Frühling 2017 – Kapitel 6

Auf dem Weg zum Frühstück wurde ich von Siegfried abgefangen. Er bat mich, sofort in sein Büro zu kommen.
Boris und Anja waren schon da, ignorieren mich allerdings komplett. Sie standen am Tisch und starrten in die Ferne.
Daniel und Jörg erschienen kurz nach mir. Sie ließen ihre Köpfe hängen und stellten sich an die hintere Wand.
Siegfried kam nach ihnen ins Büro. Sein Gang war langsam. Um seine Augen lagen dunkle Ringe. Er wirkte an diesem Morgen viel älter.
Er setzte sich auf den Stuhl hinter seinem Tisch und betrachtete uns der Reihe nach. Nur Anja und Boris hielten seinem Blick stand.
Diesmal lag kein Lächeln auf seinem Gesicht. »Ihr wisst, warum ihr hier seid. Wir brauchen uns nicht darüber zu unterhalten, was ihr falsch gemacht habt.«
Siegfried blickte zu Daniel und Jörg. Mit einem Nicken in ihre Richtung sagte er: »Ich werde nach diesem Gespräch eure Eltern anrufen. Es liegt in ihrem Ermessen, ob sie euch abholen.«
Er schwieg eine Weile. »Bei euch, Anja, Boris und Sebastian, liegt die Sache anders. Ich werde länger mit euren Eltern sprechen müssen und ihnen raten, euch abzuholen. Soweit ich das sehe, wollt ihr unsere Regeln nicht befolgen. Es hat also wenig Sinn, dass ihr weiterhin hierbleibt. Darüber sind Wilhelm und ich uns einig.«
Wahrscheinlich war es mehr die Meinung von Herrn Berkowitz. Trotz der Zuversicht, die Siegfried noch in der Nacht versprüht hatte, wirkte er jetzt innerlich ausgebrannt. Ich stellte mir vor, wie sich die beiden Heimleiter über die Konsequenzen gestritten hatten.
Daniel schluchzte laut. Jörg legte seinen Arm über seine Schulter.
Mit hängendem Kopf sagte ich: »Es tut mir leid. Es gibt keine Entschuldigung für unsere Taten. Wir wollten nicht, dass Du Angst um uns hast. Deine Entscheidung uns rauszuschmeißen ist richtig.«
»Angst hatte ich allerdings. Mit eurer Tat habt ihr euch in Gefahr gebracht. Wer weiß, was beim Steinbruch hätte passieren können. Nicht zu vergessen, dass ihr bei Dunkelheit durch den Wald gerannt seid.« Siegfried lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
»Darüber haben wir nicht nachgedacht.«
»Was habt ihr euch denn gedacht?«
»Wir wollten wissen, ob die Geschichten, die man sich über den Steinbruch erzählt, stimmen. Seit Anfang der Freizeit haben wir uns Gedanken darüber gemacht. Ich habe diese alte Legende gehört, dass es dort spukt. Ein Arbeiter, sei dort durch die Hand seines Vorarbeiters gestorben. Sein Geist geht immer noch in der Dunkelheit um. Sein Körper soll ein helles Licht sein. Seine Anwesenheit soll wie ein Sturm wirken.
Viele Menschen haben ihn schon gesehen. Wir wollten ihn mit eigenen Augen betrachten. Er soll der Grund dafür sein, dass der Steinbruch damals schließen musste.«
Siegfried schwieg. Er kratzte sich am Kinn und sah mir in die Augen.
»Ihr wolltet also einen Geist beobachten?«
»Wir Alle haben den Geist doch gesehen. Er war da. Es war Alles so, wie man es uns beschrieben hat.«
»Das war kein Geist, sondern ein Hubschrauber.«
Siegfried lachte heiser. Er fügte hinzu: »Es gibt keine Geister. Das sind Geschichten, die uns Satan einreden will. Es gibt nur ihn, den Engel des Lichts, der uns irreleiten will.«
Er schüttelte den Kopf.
»Außerdem habe ich eine andere Geschichte gehört. Ihr wolltet eine Tür öffnen?«
Für einen Augenblick war ich ratlos. Wie konnte Siegfried davon erfahren haben?
Schnell ließ ich den Kopf hängen. »Wir hatten gehört, dass die Leiche des Arbeiters hinter einer geheimen Tür liegt. Diese Tür war unser Ziel. Wir hatten allerdings keine Zeit für die Suche. Hätten wir sie gefunden, hätte der tote Arbeiter, ein richtiges Begräbnis bekommen. Dann hätte seine Seele vielleicht Ruhe.«
Siegfried schüttelte den Kopf. Er stand auf und trat hinter seinem Tisch hervor. Dann baute er sich direkt vor mir auf.
»Es gibt keine Geister. Was ihr gesehen habt, war nur ein Trugbild. Währt ihr in einer anderen Nacht dort gewesen, hättet ihr gar nichts gesehen.«
»Aber wir haben etwas gesehen. Vielleicht gibt es den Geist doch.«
»Wenn ihr darauf besteht, beweise ich euch, dass es keinen Geist gibt. Wenn ihr mir nicht glauben wollt, könnt ihr es selbst sehen.«
»Du willst mit uns in dieser Nacht noch einmal zum Steinbruch gehen?«
Ich blickte Siegfried neugierig an. War er tatsächlich so leicht zu manipulieren? Siegte meine Frechheit über seine Angst?
Daniel flüsterte etwas. Siegfried drehte sich zu ihm. »Was hast Du gesagt?«
Etwas lauter und mit brüchiger Stimme sagte Daniel: »Ich habe Angst vor dem Geist. Wenn es der Teufel ist, der dort auf uns wartet, dann sind wir verloren.«
Siegfried lachte und klatschte in die Hände. »Es gibt keinen Geist und das werden wir heute Abend beweisen. Ich wollte schon immer eine Nachtwanderung durchführen. Das wäre eine sehr gute Gelegenheit.«
Boris sah mich überrascht an. Anja hatte ein Lächeln im Gesicht.
Ich sagte: »Was ist, wenn es tatsächlich der Teufel ist, der dort auf uns lauert, wie Daniel das glaubt?«
»Wer werden vorher beten, dass Gott uns behütet. Wenn er uns seine Kraft schenkt, haben wir keinen Grund uns zu fürchten.
Ich werde mich trotzdem mit euren Eltern unterhalten und sehen, was sie zu der Sache sagen.« Dann winkte er uns und wir verließen sein Büro.

Auf dem Gang klopfte mir Boris lachend auf den Rücken. »Du bist verdammt gut, wenn es ums Lügen geht.«
»Vergiss nicht, dass ich ihn zunächst mit meiner Entschuldigung besänftigt habe. Das gehört mit zur Vorstellung.«
Ich nickte zu Daniel. »Er war aber auch gut. Mit seinem Heulen und dem Flüstern hat er die Geschichte viel mehr Tiefe verliehen.«
Anja lachte.
Ich drehte mich zu den Beiden. »Habt ihr den dummen Streit heute Morgen endlich hinter euch gebracht?«
»Wenn Du mich fragst, ob wir Dir vergeben haben, dann lautet die Antwort nein. Hättest Du Deine Klappe gehalten, würden wir uns jetzt nicht über einen alternativen Plan unterhalten.«
Wir betraten den Essraum, in dem die Teilnehmer der beiden Freizeiten schon mit dem Essen angefangen hatten. Ich schaute mich suchend im Raum um.
An einem Tisch war noch ein Platz neben Heiko frei.
Boris hielt mich zurück. »Siehst Du irgendwo Berkowitz?«
Ich suchte den Raum erneut ab.
Herr Berkowitz war nirgend zu sehen.
Siegfried betrat den Raum und schob uns mit seinen Händen sanft nach vorne. »Ihr solltet etwas essen.«
Ohne mich umzudrehen, ging ich zu Heiko, der kurz aufblickte, als ich mich neben ihn setzte. Er hatte sich über sein Essen gelehnt.
Als ich saß, flüsterte er: »Was war denn letzte Nacht?«
»Wir sind erwischt worden, als wir im Steinbruch waren. Siegfried ist sehr verärgert.«
»Was ist mit Herrn Berkowitz?«
»Den haben wir heute Morgen noch gar nicht gesehen. Weißt Du, wo er ist?«
Heiko schüttelte den Kopf. Er nahm einen kleinen Bissen von seinem Brot. Dann spülte er es mit ein wenig Tee nach.
»Wie hat man euch erwischt?«
»Wahrscheinlich hat eins der Mädchen geredet. Wir wurden auf jeden Fall verpfiffen.«
Heiko schluckte.
»Weißt Du, welches Mädchen es war?«
»Wahrscheinlich Julia.«
Heiko aß weiter. Er blickte mich immer nur kurz an.
Seine Stimme wurde noch etwas leiser.
»Habt ihr das Gold gefunden?«
»Wir hatten keine Gelegenheit, die Tür zu öffnen. Ich weiß allerdings, dass das Gold da ist. Herr Berkowitz hat uns den Schlüssel gestohlen. Wir müssen ihn uns zurückholen.«
Heiko zuckte zusammen. Er ließ seine Hände auf den Tisch fallen. Dabei traf er das Messer so unglücklich mit der Handfläche, dass es hochflog. Er prallte gegen seine Tasse, die zunächst zweimal schwankte.
Schnell griff Heiko danach, verfehlte sie allerdings und der Tee schwappte über den Tisch in meine Richtung.
Kurz darauf fühlte ich den heißen Tee auf meiner Hose.
Ich sprang auf. Noch im selben Augenblick legten sich zwei Hände auf meine Schulter.
Eine Stimme sagte: »Du scheinst sehr nervös zu sein, Sebastian.«
Ich drehte mich um. Hinter mir stand Herr Berkowitz.
Seine zu oft gewaschene Krawatte war streng geknotet. Seine Augen funkelten. Sein Haar schien wilder als üblich.
»Ich habe heißen Tee auf meiner Hose.«
»Dann geh und wasch die Hose aus. Sonst könntest Du Dich daran verbrennen.«
Ich drehte mich aus seinem Griff und eilte zur Toilette, wo ich mir kaltes Wasser über die Flecken goss.
Als ich zurückkehrte, sprach Herr Berkowitz mit Heiko. Ich ging langsam zu meinem Platz.
Kaum hatte mich der Heimleiter gesehen, drehte er sich um und ging zu seinem Stuhl an der Seite von Siegfried.
Ich setzte mich. »Was habt ihr gerade besprochen?«
»Er wollte wissen, ob ihr mich in eure Plänen eingeweiht habt. Ich sagte, dass ihr mich nicht wach bekommen habt. Ich wusste nichts von der gesamten Aktion.«
Ich nickte und blickte dem Leiter hinterher. Sein Gang war beschwingt, so als hätte er gerade in der Lotterie gewonnen.
Heiko flüsterte: »Was ist eigentlich dieser Anhänger, den er euch abgenommen hat.«
»Du hast das Ding vielleicht schon gesehen. Es sind drei lose Dreiecke und ein Stift. Die vier Sachen sind durch einen Draht verbunden.«
»Und mit so einem losen Ding kann man eine Tür aufschließen?«
»Man muss den Schlüssel erst richtig zusammensetzen. Es ist nicht wirklich einfach – vergleichbar mit einem Geduldspiel, wie man es auf Jahrmärkten bekommt. Dazu gibt es noch verschiedene Kombinationen.«
»Hattet ihr die richtige Kombination schon herausbekommen?«
»Ja das haben wir. Anja und ich haben das Puzzle gelöst. Es war nicht leicht, aber wir konnten den Schlüssel zusammenbauen.«
»Hat Herr Berkowitz denn jetzt gerade den zusammengesetzten Schlüssel?«
»Nein. Boris konnte die Teile lösen.«
Heiko führte seine Schnitte erneut zum Mund. Ich hatte mir derweilen mein eigenes Brot belegt. Mit einem Blick auf die Uhr sah ich, dass mir nicht mehr viel Zeit zum Essen blieb.
Heiko sah mich ganz kurz an. Dann sagte er: »Wie wollt ihr euch den Schlüssel holen?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Boris und Anja werden sich etwas einfallen lassen müssen. Wahrscheinlich werden sie ihren Plan sofort in die Tat umsetzen, da wir nur noch bis heute Abend Zeit haben.«
Heiko sah mich überrascht an.
Nickend sagte ich: »Dann werden wir mit Siegfried zum Steinbruch gehen. Wenn wir bis dahin die Schlüssel nicht haben, sieht es schlecht für uns aus.«
»Dann müsst ihr euch sehr beeilen.«
»Und wir müssen hoffen, dass man uns dabei nicht erwischt. Es wäre doch schade, wenn wir ohne das Gold zurück nach Hause müssten.«

Vor der Bibelstunde fing mich mein Onkel ab. Er sah traurig auf mich hinab und schüttelte den Kopf. Seine tiefe Stimme brummte. »Ich bin enttäuscht. Du hättest doch wissen sollen, dass so etwas Ärger gibt.«
Innerlich sackte ein Stein auf mein Herz. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen.
»Wir haben als Kinder auch Unsinn angestellt. Die Aktion gestern übertrifft allerdings Vieles, was wir damals machten. So viel Unfug habe ich Dir nicht zugetraut. Ich weiß nicht, was los ist.«
Stammelnd sagte ich: »Es war eine sehr dumme Idee.«
Mein Onkel legte mir seine Hand auf die Schulter. »Nach meiner Unterhaltung mit Siegfried habe ich mit Deiner Mutter gesprochen. Sie wird die Sache auf sich beruhen lassen, solange Du mir versprichst, nicht noch einmal so eine Dummheit anzufangen. Ich bin jetzt persönlich für Dich zuständig.«
Vorsichtig sah ich ihn an. Er strahlte über das gesamte Gesicht. »Jetzt schau mich nicht so traurig an. Ihr seid nun mal Kinder. Ich frage mich, warum das Siegfried und Wilhelm immer wieder vergessen. In eurem Alter sind wir zusammen andauernd zum alten Steinbruch gegangen. Wir kannten alle Geschichten. Die mit dem Geist ist mir allerdings neu.«
»Welche kennt ihr denn?«
»Mir ist zu Ohren gekommen, dass es einen geheimen Zugang zu einem Raum gibt. In diesem Raum sollen alte Waffen gelagert worden sein. Die Tür dazu haben wir allerdings nie gefunden.«
»Du meinst, da sind Waffen?«
»Es hieß, dass es dort auch einen Schatz geben soll. Ich fand die Geschichte immer blöd, allerdings ist Wilhelm damals davon fasziniert gewesen.«
Herr Berkowitz lehnte an der Tür. Er sagte: »Es ist nur eine dumme Legende. Wahrscheinlich gibt es dort überhaupt keinen Raum. Wir waren als Kinder viel zu leichtgläubig.«
Seine Augen trafen meine und ich merkte die Kälte, die von ihnen ausging. Seine Mine war hart wie Stein. »Du solltest jetzt in die Stunde kommen. Die Anderen sind schon alle da.«
Mein Onkel lachte schallend. »Du solltest nicht so streng mit den Kindern umgehen.«
Die Stimme der Heimleitung war schneidend. »Wenn Du es besser kannst, solltest Du es machen.«
Mein Onkel nickte. »Ich habe vor im nächsten Jahr die Leitung der Kinderfreizeit zu übernehmen.«
Herr Berkowitz ließ den Satz unkommentiert. Er schlug die Tür hinter uns zu.
Die gesamte Bibelstunde blickte ich durch das Fenster. Der Nebel hatte sich geklärt. Nur noch vereinzelte Wolken bedeckten den Himmel. Die Sonne brannte auf das Fußballfeld.
Als die schwarze Limousine vorfuhr, zuckte ich zusammen. Boris wurde blass.
Die zwei Männer, die ausstiegen, waren erneut ganz in Schwarz gekleidet. Sie hatten von außen undurchsichtige Sonnenbrillen an.
Es waren nicht die gleichen Zwei, wie vom Vortag. Einer der Beiden zündete sich eine Zigarette an. Der andere ging zum Haus hinüber.
Ich hörte, wie sich die Haupttür öffnete.
Der Raucher ging auch zum Eingang.
Ein paar Sekunden später, trommelte es an unserer Tür.
Siegfried eilte hinüber und öffnete sie einen spaltbreit. Der Fremde drückte den Spalt auf und betrat unseren Raum.
Er hatte die Zigarette noch im Mund und blickte sich suchend im Raum um. Mit einer Hand schob er Siegfried beiseite.
Herr Berkowitz baute sich vor dem Eindringling auf, der unsere Bibelstunde störte. Er fragte: »Was suchen Sie hier?«
Zwischen der Zigarette presste der Mann die Worte: »Wir suchen Jemand. Bitte stören Sie uns nicht.«
Seine Stimme hörte sich so an, als würde er sie selten benutzen. Sie war heiser und hatte keine Tiefen, als würde er durch eine Blechdose zu uns reden. Er wollte auch Herrn Berkowitz zur Seite schieben, doch dieser schlug seine Hand beiseite.
Es war, als würde sich ein Gewitter aufbauen. Die Beleuchtung schien auf einmal gleichzeitig greller, wie auch dunkler. Die Temperatur stürzte in den Keller. Ein Knistern lag in der Luft. Alle Härchen auf meinem Arm stellten sich gleichzeitig auf.
Herr Berkowitz stand wie ein Fels vor dem Fremden. Dessen Zigarette zuckte kurz.
Mit einer schnellen Bewegung zog unsere Heimleitung dem Fremden den Glimmstängel aus dem Mund. Er hielt ihn hoch, feuchtete Daumen und Mittelfinger seiner linken Hand an seiner Zunge an. Danach löschte er die Glut mit den beiden Finger. Dabei verzog er keine Mine.
Der Fremde starrte ihn an.
Herr Berkowitz sagte: »Erst einmal ist Rauchen in diesem Gebäude nicht gestattet. Wir sind hier an keinem öffentlichen Raum, in dem sie machen können, was sie wollen. Das Gebäude ist privat.«
Der Mann erwiderte keine Silbe, was unseren Seelenhirten als Bestätigung deutete.
»Des Weiteren können sie hier nicht einfach eindringen. Ich werde sie jetzt zurück zu Ihrem Auto begleiten, dass sie anschließend besteigen werden. Danach dürfen sie dorthin zurückfahren, wo sie hergekommen sind.«
Aus dem Flur hörte ich Stimmen. Mein Onkel ließ seinen Bass durch die Halle klingen. Er sagte: »Was fällt ihnen eigentlich ein?«
Der Schwarzgekleidete in unserem Saal drehte sich auf dem Absatz und ging in den Flur.
Einige Augenblicke später standen die beiden Fremden vor ihrem Fahrzeug. Begleitet wurden sie durch meinen Onkel und durch Herrn Berkowitz.
Während die Männer in Schwarz ihr Auto betraten, wurden sie von ihren Bewachern keine Sekunde aus den Augen gelassen. Erst als sie weggefahren waren, drehten sich die Helden der Stunde zueinander um.
Durch die dicken Fensterscheiben konnte ich ihre Unterhaltung nicht verfolgen.
Siegfried hatte sich in die Mitte des Raums gestellt und wedelte mit den Armen. Anscheinend wollte er unsere Aufmerksamkeit zurückgewinnen, was ihm augenscheinlich schwerfiel. Seine Ruhe, die ihn sonst begleitete, war verflogen. Ich sah, wie seine Hände zitterten. Schweißperlen hatten sich auf sein Gesicht gelegt.
Die Tür flog auf und Herr Berkowitz kam hinein. Er klatschte in die Hände und sah sich im Raum um. Als seine Blicke Boris trafen, ruhten sie ein paar Sekunden länger auf ihm, als auf den anderen Kindern.
Er sagte: »Wir sollten uns weiter über den Auszug aus Ägypten unterhalten. Kann mir zufällig jemand sagen, wo wir aufgehört hatten?«
Ich merkte, wie Julia während der Bibelstunde immer wieder zu mir hinüber schaute. Sie lächelte mich dabei komisch an.
Im Gegensatz dazu versuchte ich, ihren Blicken auszuweichen – versuchte so zu tun, als würde ich es nicht merken.
Nach der Stunde war sie schneller an der Tür und baute sich direkt vor mir auf. »Was war denn gestern Nacht los?«
Ich schüttelte den Kopf. »Das müsstest Du doch ganz genau wissen.«
»Was soll ich denn wissen?«
»Wir wurden verraten. Herr Berkowitz und Herr Helm fingen uns am Steinbruch ab. Siegfried will, dass unsere Eltern uns abholen. Dass wir noch nicht weg sind, liegt nur daran, dass mein Onkel ein gutes Wort für uns eingelegt hat.«
Julia schüttelte ungläubig ihren Kopf. Sie sah mir direkt in die Augen und fragte: »Wer hat euch denn verraten? Wie konnten Herr Helm und Herr Berkowitz von eurem Abenteuer erfahren?«
»Das weißt Du doch am besten. Du bist die Einzige, die es den beiden verraten konnte. Dabei habe ich Dir vertraut.«
Ihr Gesichtsausdruck wurde länger. Sie ließ ihren Mund offen stehen.
Ich wollte mich gerade wegdrehen, um an ihr vorbei zu schlüpfen, als sie meinen Arm fasste.
»Ich war das nicht.«
Ich blickte in ihre Augen. Meine Gedanken verfingen sich in dem Blau ihrer Pupillen. In der Nähe sahen ihre Sommersprossen noch schöner aus. Außerdem roch sie wie ein frisch gepflückter Blumenstrauß. Mein Herz setzte aus und meine Hände wurden feucht.
Stockend sagte ich: »Aber Du warst die Einzige…«
Julia schüttelte erneut den Kopf.
»Ich war gestern Nacht gar nicht wach. Anja hat vergessen, mich zu wecken.«
»Du meinst, sie hat Dich nicht wach bekommen?«
»Normalerweise werde ich von jedem Geräusch wach. Ich glaube, dass sie es noch nicht einmal versucht hat.«
»Aber wer war es dann?«
Julias Stirn legte sich in Falten. »Wir saßen gestern Abend nicht allein am Tisch. Jeder hätte uns zuhören können.«
»Du meinst, es war eine Deiner Freundinnen?«
»Sarah und Hanna traue ich so etwas nicht zu. Wer saß gestern noch an unserem Tisch?«
Ich konnte mich an Keinen, außer an Julia erinnern. Seitdem ich ständig die Plätze tauschte, nur um so weit entfernt wie möglich von meinen Freunden getrennt zu sitzen, hatte ich den Überblick verloren. Die anderen Kinder außerhalb unserer kleinen Gruppe waren zu einem bunten Gewirr geworden. Es war nicht so, als würde ich sie nicht mögen. Sie waren mir allerdings grundsätzlich egal.
»Ich habe keine Ahnung, wer noch an unserem Tisch saß. Es könnte jeder gewesen sein.«
»Ich war es auf jedenfalls nicht.«
Eine tonnenschwere Last fiel mir von den Schultern. Ich lehnte mich vor und umschloss Julia mit einer Umarmung. Das geschah so schnell, dass sie kaum eine Chance zum Ausweichen hatte.
Ich flüsterte ihr ins Ohr: »Danke.«
Ihre Arme legten sich um meinen Körper. Sie erwiderte die Umarmung.
Als ich zu unserem Zimmer schlenderte, kamen mir Jörg, Daniel und Heiko schon entgegen. Sie hatten ihre Sportsachen angezogen und rannten an mir vorbei zum Sportplatz.
Jörg drehte sich kurz zu mir um. »Du solltest Dich beeilen.«, dann war er verschwunden. Natürlich wurden die Drei nicht angehalten, weil sie rannten. Es traf immer nur den selben.
Im Raum wartete Boris auf mich. Er nickte mir zu. »Du solltest Dich beeilen. Das Fußballspiel fängt sonst ohne Dich an.«
»Warum seid ihr alle so scharf darauf, mich spielen zu sehen? Ich habe doch schon am ersten Tag bewiesen, dass ich es nicht kann.«
»Dieses Spiel ist wichtig für Deine Gesundheit.« Er klopfte mir auf den Bauch. Ein Lächeln legte sich über seinen Mund.
»Was ist denn an diesem Spiel so besonders?«
Boris hatte ein dickes Buch in seiner linken Hand. Es war nicht dasselbe, wie am ersten Tag. Dieses Exemplar beschrieb den Weltraum. Der Titel war in Englisch.
Er sah mich kurz an, nickte und ging aus der Tür.
Ich blickte ihn fragend nach. »Was war mit den Männern in Schwarz?«
Boris drehte sich nur kurz um und winkte mit der Hand. »Ich hoffe, wir haben heute Ruhe vor ihnen. Morgen sind wir dann sowieso verschwunden.«
Dann war er an der Treppe.
Schnell wechselte ich die Kleidung. Meine Schuhe waren unter das Bett gerutscht.
Mit pochendem Herzen rannte ich die Treppe hinauf. Auf dem obersten Absatz fing mich Siegfried ab.
Er schüttelte den Kopf und sagte: »Das Rennen auf den Fluren und im Treppenhaus ist nicht gestattet.«
»Ich komm zu spät zum Fußballspiel.«
»Dann solltest Du Dich beeilen, jedoch nicht rennen. Sie warten bestimmt noch auf Dich.«
»Da bin ich mir nicht sicher.«
Siegfried lächelte und ließ mich an ihm vorbei.
Auf dem Platz wurden schon die Mannschaften gewählt. Jörg und Daniel standen vor jeweils zwei Gruppen. Die noch nicht eingeteilten Jungen und Mädchen standen abseits des Feldes, auf dem Weg.
Ich sah, wie Anja, die hinter Jörg stand, diesem etwas zuflüsterte. Er nickte und gab seinem Bruder ein Zeichen. Dieser sagte: »Sebi kommt zu mir.«
Ich war mir sicher, dass Anja alles tat, um im gegnerischen Team zu sein. Langsam, ganz ohne zu rennen, schlenderte ich zu der Gruppe hinter Daniel.
Als ich die Leute in meiner Mannschaft sah, blieb mir die Luft weg. Dort, ganz in Daniels Nähe, stand Julia und winkte mir. Ich ging zu ihr.
»Du hast doch das letzte Mal nicht mitgespielt. Ich dachte, Du spielst kein Fußball.«
»Heute ist ein besonderer Tag. Ich will sehen, wie Du spielst.«
»Hoffentlich hast Du keine hohen Erwartungen. Mein Fußballtalent hat sich vor Jahren von mir getrennt. Es hat gemeint, dass ich ein hoffnungsloser Fall wäre. Soweit ich es weiß, lebt es jetzt in Brasilien.«
Julia lachte auf. Mein Körper füllte sich mit einem Kribbeln.
Siegfried stand am Platzrand und blies in eine Pfeife. Ich sah, dass neben ihm mein Onkel stand. Er winkte mir zu.
Die Situation lief zu schnell aus dem Ruder. Jetzt waren schon zwei Personen anwesend, die zusehen wollten, wie ich mich blamierte. Der Tag schien schon jetzt auf ein Desaster zuzusteuern.
Ich spielte das Spiel meines Lebens. Zugegeben: Ich war nicht gut. Zumindest war ich nicht katastrophal schlecht.
Mein Geschick verließ mich immer nur, sobald ich mich dem Ball näherte. Trotzdem gelangen mir zwei Schüsse aufs Tor. Diese waren in etwas so gefährlich wie zwei Zwergkaninchen in Gegenwart eines Löwen, jedoch war ich positiv überrascht, dass die Richtung stimmte.
Mir gelang es sogar, Jörg den Ball zu entwenden. Wie ich das anstellte, kann ich nicht mehr genau erklären. Ich war auf ihn zu gerannt, während er in voller Geschwindigkeit auf unser Tor eilte. Die anderen Abwehrspieler hatte er schon abgeschüttelt. Ich war der letzte Mann vor dem Torwart.
Mit voller Konzentration lief ich zu ihm, meinen Blick nicht vom Ball nehmend. Ich rechnete damit, dass er die Richtung änderte. Zumindest würde er einen kleinen Haken schlagen, was mich völlig aus dem Konzept bringen würde.
Man kann mich normalerweise leichter ausdribbeln als eine Litfaßsäule. Das hatte mir Anja jedenfalls nach unserem ersten Spiel gesagt.
Ich sprang auf den Ball zu und hatte ihn ganz plötzlich am Fuß.
Überrascht von meiner Tat wäre ich beinahe stehengeblieben. Julia schrie mir zu, dass ich Raum hätte.
Ich schoss den Ball eine kleine Distanz nach vorne und rannte hinter ihm her. Leider haben meine Füße nicht die gleiche Klebewirkung, wie die einiger besserer Fußballspielern, die wie man so gerne sagt, eine Einheit mit dem Ball bilden.
Ich bilde keine Einheit mit Bällen, sondern trage eher meine Abneigung gegen ihre Rundungen ins Feld.
Mir gelang es, mehrere Meter ins feindliche Spielfeld zu kommen. Ich dachte gerade darüber nach, dass sich diese Seite vom Spielfeld gar nicht so feindlich anfühlte, als ich von den Füßen gerissen wurde.
Mein Bein bekam einen Schlag. Es knickte weg. Mein Kopf knallte in den Rasen. Ich spürte die Erde in meinem Mund. Mein Bein pochte.
Eine Stimme sagte: »Bleib liegen und tu so, als täte Dir alles weh.«
Es war Anja.
Langsam drehte ich mich um. Sie stand über mir und grinste.
Julia schob sie beiseite. Sie schrie Anja an: »Das war ein ganz mieses Foul. Ich habe es genau gesehen.«
Anja schüttelte den Kopf und sagte: »Er ist einfach in mich hineingelaufen. Ich wollte das nicht.«
»Du hast ihm die Beine unter dem Körper weggezogen.«
Julia beugte sich über mich. In ihrer Stimme und ihrem Gesicht, konnte ich Besorgnis erkennen. »Hast Du Dir weh getan?«
Anja nickte mir zu. Sie wirkte dabei auf mich wie ein Wackeldackel.
Ich biss die Zähne zusammen. »Ich weiß nicht, was mit meinem Bein ist. Es tut so weh.«
Julia strich mit ihren Händen über meine Wade. »Hast du hier Schmerzen?«
Ich sah zu Anja, die erneut nickte.
»Ja, das tut weh.«
Siegfried und mein Onkel standen plötzlich neben Julia.
Mein Onkel sagte: »Was ist denn passiert?«
Julia richtete ihren Zeigefinger auf Anja. »Die hat ihn gefoult. Mitten im Lauf hat sie ihm die Füße weggezogen.«
Anja erhob die Handflächen vor sich. »Das war keine Absicht. Er ist einfach in mich hinengelaufen.«
Siegfried ging neben mir, gegenüber von Julia, in die Knie. »Hast Du Schmerzen?«
Wieder dieses Nicken von Anja. »Ja. Ich kann mein Bein nicht bewegen.«
»Vielleicht sollten wir es erst einmal kühlen. Wenn es nicht besser wird, müssen wir Dich zum Krankenhaus bringen.«
Siegfried, mein Onkel und Julia brachten mich in die Küche. Zunächst hatte unser Betreuer Julia wegschicken wollen, doch sie protestierte so laut, dass er sie mitkommen ließ.
Als wir die Tür zum Haus betraten, stand Herr Berkowitz im Flur. Er sah uns irritiert an, hatte Jacke und seine Wanderschuhe an und wirkte, als hätten wir ihn bei irgendetwas überrascht.
Siegfried erklärte ihm kurz, was geschehen war. Dann machte sich unserer Gruppe auf in Richtung Küche.
Herr Berkowitz nahm mehrer Eiswürfel aus dem Kühlschrank, wickelte sie in ein Tuch und reichte sie Siegfried. Dann schüttelte er den Kopf.
»Sicherlich brauchen wir nicht alle hierzubleiben.«
Mein Onkel sagte: »Es macht mir nichts aus. Im Moment habe ich nichts Anderes vor.«
Siegfried nickte. »Irgendwer sollte das Spiel beobachten. Es wäre besser, wenn so ein Foul nicht noch einmal geschieht.«
Herr Berkowitz nickte ebenfalls. »Geh ruhig nach oben. Ich werde mich um den Verletzten kümmern. Nimm bitte auch gleich Julia mit. Sie kann weiterspielen.«
Dann lehnte er sich zu mir und sagte: »Außerdem will ich mir Dein Bein ansehen. Dazu solltest Du erst einmal Deine Hose ausziehen. Du willst sicherlich nicht, dass ein Mädchen dabei zuschaut.«
Julia warf mir voller Mitleid noch einen letzten Blick zu, bevor sie sich umdrehte und mit Siegfried verschwand.
Herr Berkowitz bestand darauf, dass ich die Hose auszog.
Der Fleck an meinem Bein hatte sich blau verfärbt. Er war leicht geschwollen.
Schnell presste Herr Berkowitz das Tuch mit Eis dagegen.
»Es sieht nicht so aus, als wäre das Bein gebrochen. Es wird allerdings ein paar Tage schmerzen.«
»Das siehst Du nur mit einen Blick?« Mein Onkel sah Herrn Berkowitz fragend an.
»Ich habe während meiner Zeit als Freizeitleiter schon viele gebrochene Knochen gesehen. Meist schwellen sie stärker an. Das hier sieht mir nach einem Bluterguss aus.«
Durch die zugebissenen Zähne sagte ich: »Ich halte sie nur auf. Sie wollten doch raus.«
»Ich wollte das Geländespiel heute Nachmittag vorbereiten. Es ist allerdings nicht so viel Arbeit. Lieber bleibe ich noch ein paar Minuten, bis wir sicher sein können, dass Du nicht ernsthaft verletzt bist.«
Ich nickte.
»Genau deshalb wollen wir auch nicht, dass ihr euch nachts herausschleicht. Wenn jemand über eine Wurzel fällt und sich dabei etwas bricht, ist keiner in der Nähe, um zu helfen. Was habt ihr euch bloß dabei gedacht?«
Mein Onkel reagierte, bevor ich antworten konnte. »Weißt Du noch, wie wir in ihrem Alter immer wieder zum Steinbruch gingen? Wir wollten damals diesen Schatz finden.«
»Den Schatz gibt es nicht. Wie ich das schon heute Morgen sagte, ist das Ding nur eine Legende. Wahrscheinlich haben dort Leute nur ihren Müll abgelegt.«
»Du glaubst daran, dass es den Raum tatsächlich gibt?«
Herr Berkowitz nickte. »Ich habe den Zugang gefunden. Er ist hinter ein paar Büschen und Bäumen versteckt. Die Tür lässt sich allerdings nicht öffnen. Ich habe es schon mit allen Tricks versucht. Dieser Stahlmoloch ist nur mit dem richtigen Schlüssel zu öffnen.«
Mein Onkel unterhielt sich über eine halbe Stunde mit Herrn Berkowitz. Sie plauderten über die alten Zeiten und hatten mich völlig vergessen. Mein Bein fühlte sich mittlerweile wieder gesund an. Die Stelle, an der das Eis lag, brannte nur noch aufgrund der Kälte.
Die Köchin betrat die Küche und blickte uns an. »Wir müssen das Mittagessen vorbereiten.«, sagte die beleibte Dame in ihrem weißen Anzug.
Herr Berkowitz lehnte sich zu mir. »Hast Du noch Schmerzen?«
»Die sind fast weg.«
Mein Onkel lachte und klopfte mir auf die Schulter.
Die Heimleitung half mir auf die Füße und ich humpelte aus der Küche.
Von draußen hörte ich laute Stimmen. Herr Berkowitz ging mit beschleunigtem Schritt aus der Tür zum Fußballfeld.
Ich humpelte schneller.
Als ich draußen war, konnte ich sehen, wie Julia sich vor Anja aufgebaut hat. Sie standen einander gegenüber, wie Kontrahenten in einem Western. Gleich würde der erste Schuss fallen.
Erst langsam begriff ich, dass dieser schon vor meiner Ankunft gefallen war.
Julia schrie: »Erst foulst Du Sebi und jetzt mich. Kannst Du nicht fair spielen? Geht das gegen Deine Prinzipien?«
»Wenn ihr Idioten euch immer in den Weg stellt, müsst ihr auch damit rechnen, dass man zusammenstößt. Fußball ist nun mal kein Sport für Babys. Wenn ihr etwas Harmloses spielen wollt, dann spielt lieber Schach oder Mühle.«
Julia ballte die Fäuste.
Ich humpelte schneller zwischen die Beiden.
Anja sah mich. Sie schüttelte den Kopf. Diesmal ließ ich mich nicht von ihr stoppen. Humpelnd ging ich zwischen die Beiden.
Ganz plötzlich entspannte sich Anja. Sie sah zum Haus und lächelte. Ich folgte ihrem Blick und sah Boris, der aus dem Haus kam.
Anja schaute Julia an. »Ich muss mich entschuldigen. Mein Köpereinsatz war nicht gerecht. Ich werde versuchen darauf zu verzichten und nur noch fair spielen.«
Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück in das Spielfeld ihrer Mannschaft.
Julia wollte ihr hinterherrennen, doch ich hielt sie fest. Ich sagte: »Es hat keinen Sinn. Anja ist sehr störrisch. Sie wird sowieso nicht auf Dich hören.«
»Wie kannst Du sie nur verteidigen?«
»Ich verteidige sie nicht. Ich will Dich nur vor ihr schützen. Keine Ahnung, was in ihrem Kopf vorgeht, allerdings befürchte ich, dass es nichts Gutes ist.«
Siegfried blies seine Pfeife. Er sagte, dass für Heute genug passiert war. Um die Freundschaft nicht weiter zu gefährden, wollte er das Spiel beenden.
Wir gingen gemeinsam aufs Zimmer, um uns umzuziehen. Das Mittagessen würde zwar erst in einer halben Stunde anfang, allerdings konnten wir uns auch mit anderen Sachen die Zeit vertreiben. Das war zumindest die Meinung der Heimleitung. Als ich die Sportsachen ausgezogen hatte, kam Boris in unserer Zimmer. Er legte seine Hand auf meinen Arm. So leise er konnte, sagte er: »Bitte warte, bis die Anderen weg sind. Ich muss mit Dir reden.«
Daniel und Jörg drängten uns, mit ihnen in das Sportzimmer zu kommen. Sie wollten unbedingt eine Partie Tischtennis spielen.
Heiko folgte ihnen, nachdem Boris und ich ihnen versprachen, schnellstmöglich nachzukommen.
Boris setzte sich auf mein Bett. Ich setzte mich neben ihn.
»Ich war während des Fußballspiels im Zimmer der Heimleitung. Wir hatten das mit Anja abgesprochen. Sie sollte die Leute ablenken, damit ich mich umsehen konnte.«
Ich schnappte nach Luft. Anja hatte Julia und mich also mit Absicht gefoult. Es ging nur um eine Ablenkung.
Ich fragte: »Hast Du den Schlüssel?«
»Entweder trägt er ihn bei sich oder er hat ihn so perfekt versteckt, dass ich ihn nicht finde. Auf jeden Fall war meine Suche erfolglos.«
»Anja hat also völlig umsonst versucht, mir das Bein zu brechen?«
»Sie weiß, was sie macht. Das war auch so abgesprochen.«
»Und Du hieltst es nicht für nötig, mich einzuweihen?«
»Du warst viel zu spät. Fast wärst Du gar nicht zum Fußball gegangen. Wo warst Du überhaupt?«
»Ich habe mich mit Julia unterhalten.«
»Der Verräterin?«
»Sie hat uns nicht verraten. Anja hat sie nicht wachgemacht. Julia hat die gesamte Nacht durchgeschlafen. Deshalb hat sie mich auch heute sofort gefragt, was überhaupt geschehen ist.«
»Das hätte Jeder gemacht. Selbst derjenige, der mit seiner Schuld leben muss. Eine Frage macht einen nicht weniger verdächtig.«
»Ich glaube ihr aber. Sie will uns helfen.«
»Du bist völlig geblendet von ihr. Eine objektive Meinung in der Hinsicht kann man sich von Dir nicht erhoffen.«
»Du musst mir einfach glauben, dass sie uns nicht verraten hat.«
»Wer war es dann?«
»Wir hatten uns gestern Abend am Tisch unterhalten. Vielleicht hat ein Anderer beim Essen unsere Unterhaltung belauscht. Vielleicht war es sogar Siegfried selbst.«
»Dagegen spricht, dass die Beiden so schlecht angezogen waren. Hätten sie etwas von unsere Nachtwanderung geahnt, hätten sie sie schon vor der Tür beendet. Sie wirkten, als hätte man sie mitten in der Nacht aus dem Bett geholt.
Außerdem wussten sie wenig über den Zweck unseres Ausflugs.«
»Julia hatte ich gesagt, dass wir das Gold wollen. Wir brauchen es, damit Deine Eltern ihre Schulden abbezahlen können. Das war zumindest die Geschichte, die ich ihr erzählt habe.«
Ich überlegte kurz. »Siegfried wusste nichts von dem Gold. Dann wird es Julia nicht gewesen sein. Sie hätte ihm auf jeden Fall davon erzählt.«
Wir blickten uns an und schwiegen.
Anja wartete auf uns vor dem Speisesaal. Sie sah mich an und lachte. »Du humpelst ja gar nicht mehr. Hast Du den Schmerz vergessen?«
»Du hättest mich auch warnen können. Dann hätte ich wenigstens verstanden, warum Du es gemacht hast.«
»Ich hätte es auch gemacht, wenn ich keinen Grund gehabt hätte. Es ist einfach zu lächerlich, wie Du über den Platz schleichst. Man kann Dir, während Du läufst, Deine Schuhe neu besohlen. Außerdem fuchtelst Du mit den Armen, als wolltest Du ein Feuer ersticken.«
Boris lehnte sich zu uns. »Was machen wir? Wir brauchen bis heute Abend den Schlüssel und ich weiß nicht, wo er ist.«
»Vielleicht hat ihn Berkowitz in seiner Jacke? Er hatte sie die gesamte Zeit an.«
Boris zog die Augenbrauen nach unten und schaute auf die Erde. Er murmelte: »Wir müssen die Jacke untersuchen.«
Ich schaute in den Raum und sah unsere Heimleitung schon auf ihren Plätzen sitzen. Herr Berkowitz hatte seine Jacke über die Stuhllehne gelegt.
Anja lachte. »Das werde ich machen.«
Sie ging zu dem Stuhl neben dem Mann im Anzug.
Boris nickte mir zu.
Es war erneut ein Platz neben Heiko frei. Dieser winkte mich zu sich. Er lächelte mich an. »Ist Deine Verletzung schon geheilt?«
»Anja hat ganz schön durchgezogen.«
Die Servierwagen wurden eingerollte. Wie jedes Mal roch es nach dem gängigen Allerlei. Wahrscheinlich würde nur die Ostermahlzeit besonders sein. Es gab Linseneintopf, den ich normalerweise ganz gerne aß. Heute hatte ich nicht wirklich Lust darauf. Mir war nach drei Tagen Einheitsbrei nach Pommes und Hähnchenschnitzel.
Heiko füllte sich den Teller und reichte mir die Schüssel.
Er lehnte sich dabei zu mir. »Was habt ihr geplant?«
Ich flüsterte zurück: »Wir werden, wenn Alles glatt läuft, heute Nacht mit Siegfried zusammen zum Steinbruch gehen. Bis dahin brauchen wir allerdings den Schlüssel.«
Ich goss mir eine Portion Eintopf in meinen Teller und reichte die Schüssel weiter.
Heiko sah mich an, während er den Löffel zum Mund führte. Nachdem sein Mund leer war, sah er mich wieder erwartungsvoll an.
»Du kannst mitkommen. Es ist ja eine halbwegs offizielle Veranstaltung. Siegfried möchte uns beweisen, dass es im alten Steinbruch nicht spukt.«
»Ich frage mich, ob Herr Helm das mit Herrn Berkowitz besprochen hat. Der würde uns bestimmt nicht zum Steinbruch lassen.«
»Warum nicht?«
»Er hält ihn für zu unsicher.«
»Es ist seit Jahren nichts passiert. Was soll denn jetzt geschehen?«
Heiko schwieg. Er führte einen Löffel nach dem anderen zum Mund. Sein Schmatzen war widerlich.
Als er aufgegessen hatte, wischte er sich den Mund am Pullover ab.
»Sag mal, was waren das denn heute für Typen? Was wollten die hier?«
»Sie suchen Boris. Zumindest glaubt er das. Er ist immer angespannt, wenn sie da sind.«
»Woher weiß er das?«
Ich überlegte. Dabei schob ich mir einen weiteren Löffel in den Mund. Normalerweise neige ich dazu, mein Essen mehr zu inhalieren, als zu genießen. Diesmal war ich allerdings langsamer als üblich.
»Er kennt die Gruppe. Sie müssen schon eine ganze Zeit hinter ihm her sein.«
»Komisch, dass sie ihn nicht erkannt haben.«
Die Idee war mir noch gar nicht gekommen. Wenn er schon so lange vor ihnen floh, warum erkannten sie ihn nicht sofort?

Beim Tischdienst, bei dem ich diesmal trotz der Regel mithalf, fragte ich Boris, warum ihn die Leute in den schwarzen Anzügen nicht erkannt hatten.
»Wenn man mit der Zeit spielt, hat man verschiedene Möglichkeiten. Man kann sich z.B. jünger und älter machen, ganz nachdem wie man wirken möchte.«, sagte er.
»Das heißt, dass Du eigentlich nicht wie ein Zwölfjähriger aussiehst?«
»Ich bin schon etwas älter. Ich hatte gedacht, dass ich so nicht auffalle.«
Die Antwort erschien mir plausibel.
»Die Männer in Schwarz suchen also einen Erwachsenen und erwarten nicht, Dich hier als Kind vorzufinden?«
»Sie wissen, dass ich mich verändern kann. Sie kennen mich nicht als Kind. Allerdings ist das nur eine Frage der Zeit, bis sie ihren Irrtum einsehen..«
Anja kam auf uns zu und schüttelte den Kopf. »Er hatte den Schlüssel nicht in seiner Jacke.«
Boris blickte sie irritiert an. »Wo hat er bloß das Mistding?«
»Heiko sagte, dass Herr Berkowitz uns noch einen Strich durch unsere Rechnung machen kann. Er wird nicht begeistert davon sein, dass wir mit Siegfried heute Nacht den Steinbruch erkunden und nach Geistern suchen.«

»Ich glaube nicht, dass Siegfried sich vor ihm rechtfertigen muss.«
Mein Onkel kam in die Küche und sah uns an.
»Eigentlich solltet ihr doch getrennt arbeiten? Aber keine Angst, ich werde euch nicht verraten. Ich wollte nur mit meinem Neffen reden.«
Er kam näher und stellte sich neben das Waschbecken. Zu meinem Erstaunen griff er sich ein Trockentuch und half mit.
»Ich habe mit Siegfried geredet und von eurem Plan erfahren, heute Abend den Steinbruch zu erkunden. Ich werde euch natürlich begleiten. Soweit ich es sehe, wird Wilhelm gar nicht begeistert von der Sache sein.«
»Darüber haben wir gerade geredet.«
»Keine Angst, wenn ich euch begleite, wird Wilhelm nichts dagegen haben. Ich glaube allerdings nicht, dass er uns begleiten wird.«
Boris hatte mit der Reinigung der Teller aufgehört. Er blickte meinen Onkel an.
»Herr Berkowitz hat mir meinen Schmuck abgenommen. Ich würde ihn gerne wiederhaben.«
»Was ist das für ein Schmuck?«
Schnell sprang ich ein: »Es ist ein Talisman, der vor bösen Geistern schützt. Ich weiß, dass Du nichts von Aberglauben hältst, allerdings ist Boris so erzogen worden. Es fällt ihm schwer, diese Ansicht abzulegen. Wenn wir heute Abend zum Steinbruch gehen, wird er sich ohne ihn nackt vorkommen.«
Anja nickte. »Er ist ein absoluter Angsthase. Wenn er sich nicht an seinem blödsinnigen Schmuck festhält, werde ich ihn wohl tragen müssen.«
Mein Onkel erhob eine Augenbraue. Er sah mich an. »Du weißt recht gut, was ich von Talismanen und Amuletten halte. Sie sind Zeichen des Teufels.«
»Ich weiß, dass es Blödsinn ist. Aber mir wurde das so beigebracht. Mich auf die Spur nach einem Geist zu machen, ohne meinen Schutz, wäre so wie im Winter ohne Hemd und Hose im Schnee zu spielen.«
Nachdenklich nickte mein Onkel. »Ich werde bei Wilhelm ein gutes Wort für Dich anbringen. Versprechen kann ich allerdings nichts.«