Herr Berkowitz packte nach der ›Stunde‹, die zu meiner Überraschung zwei realen Stunden entsprach, meinen Arm. Er zog mich zurück.
Mit bedeutungsschwangerer Stimme und ebensolchem Blick sagte er: »Wissen Deine Eltern, welche gefährlichen Gedanken Du in Dir trägst? Jeder Schritt in die Richtung Wissenschaft, entfernt Dich weiter von dem Lamm, welches unsere Sünde trägt – Jesus Christus.«
Ich sah ihm lange in die Augen. Er meinte seine Worte absolut ernst. Ich fragte: »Will Gott, dass ich dumm bleibe?«
Herr Berkowitz schüttelte den Kopf. »Gott möchte nicht, dass Du dumm bleibst. Er will allerdings auch nicht, dass Du Dich mit gefährlichen Sachen beschäftigst.
Es gab einen jungen Wissenschaftler, der das Wissen, welches ihm beigebracht wurde, mit der Bibel verglich. Er strich alle Passagen, die sich nicht mit der Wissenschaft vereinbaren lassen. Am Ende war seine Bibel fast völlig geschwärzt. Darauf traf er die einzige richtige Entscheidung. Er wählte sein Seelenheil und den Glauben und verwarf die schlechten Ideen, die man ihm einflößte.
Ein Schiff, welches nicht fest gebaut ist, geht im Sturm unter. Die Wissenschaft ist dieser Sturm und Dein Glauben ist noch jung.
Paulus schreibt nicht zu Unrecht, dass dem Weisen der Glaube wie eine Torheit vorkommt. Der Baum im Paradis wird nicht umsonst der Baum der Erkenntnis genannt. Jesus preist in seiner Bergpredigt besonders die Unwissenden. Das ist es, was uns die Bibel lehrt.«
»Glaube und Wissenschaft hatten keinen guten Start. Freunde werden die Beiden wohl nie.«
Herr Berkowitz schüttelte enttäuscht den Kopf. Dann sah er mich wieder an und sagte: »Ich kenne Deine Eltern seit vielen Jahren. Ein klärendes Gespräch über Dein Seelenheil täte uns gut.«
»Ich bin mir sicher, dass meine Eltern ein gutes Gespräch schätzen.«
Seine Mine verdunkelte sich. Er starrte mich an, als erwartete er ein Wunder. Ich verstand für einen Augenblick nicht, was er von mir wollte. Schweigend blickten wir uns an.
Es dauerte, bis der Groschen fiel. Schnell ließ ich die Schultern und die Mundwinkeln hängen, wie er es von mir erwartete. »Bitte erzählen sie Nichts meinen Eltern. Ich versuche, an meinem Glauben zu arbeiten.«
Ein schmallippiges Lächeln legte sich auf das Gesicht meines Seelen-Hirtens. Es war an den Rändern ausgefranst, schien allerdings das erste Anzeichen einer Besserung zu sein.
Er nickte mir wohlwollend zu. Ich wollte gerade gehen, als er sagte: »Ich wollte Dir noch sagen, dass Du Dich vor Boris in Acht nehmen solltest.«
»Wenn sie das sagen wollen, dann sagen sie es doch auch! Sie können Alles mit mir besprechen.
Warum soll ich vor ihm Angst haben?«
»Er ist ein Störenfried. Ich kenne seine Eltern nicht. Ich weiß nicht, wer ihn zur Freizeit angemeldet hat. Ich sehe sofort, wenn Kinder verdorben sind und dieser Bube ist von innen faul. Er manipuliert Dich, wenn Du nicht aufpasst. Lass Dich nicht auf die falsche Bahn lenken.«
Fleißig nickend, dankte ich dem weisen Ratschlag.
Herr Berkowitz fügte hinzu: »Und auch Deine Freundin Anja…«
Noch bevor er den Satz beenden konnte, sagte ich: »Sie ist nicht meine Freundin. Ich bin weder mit Ihr noch mit ihrer Schwester zusammen. Sie sind nur gute Bekannte.«
Der Mann vor mir sah mich überrascht an.
Mit den Schultern zuckend sagte ich: »War nur ein Reflex. Ich weiß, dass sie ständig auf dumme Ideen kommt. Anscheinend hängt sie jedoch an mir. In Zukunft versuche ich, sie positiv zu beeinflussen.«
Herr Berkowitz nickte zustimmend.
Ich rannte in unser Zimmer, in dem sich die Anderen schon umzogen. Für die nächsten zwei Stunden, bis zum Mittagessen, stand körperliche Höchstleistung auf unserem Terminplan. Der gesunde Geist im gesunden Körper wird zwar in der Bibel nicht erwähnt, da er der Körper allerdings den Tempel Gottes darstellt, ist man in christlichen Kreisen dem Leitsatz der griechischen Antike nicht abgeneigt. Ganz getreu dem Motto: Jesus ist in mir – kein Wunder, dass ihn keiner sieht.
Jörg und Daniel hatten ihre Fußballschuhe mitgebracht, die sie dem staunenden Heiko vorführten. Dieser stand in seinem ausgewaschenen Trikot in einer Ecke und zeigte einen Anflug von Begeisterung.
Boris hingegen saß auf dem Bett und blätterte in einem dicken Buch. Ich ging zu ihm und fragte, ob er nicht mitspielen wollte.
»Ich hab keine Sportsachen mit, da ich sowas nicht brauche.«
Jörg höhnte lautstark: »Wenn man sich nicht bewegt, darf man sich nicht wundern, wenn man fett wird.«
Ein heiseres Lachen erklang aus Heikos Ecke.
Ich wühlte in meiner Wäsche herum, bis ich ein T-Shirt, einen dünnen Pullover und eine Flieshose fand, die ich nutzen konnte. Fußballschuhe besaß ich nicht, da ich sie bei meinem ungenügenden Talent nicht benötigte. Bei Ballsportarten kommt meine Grobmotorik voll zur Geltung. Tore sind für mich im Allgemeinen nur grobe Richtungsangaben. In der Regel bin ich froh, wenn ich den Ball überhaupt mit den Füßen treffe und nicht darüber stolpere.
Jörg und Daniel standen wie heute Morgen an der Tür und winkten uns. »Wir kommen noch zu spät zum Fußball.«
»Das wäre extrem ungeschickt – geradezu tragisch.«, murmelte ich. Boris, der mich gehört hatte, lachte. Er sagte: »Willst Du Dir das wirklich antun?«
»Ich stehe seit der Bibelstunde sowieso auf der Roten Liste. Ein wenig Anpassung täte mir gut.«
»Musst Du wissen. Ich mach da nicht mit.«
Ich trabte hinter den beiden Sportlern her und hörte, wie mir Heiko in einiger Entfernung folgte.
Die anderen Kinder kannten meine Unsportlichkeit noch nicht, weshalb ich wie sonst üblich nicht als Letzter gewählt wurde. Das sollte sich schon nach dem ersten Spiel ändern.
Ich spielte zusammen mit Jörg und Daniel, wobei Jörg als der Größte unsere Mannschaft anführte.
Er fragte, ob ich lieber hinten oder vorne mitspielen würde. Ich sagte ihm, dass ich am liebsten von der Außenlinie zuschauen würde, solange man dort nicht vom Ball getroffen wird. Er lachte und steckte mich ins Tor. Warum er die Anspielung auf meine Ungeschicklichkeit nicht verstand, bleibt mir bis heute ein Rätzel.
Ich musste nur für ungefähr zehn Minuten Torwart spielen, bis ich nach drei Treffern, zurück aufs Spielfeld durfte. Meine Angst, mir die Finger am Ball zu brechen, war während der Zeit extrem groß.
Als Abwehrmann war ich nicht völlig unnütz, solange es nur ums Decken ging. Ich stand immer wieder im Weg, was den Spielablauf der Anderen störte. Nur Anja hatte es natürlich auf mich abgesehen.
In einer unbeobachteten Minute schubste sie mich von den Beinen. Sie stand anschließend grinsend über mir.
Ich sagte: »Waren foulen und beten nicht verboten?« »Ich hab nicht so genau hingehört, als die Regeln erklärt wurden.«
Während ich mir alle Mühe gab, weder dem Ball noch Anja zu nahe zu kommen, spielten Jörg und Daniel eine ansehnliche Partie Fußball. Es war schlichtweg erstaunlich, was sie mit dem Ball anstellen konnten. Heiko schlug sich ebenfalls nicht schlecht.
Es gelang ihm sogar, eins der Tore zu schießen. Das lag allerdings größtenteils daran lag, dass es während der 10 Minuten geschah, die ich im Tor stand. Anja schien mich jedesmal auszulachen, wenn sie in meine Nähe kam.
Sie schoss mehrer Tore, allein durch ihre gefährlich rücksichtslose Art. Kein Junge hatten den Mut sich ihr zu nähern und sie nutzte diese falsche Rücksicht gnadenlos aus.
Julia, Sarah und Hanna waren nicht zu sehen. Eigentlich erleichterte mich das. Ich brauchte keine Angst davor zu haben, dass man meinem Versagen bestaunte.
Jörg kam in der zweiten Halbzeit zu mir und versuchte mir Ratschläge zu geben. Er meinte, dass ich mit ein wenig Übung besser werden konnte. Dann zeigte er mir, wie ich den Ball am besten spielen sollte. Dabei gestikulierte er mit seinen Händen und Füßen. Ich sah ihm dabei zu, wie ein Gorilla einem Chirogen zusehen würde. Es mochte ja stimme, dass man mit dem Spann zielsicherer schießen konnte, aber wie zum Teufel bewegte man in der Zwischenzeit seinen Fuß?
Boris sah zu mir hinüber. Er hatte es sich, trotz des kühlen Wetters, am Spielfeldrand bequem gemacht und las sein Buch.
Als ich später an ihm vorbeirannte, konnte ich den Titel des Buches lesen. Es lautete ›Quantenphysik: Ableitungen der Schrödinger-Gleichung im komplexen Zahlenraum‹.
Ich blieb kurz bei ihm stehen. »Das klingt kompliziert.«
»Ist es nicht. Man muss nur die Zeit im zweiten Operator als komplexen Faktor setzen und kann, natürlich unter Berücksichtigung des imaginären Anteils, danach ein Ergebnis ableiten.«
Ganz plötzlich traf mich eine Dampfwalze von der rechten Seite. Ich flog im hohen Bogen durch die Luft und landete im Dreck.
Daniel kam zu mir gelaufen und reichte mir die Hand. Als ich wieder stand, sah ich, wie Heiko Anja hoch half, die nicht weit von mir im Gras lag.
Mit leiser Stimme sagte Daniel: »Du solltest kein Mädchen foulen. Sowas wird hier nicht gerne gesehen.«
»Aber ich stand doch hier nur rum. Ich hab nichts gemacht.«
»Sie wollte zum Ball und Du hast Dich ihr in den Weg gestellt.«
Schnell blickte ich mich um und sah, dass der Ball weit in der anderen Spielhälfte lag.
»Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ihre Bahn vorhersehen konnte.«
Anja stand plötzlich neben mir. »Das war ein ganz mieses Foul. Eigentlich sollte man Dich sofort rausnehmen.«
Auch Jörg stand mittlerweile bei uns. Er schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Ich habe es nicht genau gesehen. Was ist denn passiert?«
»Er hat sich Anja in den Weg gestellt.« »Ich stand hier nur rum.«
Boris lachte und sagte: »Ihr solltet ihn wirklich vom Platz nehmen. Er scheint keine große Hilfe zu sein.«
Anja kam mir zu Hilfe. »Er kann ruhig bleiben. Aber ich hab noch was bei ihm gut.«
Beim Mittagessen merkte man der Gruppe an, dass sie sich verausgabt hatte. Die meisten ließen ihre Köpfe hängen und nahmen ihre Mahlzeit in kleinen Happen zu sich. Es herrschte allgemeines gefräßiges Schweigen.
Boris hingegen strahlten, als hätte er gerade an einem Starkstromkabel geleckt. »Die Theorien in dem Buch, belegt einige meiner eigenen Ideen, sind allerdings bei weitem nicht abschließend durchdacht.«
Ich nickte nur stumm und sah glasig in die Ferne.
Wie heute Morgen, saß Julia am anderen Tisch und schwatzte angeregt mit ihren Freundinnen, als würde sie die schon ewig kennen. Sie drehte mir immer noch den Rücken zu. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in mir aus, wenn ich zu ihr hinüber blickte.
Anja bemerkte meinen Gesichtsausdruck und sagte: »Die will doch sowieso nichts von Dir.«
»Sie lächelt immer, wenn sie mich ansieht.«
»Die lächelt immer. Das ist ihr normaler Ausdruck. Den hat man ihr als Baby ins Gesicht getackert.«
»Ist das nicht schön?«, fragte ich verträumt.
Boris sagte: »Die Menge an Hormonen, die diesen Raum füllt, reicht aus, um einen Elefanten darin zu ertränken. Dabei gibt es doch viel wichtigere Sachen, als die Liebe.«
Überrascht sah ich ihn an und sagte: »Was denn?«
Unbemerkt hatte sich Herr Helm in unsere Nähe geschlichen. Bisher war er noch nie aus dem Schatten seines Kollengens getreten.
Er sah Boris an und sagte: »Nichts ist größer als die Liebe. Es bleiben nur ›Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.‹
Wenn Du älter bist, wird Dir die Wahrheit dieses Satzes bewusst.«
Ich sagte: »Herr Helm, das war doch 1. Korinther 13: Das hohe Lied der Liebe.«
Herr Helm nickte und sagte: »Du kannst mich auch Siegfried nennen.«
»Sie müssen eine wirklich tolle Frau haben.«, sagte Anja. Ihre Stimme war nicht völlig frei von Ironie.
Siegfried schüttelte den Kopf und sagte: »Der Spruch spricht von der Liebe zum Herrn. Er stellte mein Leben in seinen Dienst. Ich lebe nach dem Wunsch von Paulus.«
Boris verzog das Gesicht, als hätte ihn gerade ein Waal geküsst.
Ich flüsterte: »Paulus meint, dass Singles Gott besser dienen. Er hielt eine geschlechtliche Beziehung für eine viel zu große Zeitverschwendung.«
»Ich dachte, das gilt nur für die Katholiken?«
»Pastoren werden nicht gezwungen unverheiratet zu bleiben. Es ist nur ein Tipp, keine Pflichtveranstaltung.«
Siegfried hatte die Unterhaltung verfolgt und sagte: »Ja das ist wirklich so.« Dann wandte er sich an Boris und sagte: »Warum hast Du denn nicht mitgespielt?«
»Sport liegt mir nicht so.«
Ich sagte: »Mir auch nicht, aber ich habe trotzdem mitgemacht.«
Siegfried lächelte mich an und tippte mir auf die Schulter. Dann ging er vom Tisch. Er verabschiedete sich mit den Worten: »Wir sehen uns gleich in der Bibelstunde.«
In der Bibelstunde setzte ich mich diesmal so hin, dass ich Julia beobachten konnte. Sie sah wunderschön aus, während sie in ihrer Bibel las.
Irgendwann im Laufe der Stunde, von der ich nicht wirklich etwas mitbekam, tippte mich Anja schmerzhaft von der Seite in die Rippen. »Dir läuft da Geifer aus dem Mundwinkel. Wird Dir Dein Starren nicht irgendwann langweilig? Du siehst fast so apathisch aus, wie Heiko.«
Sie deutete in seine Richtung und ich sah, wie Heikos mit seinen Blicken Sarah fixierte. Sein Gesicht war völlig ausdruckslos und sein Mund war leicht geöffnet, als wolle er jeden Augenblick etwas sagen. Ich erkannte, dass seine Lippen immer wieder das Wort ›Sarah‹ formten.
Boris sagte: »Den hatt es voll erwischt. Wahrscheinlich hat sein Roboterhirn eine Fehlfunktion.«
Siegfried sah in unsere Richtung. »Was fällt euch denn zu der Geschichte ein?«
Schnell antwortete ich: »Verführung ist eine schlimme Sache. Ich frage mich allerdings, ob die Bestrafung so hart ausfallen musste. Für ein wenig mehr Weisheit bekamen Adam und Eva den Tod und die Vertreibung aus dem Paradies.«
»Sie hätten der Sünde standhalten können, dann wären wir alle noch im Paradies.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Wenn sie nicht gesündigt hätten, wären sie immer noch alleine im Paradies und wir wären nie entstanden. Wir waren eigentlich nur eine weitere Strafe für die Beiden.«
Siegfried nickte, lächelte und sagte: »Kinder können tatsächlich eine Strafe Gottes sein.«
Dann schüttelte er den Kopf und sah weiter in die Runde. Wir waren erst einmal vom Haken.
Irgendwie mochte ich Siegfried wesentlich mehr als Herrn Berkowitz. Er hatte eine ehrliche Art und man merkte ihm an, dass er es wirklich ernst meinte.
Anja flüsterte: »Wen willst Du denn jetzt mit in Dein Raumschiff nehmen und wann willst Du es landen lassen?«
Interessiert schaute ich zu Boris. Sein Gesicht wurde komisch rot. Er schluckte kurz und sah Anja an. Dann flüsterte er: »Ich muss vorher noch etwas machen und brauche dabei Hilfe.«
Es platzte aus mir raus: »Was musst Du machen? Wobei brauchst Du Hilfe?«
Ruckartig schaute er im Raum herum um zu sehen, ob uns jemand belauschte. Seine Stimme war noch ein wenig leiser, als er sagte: »Das kann ich jetzt nicht sagen. Erst muss ich sehen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege.«
Erneut blickte er sich um und sagte dann: »Wenn alles klappt, sag ich es euch heute Abend nach dem Essen.«
Die Stimme von Anja hatte einen spitzen Unterton. »Was sagst Du uns heute Abend?«
In der Zwischenzeit hatte Siegfried ein Lied angestimmt und Boris Worte gingen im allgemeinen Trubel unter.
Nach der Bibelstunde stand ein Gruppenspiel auf dem Plan. Wir versammelten uns auf dem Vorplatz, auf dem uns Siegfried und Herr Berkowitz die Regeln erklärten.
Daniel und Jörg, die ihre Sportlichkeit am Morgen unter Beweis gestellt hatten, durften jeweils eine Gruppe führen. Jede der Gruppen bekam eine Fahne. Jörg hielt die rote und Daniel die blaue Fahne in die Luft.
Nachdem sie alle Kinder aufgeteilt hatten, bekam jedes Gruppenmitglied ein Band mit seiner Gruppenfarbe um das rechte Handgelenk gebunden. Die Regeln des Spiels entsprachen denen, des typischen Shooter-Modes ›Capture the Flag‹.
Da allerdings Computerspiele damals noch nicht so bekannt waren, musste man uns das Regelwerk umständlich erklären.
Ziel jeder Gruppe ist es, die gegnerische Fahne zu erbeuten und zum Ziel zu bringen. Gleichzeitig wird die eigene Fahne verteidigt. Verliert man dabei das Band oder wird es einem von der Hand gerissen, muss der ›Band-Lose‹ das Spiel verlassen.
Boris war in meiner Mannschaft und wurde noch nach mir von Jörg gewählt. Erneut war Anja bei unseren Feinden und blitzte mich siegesgewiss an. Zu meinem Glück war Julia ebenfalls im gegnerischen Team.
Das würde mir die Gelegenheit geben, ihr sehr nahe zu kommen, sollte ich sie irgendwo erwischen.
Siegfried schaute auf die Uhr und sagte: »Ich gebe euch gleich das Zeichen für den Anfang. Nach zehn Minuten werden ich erneut pfeifen. Wenn ihr das Pfeifen hört, könnt ihr damit anfangen, die Fahne der anderen Mannschaft zu erbeuten. Das Wäldchen ist nicht besonders groß und es ist nicht erlaubt, es beim Spiel zu verlassen.«
Er sah ernst in die Runde und sagte: »Bitte seid vorsichtig und bleibt weg vom Steinbruch. Dort kann es gefährlich werden.«
Dann blies er in die Pfeife und unsere Truppe machte sich auf den Weg in Richtung Wald.
Nach vielleicht fünf Minuten blieb Jörg stehen und teilte das Team erneut auf. Ein paar von uns sollten sich hier im Graben verstecken und eine Abwehrkette bilden.
Boris meldete sich als Freiwilliger und zog mich mit sich. Heiko ging ebenfalls mit uns.
Wir waren schon tief im Wald und das Licht brach sich spärlich durch das frisch grün gewordene Laubmeer über uns. Der Weg lag im Zwielicht. Wir Drei warteten gebeugt im Graben am Wegrand. Heiko hatte ein paar Hände voller Laub über sich verteilt.
Als wir den Rest unserer Gruppe nicht mehr sehen konnte, zog mich Boris am Ärmel. »Wir können jetzt los.«
»Wohin willst Du?«
Heiko sah uns fragend an. »Jörg hat doch gesagt, dass wir hierbleiben sollen.«
Mit einem Kopfschütteln sagte Boris: »Wir werden nach etwas suchen. Du kannst ja hierbleiben und den Weg verteidigen.«
Erneut wollte Heiko darauf hinweisen, dass wir eine andere Aufgabe hatten, doch Boris war schon aus dem Graben gesprungen. Er zog mich mit sich.
Boris Zielstrebigkeit überraschte mich. Es schien so, als hätte er einen Plan im Kopf, dem er folgte. Nur ab und zu drehte er sich um – nicht weil er etwas suchte, sondern um sicherzustellen, dass uns Niemand folgte.
Aus der Ferne ertönte ein schriller Pfiff. Hinter uns sagte Heiko: »Das Spiel hat jetzt begonnen. Wir können anfangen die Anderen zu jagen.«
Ich blieb kurz stehen. »Eigentlich wollte ich Julia folgen.«
Mit einem angedeuteten Lachen sagte Boris: »Da hätte ich nie vermutet. Du kannst allerdings auch sicher sein, dass Anja Dich erledigen will. Ein Treffen wäre sicherlich nicht allzu gesund.« Mit einem Achselzucken sagte ich: »Was suchen wir jetzt überhaupt?« »Das wirst Du sehen, wenn wir da sind. Komm einfach mit.«
Langsam lichtete sich der Wald vor uns. Heiko blieb stehen und sagte: »Das ist doch der Weg zum Steinbruch. Da dürfen wir nicht hin.«
Boris drehte sich kurz zu ihm um. Sein Gesicht, welches im Schatten lag, zeigte Ruhe und Sicherheit. »Genau dort will ich hin. Am Rand des alten Steinbruchs liegt der Platz, zu dem ich gehe. Falls es Dich beruhigt, kann ich Dir sagen, dass wir dort in Sicherheit vor den Anderen sind.«
Ich meinte, in Heikos Stimme neben der Angst, noch ein wenig Freude zu hören. Sein Widerstand wirkte halbherzig. »Wir dürfen dort nicht hin. Siegfried hat es uns verboten.«
Mit einem Achselzucken drehte sich Boris um. Er ging weiter, ohne auf Heiko oder mich zu warten.
Die Bäume teilten sich. Ich sah den Steinbruch. Die kalten Felsen ragten weit über uns auf. Der Anblick verschlug mir die Sprache. Boris trat auf die Lichtung und steuerte zielsicher den Rand der Klippe an.
Moose und Farne hatten die Steinwand erobert. Der Stein erschien durch sie glitschig und feucht, wie etwas, was man nicht anfassen wollte.
Ich blieb staunend stehen und sah mich um. Eine Angst überkam mich, dass der Berg vor mir über mich stürzen könnte.
Boris sagte über die Schulter zu uns: »Trödelt nicht. Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit wir haben. Ich muss unbedingt meine Theorie überprüfen.«
Er stand mittlerweile schon am anderen Rand der Lichtung. Mit einem kurzen Sprint stand ich neben ihm.
Als ich mich umdrehte, stand Heiko immer noch unschlüssig an der ersten Baumreihe, voller Angst uns hinterher zu rennen und gleichzeitig mit der Panik allein gelassen zu werden.
Er zögerte ein paar Sekunden. Dann kam er zu uns.
Boris hatte sich wieder umgedreht. Er umrundete einen Baum und strich ein paar Büsche beiseite. Wir konnten ihn nicht sehen, hörten allerdings einen triumphierenden Laut. »Ich hab ihn gefunden. Er ist genau da, wo ich ihn vermutet hatte.«
Neugierig trat ich zu ihm. Im nackten Fels hinter den Büschen war eine kleine Tür mit einem merkwürdigen Symbol zu erkennen. Boris deutete siegessicher darauf und sagte: »Da ist der Eingang. Ich wusste, dass er nur hier sein konnte. Jetzt kann ich es holen.« »Was kannst Du holen?«, fragten Heiko und ich gleichzeitig.
Boris schüttelte den Kopf und sagte: »Später. Jetzt sollten wir erst einmal zurück.«
Boris rannte vor. Er wollte schnell zurück zum Graben, damit keiner unsere Abwesenheit bemerkte.
Als wir dort ankamen, erklang ein wilder Schrei. Er kam von hinten. Schnell wirbelte ich herum. Ich sah gerade noch rechtzeitig, wie Sarah und Hanna hinter ein paar Bäumen hervorsprangen.
Heiko, als Letzter unserer Gruppe, hatte keine Chance. Er wurde von den beiden Mädchen von beiden Seiten umkreist. Wie er da zwischen ihnen stand, sah er aus, wie eine Schildkröte, welche vom Scheinwerfer eines Schnelltransporters geblendet, weiß, dass sie gleich sterben wird. Seine zu einem Pony geschnittenen Haare fielen ihm über die Augen. Seinen Kopf hatte er eingezogen, die Achseln hochgezogen. Er starrte hilflos auf Sarah.
Ich wollte zwischen ihn und seine Angreiferinnen kommen, doch Hanna war schneller. Sie griff nach seiner Hand.
Ihre Hand war für mich erreichbar. Ich sprang und packte sie, noch bevor sie Heiko erreichte. Mit einem sicheren Griff zerriss ich ihr Band. Sie heulte auf, als hätte ich sie geschlagen.
Sarah hatte in dieser Zeit Heiko umrundete, der sich immer noch nicht rührte. Er streckte ihr förmlich seinen Arm entgegen.
Siegessicher riss Sarah ihm das Band ab und drehte sich zu mir.
Boris stand plötzlich neben mir. Wir wollten gerade auf Sarah losgehen, als hinter uns ein Schrei ertönte. Es war Jörg. »Hinter euch!«
Ich drehte mich instinktiv um die eigene Achse und hielt meine rechte Hand hinter dem Rücken. Vor mir, nur ein paar Schritte entfernt, stand Julia. Sie hatte sich an mich herangeschlichen. Ich roch ihren warmen Geruch nach Blumen.
Boris schrie erneut auf. Er hatte den Kampf mit Sarah aufgenommen, wobei Heiko und Hanna am Wegrand standen und anscheinend beide Sarah anfeuerten. Ich hatte keine Zeit den beiden zuzusehen.
In Julias Blick spiegelte sich Entschlossenheit. Sie sah so konzentriert aus, als wolle sie mich gleich erschießen. Ihre Haltung war geduckt. Sie stand kurz davor mich anzuspringen. Ihre blauen Augen waren Laserstrahlen, die mein Hirn zum Kochen brachten.
Ihr Aussehen verschlug mir die Sprache, trocknete meinen Mund aus. Ich starrte sie an.
Hinter ihr sah ich Jörg, der auf uns zu rannte und etwas in den Händen hielt. Es war die blaue Fahne. Er musste sie zu Siegfried bringen, um das Spiel zu beenden. Ich wollte nicht, dass er uns stört.
»Wir kommen hier klar. Bring das Ding zum Ziel.«
Jörg schien mich nicht zu hören. Er rannte weiter auf Julia zu. Anscheinend hatte er einen so großen Helferkomplex, dass ihm das Gewinnen kurzerhand entfallen war. Er würde meinen Moment mit Julia stören.
Sie schaute über ihre Schulter zu Jörg. Das war der Moment, in dem ich handeln musste. Schnell griff ich nach ihrer Hand, doch in dem Moment, als ich sie fast erreicht hatte, griff sie nach meinem ausgestrecktem rechten Arm. Sie lächelte mich katzenhaft an.
Ich zog den Arm zurück und brachte sie damit zum Stolpern. Wir kamen uns näher, so als würden wir uns gleich umarmen. Ich spürte ihren Körper an meinem, spürte ihre Hand auf meinem Arm. Mir schoss das Blut in den Kopf. Mein Herz pochte wie tausend Pauken. Sie griff nach meinem Band, während ich wie gelähmt da stand.
Plötzlich zerriss jemand Julias Band. Es ging so schnell, dass ich es kaum sah. Ich wollte ihr helfen, schubste sie dabei jedoch von mir weg. Sie landete mit einem schmatzenden Geräusch auf dem feuchten Boden.
Boris stand neben mir und hatte zwei blaue Bänder in der Hand.
Jörg kam keuchend neben uns zu stehen. Er sagte: »Ihr habt es ja doch alleine geschafft.«
Mit einem Kopfschütteln und einem Nicken zur Fahne, sagte Boris: »Du anscheinend auch. Wir sollten das Ding schleunigst zum Ziel bringen, bevor wir noch mehr Kämpfe bestehen müssen.«
Ich drehte mich zu Julia und reichte ihr meine Hand. Sie schüttelte den Kopf und blitzte mich böse an.
»Es war nicht meine Schuld.«
»Du hast mich umgeworfen.« Ihre Stimme klang vorwurfsvoll. Ihre Kleidung war verdreckt.
An meinem Arm ziehend sagte Boris: »Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun, als die Schuldfrage zu klären. Soll sie doch die Polizei holen, wir werden jetzt gewinnen.«
Am anderen Arm wurde ich von Jörg gepackt. Ich gab nach. Wir Drei setzten uns in Bewegung.
Der Boden matschte unter unseren Schritten. Ein paar Kinder trabten traurig durch den Wald zurück zum Treffpunkt. Sie hatten ihre Bänder verloren.
Wir waren vielleicht noch 200 Meter vom Heim entfernt, als drei Personen hinter Bäumen hervorsprang.
Unter ihnen waren Daniel und Anja, die mit erhobenen Armen auf uns zu rannten. Sie steuerten direkt auf Jörg. Anscheinend hatten sie die Fahne gesehen.
Jörg blieb kurz stehen. Er stoppte Boris mit einer ausgestreckten Hand. Hinter seinem Rücken reichte er ihm die Fahne und flüsterte: »Nimmt das Ding und bringt sie zum Ziel. Ich halt die hier auf.«
Jörg tat so, als würde er sich etwas in seine hintere Hosentasche stecken. Dann stellte er sich der Meute entgegen, während Boris und ich an den Dreien vorbeirannten. Der Typ, den ich nicht kannte, blieb stehen und schaute irritiert, während Daniel sich nicht aufhalten ließ. Er war sich sicher, dass Jörg die Fahne hatte.
Anja war am Weitesten von uns entfernt. Wir waren schon ein Stück entfernt und glaubten uns in Sicherheit, als Boris keuchte: »Sie kommt hinter uns her.« Ich begriff sofort, dass er Anja meinte.
Ich versuchte, so schnell wie möglich zu rennen, bis mir die Luft in der Lunge brannte und mein Bauch zu stechen anfing. Boris war tatsächlich etwas schneller als ich.
Ich hörte sie aufholen. Sie klang wie ein Sportwagen, der mich erfassen würde. Als ich nach hinten blickte, war sie nur wenige Schritte von mir entfernt.
Die Baumreihen wurden lichter und ich konnte die Umrisse des grauen Kastens vor mir auftauchen sehen. Noch ein paar Meter und wir wären in Sicherheit. Anja schrie vor Zorn laut auf. Boris war einige Meter vor mir.
Der Weg wurde ein Stück breiter und die letzten Bäume tauchten auf. Ab hier ging der Wald in eine Wiese über. Ich konnte Siegfried schon sehen, der uns winkte.
Siegessicher erhob ich die Hände und wurde umgeworfen. Anja hatte sich auf mich gestürzt. Ich fühlte ihre Arme auf meinem Rücken und fiel nach vorne.
Mein Gesicht landete in einer Pfütze. Anja setzte sich auf mich. Sie versuchte, mich umzudrehen. Dabei bohrten sich ihre Fingernägel unter meine Haut.
Ihre Hand drang in mein Fleisch und ich merkte, wie sich blutige Striemen bildeten. Als sie mich umgedreht hatte, fuhr sie mit ihren Krallen durch mein Gesicht.
Ein schriller Pfiff ertönte und Siegfried rief: »Wir haben ein Gewinner.«
Anja zischte: »Und ich weiß, wer es nicht ist.«
Nachdem man mir Anja operativ entfernen musste, zeugten tiefe blutende Kratzer von unserem Zusammentreffen. Es sollten Jahrzehnte vergehen – an diese Schmerzen würde ich mich immer erinnern.
Für das Abendessen musste ich mich umziehen. Meine Klamotten waren so verdreckt, dass ich sie nicht noch einmal in diesen zwei Wochen tragen konnte. Vielleicht noch einmal zu einem Geländespiel.
Jörg ging etwas schief und Daniel sah stark zerzaust aus. Die beiden hatten sich bei dem Kampf um das Band des jeweils Anderen ein wenig zu heftig gestritten. Ihre Beziehung hatte darunter gelitten. Sie sprachen den gesamten restlichen Abend kein einziges Wort mehr miteinander.
Als wir beim Essen zusammen am Tisch saßen, grinste mich Anja an. »Hast Du endlich gelernt, dass wir Mädchen in Allem besser sind, als ihr Männer?«
Boris lachte. »Vergisst Du, dass wir gewonnen haben? Die Damen aus Deinem Zimmer wurden alle von uns besiegt.«
»Das liegt daran, dass sie sich besiegen lassen wollten. Wenn wir Frauen lernen, dass ihr Männer schwach seid, werden wir die Welt übernehmen.«
Ich schüttelte den Kopf und schob mir ein Stück Brot in den Mund. Während des Kauens kam mir ein Gedanke.
»Du wolltest uns heute Abend erklären, was es mit Deinem Plan auf sich hat.«
Boris nahm einen großen Bissen und kaute genüsslich. Ich blickte kurz rüber zu Julia, die ich im Profil sehen konnte. Sie sah nicht glücklich aus.
Als sie merkte, dass ich sie ansah, funkelte sie mich boshaft an. Anscheinend nahm sie mir mein Verhalten immer noch krumm.
Boris sagte leise, so dass nur Anja und ich ihn verstehen konnte: »Ich habe heute den Eingang gefunden.«
Heiko lehnte sich über den Tisch zu uns rüber und sagte: »Die metallische Platte im Fels?«
Überrascht sah ihn Boris an.
»Was ist denn da?«
Boris schüttelte den Kopf und sagte leiser: »Dahinter ist ein alter Bunker.«
Daniel lehnte sich jetzt auch neugierig über seinen Teller. Jörg, der am Rand des Tisches saß, bekam nichts von unserer Unterhaltung mit. Er strich ein paar Haare aus seinem Gesicht und kaute abwesend auf seinem Brot herum.
»Der Bunker ist das einzige mögliche Versteck – das Versteck des Goldschatzes der Nazis.«
Heiko riss seine Augen auf. Anja lachte spitz auf. Ich verschluckte mich an meinem Brot.
Daniel sagte: »Warum sollte das hier sein?«
»Als das Dritte Reich kurz vor dem Untergang stand, wurde darüber nachgedacht, was mit den Reserven geschehen sollte. Der Hauptsitz der Bürokratie von Preuzen war Darmstadt. Dort lagerte in einer geheimen Lagerhalle eine für damalige Verhältnisse riesige Menge Gold.
Es herrschte allgemeine Panik. Das Heer war ausgedünnt, die Bevölkerung durch nächtliche Bomber verängstigt. Die Amerikaner rückten jeden Tag vor.
Der einzige sinnvolle Plan war, dass Gold unter der Erde, in einem Bunker zu lagern.
Einer der Offiziere war gebürtig aus einem Ort in unserer Nähe. Er erinnerte sich an den alten Steinbruch und die Höhle im Fels, die kaum jemand kannte. Er spielte als Kind oft hier.
Die Höhle war für die wenigen Leute, die von ihr wussten, ein gefährlicher Ort. Ein Teil war während der Sprengungen im Steinbruch eingestürzt und es wurde befürchtet, dass auch der Rest jederzeit zusammenbrechen konnte. Einige behaupteten, dass die Höhle die Ursache für die Schließung des Steinbruch vor mehreren Dekaden darstellte. Die Arbeiten waren einfach zu unberechenbar.
Ich weiß allerdings nicht, wie viel von der Legende frei erfunden ist. Bei eigenen Recherchen fand ich heraus, das der Steinbruch aufgrund von wirtschaftlichen Gründen aufgegeben wurde. Der Besitzer hatte seinen Anteil verloren. Die Gänge wurden nach Berichten künstlich erzeugt. Sie diente als Lagerraum.
Die Nazis nutzten gerne fantastische Geschichten um ihre Geheimnisse zu wahren. Was real und was erfunden ist, werden wir erst herausfinden, wenn wir den Eingang öffnen.
Der Offizier war davon überzeugt, das perfekte Versteck zu kennen. Der Weg hierhin war nicht weit. Die Höhle selbst war geräumig. Man konnte mit einem Lastwagen und einer Handvoll Soldaten in einer Nacht zur Höhle fahren. Das gelagerte Gold war geschützt. Die Angst vor Gefahren würde Neugierige fernhalten.
Sobald der Krieg beendet und ein wenig Gras über die Sache gewachsen war, konnte man mit den Reichtümern ein viertes Reich aufbauen.
Es wussten insgesamt nur vier Personen von dem Plan. Die beteiligten Soldaten ahnten nicht, was sie hier versteckten. Sie gingen davon aus, dass es sich um Proviant oder Munition handelte, die sie transportierten.
Zu dieser Zeit war es üblich Munition vor dem Feind zu verstecken. Viele Waffen und Munitionen lagern immer noch an geheimen Orten.
Innerhalb von einer Nacht wurde das Gold hierhin verfrachtet. Die vier Offiziere überwachten jeden Handgriff. Sie versiegelten am Schluss die Höhle mit einer extra stabilen Tür. Diese besitzt ein einzigartiges Schloss.
Jeder Offizier erhielt einen Schlüssel, die die Tür öffnete. Anschließend fuhr man zurück nach Darmstadt.
Die Laster kamen dort allerdings nie an. Noch während der Fahrt wurde der Trup von amerikanischen oder brittischen Fliegern beschossen.
Nur drei Soldaten überlebten das Gemetzel.
Da sie Angst vor den Feinden hatten, erzählte sie nie von ihrem nächtlichen Ziel. Sie sagten, dass sie unterwegs nach Darmstadt waren, um Verletzte zu evakuieren. Sie kehrten niemehr zurück.
Die vier merkwürdig geformten Schlüssel wurden als Souvenir von amerikanischen Soldaten in die Heimat mitgenommen.
Noch heute suchen viele Schatzgräber nach dem Schatz der Nazis und keiner von ihnen hat die geringste Spur, wo er zu finden ist.«
Heiko hatte seinen Mund staunend offen stehen. Anja schluckte lautstark. Keiner von uns, außer Anja, hatte weitergegessen.
Anja hatte die Augen zugekniffen. Sie biss noch einmal von ihrem Brot ab. Ihr Blick war auf Boris fixiert, der sie ebenfalls ansah. Sie schluckte erneut. »Wie hast Du davon erfahren?«
»Von einem Überlebenden – meinem Großvater. Es war seine Lieblingsgeschichte, die letzte Nacht des dritten Reichs. Er verlor drei seiner besten Freunde und sein rechtes Auge. Sein Bericht brannte sich in unser Gedächtnis ein.
Die merkwürdigen Schlüssel, die Verschwiegenheit, mit der die Offiziere den Transport begleiteten und der verheerende Bombenangriff waren für ihn ein Mysterium.
Ich untersuchte die Angelegenheit, zählte eins und eins zusammen. Über einen Kontakt in Amerika erhielt ich vor einem Monat diesen Schlüssel.«
Er zog an einer Kette, die er unter seinem Pullover verborgen hielt. Am Ende kam ein klobiges Objekt zum Vorschein. Es sah nicht wie ein Schlüssel aus. An einem kleinen runden, metallischem Stab mit einer Öse am Ende, durch die sich Kette zog, waren drei Dreiecke durch einen feinen Draht befestigt. Die Dreiecke hingen lose hinunter und schlugen gegeneinander. Sie wiesen eigenartige Zähne und Riefen auf.
Ich erkannte zu spät, dass Siegfried auf unseren Tisch zusteuerte. Er schien durch unser vertieftes Gespräch neugierig geworden zu sein.
Mit einer Handbewegung zeigte ich Boris, dass er den Schlüssel zurückstecken sollte. Danach deutete ich mit einem Kopfnicken in Richtung Siegfried.
Siegfried stand mittlerweile hinter Anja. Er lächelte uns der Reihe nach an.
»Das war ein unterhaltsames Geländespiel heute Nachmittag. Deinen körperlichen Einsatz Anja, fand ich allerdings nicht sehr fair.«
Er ließ den Kopf hängen. Dann schüttelte er ihn.
Anja blickte zu ihm hoch. »Es ist ein körperbetontes Spiel. Da muss man Alles geben.«
Ich strich über die Wunden, die bei der Berührung brannten. »Geben mag seeliger sein als Nehmen. Auf Kratzer und Blaue Flecken kann ich jedoch gerne verzichten. Außerdem wusstest Du, dass ich die Fahne nicht hatte.«
Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Keine Ahnung, wovon Du sprichst. Ich wollte Dir nur Dein Bändchen nehmen. Ich ahnte nicht, dass Du eine Heulsuse bist.«
Siegfried erhob beide Handflächen nach außen. »Hoffentlich hast Du Dich bei Sebastian entschuldigt. Es sah schmerzhaft aus.«
Mit hängendem Gesicht und weit aufgerissenen Augen nickte ich. Anja lachte nur kurz auf. »Ich habe gar nicht vor, mich für etwas zu entschuldigen, was nicht der Rede wert war. Es ist ein Spiel. Er hat mit seiner Gruppe sogar gewonnen.«
»Ich werde Dich in meinen Gebeten einschließen.«, sagte Siegfried. Er drehte sich mit hängendem Kopf um.
Als er aus der Hörweite war, flüsterte Anja: »Wollte er jetzt an mein Mitleid appellieren? Wahrscheinlich geht es ihm nur um diese dumme Sache: Mädchen müssen grundsätzlich schwächer sein als Jungs. Bestimmt war ich ihm nicht damenhaft genug. Diesen Blödsinn kann er sich gerne aufs Brötchen schmieren.«
Boris trommelte mit seinen Fingern auf dem Tisch. »Zurück zum Thema. Ich weiß nicht genau, wie dieser Schlüssel funktioniert. Außerdem brauche ich Hilfe, um das Gold aus der Höhle zu holen.«
»Du kannst auf mich zählen.«, sagte Daniel. Jörg hielt grinsend einen Daumen in die Luft. Er hatte ebenfalls der Legende gelauscht.
»Mit mir auch.«, sagte ich. Diese Geschichte wollte ich mir nicht entgehen lassen. Anja nickte einmal. Sie sah so aus, als traute sie, der Wundertüte nicht, die man ihr vorhielt. Wir alle blickten zu Heiko, der bewegungslos am Tisch saß und bemerkte, dass er die Aufmerksamkeit aller Beteiligten auf sich zog.
Er schaute uns der Reihe nach an. Dann rutschte er auf seinem Stuhl herum, als suchte er eine bequemere Sitzposition. Leise sagte er: »Wir müssen zurück zum Steinbruch?« Seine Augen huschten unter seinem Pony umher.
Alle am Tisch nickten. Heikos Stimme zitterte: »Wann?«
»So schnell wie möglich. Von mir aus schon morgen Nacht, wenn Alles glatt läuft.«
Heiko blickte auf seinen Teller. Er schob lustlos sein Brot herum. »Siegfried und Herr Berkowitz werden etwas dagegen haben. Keiner weiß, wie die Höhle aussieht. Das hast Du selbst gesagt! Es könnte gefährlich werden.«
Boris rieb sich die Hände. »Wenn sie das Gold reingebracht haben, können wir es auch rausholen. Sehr weit von der Tür kann es nicht stehen.«
Anja lachte. »Das wird ein Kinderspiel. Wir müssen nur hier raus, mitten in der Dunkelheit, ohne jemand zu wecken, durch den Wald schleichen, eine Tür öffnen, von der keiner weiß, wie man sie öffnet und abschließend Goldbarren aus einer einstürzenden Höhle ziehen. Klingt nach einem Kinderspiel.«
Boris sah sie fragend an. »Du glaubst, dass wir das nicht schaffen?«
»Ihr braucht mich auf jeden Fall.« Anja lehnte sich mit gekreuzten Armen zurück.
Heiko blickte von seinem Teller auf. »Ihr wollt, dass ich dabei bin?«
Jörg nickte. »Du gehörst dazu. Wir sind ein Zimmer.«
»Dann komme ich mit.« Während er das sagte, sah Heiko so aus, als hätte er gerade eine Schnecke verschluckt.
»Er hat viel zu viel Angst. Wir brauchen keine Babys.«, sagte Anja.
»Erspar uns Deine Einschüchterungen. Du könntest uns besser helfen, noch mehr Leute zu finden. Je zahlreicher wir sind, desto eher werden wir es schaffen.«, sagte Boris.
Ich schüttelte den Kopf. »Je mehr Leute dabei sind, desto eher wird man uns verpfeifen. Keine gute Verschwörung funktioniert mit zu vielen Mitwissern.«
»Aber wir brauchen die Leute um den Schatz aus der Höhle zu bringen. Mit nur 6 Personen werden wir wahrscheinlich ewig brauchen.«
Daniel sagte: »Was machst Du mit dem Gold, wenn Du es draußen hast?«
»Darum kümmere ich mich dann. Ich habe einen Plan.«
Mir fiel auf, wie Anja Boris misstrauisch anstarrte. Heiko lachte heiser auf. Daniel und Jörg nickten. Sie bemerkten die Zustimmung des Anderen und funkelten einander böse an. Das Spiel heute Nachmittag war noch nicht vergessen.
Ich sah zu Julia hinüber. »Anja, kannst Du nicht im Mädchenzimmer fragen, ob jemand mitmachen will?«
»Sarah wäre bestimmt gerne dabei.«, sagte Heiko.
Mit einem Kopfschütteln sagte Anja: »Die drei Weichspüler wollen wir sicherlich nicht dabeihaben. Da könnten wir uns auch Klötze an die Beine binden und unser Abenteuer in der Zeitung ankündigen.«

Ein Kommentar zu „Frühling 2017 – Kapitel 2

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