wieder.
Als ich mich erhob, knallte mein Fuß gegen ein Schuhregal. Der Schmerz schoss mir Tränen in die Augen.
Sommer sagte: »Siehst Du, da stand doch was.«
Ich sagte: »Wer ist denn so bescheuert, einen Schuhschrank in den Hausflur zu stellen? Das sollte verboten sein.«
Sommer sagte: »Nur weil es bei euch im Haus verboten ist, muss es nicht überall verboten sein. Außerdem pass gefälligst auf, wie Du über Johannes redest!«
Ich sagte: »Schuldigung, wenn ich Deinen Liebsten beleidigt habe.«
Wir eilten die Treppen hinab. Von Tod war nichts mehr zu sehen. Sie war anscheinend schon in die Wohnung vorgedrungen.
Ich sagte: »Wie lange braucht Deine Tante zur Auslöschung einer Seele?«
Sommer sagte: »Keine Ahnung. Ich hatte nie vor, ihr dabei zuzusehen. Mein Interesse ist da auch eher gering.«
Wir eilten an die Haustür von Johannes.
Sommer rüttelte an dem Griff.
Ich sagte: »Jetzt wird es schwieriger. Soweit ich mich erinnern kann, ist hinter der Tür noch eine Garderobe. Da hängen verdammt viele Mäntel und Jacken.«
Sommer sagte: »Ist mir klar. Da kommen wir nicht rein, wie wir raus sind.«
Ich sagte: »Wie kommen wir dann rein?«
Sommer sagte: »Er hat hoffentlich nicht abgeschlossen, sondern nur die Tür zugezogen. Dann bekommen wir das mit einer Kreditkarte hin.«
Ich sagte: »Das hab ich schon einmal probiert. Ein paar Karten später, die mir hinterher verdammt viele Probleme bereitet haben, musste ich einsehen, dass es nicht so einfach ist, wie man es in Filmen immer sieht.«
Sommer sagte: »Es kommt nur auf die Technik an. Gib mir mal eine Karte, dann zeig ich es Dir.«
Ich zog eine der ersten Bonuskarten aus meiner Geldbörse, die ich finden konnte.
Sommer lächelte und sagte: »Flower-Card? Das ist doch nicht Dein ernst.«
Ich sagte: »Meine Frau motzt immer, dass ich viel zu selten Blumen mitbringe. Ich wollte das ändern und als Bonus gab es die Karte.«
Sommer schob die Karte in den Schlitz zwischen Tür und Rahmen und konzentrierte sich. Sie sah dabei aus, als würde sie ein saures Bonbon lutzschen.
Es klickte und die Tür sprang auf.
Sommer sagte: »Siehst Du, er zieht nur zu. Er gehört nicht zu den paranoiden Spinnern, die Sicherheit als erstes Gut ansehen.«
Ich sagte: »Immer noch schön zu sehen, wie sehr Du ihn magst. Jetzt sollten wir uns beeilen. Deine Tante ist bestimmt schon dabei.«
Wir rannten ins Schlafzimmer. Dort stand eine schwarz gekleidete Dame, die über ihrem Kopf ein ziemlich scharfes Messer in beiden Händen erhoben hatte. Sommer schrie auf.
Er sagte: »Mach es nicht!«
Das Messer blitzte durch die Nacht und verschwand im Bett. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde flogen das Messer erneut auf und nieder. Im Takt der Schläge flogen kleine Federn im Raum herum.
Sie legten sich, wie Schnee über das Mobiliar. Ich musste nießen, da mir eine der kleinen Feder in die Nase gestiegen war.
Sommer schrie und rannte zu ihrer Tante. Sie versuchte, ihren Arm zu greifen und die tödlichen Stiche zu verhindern.
Immer wieder schrie sie ihre Tante an, dass sie Einsicht zeigen und endlich aufhören sollte.
Das Schauspiel schien ewig zu dauern.
Dann erklang eine Stimme in meinem Rücken.
Jemand sagte: »Eh, was ist denn hier los.«
Ich drehte mich überrascht um und blickte in das verwirrte Gesicht von Johannes. Er sah verschlafen aus und hatte einen leuchtend roten Schlafanzug an. Auf seinem Pyjama-Oberteil prangte das Deadpool-Emblem.
Seine Mine änderte sich, als er mich erkannte. Er sagte: »Bob ist back? Voll cool. Aber ich dachte, ihr kommt früher.«
Dann änderte sich seine Mine erneut und er sagte: »Hatte ich Dir einen Schlüssel gegeben? Und wo ist Dein Begleiter?«
Ich deute mit einem Kopfnicken in sein Schlafzimmer.
Er sagte: »Mann, ich bin schon wieder auf der Coach eingeschlafen. Das passiert mir auch immer wieder.« Dann blickte er an mir vorbei auf die hübsche Rothaarige und einer schwarz vermummten Dame mit einem riesigen Messer.
Er blickte mich erneut fragend an und sagte: »Was macht der Ninja in meinem Schlafzimmer und warum hat sie meine Daunendecke getötet?«
Dann blieb sein Blick auf Sommer hängen. Man sah, dass sein Hirn am Angelhaken baumelte, noch bevor er erneut den Mund aufmachte.
Er sagte: »Wer ist denn das?«
Die Dame mit Burka bzw. Ninja Kostüm, soweit unterscheiden sich die beiden Kostüme ja nicht, löste sich aus ihrer Starre und wandt sich zur Tür.
Johannes zog mich einen Schritt zurück, und als die schwarze Hexe direkt in der Tür stand, schleuderte er die gleiche mit voller Wucht ins Schloss.
Ein dumpfes Klopfgeräusch war zu hören.
Erstaunt sah ich Johannes an, der sagte: »Solange die mit dem Messer rumfuchtelt, hau ich ihr Türen ins Gesicht.«
Ich zuckte mit den Schultern und lächelte.
Dann sagte ich: »Kann man die Tür abschließen?«
Johannes sagte: »Sollen wir die nette Rothaarige nicht noch rauslassen?«
Ich sagte: »Die dunkle Dame ist eine Tante der netten Dame. Die können sich jetzt evtl. mal nett unterhalten.«
Johannes zuckte mit den Schultern.
Dann flog die Tür plötzlich auf und warf mich und Johannes nach hinten.
Die dunkle Gestalt stand im Rahmen und blickte mit ihrem langen Messer auf uns herunter.
Sommer hechtete zwischen uns.
Sie sagte: »Bitte mach es nicht.«
Die Stimme der Frau klang von sehr weit zu uns zu dringen. Es war nicht genau zu bestimmen, von wo sie kam. Sie sagte: »Es war Dein Wunsch!«
Sommer sagte: »Ist er jetzt nicht mehr.«
Tod sagte: »Du kannst nicht einfach Deine Wünsche ändern.«
Sommer sagte: »Siehst Du doch, dass ich es kann. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.«
Tod sagte: »Dieses Zitat wird fälschlicherweise einem bekannten Politiker untergeschoben. Dabei hat er es niemals so gesagt.«
Sommer sagte: »Du solltest endlich aufhören in Wikipedia merkwürdige Dinge nachzuschlagen.«
Tod sagte: »Wunsch ist Wunsch.«
Sommer sagte: »Das ist auch ein Zitat und die Pointe eines schlechten Witzes. Du kannst aufhören.«
Mit einer Hand warf Tod Sommer zur Seite. Mit ihrer tiefen Stimme sagte sie: »Ich werde vollenden, wozu ich hergekommen bin. Keiner wird sich mehr an ihn erinnern.«
Sowohl Johannes, wie auch ich sahen zu der furcheinflößenden Gestalt über uns auf. Dann blickte ich zu Sommer und sah ihre Angst. Sie hatte die Augen aufgerissen und ich glaube, dass ich eine Träne sehen konnte.
Sie sagte: »Bitte tu es nicht. Nimm lieber mich.«
Tod fuhr zu ihr herum und sagte: »Was für ein pathetischer Müll. Solange sich die Erde in einem gewissen Winkel dreht, wirst Du nicht aufhören zu existieren. Das ist das blödeste Angebot, welches Du mir anbieten konntest.«
Zu Sommer gewandt sagte ich: »Sie ist aber ziemlich dickköpfig.«
Johannes sagte: »Das hätten wir schon nach dem Schlag mit der Tür wissen können.«
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass man an dieser Stelle von mir erwartet, dass ich mein Leben für das von Johannes anbiete. Es war mir allerdings bewusst geworden, dass ich sehr wohl an ihm hing, gerade weil ich es ja kürzlich verloren hatte.
Eigentlich hoffte ich die gesamte Zeit nur, dass Tod genau wusste, wegen wem sie gekommen war und hier keine Verwechselung auftrat.
Sommer hatte sich erneut aufgerappelt, währen wir auf allen vieren und den Tod im Blick langsam zurückwichen.
Erneut schrie Sommer auf. Diesmal lag mehr in ihrer Stimme, als nur das flehende ›Nein‹ was sie vorher immer geschrien hatte.
Aus ihrer Richtung zog ein Sturm auf. Ganz plötzlich war ein kräftiger Wind da. Die Decke des Flurs füllte sich mit einer grauen Wolke, in der Blitze hin und her geschleudert wurden.
Johannes sagte: »Habt Ihr die Tür aufgelassen? Wo kommt das Wetter her?«
Ich sagte: »Jetzt weiß ich, wer die Stürme von Herbst hat. Ich hoffe, Deine Schlappen haben hoffentlich eine gut isolierende Gummisohle. Das kann hier gleich ziemlich ungemütlich werden.«
Ein Blitz schoss in das Messer von Tod und füllte die Klinge mit einem überirdisch hellen Licht. Sommers Haare flatterten im Wind und ihre Augen flackerten im Schein der Blitze.
Ich sagte: »Jetzt weißt Du auch, warum sie aus Thor im Marvel Universum mittlerweile eine Frau gemacht haben. Die sind für die Rolle wirklich gut geeignet.«
Johannes sagte: »Aber es scheint dem Ninja keine Probleme zu bereiten.«
Meine Schulter berührte eine Wand und in mir baute sich Panik auf. Viel weiter würden wir nicht zurückweichen können. Tod hatte uns in der Falle, auch wenn diese vorher schon sehr offensichtlich war.
Sie thronte über uns, mit dem Messer hoch über ihren Kopf gestreckt.
Immer wieder fuhren Blitze durch ihren Körper, in ihren Kopf, in das Messer und um sie herum. Regen prasselte gegen ihre Kleidung.
Sommer schrie erneut »Nein«
Das Messer hatte seinen höchsten Punkt erreicht.
Plötzlich explodierte hinter uns ein helles Licht und die Stürme verschwanden augenblicklich. Ich hörte eine Stimme, die in der Haustür stand.
Sie sagte: »Lasst doch den Quatsch und verhaltet euch wie zivilisierte Menschen.«
Tod drehte sich zu der Stimme und sagte: »Hallo Schwester. Das hat aber gedauert, bis Du eingetroffen bist.«
Liebe stieg über uns, die wir die Arme schützend über den Kopf gestreckt hatten. Sie lachte und sagte: »Jetzt wissen wir alle, wie wichtig Dir der Junge ist.«
Tod lachte kühl auf, sah ihre Schwester an und sagte: »Das Spiel hat mir gefallen. Das könnten wir wiederholen.«
Liebe pustete Luft aus und sagte: »Nach einer Aufführung ist irgendwie die Luft draußen.«
Ich sah die beiden an und sagte: »Das war alles nur Verarsche?«
Liebe sagte: »Wir wollten testen, wie weit Sommer gehen würde. Sie war bisher immer so passiv und da dachten wir, dass es gut wäre, wenn wir sie mal zum Handeln animieren.«
Sommers Mund klappte auf. Sie sagte: »Es war nur ein Spiel?«
Liebe sagte: »Das sollte es doch sein – ein Liebesspiel.«
Ich sagte: »Ich hasse Geschichten mit euch Unsterblichen. Ihr seid immer so anstrengend und völlig unausgewogen.«
Johannes sagte: »Ich fühle mich gerade, als wäre ich in einem Marvel Film gefangen. Kann mir mal jemand erklären, was hier vor sich geht? Wie habt ihr das mit den Trickeffekten gemacht, das war echt cool.«
Tod sah ihn an und schüttelte den Kopf. Liebe lachte und sagte: »Das ist genau der Typ, den unsere Sommer verdient hat. Sie wird ihm noch einiges beibringen müssen.«
Ich sagte: »Und jetzt kommt noch das Klischee, dass Frauen ihre Männer immer verändern wollen.«
Liebe sagte: »Das gelingt uns doch auch immer.«
Ich sagte: »Bis auf ein kleines Dorf der unbeugsamen Gallier.«
Johannes sah mich an und sagte: »Wer sind diese Typen in meinem Hausflur und warum wollte mich der Ninja gerade noch ermorden?«
Ich sagte: »Wir erklären es Dir, sobald die Damen verschwunden sind. Sie wollen bestimmt jetzt gehen.«
Tod und Liebe nickten und verabschiedeten sich von Sommer, die immer noch stark geschockt an der Wand lehnte. Mit einem dumpfen Schlag waren die weiße und die dunkle Dame verschwunden.
Johannes hatte sich aufgerappelt und ging auf die gutaussehende Rothaarige zu. Sommers Lächeln war ein wenig zu breit, als er sie an der Schulter berührte und sie fragte, ob alles in Ordnung wäre.
Er sagte: »Wie heißt Du?«
Sommer sagte, wenig originell und überraschend: »Sommer«.
Dabei wurde das ›o‹ zu einem Englischen ›u‹ was Johannes sofort kommentierte mit: »Summer? So wie bei Buffy? Sehr cool.«
Sommer lachte.
Johannes sagte: »Wie bekomm ich denn jetzt das ganze Regenwasser aus dem Flur?«
Sommer sagte: »Das lass mal mein Problem sein.«
Sie wischte mit der Hand über den Teppich und das Ding wurde trockener und sauberer als es vorhin noch gewesen war.
Johannes sagte: »Wow bist du sowas wie ein X-Men? Ein Mutant?«
Sommer sagte: »Ich bin noch etwas älter, aber das können wir nachher besprechen.«
Johannes sagte: »Ich wollte Dir noch danken, dass du mich vor dieser Frau gerettet hast. Das war sehr nett von Dir.«
Sommer sagte: »Das hab ich gerne gemacht.«
Johannes sagte: »Wo sind nur meine Manieren. Willst Du was zu trinken, was nicht gerade von der Decke tropft?«
Sommer sagte: »Willst du eine Tüte? Dann nehm ich ein Bier.«
Sie ging ins Wohnzimmer.
Während Johannes an mir vorbeiging, sagte er: »Wo lernst Du nur solche Leute kennen?«
Ich sagte: »Glaub mir, ich reiße mich nicht darum. Ich finde sie alle paar Monate auf meiner Fußmatte und sie machen es sich dann anschließend in meinem Leben breit.«
Ich trottete hinter Johannes her, der drei Bier aus dem Kühlschrank nahm und mir eines überreichte.
Er nickte zum Wohnzimmer und sagte: »Das ist doch nicht Deine Frau?«
Ich schüttelte den Kopf.
Er sagte: »Meinst Du, ich habe eine Chance bei ihr?«
Ich sagte: »Ich bin davon überzeugt, dass sie voll auf Dich steht. Hast Du nicht bemerkt, dass sie Dir gerade das Leben gerettet hat?«
Johannes sah mich nachdenklich an und nickte langsam.
Eine Stimme sagte aus dem Wohnzimmer: »Kommt ihr jetzt endlich? Ich habe einen Film eingeschmissen und ne wirklich dicke Tüte gedreht. Wäre schön, wenn ich hier nicht länger alleine sitzen müsste.«

4 Kommentare zu „Sommer 2016 – Kapitel 7

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