Sommer 2016 – Kapitel 6

Ich schnappte mir ein paar Sachen und dachte darüber nach, aus welchem Grund Werwölfe im Film immer ihre Klamotten zerreißen, nur um bei der Rückwandlung wieder voll bekleidet zu erwachen. Leider hatte ich nicht genau aufgepasst – gerne hätte ich gewusst, ob ich bei meiner Auferstehung voll bekleidet war.
Dann dachte ich darüber nach, dass ich mich jetzt offizielle Zombie nennen durfte. Bisher fand ich es immer so lustig, wenn beim Programmieren mich das Visual Studio mit der Meldung »Object is in a zombie state« aus dem Konzept gebracht hatte.
Ich hielt ein paar Minuten inne und prüfte, ob ich irgendwie einen enormen und unstillbaren Hunger auf Gehirn und frischem Menschenfleisch in mir aufsteigen fühlte.
In so einer Stimmung wollte ich nicht unbedingt bei Patricia und Johannes aufschlagen. Vielleicht nutzte Tod mich sogar als Überbringer ihrer Aufgabe. Man würde mir so ein exotisches Erscheinen bestimmt negativ auslegen und hinterher vorhalten.
Der Gedanke an frisches Blut brachte das vertraute Unwohlsein zurück, was ich als gutes Omen ansah. Ich habe schon beim Nähen einer frischen Wunde zugesehen und es hat mir nichts ausgemacht. Denk ich hingegen an Blut und an Wunden, wird mir flau im Magen. Das Gehirn ist ein ziemlich merkwürdiger Ort.
Erneut fragte ich mich, ob ich Menschen das Hirn aus dem Kopf saugen wollte. Als ich auch diese Frage mit einem klaren: »Mein-Gott-ist-das-eklig« beantworten konnte, griff ich nach meiner Jacke.
Hoffentlich war Sommer noch rechtzeitig. Obwohl er in dem Liebesspiel den Antagonist zum liebenden Sommer darstellte, fand ich Johannes sehr nett.
Wenn ich jetzt das nett-Wort in den Mund lege, will ich nicht ›scheiße‹ implizieren. Ab und an, ist nett auch einfach so gesagt wie gemeint und nicht das Synonym für ganz besonders langweilig.
Als ich die Tür hinter mir zuzog, dachte ich daran, dass meine Gedanken im Moment auf einem Abenteuerspielplatz Fangen zu spielen schienen.
Das war hoffentlich kein Hinweis auf den ›Zombie State‹. Wer weiß schon wie ein Zombie sich fühlt. Ich beschloss, die Minen von Johannes und Patricia genau zu studieren.
Würden sie nur einen kleinen Funken von Angst zeigen, würde ich sie schnell überwältigen und ihre Gehirne fressen.
Mein Wagen stand leider nicht dort, wo er normalerweise stehen sollte. Wie ich Sommer kannte, hatte er das Gefährt einfach am Nordseestrand stehen lassen. Wenn ich Glück hatte, hatte er ihn nicht im Meer versenkt.
Der Weg zu Patricia war zu weit um ihn zu Fuß zurückzulegen. Ich musste mir einen Bus oder noch besser die Bahn kapern.
Eigentlich war das keine schlechte Idee, da ich in der Bahn die Reaktion meiner Mitmenschen prüfen konnte.
Ich wählte die Kamerafunktion meines Handys aus und machte versuchsweise ein Selfie. Als ich das Bild auf Spuren von Verwesung studierte, musste ich feststellen, dass ich zwar kein Moos angesetzt, jedoch auch kein Gramm abgenommen hatte.
Warum erweckt man Tote, wenn man sie nicht auch gleichzeitig verbessert? Wer kann Menschen lebendig, aber leider nicht schlank machen?
Frankensteins Monster war sicherlich nicht fett.
Während ich meinen Gedanken nachging, kam ich am Bahnhof an und zog mir eine Karte am Automaten.
Die Bahn rollte zum Glück gerade ein, als ich den Bahnstein betrat.
Eigentlich mag ich Bahnfahrten, besonders wenn man keinem im Zug kennt. Man kann sich dann in seine Welt mit einem guten Buch zurückziehen und einfach einmal die Seele baumeln lassen.
Bahnfahrten bieten sich dazu an, zu stöbern und zu träumen.
Diesmal war ich etwas zerknirscht. Ich hatte das Buch vergessen. Zum Glück hatte ich ein paar Hörbücher auf meinem Handy, die noch nicht ausgehört waren. Allerdings hatte ich die Kopfhörer vergessen.
Dieser Tag schien nicht besser zu werden.
In der Buch-App war noch ein Comic, welches ich noch nicht zu Ende gelesen hatte. Allerdings sind Comics auf einem kleinen Display nicht unbedingt augenfreundlich.
Ich ließ mich in den Sitz fallen und machte die Augen zu. Dies hier war nicht der Beginn eines schönen Tages.
Diese Fahrt fühlte sich an, als würde ich in eine Katastrophe schlendern. Hoffentlich hatte Sommer seine Hausaufgaben gemacht.
Vom Bahnhof war es noch eine viertel Stunde zu Fuß, bis zur Wohnung. Als ich um die letzte Ecke bog, erblickte ich Sommer, der direkt auf der Straße vor der Wohnungstür stand und von einem Bein aufs andere schaukelte.
Ich winkte ihm, doch er schien mich nicht wahrzunehmen. Er wandt sein Kopf ständig von einer Seite zur anderen – eigentlich musste er mich gesehen haben.
Als ich fast vor ihm stand, sagte er: »Bob? Du hier?«
Ich sagte: »Das war doch absehbar. Du hast doch sicherlich hier auf mich gewartet.«
Sommer schaute mich sprachlos an, als wäre ich ein Mathematik-Rätzel, welches er in einer Zeitschrift studiert.
Er schüttelte seinen Kopf, erst langsam und dann mehrmals schnell, blickte mich erneut an und sagte: »Ja ich warte auf Dich.«
Ich sagte: »Du warst nicht bei Tod?«
Sommer sagte: »Sie war nicht da. Ihre Schwester sagt, sie ist schon seit einiger Zeit los.«
Ich sagte: »Du hoffst sie hier noch zu erwischen?«
Sommer sagte: »Ja, das kann man so sehen.«
Ich sagte: »Du wirkst wie ein Flummi, den man auf eine Autobahn geschmissen hat. Wenn man ›nervös‹ steigert, bist Du im Moment das Superlativ.«
Sommer sagte: »Sie war noch nicht hier.«
Ich sagte: »War sie auch noch nicht drin?«
Sommer blickte mir in die Augen und schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Wir sollten nachsehen.«
Ich sagte: »Da kannst Du auch viel bequemer auf Deine Tante warten. Du hast dann ihr Opfer direkt im Blick.«
Sommer nickte erneut und sagte: »Die Idee ist wirklich nicht schlecht.«
Mein Klingeln wurde sehr schnell beantwortet. Der Türöffner summte.
Ich sagte zu Sommer: »Benimm Dich nicht wieder wie der letzte Höhlenmensch.«
Sommer sagte: »Das habe ich noch nie.«
Dann ließ er den kleinen Finger im Ohr kreisen und mit einem leisen ›Plöbb‹ Geräusch herausfahren. Ich sagte: »Vielleicht sollte ich vor gehen.«
Sommer sagte: »Mach ruhig.«
Als Patricia mich sah, rannte sie drei Schritte auf mich zu und schloss mich in ihre Arme. Sie sagte, dass sie sich sehr freut mich zu sehen.
Ich sagt, dass ich mich auch immer freue, wenn ich mich morgens im Spiegel sehe.
Der Umarmung entronnen schritt ich auf Johannes zu, der mir seine Hand zusteckte. An dem Blick von Johannes merkte ich, dass hinter mir etwas nicht stimmte. Instinktiv dreht ich mich zurück.
Patricia hatte Sommer gerade ihr flache Hand gegen die Wange gedonnert und schrie ihn an. »Wie konntest Du uns nur erzählen, er wäre tot?«
Sommer zuckte mit den Achseln und sah dabei so aus, als hätte man ihm gerade einen kalten Fisch in den Hosenbund geschoben.
Er sagte: »Er war tatsächlich tot.«
Ich sagte: »Ziemlich tot müde war ich. Sommer konnte gar nicht sehen, was mit mir passiert war.«
Sommer sagte: »Du warst platt wie eine Schildkröte, die man unter eine Planierraupe gelegt hatte. Da war nicht mehr viel von Dir übrig.«
Ich sagte: »Aber wenn Du das tatsächlich gesehen hast, warum stehe ich dann hier?«
Immer wieder drehte ich meine Augen und versuchte Sommer klar zu machen, dass er jetzt die Klappen halten sollte. Er sah mich irritiert an und sagte: »Hast du was im Auge?
Dass Du jetzt hier stehst, verdanken wir meiner Tante die…«
Ich sagte: »Beim Rettungsdienst arbeitet. Sie hat mich sehr gut versorgt.«
Patricia sagte: »Man sieht überhaupt keine Wunden.«
Ich sagte: »Der Lastwagen hat mich nicht richtig erwischt.«
Sommer sagte: »Hat er doch. Ich hab doch noch gesehen, wie Dir das Hirn aus der Schädeldecke tropfte.«
Zu Patricia gewandt sagte ich: »Er stand total unter Schock. Irgendwie muss er sich das eingebildet haben.«
Sommer sah mich, jetzt endlich stumm, allerdings immer noch irritiert an.
Ich nickte, als würde ich mir den Hals brechen wollen. Sommer verstand zwar nicht vollständig, aber er sagte nichts mehr.
Erleichtert atmete ich aus.
Sommer sagte: »Ist doch schön, wieder atmen zu können, oder nicht?«
Johannes sagte: »Kommt doch rein. Du brauchst doch nicht vor der Tür stehen.«
Wild funkelnd schaute ihn Patricia an.
Johannes zuckte mit den Schultern und sagte: »Er hat einfach etwas durcheinandergebracht. Das kann jedem mal passieren. Gerade unter Schock.«
Patricia formte eine kleine Schüppe mit der Unterlippe und zog die Augenbrauen direkt unter die Augen. Sie sagte: »Er hat uns einen riesigen Schreck eingejagt. Das kann ich ihm nicht einfach so durchgehen lassen.«
Johannes sagte: »Heb Deine Belehrungen für Deine Kinder auf. Ich für meinen Teil bin erst einmal froh, dass Bob noch lebt.«
Er drehte sich zu mir und sagte: »Tee ist schon aufgesetzt. Wenn Du willst, kannst Du Kuchen haben.«
Ich nickte. Der Typ wurde mir immer sympathischer. Hoffentlich konnten wir Sommers Tante davon abbringen, sein Lebenslicht auszupusten.
Sommer sah ziemlich zerknirscht aus. Er ließ seinen Kopf hängen, als er an Patricia vorbeiging.
Als er auf ihrer Höhe war, sagte sie: »Ich hoffe, Du hast seiner Familie nicht Bescheid gesagt, wie ich es Dir gesagt habe.«
Ich sagte: »Meine Frau weiß, dass ich tot bin? Dann wird sie sich wohl schon meine Lebensversicherung ausgezahlt haben. Hoffentlich reagiert sie nicht allzu enttäuscht, wenn sie erfährt, dass ich noch lebe.«
Johannes musste lachen, Patricia schlug mir jedoch mit der Faust auf meinen Oberarm. Zwischen ihren Zähnen, konnte ich die Worte: »Das ist nicht lustig!«, hervorzischen hören, während sie an mir vorbeirauschte.
Verwundert sah ich Johannes an. Der zuckte mit den Schultern und sagte: »Sie scheint bei einigen Themen ihren Humor zu verlieren. Noch bin ich mir nicht sicher, welche das sind, aber der Tod eines Bekannten, scheint definitiv dazu zu gehören.«
Sommer war sehr zielstrebig auf einem Stuhl am gedeckten Tisch in sich zusammengesackt und ließ weiter den Kopf hängen, so dass seine Haare fast den Teller streiften.
Patricia, die gerade an mir vorbei eilte, sagte in seine Richtung: »Nimm das fettige Zeug von meinen Tellern und setz Dich gerade hin.«
Zwischen den Lippen hervorgepresst sagte ich in Richtung Johannes: »Seit wann ist sie denn so?«
Johannes sagte: »Ungefähr einen Tag. Das muss wohl mit ihren Hormonen zusammenhängen.«
Ich sagte: »Eigentlich bleiben diese Eskapaden der weiblichen Psyche, Frischverliebten erspart. Solche Launen sind doch bekanntlich nur Ehemännern oder Nachkommen vorbehalten.«
Johannes sagte: »Vielleicht sieht sie im Moment jeden als Nachkommen an.«
Ich sagte: »Du meinst, sie hält uns für ihre Kinder?«
Für einen Moment lenkte mich das Gespräch mit Johannes ab, so dass ich nicht gesehen hatte, dass auch Patricia sich hingesetzt hatte und jetzt uns beiden anfunkelte. Sie hatte die Augen zusammengekniffen und den Mund sehr schmal gezogen.
Ihre Stirn wirkte wie eine Wellenlandschaft bei rauer See.
Sie sagte: »Was habt ihr denn jetzt da zu bequatschen? Sind die Tratschtanten so glücklich, sich wiederzusehen?«
Ich sagte: »Wir hatten nur gerade unsere Schwänze verglichen, wie man das unter Männern normalerweise so macht. Aber da Johannes schnell eingesehen hatte, dass er den Kürzeren gezogen hat…«
Ich hört mit dem Scherz auf, als ich in ihr Gesicht guckte. Mit diesem Blick könnte sie Sahnekuchen durchtrennen. Sahnekuchen sind übrigens gerüchteweise die einzige Materie, die man nicht mit Wasserstrahl Sägen schneiden kann. Sie sind also härter als Waschbeton und VA-Stahl.
Ich wusste instinktiv, wie es jeder Sohn bei seiner Mutter lernt, was ich zu tun hatte und setzte mich wortlos und gerade an den Tisch und senkte leicht den Kopf.
Patricia redete sich in Rage. Sie fand keinen Punkt und kein Komma, eine Eigenschaft, die ich beim Schreiben nachvollziehen kann. Die Akupunktur liegt mir ebenfalls nicht im Blut. Erst seitdem mir mein Schreibprogramm Vorschläge berechnet, stimmt die statistische Anzahl der kleinen Zeichen.
Das Programm dahinter war nicht billig, aber ich bin mir sicher, dass es jeden Cent wert ist. Allerdings versuche ich, die anderen Funktionen des Programms zu unterdrücken.
Wer mal eine Stilanalyse des eigenen Textes sehen möchte und dazu noch den aktuellen Duden als Grammatik- und Rechtschreibkorrektur sucht, der sollte sich Papyrus Autor ansehen.
Meine Gedanken kreisten gerade eine neue Runde, als Stille im Raum einkehrte.
Wenn meine Mutter mir etwas beigebracht hatte, dann war es die Fähigkeit bei frontalen Predigten über Tugenden und Sünden, den Ton innerlich abzuklemmen.
Das brachte mich allerdings im Moment an den Punkt, dass jeder auf mich schaute und ich nicht genau wusste, was man von mir wollte.
Anscheinend hatte Patricia eine Frage gestellt, die ich beantworten sollte.
Ich sah sie verlegen an und nickte.
Darauf brach sie gleich erneut in eine höllischen Triade aus. Das Spiel schien in die Verlängerung zu gehen und ich wünschte mich innerlich an meinen Computer.
Vielleicht würde mir gerade ein guter Text einfallen. Der Beginn einer Geschichte oder so etwas.
Erneut schwiegen alle Drei. Ich blickte erneut in die Runde und nickte.
Als Resultat sprang Patricia auf und verließ wutschnaubend den Raum.
Sommer sah in meine Richtung und sagte: »Das war echt Strong.«
Mit einem Achselzucken sagte ich: »Wenn Du meinst. Um was ging es denn überhaupt?«
Sommer sagte: »Sie will uns nie wieder sehen. Du hättest ruhig was sagen können.«
Johannes stand ebenfalls auf und sagte: »Ich rede noch mal mit ihr. Bleibt kurz hier. Sie wird sich schon wieder einkriegen.«
Sommer sah mich entsetzt an. Ich versuchte, in seiner Mine zu lesen und sagte: »Anscheinend hat die Dame gerade an Anziehungskraft verloren.«
Sommer nickte. Er schüttelte sofort darauf den Kopf und sagte: »So hätte ich sie mir nicht vorgestellt. Sie ist ein echter Drache.
In dieser Situation erinnert sie mich viel zu sehr an Mutter.«
Lachend sagte ich: »Männer stehen doch auf Frauen, die so sind wie ihre Mütter. Dann ist sie ja doch die Richtige.«
Sommer schüttelte erneut den Kopf und ließ ihn hängen. Leise sagte er: »Der Zauber ist verflogen.«
Ich sagte: »Ein paar Wolken am Himmel machen noch keinen schlechten Tag.«
Sommer sagte: »Ein Gewitter reinigt viel mehr, als Du denkst.«
Wir lauschten einer Diskussion, die wir durch die Wand hören konnten und die immer lauter zu werden schien.
Sommers Augen wurden groß und er sagte: »Was ist das für eine Person? Ich habe sie immer für einen Engel gehalten.«
Ich sagte: »Dieser Engel hat verdammt viele scharfe Zähne und keine Federn. Du hast da etwas verwechselt.«
Kurz stockend sagte ich: »Gibt es denn Engel?«
Sommer schaute mich an und sagte: »Keine Ahnung. Ich war sicher einem begegnet zu sein. Jetzt würde ich eher auf nein tippen.«
Die Diskussion im Nachbarzimmer hatte anscheinend gerade eine Spitze gefunden. Es wurden nur noch abwechselnd einzelne Wörter geschrien.
Dann knallte eine Tür und im fast gleichen Augenblick stand Johannes am Tisch.
Er hatte seine Jacke über die Schulter geworfen und sagte: »Wir können jetzt gehen.«
Überrascht sah ich ihn an.
Johannes sagte: »Sie hat euren Rauswurf aus ihrem Leben ausgeweitet. Ich hab jetzt sowieso keine Lust mehr. Die Frau hat die Aura eines Engels und die Zähne eines tollwütigen Hundes.«
Sommer sagte: »Sag ich doch.«
Wir standen im Flur und leckten unsere Wunden.
Ich sagte: »Dich hat es bestimmt am schwersten getroffen. Sofern ich unterrichtet wurde, wolltet ihr doch zusammenziehen?«
Johannes schüttelte den Kopf und sagte: »Zu der Ziege bringen mich keine hundert Pferde.«
Ich sagte: »Das ist ein ziemlich tierischer Vergleich.«
Johannes lachte und sagte: »Zum Glück sollte der Umzug erst in ein paar Wochen stattfinden und letztendlich wollte die Kuh ja aus ihrer WG zu mir ziehen.«
Sommer sagte: »Das ist Pech.«
Johannes sagte: »Was meinst Du damit?«
Sommer sagte: »Die ganze Situation.«
Schnell fügte ich hinzu: »Er trauert mit Dir. Wahrscheinlich hatte auch er gehofft, dass Patricia ein wenig netter seien würde.«
Johannes sagte: »Soweit mir Pat sagte, kanntet ihr euch aus Australien? Ihr habt euch nur einmal kurz unterhalten.«
Ich sagte: »Ist jetzt nicht wichtig. Sollten wir auf den Schock nicht einen trinken gehen? Die Studentenkneipe ist doch gar nicht so weit von hier?«
Johannes blickte auf seine Uhr und schüttelte langsam den Kopf. Er sagte: »Es ist erst vier. Normalerweise trinke ich nie vor sechs. Das ist eine eiserne Regel.«
Sommer sagte: »Dann vielleicht ne Tüte?«
Mit einem Lachen sagte Johannes: »Das hört sich schon besser an. Es ist ja schließlich kein Alkohol und wir können zu mir gehen. Allzuweit ist es nicht.«
Mit einem Nicken zu Sommer sagte ich: »Das wäre sehr gut. Allerdings passe ich bei der Tüte.«
Johannes sagte: »Ich hab noch einen guten Whiskey und etwas zu knabbern. Wenn es sein muss, mach ich auch die Kaffeemaschine an.«
Ich sagte: »Das klingt gut. Wir können Dich jetzt ja nicht alleine lassen.«
Johannes blickte uns fragend an und schüttelte dann lachend den Kopf. Er sagte: »Ihr seid mir schöne Tröster.«
Wir folgten Johannes zu seiner Wohnung.
Auf dem Weg dahin sagte ich zu Sommer: »Weißt Du zufällig, wo mein Auto ist?«
Sommer sagte: »Soweit ich mich erinnere, steht es noch da, wo Du es abgestellt hast.«
Mit großen Augen sah ich ihn an und sagte dann: »Du hast es an der Nordsee gelassen? Dass ist echt hart.«
Sommer sagte: »Du hast doch immer schlecht darüber gesprochen. Was stört es Dich jetzt, dass es nicht da ist?«
Ich sagte: »Es mag ja nicht schön sein und eigentlich fahren solche Wagen immer nur Frauen, aber fehlen tut es mir trotzdem. Du solltest es bei Gelegenheit abholen.«
Sommer sagte: »Ich werde es in die Wege leiten. Wenn Du zurückkommst, steht es vor Deiner Wohnung.«
Ich sagte: »Hoffentlich nicht in meiner Wohnung. Versuch die Ortsangabe möglichst präzise zu gestalten.«
Johannes drehte sich zu ums um und sagte: »Wir sind schon da.«
Wir standen vor einem Mehrfamilienhaus, welches wahrscheinlich noch vor dem Weltkrieg gebaut worden war. Kleine Anbauten und Verziehrungen waren in der Fassade eingelassen.
Sommer pfiff durch die Zähne und sagte: »Krasses Haus.«
Johannes sagte: »Gehört meiner Familie schon seit Generationen. Ich hab dort eine ganze Etage.«
Ich sagte: »Jetzt verstehe ich auch, warum Patricia so schnell zu Dir ziehen wollte. Das Ding sieht von außen auf jeden Fall spitze aus.«
Johannes sagte: »Ich lasse gerade den Dachboden ausbauen. Die meisten Sachen mach ich selbst, aber im Moment lasse ich die neuen Fenster einsetzen. Sobald es fertig wird, ziehe ich da ein.«
Sommer sagte: »Ein echtes Penthaus? Das ist super cool.«
Johannes sagte: »Und ob das cool ist. Ich freue mich schon darauf.«
Ich sagte: »Also war sie nur spitz auf Dein Besitz? Frauen wollen auch immer nur das Eine.«
Erneut lachte Johannes und sagte dann: »Ich hatte es nicht so verstanden, aber wahrscheinlich habt ihr recht.«
Wir hatten es uns im Wohnzimmer der riesigen Wohnung bequem gemacht. Vor mir stand ein Glas Laphruaig. Das rauchige Aroma stieg mir in die Nase und weckte meine Vorfreude.
Johannes saß neben Sommer auf dem Sofa und paffte große Ringe in die Luft.
Kaum hatte er den Stummel weitergereicht, versuchte Sommer kleinere Ringe, durch die von Johannes zu pusten. Die beiden hatten augenscheinlich eine Menge Spaß.
Ein kleiner Schluck der braunen Flüssigkeit gab mir neue Energie.
Ich sagte: »Wenn Du das hier alles selbst renovierst, dann hast Du ja genug zu tun.«
Johannes blickte mich an und musste sich erst sammeln, bevor er sagte: »Eigentlich ist Handwerken nicht mein Hobby. Wenn ich Zeit habe, dann surfe ich unendlich gerne.«
Sommer sagte: »Das ist ja cool. Ich mach das auch.«
An Sommer entlangschauend sagte ich: »Darauf wäre bestimmt keiner gekommen.«
Sommer sagte: »Bisher dachte ich immer, dass man mir das ansieht.«
Ich sagte: »Mein Kommentar war auch ironisch gemeint.«
Johannes lachte ein wenig mehr als normal. Anscheinend entfaltete das Gras gerade seine Wirkung.
Den Geruch mochte ich sehr. Selbst wenn es mir nicht gut tat, so konnte ich nachvollziehen, warum das Rauchen der Substanz einigen Leuten so viel Spaß macht.
Johannes sagte: »Ich bin einfach gerne an der Luft.« Er rang kurz nach Luft und gab den Stummel anschließend weiter.
Sommer sagte: »Mir geht es genauso. Ich liebe die frische Luft.«
Ich sagte: »Wenn man euch so hört, dann haben sich hier zwei gefunden.«
Sommer drückten den Stummel aus und machte kurzzeitig die Augen zu. Johannes tat es ihm gleich.
Ich sagte: »Hoffentlich hast Du Chips da.«
Johannes sagte: »Die sind in der Küche, in dem Schrank neben dem Kühlschrank. Da ist auch noch Schokolade, wenn Du Deinen Whiskey gerne mit dem Zeug verzehrst.«
Ich sagte: »Grandiose Idee. Für euch Chips und für mich Schokolade. Das klingt doch nach einem Plan.«
Mit einem Ruck stand ich auf und ging in die Küche. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das sich Situationen gerne wiederholen. Wäre da nicht die Bedrohung durch Tod, wäre das hier ein netter Nachmittag und Abend werden können.
Sommer schlurfte mir hinterher. Als ich den Schrank mit einer Tafel Schokolade und einer Chipstüte bewaffnet zuklappte, stand er direkt vor meiner Nase.
Er sagte: »Das ist echt blöd. Der Typ ist voll nett.«
Ich sagte: »Ich versuche Dir schon die ganze Zeit, das klarzumachen. Du wolltest es mir ja nicht glauben. Jetzt versuche endlich Deine Tante zu erreichen. Wir können nicht ewig hierbleiben und auf sie warten. Irgendwann wird Johannes misstrauisch.«
Sommer nickte nachdenklich. Er nahm mir die Chipstüte aus der Hand und trottete zurück zum Sofa.
Als er zurück war, setzte er sich direkt zu Johannes und umarmte ihn.
Ich sagte: »Was hab ich denn jetzt nicht mitbekommen.«
Sommer sagte: »Er hat das auch bei mir gemacht und jetzt hielt ich es für berechtigt, ihm die Umarmung zurückzugeben.«
Johannes schien die Situation nicht unangenehm, wie ich es befürchtet hatte. Ganz im Gegenteil schien er die Umarmung zu erwidern.
Diese Situationen auf Parties mochte ich nie. Ab einem gewissen drogen-induziertem Zustand, werden Männer plötzlich schwul, fangen an sich zu betatschen und kommen sich merkwürdig nah.
Bisher hatte meine Erfahrung gezeigt, dass ich selbst bei größeren Mengen Alkohol  heterosexuell bleibe.
Sommer und Johannes hingegen hatten einander gerade gefunden. Wahrscheinlich war es Sommers schlechtes Gewissen, dass das Ganze verstärkte.
Ich habe definitiv nichts gegen gleichgeschlechtliche Liebe. Wenn aber irgendwer auf einer Party plötzlich seine Neigungen wechselt, werde ich skeptisch. Zumal so etwas schnell zu einem Spielchen wird, bei dem gleich alle Partygäste partizipieren müssen.
Johannes klopfte Sommer auf die Schulter und sagte: »Du bist echt Tight.«
Leise sagte ich: »Das hatten wir auch schon einmal. Ich verstehe das Wort einfach nicht.«
Sommer sagte: »Du bist voll cool.«
Ich sagte: »Jetzt noch einen Heiratsantrag und die Sache ist geritzt. Wir finden bestimmt einen Beamten, der die Ehe heute noch vollzieht.«
Die beiden lachten auf und Sommer sprang auf.
Er sah mich an und sagte: »Wir müssen jetzt los.«
Ich sagte: »ich hab die Schokoladen noch nicht einmal aufgemacht. Was soll denn jetzt die Eile.«
Sommer sagte: »Ich muss meine Tante sprechen.«
Johannes sah ihn groß an und sagte: »Warum jetzt?«
Sommer sagte: »Kann ich Dir im Moment nicht genau erklären, aber es geht um Leben und Tod.«
Ich goss den letzten Schluck Whiskey in meinen Mund und erhob mich.
Sommer wartete an der Wohnungstür auf mich und sagte so laut, dass Johannes ihn hören konnte: »Wir werden nachher zurückkommen. Dann können wir den lustigen Abend fortsetzen.«
Johannes saß immer noch auf dem Sofa und sagte: »Mach Dir keinen Stress. Wir haben Zeit.«
Sommer sah mich an und sagte: »Ich mag ihn.«
Ich sagte: »Das wechselt aber wie Tag und Nacht. Gut dass wir jetzt soweit sind.«
Mit großen Schritten ging Sommer auf die Straße. Er sah sich nach rechts und links um, ergriff meine Hand und sagte: »Wir haben jetzt keine Zeit.«
Für eine Sekunde wurde mir schwarz vor Augen. Dann standen wir vor einem schäbigen kleinen Haus. Rechts und Links standen baugleiche Reihenhäuser. Das, vor dem wir standen, war hingegen sehr runtergekommen.
Sommer zog mich an der Hand zur Tür. Er stellte mich vor sich und sagte: »Klingeln!«
Die Klingel sah nicht besonders einladend aus. Irgendwelche Drähte ragten…
Sommer sagte: »Das hatte ich schon beschrieben. Drück einfach auf den Knopf.«
Er schob meine Hand in die Nähe der Klingel und ich drückte.
Ein leichter Schmerz durchströmte meine Hand und ich versuchte sie zurückzuziehen, wurde aber von Sommer daran gehindert.
Erst als ich das Klingeln im Inneren hörte, ließ er mich los.
Ich sagte: »Solche Scherze kenne ich nur von Deiner Schwester. Was war denn das jetzt bitte?«
Die Tür öffnete sich einen Spalt und Sommer schob sie auf.
Ich blickte in einen Saal, der einer Kathedrale würdig gewesen wäre, hätte man nicht vergessen, Fenster zu den Seiten anzubringen.
Sommer sagte: »Jetzt hör endlich damit auf, alles zu erklären. Erst einmal bist Du bei Beschreibungen sowieso eine Niete und zweitens hab ich das alles hier schon beschreiben, als ich neulich hier war. Der Leser wird schon wissen, wo wir sind.«
Ich sagte: »Ich weiß es nicht.«
Sommer sagte: »Wir sind hier bei meiner Tante.«
Ich sagte: »Ich dachte, sie mag Menschen nicht besonders.«
Sommer sagte: »Das ist mir im Moment egal. Wir müssen sie aufhalten!«

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