Beim Abendessen schaffte es Anja, die Dreiecke am Stift zu befestigen. Der feine Draht, der die einzelnen Teile zusammenhielt, knotete sie so zusammen, dass er dem Ganzen Stabilität verlieh.
Wir reichten das Gebilde unter dem Tisch zwischen uns weiter, so dass Daniel, Jörg und Heiko nichts von unserer Arbeit mitbekamen.
Herr Berkowitz beschloss, dass unsere kleine Tischgemeinschaft bei diesem Abendessen den Abwaschen machen durfte. Jörg machte das gar nicht glücklich.
Er wollte gerade einen Einwand einbringen, als Herr Berkowitz ihn strafend ansah. »Vielleicht glaubt ihr, dass ich eure veränderte Sitzordnung nicht bemerkt habe, allerdings halte ich viel von Gerechtigkeit und jeder von euch sollte zumindest einmal den Tischdienst durchführen.«
Mir machte die Entscheidung nichts aus. Wir Drei konnten uns in der Küche prima unterhalten, während die Anderen das Geschirr brachten.
»Sag mal, müssen wir denn heute Abend überhaupt raus? Wir haben den Schlüssel doch jetzt fertig. Warten wir doch auf das Geländespiel morgen.«, sagte ich, während ich den ersten Teller in das Spülwasser hielt.
»Wir müssen auf jeden Fall raus. Ich will wissen, ob das Ding funktioniert. In der Nacht sind wir sicherer vor Besuchern. Interessiert es Dich gar nicht, was hinter der Tür liegt?«
»Aber wir haben doch noch genügend Zeit. Was soll denn die gesamte Hetze.«. Anja trocknete den Teller ab, den ich ihr gereicht hatte. Sie sah Boris fragend an.
»Ich habe Angst, dass man mich findet. Ich bin hier nicht gut genug versteckt. Meine Verfolger könnten zu jeder Zeit hier erscheinen.«
»Du kannst uns ruhig mehr über sie erzählen.«
Boris schüttelte den Kopf. »Ich kann euch nicht wirklich etwas sagen, da ich die Typen selbst nicht verstehe. Sie erscheinen immer irgendwann, sobald ich an einem Ort zu lange bin. Bis auf die schwarze Kleidung ist immer Alles an ihnen anders. Sie suchen mich. Es sind niemals zwei Gleiche.«
Anja schüttelte den Kopf. »Das ist mir viel zu mysteriös. Uns über die Männer in Schwarz zu unterhalten, bringt uns nicht weiter, solange Du nichts über sie weißt oder nichts erzählen willst. Sag uns lieber, wann wir uns treffen.«
»Ich würde sagen, dass wir abwarten, bis unsere Jungs schlafen. Danach holen wir Dich ab. Bis dahin müssten auch Deine Mädels tief schlummern. Wir treffen uns vor Deinem Zimmer und gehen dann gemeinsam los.«
Ich sah Boris an. »Ist die Haustür nicht abgeschlossen?«
»Von innen müssen die Türen als Fluchtwege immer offenbleiben. Es wird schwerer erneut hineinzukommen. Entweder lassen wir ein Fenster offen, oder wir verhindern, dass sich die Außentüren fest hinter uns schließen.«
»Vielleicht wäre es besser, uns beide Wege offen zu halten?« Der Gedanke, die gesamte Nacht draußen zu bleiben, gefiel mir nicht.
Boris nickte nachdenklich. »Können wir so machen.«
Wir sahen gleichzeitig Anja an, die nickte. Damit war der Plan abgemacht.
Das abendliche Singen streckte sich bis in die Unendlichkeit, obwohl wir noch nicht einmal das Lied: ›Oh Ewigkeit, Du Donnerwort.‹ sangen. Dafür wurde zunächst das Mercedes-Lied (›Stern auf den ich schaue‹) und anschließend das beliebte Lied der Metzger (›Oh dass ich tausend Zungen hätte‹) angestimmt. Dieses uralte Liedgut lag schwer und sperrig im Mund und ging definitiv nicht in die Beine.
Mein Blick auf Boris und Anja verriet mir, dass es den Beiden ähnlich ging. Sie konnten das nächtliche Abenteuer kaum abwarten.
Dann sah ich hinüber zu Julia, die mit weit offenem Mund und strahlenden Augen die Lieder sang. Sie sah dabei wie ein Engel aus.
Kaum hatte ich meine Blicke auf sie geheftet, war das Singen vorbei und wir auf dem Weg ins Bett. Ich konnte mir nicht erklären, warum die Zeit manchmal so komische Sprünge vollführte.
Es dauerte endlos, bis sich Daniel und Jörg überhaupt hinlegten. Sie schwatzten die gesamte Zeit über die Mädchen, denen sie den gesamten Tag hinterhergelaufen waren. Aus Daniels Mund erklang auffallend oft der Name Sarah, was Heiko jedes Mal aufzucken ließ. Es war, als würde Daniel Heiko mit dem Namen schlagen.
Natürlich war es nicht verwunderlich, dass Heiko als Erste im Bett lag. Er drehte uns anderen den Rücken zu und tat so, als ob er schlafen würde.
Endlich legten sich auch Daniel und Jörg hin.
Im Liegen unterhielten sie sich über Julia. Daniel und Jörg waren sich darüber einig, dass dieses Mädchen keinerlei Persönlichkeit ausstrahlte und hinter der Schönheit der Anderen verblasse.
Ich ballte die Fäuste und war kurz davor, die Brüder von ihren Betten zu ziehen. Dann machte ich mir allerdings klar, dass es besser war, wenn sie kein Interesse zeigten.
Im Bett liegend dachte ich an Julia, bis mir jemand am Ärmel zupfte. Anscheinend war ich doch eingeschlafen.
Boris beugte sich über mich. »Können wir jetzt los?«
»Ich muss mir noch die Hose anziehen.«
Leise hüpfte ich aus dem Bett und streifte mir meine Kleidung über. Heiko murmelte leise im Schlaf.
Als ich fertig war, ging ich auf Zehenspitzen zu Boris, der schon die Tür geöffnet hielt. Er spähte in die Dunkelheit hinaus. Dann nickte er mir zu. »Der Weg ist frei.«
Wir verließen den Raum, mit dem Ziel zweiter Stock – verbotenes Terrain der Mädchen. Vorsicht blickten wir um jede Ecke, immer in Angst entdeckt zu werden. Die Lampen auf den Fluren waren gedimmt. Wie konnte nie weit sehen.
Vor Anjas Tür lauschten wir. Im Zimmer war kein Laut zu hören. Boris klopfte leise gegen die Tür, als plötzlich die Lampen im Flur aufflackerten. Anschließend war jeder Zentimeter hell erleuchteten.
An einem Ende des Flurs stand Herr Berkowitz. Eine Hand lag auf der Anjas Schulter, die uns panisch anschaute.
Seine Stimme hallte zu uns. »Was hattet ihr denn bitte vor? Wisst ihr nicht, dass Besuche zu so später Stunde untersagt sind?«
Natürlich wurden wir sofort ins Bett geschickt. Siegfried stellte sicher, dass wir ordnungsgemäß dort ankamen, wo wir nach Meinung von Herrn Berkowitz auch lange hingehörten.
Siegfried schüttelte während des gesamten Wegs seinen Kopf und murmelte: »Das hätte ich nie von euch gedacht. Sowas gab es noch nie.«
Er blieb an unseren Betten stehen, bis er glaubte, dass wir eingeschlafen waren, und verließ erst dann unseren Raum.
Tatsächlich konnte ich in der gesamten Nacht kaum Schlaf finden. Ich fürchtete mich viel zu sehr vor dem nächsten Morgen und der Predigt, die auf uns wartete.
Boris schlief hingegen sofort ein. Ich fragte mich noch lange, wie er das schaffte.

Der vierte Tag

Als ich dann doch noch einschlief, erwachte ich mit einem schlechten Gewissen. Herr Berkowitz stand vor meinem Bett. Er blickte mir prüfend ins Gesicht.
Zunächst dachte ich an einen Alptraum und schloss schnell erneut die Augen.
»Wenn ihr wach seid, dann kommt bitte direkt zum Büro neben dem Speisesaal.«
Die Stimme gehörte Herrn Berkowitz, dessen Gegenwart ich trotz geschlossener Augen spürte.
Ich hörte, wie er die Kammer verließ, und atmete aus.
Boris lehnte sich zu mir hinunter. »Der schien recht sauer zu sein.«
Daniel stand auf einmal neben meinem Bett. »Was habt ihr denn ausgefressen?«
Ich sagte: »Wir waren heute Nacht mit Anja verabredet, allerdings wurden wir erwischt.«
»Ihr wolltet uns doch mitnehmen.« Die Enttäuschung war Jörg anzuhören. Daniels Mine verfinsterte sich.
»Wir wollten herausfinden, welchen Weg wir für unseren Ausflug zusammen nutzen können. Der Gestern war scheiße.«
»Ich möchte nicht in eurer Haut stecken.«, sagte eine Roboter-Stimme aus dem Off. »Wir werden es überleben.«, sagte Boris mit einem Schulterzucken.
Er war vom Bett gesprungen und gerade dabei seine Hose überzustreifen. Mit erwartungsvoll Blick musterte er mich.
Ich erhob mich schwerfällig. Am liebsten hätte ich mir die Bettdecke über das Gesicht gezogen.
Bevor ich mich angezogen hatten, wartete Boris an der Tür. »Wenn wir uns beeilen, kommen wir vielleicht noch rechtzeitig zum Frühstück.«
Ich sagte: »Deine gute Laune hätte ich jetzt auch gerne.«
Wir rannten die Treppe hinauf und liefen zur Bürotür. Siegfried stoppte uns kurz davor. Er sagte kopfschüttelnd: »Wir hatten euch doch gesagt, das Laufen auf den Gängen nicht gestattet ist.« Dann drehte er sich um und ging ins Büro.
Wir entschuldigten uns.
Anja schritt langsam auf uns zu. Ihr Gesicht strahlte. Sie winkte uns zu. Boris winkte zurück.
»Sag mal,«, flüsterte ich den Beiden zu, »woher nehmt ihr eure Zuversicht?« »Uns kann doch quasi nichts passieren.«, sagte Boris.
»Wenn sie uns bestrafen wollen, sagen sie es unseren Eltern. Die interessieren sich garantiert nicht dafür.«
Als ich an meine Eltern dachte, wurde mir schwer ums Herz. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Beiden die Beschwerden aufnehmen würden.
Herr Berkowitz hatte sich strategisch günstig hinter seinem Bürotisch gesetzt. Siegfried stand ihm zur Rechten. Wir durften auf drei Kinderstühlen Platz nehmen, die eigentlich schon zu klein für uns waren. Ich saß in der Mitte.
Mit seiner tiefen Stimme intonierte Herr Berkowitz, kaum dass wir uns niedergelassen hatten: »Wir wollen zunächst miteinander beten.«
Er sah uns aus halb geschlossenen Augen, mit leicht gesenkten Kopf an. »Herr, mein Erlöser, wir bitten Dich um Deine Anwesenheit. Du hast uns zugesagt, dass Du dabei bist, wenn zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind.
Wir waren voller Sünde, doch Du hast uns erlöst. Du hast Dein Leben für unsere Missetaten gegeben. Doch wir sind weiter sündig und befolgen Deine Gebote nicht.
Diese Drei waren gestern auf dem Flur, gegen alle Regeln, obwohl es ihnen untersagt war.
Ich bitte Dich, erlöse die drei von ihren Schulden. Ich bin mir sicher, dass sie nicht wussten, was sie taten.
In Deine Gnade begeben wir uns heute und legen unsere Leben auf Deinen Altar. Reinige unsere Herzen und Sinne. Amen.«
Boris flüsterte: »Zunächst hat er ihn erpresst und danach uns verpetzt. Tolle Leistung!«
»Sei ruhig, Du machst ihn nur noch wütender.«, flüsterte ich zurück.
»Was gibt es denn da zu besprechen?«, fragte Herr Berkowitz.
Etwas lauter, jedoch mit gesenktem Kopf sagte ich: »Unsere Missetaten bereiten uns großen Kummer. Wir hätten uns nicht abends treffen sollen. Wir wollten uns zuerst dafür entschuldigen.«
Ich trat Anja und Boris gegen ihre Beine. Die Beiden verstanden und nickten.
»Wir werden die nächsten Tage zusammen den Tischdienst machen.«
Herr Berkowitz donnerte die flache Hand auf die Tischplatte, so dass wir in unseren Stühlen zusammenzuckten. Er sah uns der Reihe nach an. »Soweit kommt es noch. Ich werde nicht zulassen, dass ihr noch einmal alleine zu dritt seid. Sebastian übernimmt das Frühstück, Anja übernimmt das Mittagessen und Du Boris hilfst beim Abendessen.«
Als ich zu Siegfried hochsah, bemerkte ich sein selbstsicheres Lächeln. Die Strafe war schon vorher abgesprochen worden.
Schwerfällig erhob sich Herr Berkowitz aus seinem Stuhl. Er schob ihn heran und lief hinter ihm immer von der einen in die andere Ecke des Raums.
»In meiner gesamten Laufbahn als Heimleiter von Haus Friede, habe ich bei Kindern wie euch noch nie so ein Fehlverhalten gesehen. Natürlich werde ich eure Eltern informieren.
Es gehört sich nicht, dass Jungs in den Flügel der Mädchen schleichen und dort geheime Treffen abhalten.
Wenn ich euch noch einmal erwische, werde ich eure Eltern darum bitten, dass man euch abholt. Ihr müsst verstehen, dass wir dieses Fehlverhalten nicht tolerieren. Ohne Regeln fällt die Welt in Anarchie.«

Den Morgen über wurden wir voneinander getrennt. Ich hatte kaum eine Chance, mich mit Anja oder Boris zu unterhalten. Selbst während der Bibelarbeit, die quälend langweilig dahinzog, waren wir in die drei Ecken des Raums verteilt.
Als ich zu Julia guckte, erntete ich nur einen abschätzigen Blick. Anscheinend hatten die Ereignisse des gestrigen Abends sich schon rumgesprochen. Sie tuschelte angeregt mit ihren Freundinnen Sarah und Hanna, die ebenfalls immer wieder zu mir rüber schauten.
Die Geschichten von Jakob und Esau, die ich schon 100 Mal gehört hatten, interessierten mich an dem Tag einfach nicht. Sicherlich war der Trickbetrüger Jakob, den der Herr gegenüber seinem strebsamen Bruder bevorzugte, erneut ein treffliches Beispiel dafür, dass Regelwidrigkeiten bei Gott gar nicht mal so schlimm sind. Jedoch glaubte ich nicht, dass Siegfried davon etwas wissen wollte.
Während der Monolog auf uns niederprasselte, schaute ich nach draußen. Dort fuhren mehrere schwarze Limousinen auf den Hinterhof.
Schnell sah ich zu Boris, der die Autos ebenfalls aufgefallen waren. Er rutschte in seinem Stuhl hinunter und sah blass aus.
Aus den Autos stiegen allerdings nicht, wie erwartet, Männer in schwarzen Anzügen, sondern relativ normal gekleidete Menschen. Jedenfalls soweit man es normal nennt, wenn alles an ihnen irgendwie veraltet wirkt. Die meisten Kleidungsstücke sahen so aus, als hätte man sie schon zu oft gewaschen oder preiswert eingekauft.
Die Frauen, die aus den Autos stiegen, hatten zu einem überwiegendem Teil, lange Röcke an, die bis an den Boden reichten. Manche von ihnen hatten die Haare zu einem Dutt geformt und mit zwei spitzen Nadeln fixiert.
Die Männer trugen Pullover, die schon in den 70gern als unmodisch galten.
Sie gingen zu den Kofferräumen ihrer Autos und holten kleinere und größere schwarze Koffer heraus.
Anja lachte laut auf. Herr Berkowitz wirbelte zu ihr herum und sagte: »Was ist jetzt daran so witzig?«
Mit einer Handbewegung nach draußen sagte Anja: »Ich habe nur daran gedacht, dass die Bläserfreizeit heute Nachmittag anfängt.«
Siegfried lächelte sanft. »Die gesegneten Klänge werden das Haus mit Musik füllen. Ich mag Bläsermusik auch sehr gerne und verstehe Deine Freude.«
Anja klatschte in die Hände. »Das Haus wird überfüllt sein mit fröhlichen Menschen.«
Ich verstand augenblicklich, was sie damit meinte. Allerdings konnte ich ihre Euphorie nicht teilen. Die Erwachsenen würden sicherlich bis in die Nacht wach sein. Ein Rausschleichen würde definitiv schwerer werden. Außerdem bestand immer die Gefahr, auf späte Spaziergänger zu treffen. Allerdings könnten uns Herr Berkowitz und Siegfried in dem Tumult nicht immer im Auge haben. Wir hätten also mehr Zeit für uns.
Ich bemerkte ein Auto, welches ich kannte und rutschte jetzt selbst in meinem Sitz nach unten. Dem Auto entstieg eine mir sehr vertraute Person.
Dort auf dem Parkplatz stand mein Onkel.

Herr Berkowitz bemerkte recht schnell, dass unserer Konzentration auf die Bibelarbeit mit der Ankunft der Bläser verflogen war. Er ließ uns noch zusammen beten, entließ uns allerdings anschließend ohne Nachwort aus dem Saal.
Ich hatte in der hinteren Ecke des Raums gesessen, so dass ich Anja und Boris erst im Flur einholte.
Die Beiden standen vor einem Aushang, den man an die Treppe in den ersten Stock angebracht hatte. Boris hielt beide Hände vor den Mund. Er prustete unregelmäßig durch seine Finger. Anja hatte ein breites Grinsen aufgesetzt.
Ich stellte mich neben sie und las den Zettel:
»An alle Bläserinnen und Bläser. Wer noch keinen Ständer hat, soll in den ersten Stock gehen und sich dort einen runterholen. Das Einblasen findet im großen Saal statt.«
Ich sah Boris verwirrt an. »Was ist denn an dem Zettel so lustig?«
Jetzt musste auf einmal auch Anja lachen. Ich schüttelte den Kopf. »Ich kann darüber nicht lachen. Obwohl es schon etwas komisch ist, wenn die Bläser ihren eigenen Ständer nicht mitbringen. Ich habe immer meinen Ständer dabei, wenn ich Blasen möchte.«
Boris hielt sich die Arme vor den Bauch und keuchte nur noch. Anja wischte sich ein paar Tränen von der Wange.
Siegfried kam zu uns hinüber und blickte auf den Zettel. Er schüttelte den Kopf. »Das ist vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt.«
»Ich weiß immer noch nicht, was daran komisch sein soll. Außerdem ist es doch ganz klar, was das zu bedeuten hat.«
Anja keuchte noch einmal und presste die Worte: »Erklär mir das noch einmal mit Deinem Ständer.«
Boris boxte ihr in die Seite.
Vergnügt sagte ich: »Ich habe so einen kleinen Braunen, der normalerweise ganz klein ist, wenn man ihn transportiert. Ich kann ihn allerdings ausfahren, so dass man sogar im Stehen blasen kann.«
Boris schüttelte sich erneut vor Lachen.
Siegfried sagte: »Jetzt ist aber gut. Ihr pubertierenden Kinder solltet euch nicht über solche Sachen lustig machen.«
»Über welche Sachen?«, fragte ich.
Anja sah mich an und sagte zwischen zwei Prustern: »Du bist und bleibst ein Trottel, Sebi.«
Ich drehte mich um und verließ die Beiden. Anscheinend hatte man mich irgendwo ausgeschlossen, ohne dass ich wirklich verstand, worum es ging.
Als ich in zum Umziehen in unseren Raum zurückging, sah ich aus den Augenwinkeln, wie sich mein Onkel mit Herrn Berkowitz unterhielt. Unser Heimleiter redete auf ihn ein. Seinen Zeigefinger ließ er währenddessen wie einen Taktstock im Raum herumkreisen.
Mein Onkel blickte ernst in die Ferne.
Schnell rannte ich zur Treppe und hinunter zu meinen Sachen.

Ich zog mich, so schnell ich konnte, um. Dann rannte ich zurück nach oben, zum Sportplatz. Mein Onkel und Herr Berkowitz waren zum Glück nirgends zu sehen. Diese Tatsache gab mir neuen Mut.
Diesmal wählte mich Jörg erst als Letzen in sein Team. Damit hatte ich zwar gerechnet, die Enttäuschung machte es jedoch nicht geringer, war ich doch im gleichen Zimmer wie er. Ein wenig mehr Loyalität hätte ich von ihm erwartet.
Boris war nirgends zu sehen. Wie ich ihn kannte, würde er es sich spätestens in der zweiten Halbzeit mit ein paar Büchern am Spielfeldrand bequem machen.
Anja war diesmal in meiner Mannschaft, was ich freudig wahrnahm. Sie hatte deswegen keinen Grund mich zu foulen. Auf den zweiten Blick benötigte sie allerdings auch keinen dafür.
Als der Anpfiff erklang, rannte sie mit dem Ball am Fuß in die Richtung des gegnerischen Tors. Die Jungs hatten Angst vor ihr. Die Mädchen allerdings auch. Nur Heiko stand im Weg. Wahrscheinlich hatte er sie nicht gesehen oder nicht schnell genug reagiert. Auf alle Fälle landete er unsanft auf seinem Hinterteil. Er verzog das Gesicht. Fast hätte er laut geweint, hätte Sarah ihn nicht mitleidig angesehen.
Anja schoss und landete einen Treffer in der oberen rechten Hälfte des Tors. Der Torhüter hatte keine Chance. Mit über dem Kopf ausgestreckten Armen rannte Anja über das Spielfeld. Sie feierte sich selbst.
Aus den Augenwinkeln sah ich meinen Onkel, der langsam zum Spielfeld kam. Er hatte seine Arme vor dem Bauch verschränkt und sah kritisch in meine Richtung. Seine Brille spiegelte die tiefstehende Sonne. Ich konnte seine Augen nicht erkennen.
Während der ersten Halbzeit blieb ich im gegnerischen Strafraum, immer so weit von meinem Onkel entfernt, wie es ging. Die gesamte Zeit tat ich so, als würde ich ihn nicht sehen.
Anja rannte an meine Seite. »Du stehst im Abseits.« »Wo beginnt denn dieses Abseits?«, fragte ich sie. »Bei Dir ist echt Hopfen und Malz verloren. Wenn Du das nicht kennst, dann ließ Deine Bibel. Da steht: ›Jesus stand im Tor und seine Jünger standen abseits.‹, was eindeutig belegt, dass man selbst vor 2.000 Jahren mehr Ahnung von Fußball hatte, als Du je haben wirst.«
Ich ließ meine Augen kurz über den Platz wandern.
»Sag mal, weißt Du, wo Boris ist?« Anja blickte sich um. Ihr Kopf wanderte erst langsam, dann immer schneller von einer in die andere Seite. Dann fluchte sie laut.
»Schon wieder ein Tor?«
»Du Idiot! Wenn er nicht hier ist, wird er sicherlich allein zum Steinbruch gegangen sein.« Anja schüttelte den Kopf. »Das ist überhaupt nicht gut.«
Ich sah sie an und sagte: »Warum?«
»Es wäre besser, wenn wir dabei sind, wenn er die Tür öffnet. Wer weiß, was der Typ dort findet.«
»Du meinst, er nimmt sich das Gold und verschwindet?«
»Wer weiß, ob da drin überhaupt Gold ist. Wir wissen nicht, was hinter dem Zugang ist. Es kann sich auch um das Büro des Steinbruchs handeln.«
»Für so etwas erfindet man doch keinen komplizierten Schlüssel.«
Daniel kam an uns vorbeigerannt. Er schrie uns zu: »Sag mal, wollt ihr Plaudern oder Spielen? Wir brauchen euch.«
Anja sah mich an und lachte. »Er meinte wohl eher mich als Dich.« Dann rannte sie los.

Mein Onkel empfing mich direkt nach dem Spiel am Spielfeldrand. Seine Person hatte mir schon immer Respekt eingeflößt. Sein mildes Lächeln und sein Selbstbewusstsein waren so stark, dass er selbst unter Riesen immer noch als der Größte wirken würde. Er war ein Mann, der beim Betreten eines Zimmers den Raum vollständig einnahm, als würde er ihm gehören. Seine dunklen Haare, sein aufrechter Gang, das Alles hatte etwas Besonderes an sich.
Außerdem hatte er diese Art an sich, schnell in einen pastoralen Ton zu verfallen, der so klang, als würde er zu einer vielzähligen Volksgruppe predigen. Sobald er seinen Bass erklingen ließ, rutschten die Leute tiefer in ihre Stühle. Gepaart mit seiner Ausstrahlung war er der klassische Anführer. Ihm zu widersprechen schien nahezu unmöglich.
Er hatte sich so positioniert, dass ich mich nicht an ihm vorbeischleichen konnte.
»Hallo Sebastian.« Meine Knie wurden weich, was sicherlich nicht an meinem tollen Spiel lag, welches mir alle Energie gestohlen hatte. Ich ließ meinen Kopf hängen und murmelte: »Hallo.«
»Wilhelm hat mir heute etwas erzählt, was ich kaum glauben kann. Stimmt das?«
Meine Schultern sackten bis fast zu den Knien. So unschuldig wie ich konnte, blickte ich in sein Gesicht. »Was?«
»Er sagte, Du warst nachts im Flur der Mädchen?«
»Ja das stimmt.«
»Was wolltest Du da?«
»Ich wollte mich mit Anja treffen. Wir hatten noch etwas zu bereden.«
»Soweit Wilhelm mir das sagte, gibt es solche Vorkommnisse auf jeder Schul- und Kirchenfreizeit. Bisher ist so ein pubertäres Verhalten in einer unserer Freizeiten laut Wilhelm noch nie aufgetreten. Er ist darüber sehr verärgert. Er meint, dass dies der Anfang vom Ende sei.«
Leise murmelte ich: »Als er die Kinder noch schlagen durfte, war sicherlich Alles besser.«
Mein Onkel lächelte mich an. »Ich glaube, dass er stark übertreibt. Was war denn so wichtig, das man das unbedingt in der Nacht besprechen musste?«
»Wir hatten uns über Literatur gestritten und Boris meinte, dass Anja bestimmt wüsste, ob Tolkien mit seinem Herrn der Ringe auf Platons Höhlengleichnis anspielt. Schließlich hat sie ja Platon gelesen.«
»Dazu habt ihr euch voll angezogen? Auch eure Jacken?«
»Wir wussten nicht, ob wir das bei Anja ausdiskutieren oder ob wir dazu rausgehen sollten.«
Herr Berkowitz hatte sich unbemerkt angeschlichen. Sein Gesicht war leicht rot und er wirkte angespannt.
Mein Onkel zuckte zusammen, als der Herr des Hauses hinter ihm etwas zu laut sagte: »Erst einmal ist der Herr der Ringe ein Buch, welches sich der Teufel ausgedacht hat. Zauberei und Magie gehören in Satans Welt. Zweitens gibt es nichts Wichtigeres als euren gesunden Schlaf. Drittens ist es für euren Glauben nicht gesund, sich schon in so jungen Jahren mit der Philosophie auseinanderzusetzen.«
Ich bemerkte den Blick meines Onkels, der seine Augen kurz in den Himmel warf. Dabei verzog er den Mund.
Erneut konnte ich mich nicht zurückreißen. »Das mit dem ersten Teil würde Tolkien sicherlich treffen. Als gläubiger Christ, der sich über seinen Glauben gerne unterhalten hat, wäre er sicherlich schockiert.«
»Er sagte, dass ein Engel ihm das Buch diktiert hat. Dabei hat er nie verstanden, welcher Engel es war. Luzifer, der Engel des Lichts höchst persönlich hat ihn das Buch geschrieben.«
Mein Onkel drehte sich um die eigene Achse. Er stand nur eine Nasenspitze von dem Heimleiter entfernt. »Das spielt hier keine Rolle. Ich wollte mit meinem Neffen alleine sprechen. Was willst Du hier Wilhelm?«
Es war faszinierend zu sehen, wie Herr Berkowitz einen Schritt rückwärts machte, sich entschuldigte und dann verschwand.
Mein Onkel schüttelte den Kopf und drehte sich zu mir. »Du solltest Ihn nicht noch mehr verärgern. Er will eigentlich nur euer Bestes.«
Das Eis zwischen meinem Onkel und mir war gebrochen. Als der zwar akkurat, wenn auch leicht heruntergekommen gekleidete Herrn Berkowitz uns verließ, konnte man die Veränderung förmlich fühlen. Es war, als wäre die Luft plötzlich wärmer geworden. Wir plauderten ungezwungen, bis Anja uns unterbrach.
Sie zischte mir zu: »Hast Du Boris gesehen?«
Mein Onkel sah zu ihr hinüber. »Hallo Anja. Du gehörst wohl auch zu der unbeugsamen Gruppe der Nachtwanderer?«
Anja nickte ihm zu. »Wir wollten nur unsere Unterhaltung vom Abend ungestört weiterführen. Daran kann man doch nichts aussetzen.« Erleichtert atmete ich aus. Obwohl wir uns nicht abgesprochen hatten, passte ihre Ausrede zu meiner. Zum Glück bemerkte mein Onkel die Unstimmigkeiten nicht. Nach meiner Erklärung wäre Anja nicht als Erste auf dem Flur erwischt worden. Wir wollten sie ja besuchen, um mit ihr zu plaudern und nicht umgekehrt.
»In eurem Alter schließt man schnell auf andere Dinge.« Mein Onkel lächelte breit. Dann blinzelte er komisch in meine Richtung. Was er damit andeuten wollte, konnte ich allerdings nicht enträtseln.
Er lacht auf, sah sich um und studierte die Gesichter der Kinder. »Wer ist denn dieser geheimnisvolle Dritte in eurer Clique?«
Boris tauchte in diesem Augenblick auf dem Weg aus dem Wald auf, als hätte man ihr gerufen. Anja ließ erleichtert die Luft aus ihrer Lunge fahren. Ich nickte in seine Richtung. »Er kommt da drüben.«
Mein Onkel drehte sich. »Ich kenne ihn nicht. Aus welcher Gemeinde kommt er?«
»Soweit ich weiß, kommt er aus keiner Gemeinde. Seine Eltern sind auch nicht bekannt.«
»Wie kommt er dann auf die Freizeit?«
»Das weiß keiner.«
Mein Onkel kratzte sich am Kinn. Er sah nachdenklich zu Boris hinüber. Anja hatte sich in der Zwischenzeit aufgemacht und ging auf Boris zu.
Mein Onkel und ich folgten ihr.
Boris hatte das Empfangskomitee noch nicht gesehen. Er ließ seinen Kopf hängen. Der Schlüssel baumelte an der Kette um seinen Kopf. Die einzelnen Teile hatten sich gelöst. Sie klapperten bei jedem Schritt gegeneinander.
Anja hatte Boris als Erste erreicht. »Es hat nicht geklappt?«
Mein Onkel sah mich an und fragte: »Was hatte er denn vor?«
»Er wollte im Wald ein paar Sachen finden, mit denen wir basteln wollten.«
Die Ausrede klang in meinen Ohren extrem schwach. Eigentlich hätte ich mich immer als schlechten Lügner bezeichnet. Die Situation überforderte mich. Die Worte, die mir aus dem Mund kamen, waren nur noch lose improvisiert. Boris sah zu uns hoch und schüttelte den Kopf.
So laut, dass jeder es hören konnte, sagte ich: »Du hast noch nicht einmal ordentliche Zweige zum Basteln gefunden?«
Anja wirbelte zu mir herum. Anschließend blickte sie in das Gesicht meines Onkels. Sie nickte und drehte sich zurück zu Boris. »Das ist wirklich schwach von Dir. Eigentlich hätte ich mehr erwartet. Das kommt davon, wenn man einen Jungen darum bittet, etwas zu erledigen.«
Mein Onkel lachte. »Vielleicht hat er einfach nicht lang genug gesucht. Wir können ja noch einmal in den Wald und gemeinsam schauen.«
»Nein, wir müssen uns dringend umziehen. Gleich gibt es Mittagessen. Das möchte ich nicht verpassen.«
Mein Onkel grinste mich an. »Wenn Du so weiter isst, dann bekommst Du noch den klassischen Bauch, mit dem wir Alle in der Familie gesegnet sind.«
Ich musste laut lachen. »Aus Erfahrung wird das wohl mehr als wahrscheinlich.«

Während ich mir die verschwitzten Sachen auszog, erzählte mir Boris von seinem Versuch, die Tür zu öffnen. Die anderen Jungs waren schon lange fertig mit dem Umziehen. Sie standen wahrscheinlich gerade vor dem Speisesaal und warteten auf ihr eigene Fütterung.
Das Gespräch mit meinem Onkel hatte länger gedauert, als es sich anfühlte.
»Ich bin direkt nach der Bibelarbeit aufgebrochen. Im allgemeinen Chaos war ich quasi unsichtbar. Durch die Ankunft der Teilnehmer der anderen Freizeit konnte ich mich an Herrn Berkowitz vorbeischleichen. Er hat mich gar nicht wahrgenommen. Anja hatte recht – die Bläser sind von Vorteil für uns.«
»Wo Du gerade von ihr sprichst. Sie war nicht begeistert, dass Du alleine gegangen bist.«
Boris wedelte mit der Hand. »Es war besser so. Zu dritt hätten wir zu viel Aufmerksamkeit geweckt.
Ich bin direkt durch den Wald. Auf den Hauptwegen war die Gefahr viel zu groß, erwischt zu werden. Diesmal habe ich einen Pfad gefunden, der etwas abseits liegt. Er ist wahrscheinlich nur Einheimischen bekannt.
Es dauerte etwas, bis ich am Steinbruch war. Der Umweg ist enorm, aber praktisch.
Zunächst wartete ich. Ich wollte wissen, ob mir jemand gefolgt war. Als ich genügend gewartet hatte, rannte ich, so schnell ich konnte zur Tür. Ich versteckte mich hinter den Büschen.
Der Schlüssel ging ins Schloss. Als ich ihn drehte, brach er auseinander. Im Nachhinein glaube ich, dass wir die falsche Kombination wählten. Wenn ich den Schlüssel mit der Abbildung auf der Tür vergleiche …«
Boris unterbrach sich selbst, schnappte sich ein Stück Papier und einen Stift, die er aus seinem Koffer zog. Anschließend malte er ein paar Linien auf das Blatt.
Es waren drei Berge, die sich gegenseitig überlagerten, so wie ich es in Erinnerung hatte.
Dann mahlte er zwei parallele Linie zwischen den Fuß der drei Berge. Am Ende der Linie malte er einen Kreis.
»Der Schlüssel muss irgendwie so aussehen.«

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Auf die Zeichnung schauend, begriff ich, was er meinte. »Der erste Berg ist der Kleinste von den Dreien. Er liegt im Vordergrund, noch vor den beiden Anderen. Der zweite Berg ist der Größte. Er überdeckt teilweise den Letzten. Der Hinterste wird am Boden teilweise von irgendeiner anderen Form überdeckt. Das muss der Stab des Schlüssels sein.
Wir haben es tatsächlich völlig falsch gemacht.«
Ich schüttelte den Kopf und blickte auf die Skizze.
»Es gibt noch andere Kombinationen. Das Emblem auf der Tür gibt einen Hinweis darauf, auf welche Art man den Schlüssel zusammensetzen muss.«
Meine Hand fuhr zu der Kette. Boris streifte sie über seinen Kopf. Ich nahm den Schlüssel in die Hand.
Boris sah mich durch seine Brillengläser an und nickte.
Ich sagte: »Bevor wir den Schlüssel zusammenbauen, möchte ich von Dir das Versprechen, dass Du nicht noch einmal versuchst, die Tür allein zu öffnen.«
»Traust Du mir nicht?«
»Ich will einfach dabei sein. Es reicht mir nicht, wenn mir davon erzählt wird.«
Boris nickte. »Ich verspreche es Dir.«

Beim Mittagessen sah ich Boris und Anja erneut nur aus der Entfernung. Die kleine Dosis Sport am Vormittag hatte mir Energie geklaut. Die Nahrung vor mir wurde so schnell inhaliert, dass ich mich hinterher nicht einmal mehr daran erinnern konnte, was es überhaupt gab.
Als ich den Speisesaal verließ, steckte mir Boris den Schlüssel zu. Er sagte, da ich bisher die besten Ergebnisse mit dem Ding erzielt hatte, sollte ich als Erster mein Geschick beweisen. Zum Glück bekam Anja nichts davon mit. Sie war nach der Mahlzeit mit dem Abräumen beschäftigt.
Das Thema der Bibelarbeit vergaß ich. Ich war so sehr damit beschäftigt, den Schlüssel zusammenzusetzen.
Immer wieder fuhren Autos auf den Hof. Die Neuankömmlinge begrüßten sich und schwatzten lautstark, was meine Konzentration weiter störte.
Zwischen den vielen Familienkutschen fuhr auch eine Limousine vor. Das Ding sah edler aus, als die anderen PKWs.
Ich muss zugeben, dass ich nichts von Fahrzeugen im Allgemeinen verstehe. Dieses Modell war allerdings definitiv etwas Besonderes. Die Fenster waren abgedunkelt, die Farbe nachtschwarz. Der Luxusschlitten schien frisch gewaschen worden zu sein. Das Metall schluckte das Licht komplett. Nirgendwo waren Flecken oder Schmutz zu sehen. Das Ding sah wie ein bewegliches schwarzes Loch aus.
Es stiegen zwei schwarz gekleidete Männer aus. Sie trugen Anzüge mit Krawatten. Ihre Kleidung war genauso schwarz wie ihr Wagen. Beide hatten Sonnenbrillen auf.
Ich schaute zu Boris hinüber, der blass wirkte. Er hatte sich in die Ecke verkrochen und schirmte sein Gesicht mit der Bibel ab.
Schnell wendete ich mich zurück zu den Besuchern. Die Zwei Typen, die im Hof bei den Parkplätzen standen, wirkten krank. Ihre Gesichter waren bleich. Sie waren vielleicht 50 Jahre oder älter. Ihre Haare waren schneeweiß und sie hatten Falten um die Augen, soweit man das unter den Sonnenbrillen sehen konnte.
Der Eine klopfte sich seine Hose aus, während sich der Zweite eine Zigarette anzündete. Mir wurde schlagartig schlecht. Noch klischeehafter hätte man böse Absichten nicht darstellen können. Nur Übeltäter rauchen. Zumindest in der kleinen Enklave der Gemeinde und in James Bond Filmen. Herr Berkowitz sah nach draußen und rümpfte die Nase. Er gab Siegfried ein Zeichen. Dann verließ er den Raum mit großen Schritten. Kurz darauf tauchte er draußen auf.
Gegenüber den beiden Gästen wirkte er winzig. Die beiden sahen zu ihm hinab, als wäre er ein Insekt. Seine Stimme, die sich allerdings während des Gespräches mehrfach überschlug, machte den Größenunterschied wett. Offensichtlich hatte er ein Problem mit der Zigarette des Mannes.
Ich konnte nicht genau hören, was er sagte, jedoch verriet seine Stimme, dass er nicht besonders wohlwollend mit den Besuchern umging. Seine Nasenflügel blähten sich auf. Ab und an wölbte sich sein Hals nach außen, wie die Wangen einer Kröte. Wäre er länger so geblieben, hätte die Gefahr bestanden, dass er explodierte.
Der eine Besucher erhob ganz kurz seine Brille. Unter ihr blickten zwei blassblaue Augen auf unseren Heimleiter.
Die Anzüge der drei Männer vor dem Fenster zeigten einen enormen Unterschied. Während die beiden Neuen ganz geschäftlich und förmlich wirkten, schien Herr Berkowitz eher deplatziert.
Der Größere der Weißhaarigen sprach zwei Sätze zu seinem Kollegen. Dann stiegen die sie in ihren Wagen und fuhren los.
Herr Berkowitz kam wenig später zurück. Er wirkte immer noch aufgebracht. Seine Augen wanderten zu Boris. Für eine Sekunde sah es so aus, als wollte er etwas sagen. Anstatt dem Drang nachzugeben, setzte er sich neben Siegfried.
Ich nickte in Boris Richtung, doch der sah mich nicht. Er hatte sich erneut hinter seiner Bibel versteckt und tat so als würde er darin lesen. Seine Hände zitterten leicht.

Am Feldspiel am Nachmittag beteiligte sich Boris nicht. Er hatte sich aufs Zimmer verzogen. Als ich mich umgezogen hatte und gerade gehen wollte, sagte er, dass ich ihn entschuldigen sollte. Er würde sich im Moment nicht wohl fühlen. Ich blieb stehen und fragte ihn, ob die Männer in dem Auto die Leute waren, die nach ihm suchten.
»Ich bin mir sicher, dass sie es waren. Es sind allerdings nie die Gleichen. Sie ändern ständig ihr Aussehen.«
»Wie ist das möglich?«
Boris flüsterte: »Ich glaub, es sind keine Menschen.«
Kopfschüttelnd rannte ich hoch zum Treffpunkt. Wie sollten dies Männer keine Menschen sein? Ein Frösteln blieb mir allerdings im Nacken kleben. Boris Paranoia war zwar irrational, allerdings auch stark ansteckend.
Das heutige Geländespiel interessierte mich nicht. Es war irgendeine komplizierte Mischung aus Verstecken und Fangen. Allerdings gab es mir die Gelegenheit, meine Aufmerksamkeit ganz auf den Schlüssel zu lenken. Anja ließ es sich nicht ausreden, mich zu begleiten.
Ich musste ihr zunächst detailliert schildern, was Boris am Vormittag gemacht hatte. Als ich ihr von dem zerbrochenen Schlüssel erzählte, lachte sie erheitert auf. Anschließend lamentierte sie lange darüber, dass Boris ihr nicht den Schlüssel gegeben hatte. Schließlich war sie besser im Basteln. Im Hinblick auf die verpfuschte Arche musste ich lächeln.
»Das ist ja noch einmal gut gegangen. Wer weiß, was er gemacht hätte, wenn die Tür von ihm geöffnet worden wäre.«
»Du traust ihm nicht?«
»Nur soweit, wie eine tote Schildkröte hüpfen kann.«
»Das ist nicht sehr weit.«
Wir gingen gemeinsam zum Wald. Hinter uns erklang die warnende Stimme von Herrn Berkowitz. »Ihr geht schon wieder gemeinsam.«
Ich drehte mich zu ihm um. »Wir gehen nicht zusammen. Wir sind nur zusammen aufgewachsen.«
Mit ein paar schnellen Schritten war er an uns herangekommen. Seine Augen blitzten auf. »Wo ist euer Freund?«
»Der ist im Zimmer, er fühlt sich nicht so gut.«
Herr Berkowitz nickte. »Ihr solltet euch alleine verstecken. Das ist kein Gruppenspiel.«
Anja lachte ihn an. »Wir haben wohl die Regeln nicht richtig verstanden. Wie geht das Spiel noch einmal?«
Herr Berkowitz erklärte es ihr. Ich vergaß die Regeln, noch während er sie erklärte. Sie waren mir entweder zu kompliziert oder ich hatte einfach keine Lust sie zu lernen.
Als er seinen Monolog beendet hatte, ging ich alleine vor in den Walt. Anja wartete ein paar Minuten und folgte mir dann jedoch. An der ersten Gabelung holte sie mich ein.
»Sollen wir jetzt den Schlüssel zusammenbasteln?«
Sie zog mir die Teile aus der Hand und betrachtete sie.
»Wenn wir es schnell schaffen, können wir sofort versuchen die Tür zu öffnen.«
Ich sah sie verblüfft an. »Du willst Boris hintergehen?«
»Wenn wir es schaffen, sollten wir es machen. Er würde nicht auf uns warten.«
»Er hat es mir versprochen.«
»Die Leute sind hier, vor denen er Angst hat. Er wird keine Sekunde warten. Weder auf Dich noch auf mich.«
Ich schüttelte den Kopf und nahm Anja den Schlüssel erneut aus den Händen. »Du schaffst das sowieso nicht.«
Wir versteckten uns in der Nähe des Steinbruchs, gleich gegenüber der geheimen Tür. Zum Glück fand uns niemand. Das lag wahrscheinlich daran, dass die anderen Kinder durch die eindringlichen Warnungen viel zu eingeschüchtert waren. Die Schauergeschichten von Seiten der Heimleitung hatten ihre Spuren hinterlassen.
Innerhalb einer halben Stunde hatte ich den Schlüssel zusammengesetzt. Es war gar nicht schwer, wenn man den Trick einmal heraus hatte. Diesmal sah er so aus, wie auf dem Emblem auf der Tür.
Den Draht wickelte ich wie vorher um die drei Teile, damit er dem Gebilde zusätzliche Stabilität verlieh.
Anja nickte in Richtung Steinbruch. »Komm, lass es uns ausprobieren.«
»Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen Boris. Er hatte es mir versprochen und jetzt breche ich das Versprechen von meiner Seite.«
»Wenn Du damit so ein Problem hast, werde ich die Tür öffnen.« Anja riss mir den Schlüssel aus den Händen und rannte los.
Ich holte sie erst am Felsen ein. Sie war verdammt schnell. Das war sie schon gewesen, als wir noch Kleinkinder waren und sie mir andauernd meine Spielzeuge und Süßigkeiten klaute.
Hinter dem Baum und den Büschen schob sie das Verdeck des Schlüssellochs hoch. Der Schlüssel glitt fast vollständig ins Schloss. Nur noch der kleine Ring am Ende des Stiftes blieb außen.
Sehr vorsichtig drehte Anja am Schlüssel. Zunächst schien er zu haken. Ich sah, wie Anja sich anspannte. Ihre Hand zitterte leicht. Dann gab das Innenleben des Schlosses nach.
Es klickte metallen. Anja zog an dem Schlüssel und die Tür schwang auf. Nicht ganz, sie öffnete sich nur ein kleines Stückchen und blieb dann hängen.
Anja sah mich an. Ich nickte.
Sie griff die Außenkante und zog. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter.
Anjas Kopf wurde rot. Ihre Hände verkrampften sich im Metall. Nach ein paar Sekunden sah sie mich an.
»Du siehst doch, dass das hier schwer ist. Kannst Du nicht mal helfen, starker Mann?«
»Ich dachte, Mädchen können alles besser?« »Besser auf jeden Fall, allerdings nicht grundsätzlich alleine.«
Ich stellte mich an ihre Seite, packte die Kante und zog. Irgendetwas quietschte. Dann war die Tür auf einem Schlag frei. Wir landeten in den Büschen.
»Hätte man sich auch denken können. Eine Tür, die 30 Jahre nicht geölt wird, hat so ihre Probleme.«, sagte ich.
Ich stand auf. Vor uns klaffte eine dunkle Öffnung. Die Wände rechts und links waren aus Stein. Ein schmaler Gang führte ins Innere. Das Gestein wirkte nass. Es glänzte dort, wo die Sonne es erreichte.
Der Weg vor mir wirkte unheimlich. Ängstlich fragte ich: »Gehen wir rein?«
Anja sprang nach vorn. »Warum sind wir sonst da?«

Ein Kommentar zu „Frühling 2017 – Kapitel 4

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