Ein paar Schritte in den Gang und ich konnte meine Hand nicht mehr vor den Augen sehen. »Es hat keinen Sinn. Wir müssen uns Licht besorgen.«
Anja schnalzte mit der Zunge. Ich konnte sie nicht mehr sehen, sie allerdings noch in der Nähe spüren.
Die Luft roch muffig. Irgendetwas gurgelte in weiter Ferne. Die Luft im Gang war kühl.
»Wenn Du Angst hast, dann warte draußen.« Anja war ein paar Schritte weiter gegangen.
»Du kannst doch auch nichts sehen.«
»Ihr Jungs seit Angsthasen. Renn doch zu Mami oder noch besser zu Deinem Onkel, wenn Du es im Dunklen nicht aushältst. Frag ihn gleich, ob er eine Taschenlampe bringt. Das würde uns die Suche erleichtern.«
Ich drehte mich um und ging die paar Schritte zum Ausgang. In dieser Laune würde ich Anja nicht überzeugen können. Sie hatte diese überhebliche Selbstsicherheit in ihrer Stimme, die sie taub gegenüber guter Argumente werden ließ.
Ich stand vor den Büschen und lugte vorsichtig heraus. Hoffentlich war in der Zwischenzeit kein Beobachter eingetroffen.
Meine Haut kribbelte. Mit jeder Minute, die Anja im Gang verbrachte, wurde das Gefühl stärker.
Wenn sie im Dunkeln stürzte, sich verletzte, würde ich sie alleine retten können? Wie sollte ich erklären, wie wir die Tür öffnen konnten? Sollte ich dann zunächst Boris holen?
Ich traute mich nicht, in den dunklen Gang hinein, nach ihr zu rufen. Vielleicht hörte man meine Stimme im Wald. Wenn ich Glück hätte, würde das nur die Sucher herbeilocken. Wenn ich Pech hatte, würden die Betreuer erscheinen, die bei diesem Geländespiel mitmachten.
Eine Uhr hatte ich nicht. Ich mochte Armbanduhren einfach nicht. Sie machten mich wahnsinnig. Jetzt hätte ich eine gebraucht.
Wie viele Minuten war Anja schon da drin? Was machte sie dort?
Ich fing zu schwitzen an, obwohl das Wetter frühlingshaft kühl war.
Mit ein paar Schritten stand ich an der Tür. Mit möglichst leiser Stimme rief ich: »Anja?«
Die Antwort ließ mich zurückfahren. Sie trat genau in dem Moment aus den Schatten, als ich meinen Kopf ins Dunkle schob.
Ihr Gesicht zeigte ein breites Grinsen. In der Hand hielt sie einen größeren Stein. Zunächst dachte ich, sie wäre wahnsinnig geworden. Dann erhob sie den Stein ans Licht und das Ding reflektierte die Sonne. Der Schimmer, den der quadratisch geformte Block hatte, war golden.
»Es ist da!«, sagte Anja. »Es ist alles noch da. Wir haben es gefunden.«
Ein Glücksgefühl durchströmte mich. Die Suche war ein voller Erfolg. Hier im Tunnel lag Gold. Ich konnte unser Glück gar nicht fassen.

»Was machen wir jetzt?«. Ich sah Anja fragend an.
Sie zuckte mit den Schultern.
»Wir gehen zurück und tun so, als wäre nichts passiert.«
»Klingt nach einem Plan.«
Anja ließ den Goldbarren im Gang liegen, allerdings nicht ohne ihn noch einmal gestreichelt zu haben. Er lag jetzt direkt am Eingang.
Zum Schließen der Tür benötigten wir zum zweiten Mal alle Kraft die wir aufbringen konnten. Beim nächsten Besuch sollten wir Öl mitbringen oder jemand stärkeren. Zum Schluss schloss Anja die Tür vorsichtig ab. Sie reichte mir lächelnd den Schlüssel. Irgendwie wirkte sie zufrieden mit dem was wir erreicht hatten.
Ich legte mir die Kette um den Hals. Der Anhänger ruhte auf meiner Brust, unter meinem T-Shirt. Jetzt mussten wir unsere Entdeckung nur noch Boris erzählen. Als ich an ihn dachte, erinnerte mich das an seine erfolglose Reise heute Morgen. Ein brennendes Schuldgefühl machte sich in mir breit. Ich erinnerte mich an den Feldweg, von dem er mir erzählt hatte. Den wählten wir für unsere Rückreise. Obwohl Boris beteuert hatte, dass diese Schneise frei war, mussten wir über etliche Wurzeln und umgestürzte Bäume klettern. Komfortabel ist anders. Allerdings hatte er recht, was den Umweg anging.
Das Blätterdach über unseren Köpfen war so dicht, dass es unseren Pfad in ein unheimliches Zwielicht tauchte. Ich hatte sämtliches Gespür für die Zeit verloren. Der Pfad schlängelte sich immer wieder, wie eine Schlange unter Strom. Mir kam die Umgebung so eintönig vertraut vor, dass ich mich fragte, ob wir nicht im Kreis gehen würden. Anja trieb mich an.
»Wir müssen noch vor dem Abendessen zurück sein. Wir bekommen sonst reichlich Stress.«
»Und einen leeren Magen.«
Ich wusste nicht mehr genau, wo wir waren. Wir brauchten eine Ewigkeit, für einen Weg der sonst höchstens 10 min dauerte.
Anja sprang vor mir über eine Wurzel und ich versuchte, es ihr nachzumachen. Sportlich, wie ich leider nicht bin, wollte ich, leicht am Baum abstützen und mit Elan, über die Wurzel springen. Dabei bemerkte ich zu spät, dass mein rechter Fuß zu tief war.
Ich schlug mit voller Wucht auf den Waldboden auf. Ein Stein grub sich in meine rechte Hand, mit der ich den Sturz abbremsen wollte. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich, dass die Hand blutete.
Anja war zurückgekommen. »Du bist so unsportlich, wie ein Stück Holz auf Rollschuhen.«
Ich erhob meine Hand. »Ich hab mich verletzt.«
»Heul doch.«
Die Wunde umklammert sagte ich: »Wir müssen die anderen finden.«
»Da drüben scheint ein größerer Weg zu sein. Vielleicht finden wir dort jemanden.«
Tatsächlich wurden wir zuerst gefunden. Eine Gruppe unter Leitung von Herrn Berkowitz kam auf uns zu.
Als er uns sah, schüttelte er den Kopf.
»Ich hatte die Regeln ziemlich klar formuliert. Die Verstecke sollten in der Nähe der großen Lichtung liegen. Außerdem solltet ihr euch nicht zusammen verstecken.«
»Wenn wir uns da versteckt hätten, wären wir schon längst gefunden worden. Außerdem habe ich Sebi gefunden. Er hatte sich nicht so gut versteckt.«
Ich hielt die Hand hoch. »Ich habe mich verletzt.«
Mit wenigen eiligen Schritten stand Herr Berkowitz an meiner Seite. Er nahm meine Hand in die seine und betrachtete den Kratzer.
»Das ist weder tief noch schwer. Wir sollten es trotzdem auswaschen und desinfizieren. Wie ist das passiert?«
»Er wollte seine Männlichkeit durch einen eleganten Sprung beweisen und hat versagt.« Anja hatte die Arme vor der Brust verschränkt und den Mund hochgezogen.
»Eine Wurzel war im Weg.«, fügte ich kleinlaut hinzu.
Meine Verletzung stellte sich, nach säubern der Wunde, als kaum sichtbarer Riss heraus. Ich bestand auf ein Pflaster. Zum Glück hatte es keine kindlichen Muster. Es war trotzdem angenehmer die blutende Stelle abgedeckt zu wissen, als ständig darauf schauen zu müssen. Im Zimmer lag Boris immer noch auf seinem Bett. Die Anderen hatten sich schon umgezogen. Strahlend überreichte ich ihm den Schlüssel.
Er blickte mich beeindruckt an.
»Das Gold ist da. Der Schlüssel funktioniert.«
Seine Augenbrauen schossen hoch. »Ihr habt es versucht?«
»Es tut mir leid. Anja wollte den Schlüssel ausprobieren. Sie ließ sich nicht aufhalten. Ich hatte ihr von Deinem Versprechen erzählt.«
Er wedelte mit der Hand. Das Versprechen schien ihn nicht zu interessieren. »Wie sah es hinter der Tür aus?«
»Alles dunkel. Man kann nur ein paar Meter ins Innere sehen. Wenn wir zurückgehen, brauchen wir eine Taschenlampe.«
Hinter seiner Brille wanderten seine blauen Augen von der einen zur anderen Seite. Er sah kurz weg, so als wollte er sich sammeln. Dann sagte er: »Das sollte kein Problem sein. Wir müssen es heute Nacht probieren.«
Ich schüttelte den Kopf. »Wie willst Du heute Nacht raus? Das ist doch Wahnsinn.«
»Wir müssen es versuchen. Du hast die Typen doch gesehen. Meine Zeit läuft ab. Bei ihrem nächsten Besuch werden sie nach mir suchen. Sie werden sich nicht noch einmal abwimmeln lassen.«
»Das ist viel zu gefährlich. Herr Berkowitz und Siegfried werden ganz besonders wachsam sein.«
»Sie erwarten nicht, dass wir es sofort noch einmal probieren. Vielleicht glauben sie, dass wir geläutert sind.«
Die Sache gefiel mir nicht. Der Plan war zu übereilt. Allerdings sind überstürzte Aktionen genau nach meinen Geschmack. Warum warten, wenn man es auch gleich machen kann. Boris nickte mir zustimmend zu. »Also heute Nacht, wir drei?«, fragte ich.
»Nein. Wenn ihr sicher seid, dass das Gold existiert, sollten wir sofort die gesamte Truppe mitnehmen. Ist es wirklich da?«
»Anja ist reingegangen und hat es gefunden. Sie hat einen Goldbarren als Beweis mitgebracht. Das Ding liegt genau hinter der Tür.«
Boris lächelte verschmitzt. »Dann gehen wir heute hin.«
Mein Magen wurde flau. Wenn man uns erwischte, würden die Konsequenzen härter sein. Außerdem war mein Onkel hier. Ich wollte ihn nicht enttäuschen.
»Ist es nicht besser auf Ostern zu warten? Wenn wir Sonntagnachts erwischt werden, behaupten wir einfach, dass wir auf den ersten Sonnenstrahl gewartet haben.«
»Die Idee ist gut, wir verschwenden dann allerdings 3 Tage. Mein Aufenthalt wird jede Stunde gefährlicher.«
»Wer sind diese Typen?«
Boris schüttelte den Kopf und ließ ihn hängen. »Ich weiß es nicht. Seit ein paar Jahren bin ich auf der Flucht vor ihnen. Egal wo oder wann ich mich verstecke, sie finden mich innerhalb weniger Tage. Ich glaub, sie wollen das Raumschiff.
Zunächst bin ich ziellos gereist. Ich wollte die Welt erkunden und mich in anderen Zeiten umsehen. Es war grandios.
Ich bin nirgends lange geblieben. Irgendwann fiel mir auf, dass an jedem Ort, zu jeder Zeit innerhal einer kurzen Zeitspanne komisch Leute auftauchten, die nach mir fragten. Ich habe mir keine Sorgen gemacht. Vielleicht war ich zu laut oder bin wegen meiner Kleidung aufgefallen.
Dann stellte sich jedoch heraus, dass immer wieder Leute in schwarzer Kleidung kamen.
Ich bin seitdem nie an einem Ort länger als eine Woche geblieben.«
Mit einem Blick auf die Uhr, die über der Tür im Zimmer hing, bemerkte ich, dass wir 10 Minuten zu späte zum Abendessen waren. Wahrscheinlich würde Herr Berkowitz schon auf uns warten.
Während wir zum Essen eilten, riet mir Boris, alle Leute anzusprechen, die meiner Meinung nach dabei sein sollten. Um Mitternacht würden wir uns vor dem Haus treffen und gemeinsam zum Steinbruch gehen.
Ich hielt das für eine wirklich dumme Idee. Sie war viel zu übereilt, ich wollte Boris allerdings nicht widersprechen.
Die Menschenmenge im Speisesaal überraschte mich. Die Erwachsenen der Bläserfreizeit hatten den linken Teil für sich reserviert. Ich sah meinen Onkel, der mir lächelnd zuwinkte.
Auf unserer Seite waren nur noch zwei Plätze frei. Einer der Plätze war direkt neben Julia, die mich misstrauisch beäugte. Seit dem Fiasko in der letzten Nacht war ich anscheinend in ihrer Gunst weiter gesunken.
Trotz der kritischen Blicke setzte ich mich neben sie. Als ich mich auf den Stuhl fallen ließ, wandt sie ihren Kopf blitzschnell zu Sarah, die neben ihr saß.
Ich fühlte mich, wie in meiner Schulklasse, in der ich ebenfalls grundsätzlich ignoriert wurde. Das war allerdings angenehmer, als von den anderen verprügelt zu werden. Ich hatte mir den Außenseiterstatus hart erarbeitet. In meiner Schulklasse galt ich als Jesus-Spinner.
Boris saß an einem Tisch mit Daniel und Jörg. Die Drei diskutierten mit gesenkten Köpfen. Es schien ein wenig zu auffällig, für meinen Geschmack.
Die Wurstplatte stand zu weit von mir entfernt. Ich lehnte mich hinüber um sie näher zu ziehen. Dabei stupste ich Julia versehentlich an, die zu mir herumfuhr.
»Was ist Dein Problem?«
Ich schaute tief in ihre meerblauen Augen. Sie hatten das gleiche Blau, wie die Lagunen in den Werbeprospekten für tropische Inseln.
Meine Stimme war kaum zu hören. »Ich wollte mir nur die Wurst holen.«
»Du hättest auch fragen können.«
»Du sahst nicht so aus, als wolltest Du von mir gefragt werden.«
Julias Blicke bohrten sich in mich. Ich schaute verlegen auf den Boden, als wäre mir gerade die Butter unter den Tisch gerutscht.
»Seh ich so aus, als könnte man nicht mit mir sprechen?«
»Du siehst so aus, als wäre ich nicht würdig mit Dir zu sprechen. In Deiner Nähe vergesse ich immer, was ich sagen will. Es ist wie verhext.
All die Worte in meinem Kopf sind wie ein Tänzer ohne Bühne. Wie dieser Künstler ohne Bühne bin ich gezwungen, sie falsch auszusprechen.«
Ich blickte hoch in ihr Gesicht. Ihre Augen waren geweitet und sahen mich an.
»Ich dachte, dass Du mich verachtest«, stammelte ich. Meine Hände schwitzten und mein Kopf fühlte sich krank an.
Sie sagte: »Ich dachte, dass Du mich ignorierst. Du hängst immer mit dieser Anja ab. Ich war sicher, dass sie Deine Freundin ist.«
Bei dem Gedanken musste ich lachen. Ihre Augen verengten sich. Eine Falte lag auf ihrer Stirn.
»Anja ist eine Freundin, die ich schon kannte, bevor ich in den Kindergarten ging. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, dass ich irgendwann man Gefühle für sie entwickeln würde. Außerdem kratz sie. Ich kann das beweisen.«
Ich erhob meine Hand und deutete auf die Spuren an meinem Arm. Julia hingegen sah nur das Pflaster auf der Handfläche.
»Sie hat Dich verletzt?«
»Da bin ich über eine Wurzel gefallen. Das hier unten war sie.«
»Ich sehe nichts.«
»Sie hat mittlerweile gelernt die Spuren zu verwischen.«
Julia nickte. Dann lächelte sie mich an.
Mir fiel wieder ein, dass ich die Mädchen von unserem Plan unterrichten sollte. Eigentlich hätte ich mir das lieber erspart, jetzt wo ich mich frei mit Julia unterhalten konnte.
Sie sah mich an und sagte: »Warum hast Du Dich eigentlich gestern Nacht mit Boris und Anja treffen wollen?«
»Wir wollten runter in den Wald. Anja hat Dir bestimmt von dem Schatz berichtet.«
Julia sah nicht so aus, als wüsste sie, wovon ich redete.
In Kurzform erzählte ich Julia die Geschichte von dem Goldschatz der Nazis und dem geheimen Schlüssel, den wir zusammengesetzt hatten.
Als ich ihr davor erzählte, was heute Nachmittag passiert war, hing Julia an meinen Lippen. Ich genoss den Augenblick so sehr, dass ich die Geschichte ausschmückte. Meine Verletzung erklärte ich mit einer überstürzten Flucht, zu der wir gezwungen waren, weil schwarz gekleidete Anzugträger den Steinbruch betreten hatten. Durch meinen Sturz war der Abstand zwischen uns und den Verfolgern fast vollständig aufgebraucht. Wir spürten schon ihren Atem in unserem Rücken. Zum Glück trafen wir auf Herrn Berkowitz.
Julia stöhnte laut auf und nahm meine Hand in ihre. Sie streichelte über meine Wunde und sagte: »Ihr wart so mutig.«
Mir schoss das Blut in den Kopf. Hoffentlich erzählte Anja nicht, dass ich nur zu blöd war, meine eigenen Füße hoch genug zu heben.
»Boris will heute Nacht das Gold holen.«
»Was?«
»Er braucht unsere Hilfe dabei. Wir sollen ihm helfen, das Gold aus der Höhle zu holen.«
Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Soweit ich weiß, muss man gefundenes Gold an den Staat abgeben.«
»Im Gegensatz zur Entschärfung einer Fliegerbombe auf dem eigenen Grundstück. Dafür darf man selbst bezahlen.«
Julia ließ meine Erwiderung unkommentiert. Sie interessierte sich für andere Sachen. »Was will Boris mit dem Gold?«
Die Frage brannte in meinem Magen. Ich steckte mir mein Brot in den Mund und überlegte, wie ich darauf antworten sollte.
»Er muss Schulden bezahlen.«
Um Zeit zu schinden, nahm ich noch einen tiefen Schluck von meinem Tee.
»Sein Vater hat mit seinem Einzelhandel viele Schulden gemacht. Er hat bei den falschen Leuten einen Kredit aufgenommen. Wenn sie nicht schnellstmöglich zahlen, befürchtet Boris, dass etwas Schlimmes passieren wird.
Du kannst Dich vielleicht noch an die Typen erinnern, die heute während der Bibelarbeit aufkreuzten. Das sind die Männer des Kredithais. Boris glaubt, dass sie ihn entführen wollen, damit sie seinen Vater erpressen können. Ich bin davon überzeugt, dass das die Typen sind, die heute auch im Steinbruch aufgekreuzt sind. «
Julia schluckte.
»Deshalb ist es auch ganz wichtig, Herrn Berkowitz und Siegfried nichts von unserem Plan zu erzählen. Wenn wir das Gold heute nicht bekommen, sind Leben in Gefahr.«
Ich musste innerlich über meine Gerissenheit lachen. Die Geschichte mit dem UFO hätte mir Julia sicherlich nicht so einfach geglaubt. Jetzt sah sie mich an und hatte Tränen in den Augen. Sie nickte und sagte: »Ich bin auf jeden Fall dabei.«
Boris verschwand früher, um seinen Platz in der Küche einzunehmen. Anja war nicht zu sehen. Was auch immer sie ausheckte, sie brauchte dazu anscheinend ihre Einsamkeit.
Während ich auf das abendliche Singen wartete, fühlte sich mein Körper federleicht an. Das Gespräch mit Julia war wie eine Droge. Mein Herz schlug so laut, wie die Bassdrum bei einem Trash Metal Konzert. Es war kurz davor, aus meinem Brustkorb zu springen.
Sie würde gleich zum Singen kommen. Die Sekunden welkten langsam dahin.
Bei der Gebetsrunde am Abend drehten sich meine Gedanken im Kreis. Die Lieder sang ich lauter mit, als an den anderen Tagen.
Boris sah zu mir hinüber und nickte. Ich nickte euphorisch zurück.
Beim Verlassen des Raums, am Ende der Stunde, hielt mich Anja zurück. Sie sah mir ins Gesicht. »Was soll den das blöde Grinsen?«
»Julia wird uns heute Nacht begleiten.« Eine Warnlampe brannte in meinem Kopf. Ich sagte: »Ich habe die Geschichte um das Gold leicht verändert. Könntest Du ihr bitte einfach zustimmen? Es wäre etwas zu viel, ihr direkt von dem UFO zu erzählen.«
»Das fliegende Objekt ist sowieso ein völlig blödsinniges Märchen. Wer weiß, wofür Boris das Gold wirklich braucht.«
»Ich hab Julia erzählt, dass er es für seine Familie benötigt.«
Anja blickte mir lange ins Gesicht. »Wir gehen heute Nacht?«
»Hat Dir Boris nichts davon erzählt?«
»Er hatte noch keine Zeit dazu.«
Boris kam gerade zu uns. »Hast Du Anja schon Bescheid gesagt?«
»Ich dachte, Du hättest das gemacht.«
»Er war viel zu viel damit beschäftig, Julia zu belästigen.«, sagte Anja und kreuzte ihre Arme vor dem Körper.
Boris lachte. »Jetzt weißt Du es ja. Bleibt nur die Frage, ob Du dabei bist.«
»Natürlich bin ich dabei. Das lasse ich mir nicht nehmen. Wann treffen wir uns?«
»Heute um Mitternacht.«
Anja nickte. »Wir sehen uns dann.«
»Daniel und Jörg sind auch dabei. Heiko hat zu viel Angst.«
»Julia wird uns auch begleiten.«
Anja drehte sich zu mir. »Das ist auf jeden Fall ein Fehler. Sie wird uns verraten.«
»Das wird sie nicht. Ich vertraue ihr.«
Boris schritt zwischen uns. »Was ist mit den anderen Mädchen?«
Anja schüttelte den Kopf. »Das ist so, als würde man Wasser zur Aufbewahrung in ein Sieb gießen. Es wäre eine völlig blödsinnige Idee. Die zwei Anderen sind so brav, dass selbst der Papst im Vergleich zu ihnen wie ein Playboy wirkt.«
Boris nickte. »Sechs Personen dürften reichen.«
»Nimmst Du uns dann anschließend alle mit Deinem Raumschiff mit?« Die Frage war mir herausgerutscht, bevor ich darüber nachgedacht hatte.
Boris sah mich an und dann an die Decke. »Wenn die Leute mitkommen wollen, können sie das gerne machen. Ich muss jetzt dringend Vorbereitungen treffen.«
Er drehte sich um und rannte zum Treppenhaus. Wir hörten noch, wie ihm Herr Berkowitz hinterherrief: »Das Rennen auf den Fluren ist verboten.«
Ich lachte laut auf. »Er hat es echt eilig.«
Anja schüttelte den Kopf und sagte: »Ich möchte nur wissen, warum.«

Als ich ins Zimmer kam, bastelte Boris an seiner Armbanduhr. Ich sah ihm dabei zu und bemerkte, dass ich müde geworden war. Die Ereignisse des heutigen Tages hatten sämtliche Energie aus mir gesaugt. Trotz klopfendem Herz, das immer noch für Julia schlug, waren die Augenlider schwer geworden.
Boris sah mich an. Er lachte kurz auf. »Ich habe den Wecker gestellt. Wir werden pünktlich wach werden.«
»Sieht man mir die Müdigkeit so an?«
»Du siehst aus, wie ein Zombie. Ich bin froh, dass Du Dich nicht wie einer benimmst. Sonst müsste ich Dich leider per Kopfschuss erledigen.«
»Erledigt bin ich schon. Kinder in Deinem Alter sollten übrigens noch nicht wissen, was Zombies sind.«
»Erzähl mir mehr von Kindern in meinem Alter.«
Seine letzte Bemerkung verstand ich nicht. Da ich allerdings schon den Kampf mit dem Schlafanzug angetreten hatte, beließ ich es darauf. Für einen Augenblick schien es so, als würde der Pyjama gewinnen. Meine Glieder waren widerlich schwer. Sobald ich meinen Kopf auf das Kissen legte, war ich eingeschlafen.
Kurz darauf rüttelte jemand an meinem Arm.
Das Zimmer war dunkel. Ein paar Schemen huschten durch die Nacht. Boris hatte sich über mich gelehnt. »Warum hast du den blöden Schlafanzug angezogen? Du wirst Dich jetzt erst einmal umziehen müssen.«
Meine Knochen waren schwer wie Blei. Ich musste alle Kraft aufbringen, meine Beine aus dem Bett zu schwingen.
Daniel und Jörg standen angezogen hinter Boris. Sie lächelten mich an. Den Beiden sah man ihre Freude an. Es war, als hätten man ihnen Espresso gespritzt.
Jörg ließ seine Hand auf Boris Oberarm landen. Er sagte: »Wir sollten jetzt los.«
Ich schüttelte den letzten Schlaf aus meinem Kopf. Etwas zu schwerfällig zog ich mich um.
»Ist es draußen ruhig? Hat jemand mal aus dem Fenster geschaut?«
Jörg sagte: »Die Bläser sind alle in ihren Zimmern. Das dauerte bis halb zwölf. Jetzt sind sie allerdings alle weg.«
Daniel schüttelte den Kopf und sagte: »Die Nacht morgen, wäre eigentlich besser für eine solche Aktion. Am Karfreitag sind die Brüder früher im Bett.«
Boris sah ihn irritiert an. »Gibt es keine Bläserinnen?«
»Die sind bei uns so selten wie vierblättrige Kleeblätter. Eigentlich kann man sie als Mutationen ansehen. Das liegt daran, dass viele Chorleiter meinen, dass Frauen irgendwann viel zu abgelenkt durch ihre Berufung als Mütter sind.«
»Das solltes Anja definitiv nicht hören.« Boris schüttelte den Kopf.
Jörg stand an der Tür und öffnete sie vorsichtig. Er wirkte angespannt. Seine Körperhaltung glicht nicht mehr dem furchlosen Anführer, den er sonst auf dem Sportplatz darstellte.
Er drehte sich zu uns um und nickte. Dann huschte er durch den Spalt. Boris und Daniel folgten ihm.
Ich drehte mich noch einmal um. Heiko lag in seinem Bett. Seine Augen waren offen. »Willst Du doch mit?«. Er schüttelte den Kopf und zog dann die Bettdecke höher. Sie reichte ihm jetzt fast bis zu Nase. Dann drehte er sich von mir weg.
Ich schlüpfte durch den Türspalt und schloss die Tür hinter mir.
Als Ausgang diente uns ein Fenster auf der Herrentoilette im Erdgeschoss. Die Haupttür schien uns zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Wir lehnten das Fenster hinter uns an.
Die Nacht war kühl. Der Mond schien als große Kugel vom Himmel und tauchte die Umgebung in ein unheimlich grelles Zwielicht.
Boris gab uns mit einem Handzeichen zu verstehen, dass wir ihm folgen sollten. Wir schlichen zum Waldweg, immer darauf bedacht, nicht vom Haus aus gesehen zu werden.
Erst als wir den ersten Baum erreicht hatten, blieb Boris stehen. Er drehte sich zu uns um. »Wir sollten hier auf die Mädchen warten. Sie müssten jeden Augenblick kommen, wenn sie überhaupt wach geworden sind.«
Tatsächlich konnte ich einige Augenblicke später eine Bewegung am Haus erkennen. Anja erschien. Sie rannte zu uns hoch.
Ich konnte Julia nicht erkennen.
Als sie in Hörweite war, sagte ich: »Wo ist Julia?«
»Sie hatte zu viel Angst. Es hätte viel zu lange gedauert, sie zum Mitkommen zu überreden.« Anja sah verärgert aus. Anscheinend hatte das Gespräch mit Julia an ihren Nerven gezerrt.
Boris nickte. Seine Mundwinkel zeigten, dass er nicht darüber begeistert war, dass wir eine Person weniger waren. »Wir sind alle da und sollten uns beeilen.« Ohne ein weiteres Wort rannte er los.
Daniel und Jörg folgten ihm. Anja hielt mich am Arm zurück. »Julia ist so ein Angsthase. Du hättest sie nicht ansprechen sollen. Sie ging mir den gesamten Abend auf die Nerven.«
»Hat sie was über mich gesagt?« Meine Gefühle schlugen einen Purzelbaum.
»Ja, hat sie.«
Anja lächelte und rannte den anderen hinterher.
»Was denn?«, rief ich ihr hinterher.
Es fiel mir schwer, den anderen zu folgen. Dass Anja, Daniel und Jörg sportlicher waren, als ich, war mir bekannt. Boris schien alle Kraftreserven seines Körpers zu aktivieren oder er war einfach beweglicher, als ich ihm zugetraut hatte. Er rannte den anderen, mich eingeschlossen, fast davon.
Dabei blieb er immer im Schatten. Er hatte den längeren, dafür allerdings auch geschützteren Weg eingeschlagen. Anscheinend hatte er Angst davor, dass noch Wanderer auf den Hauptwegen waren.
Hier in den Schatten war es kälter. Außerdem konnte ich den Boden kaum sehen. Ich hatte Angst, dass ich erneut an einer Wurzel hängenbleiben würde.
Tatsächlich kam ich allerdings unbeschadet am Steinbruch an.
Boris war in die Knie gegangen und schaute auf die Lichtung, die vor uns im grellen Licht lag.
Er nickte uns zu und sprintete zu dem Baum, hinter dem die Tür versteckt lag.
Wir rannten hinter ihm her, immer gebückt und so schnell wir konnten.
Boris griff von oben unter seine Jacke. Er wollte den Schlüssel hervorziehen.
Noch bevor wir den Baum und die Büsche vor der geheimen Tür erreicht hatten, hallte eine donnernde Stimme über den Platz, die an der Steinwand vor uns reflektiert wurde.
»Was macht ihr hier? Was soll dieses Spiel?«
Ich fuhr erschrocken herum und sah, dass zwischen den Bäumen auf dem Hauptweg Herr Berkowitz und Siegried die Lichtung betraten. Die Beiden waren nicht ganz so akkurat gekleidet, wie sonst. Siegfrieds Hemd hing an einer Seite aus seiner Hose. Herr Berkowitz hatte eine Taschenlampe in der Hand, deren Strahl mich blendete.
Daniel und Jörg waren stehengeblieben. Sie hatten sich zur Heimleitung gedreht. Als ich mich abwandte, um den Schein der Lampe zu entfliehen, sah ich die Panik in ihren Gesichtern.
Boris war weitergerannt. Anja folgte ihm.
Herr Berkowitz schrie: »Bleibt sofort stehen.«
Anja zögerte. Boris bemerkte das und fuhr herum. Er schrie ihr zu: »Das ist nur eine Ablenkung. Wir können es immer noch schaffen.«
Anja schüttelte den Kopf und nickte in die Richtung unserer Bewacher, die jetzt rannten. Ihre Stimme war nur ein Flüstern. »Willst Du das Gold mit den beiden teilen? Wir sind nicht stark genug, wenn wir uns gegen sie wehren müssten.«
Boris entließ einen enttäuschten Schrei. Er schüttelte den Kopf. »Wir sind so weit gekommen.«
Herr Berkowitz hielt nicht an, sondern lief an mir vorbei, direkt auf Boris zu. Kurz vor ihm wurde er langsamer. Seine Augen waren unter seiner Brille kaum zu sehen. Seine Augenbrauen hatten sich tief in sie gezogen. Seine Nase kräuselte sich. Er sah so aus, als würde er jede Sekunde explodieren. Sein Hals war doppelt so dick wie sonst. Die Wangen dehnten sich gefährlich. Die Haare lagen nicht akkurat, verdeckten die Reflektion des Mondlichts an der hohen Stirn daher mäßig.
Er erhob die rechte Hand über die linke Schulter. Seine Muskeln im Arm zuckte. Siegfried schrie: »Wir sollten uns jetzt alle beruhigen. Zum Glück ist euch nichts passiert.«
Herr Berkowitz wirbelte zu ihm herum. »Nichts passiert? In unserer gesamten Laufbahn ist so etwas noch nicht passiert. Diese Gruppe in diesem Jahr ist das Schlimmste, was uns jemals passierte. Denk nur daran, was hätte passieren können. Sie schleichen mitten in der Nacht zu einem Ort, der schon während des Tags nicht sicher ist. Es hätte wer weiß was passieren können.«
Boris biss die Zähne zusammen. Er hatte die Fäuste in seine Hüften gepresst. Anja sprang zu ihm. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die Worte schienen ihn zu beruhigen. Sein Körper entspannte sich.
Die Bewegung hinter seinem Rücken, hatte dazu geführt, dass Herr Berkowitz sich wieder umgedreht hatte. Er erhob den rechten Zeigefinger. Seine Stimme überschlug sich.
»Du bist Beelzebub, Du bist der Durcheinanderbringer. Du bringst das Chaos in unsere Freizeit.«
Dann ging er zwei Schritte vor und griff Boris Ohr. Er zerrte ihn zu sich.
Siegfried war ihm gefolgt. Er legte seine Hand von hinten auf Herrn Berkowitz. Seine Finger gruben sich tief in dessen Schulter. Er lehnte sich vor. Seine sanfte Stimme flüsterte etwas in Herr Berkowitz Ohr.
Dann drehte er sich zu uns um. »Wir werden uns morgen früh darüber unterhalten. Jetzt gehen wir erst einmal zurück zum Heim und stellen sicher, dass ihr schlafen geht.«
Auf einmal war da ein helles Licht. Es schien so, als würde der Mond auf die Erde zurasen.
Ich sah, wie die Anderen ihre Augen mit ihren Händen abschirmten. Auf der grauen Umgebung auf der wir standen, zeichneten sich lange Schatten ab. Ein Wind kam auf. Es war zunächst nur ein leises Brausen, welches mit der Zeit immer stärker wurde.
Ich spürte die Bewegung und blickte zu Boris, während Siegfried unter seinen Händen, zu dem Licht hinauf blinzelten. Boris tippte auf die Uhr an seiner Hand. Seine Stirn lag in Falten. Der Schlüssel baumelte offen über seiner Jacke. Seine Hände zuckten immer wieder. Er schüttelte mehrfach den Kopf.
Zur gleichen Zeit schrien Daniel und Jörg. Ich konnte es nicht verstehen, es klang allerdings so, als hätten sie Panik. Der Wind wurde so stark, dass er uns Sand in die Augen drückte. Für ein paar Sekunden konnte ich nichts mehr sehen. Meine Augen tränten. Ich musste sie zukneifen.
Dann war der Wind auf einmal weg. Es war so, als hätte jemand einen Föhn ausgeschaltet.
Als ich die Augen öffnete, lag der Platz genauso vor uns, wie wir ihn betreten hatten. Er wurde nur noch durch den Mond erhellt. Ich hatte ein paar helle Pünktchen im Blickfeld, die bewiesen, dass ich geblendet worden war. Allerdings konnte ich nirgends den Grund dafür erkennen.
Boris hatte die Zähne zusammengebissen. Er wirkte angespannt.
Siegfried schüttelte den Kopf. Seine Stimme zitterte leicht. »Das muss ein Helikopter gewesen sein.« Er wirkte nicht so, als würde er seinen Worten glauben.
Herr Berkowitz straffte den Rücken. Er schüttelte den Kopf und blickte uns der Reihe nach an. »Ich hatte schon gesagt, dass der Steinbruch kein sicherer Ort ist. Wer weiß, was die Piloten geglaubt haben, als sie hier zu so später Stunde noch Kinder gesehen haben.«
»Der Pilot hat sicherlich gedacht, dass er bei so vielen Leuten keinen Platz für die Landung hat.«, sagte Boris. Er zischte die Worte zwischen seinen Zähnen hindurch.
Herr Berkowitz drehte sich zu ihm. Die Beiden standen sich lange gegenüber. Sie musterten einander. Dann griff Herr Berkowitz nach dem Schlüssel.
»Was ist das?«
»Es ist ein Geschicklichkeitsspiel, dass mir mein Vater geschenkt hat.«
Mit einer fließenden Bewegung streifte Herr Berkowitz Boris die Kette über den Kopf. Dieser griff in der letzten Sekunde danach. Mit seiner Hand drückte er die einzelnen Teile auseinander. Als Herr Berkowitz die Kette hielt, klapperten die vier Teile lose aneinander.
»Das nehme ich an mich. Wenn die Freizeit zu Ende ist, kannst Du das zurückhaben.«
Boris blitzte ihn an. Er wollte etwas sagen, hielt sich allerdings zurück.
Siegfried machte ein unmissverständliches Zeichen. »Es wird Zeit zurückzugehen. Wir sollten alle schnellstmöglich in unsere Betten.«
Er lächelte und bildete damit einen Kontrast zu Boris und Herrn Berkowitz, die sich finster anfunkelten.
Schweigend gingen wir zurück. Daniel und Jörg ließen vor mir die Köpfe hängen. Sie sahen so aus, als würde man sie zu ihrer Hinrichtung bringen. Siegfried schritt voran, machte riesige Schritte, während Herr Berkowitz darauf achtete, dass niemand zurückgelassen wurde.
Anja spazierte zwischen Boris und Berkowitz, jedoch immer näher an Boris. Sie flüsterte ihm etwas zu. Schnell blickte ich über meine Schulter und sah Boris nicken. Die Augenbrauen bildeten eine Gerade kurz über seinen Augen. Die Zähne hielt er immer noch zusammengebissen.
Herr Berkowitz blickte verärgert auf Anja hinunter. »Ihr habt euch heute genug unterhalten. In meiner gesamten Laufbahn habe ich noch keine Gruppe gehabt, die so sehr auf unsere Regeln spuckte.«
Boris schüttelte den Kopf, was Herr Berkowitz allerdings nicht sah.
Siegfried blieb am Waldrand stehen. Er klatschte in die Hände. »Wir werden morgen in Ruhe darüber sprechen.«
Seine Worte waren mehr an Herrn Berkowitz gerichtet, als an uns.
Er winkte uns, damit wir an ihm vorbeigingen. Im Licht des Mondes sah ich, dass Daniel Tränen über das Gesicht liefen. Er schniefte.
Siegfried lächelte mich an, als ich auf seiner Höhe war. Es schien fast so, als wollte er mir sagen, dass er die Sachen in Ordnung bringen würde.
Ich hörte, wie sich die Erwachsenen in unserem Rücken unterhielt. Siegfried redete mit leisen und sanften Worten auf Berkowitz ein.
Wir kamen schnell aus den Wald. Das Haus lag in dem silbrigen Licht vor uns.
Ich konnte erkennen, dass die große Tür offen stand. Ein Augenpaar lugte dahinter hervor. Die Augen verschwanden sofort, als sie uns sahen. Aus der Entfernung konnte ich nicht sehen, wer an der Tür gestanden hatte.
Anja zischte ein paar Worte in Boris Ohr. Der Angesprochene antwortete, ohne dass ich es verstehen konnte.
Die Tür vor uns schloss sich.
Siegfried klatschte in die Hände. »Da hat wohl jemand auf uns gewartet.«
Er eilte an uns vorbei. Innerhalb von Sekunden stand er an der Tür. Mit einem Ruck öffnete er sie. Er blickte in die Dunkelheit dahinter. Danach drehte er sich wieder zu uns.
»Wir werden wohl nie erfahren, wer hier war.«
Boris zischte: »Es wird die Petze gewesen sein.«
Herr Berkowitz drückte Anja mit einem sanften Druck nach vorne, bis sie an der Tür stand. Er sagte: »Ich werde Dich jetzt zu Deinem Raum begleiten.«
Sie drehte sich noch einmal zu mir um und zuckte mit den Schultern. Ich nickte ihr zu. Dann wurde sie unter sanftem Druck in den dunklen Raum geschoben.
Siegfried blickte uns an. »Ihr habt uns sehr enttäuscht. Ich werde morgen früh mit Wilhelm sprechen. Bis dahin wünsche ich euch eine gesegnete Nacht.«
Er nickte und wir betraten das Gebäude.
Als wir ins Zimmer kamen, schlief Heiko. Er bekam noch nicht einmal mit, als wir das Licht anschalteten, um uns umzuziehen. Boris ging zu ihm. Er lehnte sich über ihn und rüttelte an seinen Schultern. Dann flüsterte ihm etwas in die Ohren.
Als Heiko keine Reaktion zeigte, drehte sich Boris zu uns. »Er schläft. Er war es also nicht, der uns verraten hat.«
Er schüttelte den Kopf. »Es bleibt also nur noch eine Person. Wir wissen alle, wer es war.«
Sein Blick wanderte zu mir. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen und er schnaubte abfällig.
Meine Stimme zitterte. »Ich habe uns nicht verraten. Warum sollte ich das machen? Ich hätte mir genauso viel geschadet, wie euch.«
»Du warst es nicht persönlich. Du hast Julia vom Plan erzählt. Sie hat die Heimleitung alarmiert. Hättest Du Deine Klappe gehalten, würden wir jetzt in Gold baden.«
Daniel schniefte. Er wischte seine Nase mit seinem Ärmel ab. Mit feuchten Augen blickte er Boris an. »Es war Dein Plan. Du hast uns da raus gelockt. Wegen Dir haben wir jetzt Probleme.«
Boris fuhr zu ihm herum. »Du hättest nicht mitkommen brauchen. Ich habe Dich nicht gezwungen.«
Jörg stöhnte. »Du hast uns eine tolle Geschichte erzählt. Wir wollten das Abenteuer. Der Preis, den wir dafür zahlen werden, ist zu hoch. Was sollen wir jetzt unseren Eltern sagen?«
Ich blickte ihn an. Bisher hatte ich gar nicht an meinen Onkel gedacht. Was würde er zu meinen Taten sagen? Würde er sauer werden?
Ich schluckte den Kloß herunter, der meine Kehle zuschnürte. Mein Magen war flau. Mir wurde schwindelig.
Schnell setzte ich mich aufs Bett.
Boris ging auf Daniel und Jörg zu, bis er nur noch wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt stand. »Ihr hättet einfach weiterrennen können. Wir hätten nicht auf die Aufpasser reagieren müssen.«
Ich schüttelt den Kopf. »Was denkst Du Dir? Wir müssen immer noch auf sie hören. Sie sind hier, um auf uns aufzupassen.«
»Sie sind nicht unsere Wächter. Wir sind hier nicht im Knast.«
»Wir sind hier auf einer Kinderfreizeit und müssen uns an Regeln halten. Ich hatte Dir sofort gesagt, dass wir auf die Nacht zu Sonntag warten sollten. Dann hätten wir wenigstens eine gute Ausrede gehabt.«
Boris drehte sich zu mir. »Er hat den Schlüssel. Wie sollen wir jetzt die Tür öffnen?«
»Du wirst warten müssen, bis er ihn Dir wieder zurückgibt.«
Jörg schwang sich auf das Bett über Heiko. »Wir sollten jetzt schlafen.«
Boris hatte seine Stimme nicht mehr im Griff. »Meinst Du, ich könnte jetzt schlafen? Ich brauchte Monate, bis ich den Plan erarbeitet hatte. Meine Zeit läuft ab.«
Daniel legte sich in das Einzelbett. Er sah nicht so aus, als wäre ihm noch nach einer Unterhaltung.

Der fünfte Tag

Als ich aufwachte, war Heiko gerade dabei sich anzuziehen. Ich sprang aus dem Bett und griff mir meine Sachen.
»Ihr habt das Gold?« Heiko sah mich neugierig an.
»Nein, es ist uns etwas dazwischen gekommen.«
»Wo ist denn Boris?«
Ich drehte mich um und sah in ein leeres Bett. Panik erfüllte mich. Hatte Boris aufgegeben? Hatte er sich in sein Raumschiff gesetzt und war geflohen?
Ich ging hinüber zum Bett von Jörg, der noch schlief. Daniel rührte sich ebenfalls nicht.
Schnell streifte ich mir die Hose und den Pullover über und rannte los.
Heiko schrie mir hinterher: »Was ist denn passiert?«, doch ich antwortete ihm nicht mehr.
Der Flur war wie ausgestorben. Ich rannte zum Speisesaal, in dem schon ein paar Leute aus der Bläserfreizeit saßen.
Boris war nirgends zu sehen.
Im Bibelandachtraum war er auch nicht.
Ich rannte weiter, rüber zu den Mädchen. Im Treppenhaus konnte ich Stimmen hören. Schnell nahm ich zwei Stufen auf einmal.
Oben standen Boris und Anja.
Anja sagte: »Du brauchst den Schlüssel. Es ist doch völlig blödsinnig jetzt aufzugeben. Wir sind so nah dran.«
»Meine Verfolger waren schon hier. Soll ich darauf warten, bis sie mich mitnehmen? Ich kann nicht einfach so tun, als würde mir nichts passieren.«
»Du bist hier ein Kind unter vielen. Ach wenn Herr Berkowitz und Herr Helm nicht gut auf Dich zu sprechen sind, würden sie es nie erlauben, dass man Dich einfach mitnimmt. Außerdem weiß doch niemand, wo Du steckst.«
Anja bemerkte mich und schüttelte den Kopf. »Da kommt ja Judas. Ich hoffe, Du hast gut geschlafen.«
»Ich habe kein Auge zugetan.«
»Du hast geschnarcht, dass das Bett fast umgekippt ist. Dabei hätte ich an Deiner Stelle überhaupt nicht geschlafen. Nach dem Mist, welchen Du verzapft hast, wäre das nur fair.«
Anja sah mich an, als wollte sie mich anspringen. »Ich hatte Dich von Anfang an gewarnt. Die Mädchen sind Petzen. Sie würden alles machen, um uns zu verraten.«
»Was ist mit der Loyalität unter Schwestern?«
»Du kannst mich mal. Die Schwestern gehören definitiv nicht zur Familie.«
Boris drehte sich zu um und rannte die Treppe hinunter.
Anja rannte ihm hinterher. Auf den Stufen sagte sie: »Hättest Du nur einmal Deine vorlaute Fresse gehalten, wäre uns der Scheiß erspart geblieben. Jetzt muss ich schauen, wie ich die Sache ausbade.«
Ich sand oben und schaute den Beiden nach. Vielleicht wäre es besser, ihnen für heute aus dem Weg zu gehen.

Ein Kommentar zu „Frühling 2017 – Kapitel 5

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