Der Abendlobkreis zog sich endlos, während wir einfältig honigsüß- und -klebrige Lieder über unsere Liebe zu Jesus Christus trällerten. Julia war so entzückt, dass sie ihre Arme in den Himmel reckte, was ihr böse Blicke von Herrn Berkowitz einbrachte. Charismatische Anfälle waren hier nicht gerne gesehen. Leute, die sich ganz der Musik hingaben, werden in evangelikalen Kreisen als Spinner abgetan.
Ich wäre am liebsten zu ihrer Verteidigung aufgesprungen. Der unnachgiebige Herr Berkowitz hatte sich allerdings eher unempfänglich für meine Argumente erwiesen, weshalb ich davon absah.
Als wir anschließend in unsere Betten legten, waren Daniel und Jörg so aufgedreht, als hätte man ihnen eine Mäusefamilie in die Hosen gesteckt. Sie fragten Boris über seinen Plan aus, der sich jedoch darauf beschränkte, ihnen zu sagen, dass er an einigen Punkten noch arbeitete. Hätte man die Beiden gelassen, sie wären schon diese Nacht aufgebrochen, obwohl sie sich im Moment nicht leiden konnten.
Mir fiel auf, dass sie sich so ähnelten, dass ein Außenstehender sie, abgesehen von ihrem Äußeren, kaum unterscheiden konnte.
»Kanntet ihr euch eigentlich schon vor der Freizeit?«
Ein Lachen erklang. »Kann man so sagen. Wir sind Brüder.«
Die Erklärung war einleuchtend. »Zwillinge?«
»Ne, Jörg ist ein Jahr älter als ich.«
Heiko sagte mit seiner unaufgeregten Stimme: »Ich hätte euch das nicht angesehen.«
Ich sagte: »Ich habe auch kaum Ähnlichkeiten mit meinem Bruder. Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass man einen von uns Beiden nach der Geburt vertauscht hat.«
Boris sagte: »Ich habe keine Geschwister.«
»Hätte ich Dir jetzt auch nicht zugetraut.«
Heiko sagte: »Ich hab noch eine Schwester.«
»Ist die auch hier?«
»Nein, die ist schon zu alt. Sie macht so einen Kinderkram nicht mit.«
Nach der kurzen Unterhaltung kehrte Ruhe in die Gruppe. Heiko war der Erste, der mit tiefen Atmen, seinen Schlafen verkündete. Ihm folgten die beiden Brüder.
Als aus jedem Bett nur noch Schnarchen zu hören war, sagte ich: »Wofür brauchst Du das Gold?«
Es dauerte etwas. Ich hatte schon fast geglaubt, dass Boris ebenfalls eingeschlafen war, als er antwortete: »Für mein Raumschiff. Ich muss es bezahlen. Ich werde es mit dem Gold aus dieser Kammer in Auftrag geben.«
»Du hast es noch nicht bezahlt? Du musst es erst beauftragen? Diese Zeitsprünge bringen mich ganz durcheinander.«
Ich musste erst einmal eine Weile darüber nachdenken. Dann sagte ich: »Du nimmst mich doch mit, oder?«
»Klar! Mache ich. Das steht doch nicht zur Debatte.«
Ich war am nächsten Morgen einer der Ersten beim Frühstück. Die Nacht über hatte ich kaum geschlafen. Vor Nervosität konnte ich kein Auge schließen. Immer wenn ich es doch machte, schreckte mich ein neuer Traum auf. In Vielen sah ich Julia, die mich im Matsch liegend gekränkt ansah. In Anderen blieb ich alleine zurück, während Boris sein Raumschiff bestieg.
Anja setzte sich als Zweite mir gegenüber an den Tisch. Sie lehnte sich zu mir hinüber. »Ich habe über den Plan nachgedacht.«
»Erzähl mir mehr.«, sagte ich und musste gähnen.
»Glaubst Du ihm?«
»Warum sollte ich ihm nicht glauben? Es klingt doch alles ganz plausibel.«
»Die Geschichte hat zu viele Löcher. Sie ist wie die Steuererklärung eines Politikers. Aus einigen Sachen wird man nicht schlau. Außerdem habe ich das Gefühl, dass er uns was verschweigt.«
Mit etwas mehr Interesse sagte ich: »Was meinst Du damit?«
»Wofür braucht er das Gold?«
»Er braucht es für sein Raumschiff. Es ist noch nicht abbezahlt. Eigentlich muss er es erst noch in Auftrag geben.«
»Der Mist mit dem Raumschiff? Du glaubst ihm auch das?«
»Seine Theorie mit dem Antrieb klang plausibel. Außerdem habe ich viele Legenden über das Philadelphia Experiment gelesen. Seine Hypothesen erklären, was damals passiert ist.«
»Mit einer Zeitmaschine kommt man doch viel leichter an Geld. Er könnte es zum Beispiel anlegen. Ein Gewinnspiel wäre auch denkbar.«
»Als Kind ist es schwer ein Konto zu eröffnen oder bei der Lotterie teilzunehmen. Bestimmt braucht er das Gold, weil es im Laufe der Zeit nicht an Wert verliert.«
Anja zog die Stirn kraus. Sie schüttelte nachdenklich den Kopf.
Dass die Anderen noch fehlten, machte mich unruhig. Ich sah mich im Raum um. Boris war kurz vor mir aufgestanden. Er hätte schon längst hier sein müssen. Daniel und Jörg waren mir die Treppen hinauf gefolgt.
Ich sah Daniel in der Tür stehen. Er unterhielt sich angeregt mit Sarah. Heiko stand etwas abseits. Seine Augen waren zusammengekniffen und sein Gesicht war rot. Er sah überhaupt nicht glücklich aus, wie er dort stand und die Arme verschränkt hielt. Ich muss zugeben, dass ihm Ärger nicht stand. Eine schlecht gelaunte Schildkröte passt nicht in mein Weltbild – sieht man einmal von den Ninja Kröten aus dem Fernsehen ab.
Boris unterhielt sich derweilen mit Hanna. Julia stand nicht weit von den Beiden entfernt und lauschte der Unterhaltung.
Anja blickte in die Richtung und verzog das Gesicht. »Sie wollen die Drei tatsächlich mit ins Boot holen. Wenn sie unbedingt Schiffbruch erleiden wollen, ist das der beste Weg.«
Herr Berkowitz betrat den Raum und löste damit die Versammlung auf. Sarah folgte Daniel an unseren Tisch, während sich Heiko, etwas verlegen, an den Tisch der Mädchen setzte. Sein Kopf hing dabei schuldbewusst nach unten.
Boris setzte sich lächelnd auf seinen Platz. »Die Mädchen machen mit.«
»Das ist ein Fehler. Sie werden uns verpetzen. Das ist so sicher, wie das Armen am Schluss jeder Gebetsrunde.«
Julia hatte ein T-Shirt mit einem übergroßen rotem Herz auf grauem Grund an. Eigentlich war dieses Teil eher etwas für jüngere Kinder. An ihr sah es jedoch wunderbar aus. Ihre schwarzen Haare hingen ihr vorne über die Schulter. Ich konnte die Spitzen ihrer Ohren sehen.
»Ich bin froh, dass Julia mitkommt.«, sagte ich.
Mit einem Seitenblick in Boris Richtung sagte Anja: »Jetzt fängt das schon wieder an. Er geht mir auf die Nerven, wenn er so ist.«
Boris lachte. Er rückte seine Brille zurecht. »Er hat sich einfach nicht unter Kontrolle.«
»Wem sagst Du das. Das war schon immer sein Problem.«
In der Bibelstunden saßen Boris und Anja jeweils an einer meiner Seite, was mir unpraktisch erschien, da sie sich die gesamte Zeit miteinander unterhielten. Zwischenzeitlich guckte Herr Berkowitz immer wieder strafend in unsere Richtung, was den Beiden jedoch nichts ausmachte.
Wir waren in den Ferien und Quatschen war zumindest bei Siegfried nicht verboten. Außerdem war heute eine Gruppenarbeit angedacht, sodass die Diskussion über weite Strecken nicht weiter auffiel. Wir sollten den ersten Brudermord der Bibelgeschichte aufarbeiten und erklären, wieso es dazu kam.
Die einfachste Antwort, dass der Glaube an Gott, d.h. die Religion daran schuld war, wollte sicherlich keiner hören. Die Beziehung zwischen Juden, Christen und Moslems, die bekanntlich an den gleichen Gott glauben, weist erschreckende Parallelen zum Brudermord von Kain an Abel auf.
Was wir hingegen daraus lernen, dass Gott die Tieropfer von Abel bevorzugte, während er die vegetarische Kost von Kain verachtete, wollte niemand diskutieren. Ich für meinen Teil, in meiner eigenen kleinen Welt, schloss daraus, dass Gott Vegetarier hasste. Diese Weisheit traute ich allerdings nicht laut auszusprechen.
Meine beiden Sitznachbarn unterhielten sich über die folgende Nacht. Anja sagte: »Ich will dieses Tor erst einmal selbst sehen. Vielleicht verstehe ich ja, wie man die Schlüssel benutzen muss.«
»Wenn wir heute Sport machen, könnten wir uns ja heimlich davonstehlen und einen Blick darauf werfen. Was meinst Du dazu?«, sagte Boris.
»Das würde den Betreuern auffallen. Eine wirklich blödsinnige Idee. Wenn alle wieder Fußball spielen und nur drei Leute fehlen, dann ist das ein sicheres Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmt.«
Ich blickte in Richtung Fenster und sagte: »Habt ihr beiden Experten mal nach draußen geschaut?«
Die Köpfe drehten sich synchron. »Ach Mist.«, sagte Boris. »Hält uns das auf?«, fragte Anja. »Würde ich denken.«, folgte mein Kommentar.
»Wenn ihr bei dem Wetter vor die Tür geht, wird man sofort an euren nassen Klamotten sehen, wo ihr gewesen seid. Außerdem wäre das Theater außergewöhnlich. Wie wollt ihr erklären, was ihr gemacht habt?«
Boris sah mich an und sagte: »Ich glaube wir müssen unseren Plan verschieben.«
»Da das jetzt geklärt ist, können wir genausogut an der Bibelarbeit teilhaben.«
Anja rollte mit den Augen und sagte: »Ist aber voll langweilig. Ich weiß schon, wer der Mörder ist, selbst wenn Gott in der Geschichte erst fragen musste.«
Boris stimmt ihr zu. »Die Auflösung sofort zu präsentieren, ist kein guter Trick, solange man den Detektiv nicht über hundert Unwägbarkeiten schickt, um den Mord aufzuklären. Mit einem Allmächtigen auf einer Seite macht die Sache einfach keinen Spaß.«
»Ihr sollt nicht über den Schreibstil sonder über die Moral sprechen.«
»Ich hatte befürchtet, dass Du das sagst.«, meinte Anja und sah bedrückt zu mir hinüber.
Nach zwei Stunden Tischtennis, einem ereignislosen Mittagessen und einer etwas sehr drögen Bibelarbeit, fanden wir uns im Gruppenraum wieder.
Siegfried und Herr Berkowitz standen vor uns. Beide hielten die Arme hinter dem Rücken verschränkt, wie alternde Lehrer vor einer Schulklasse. Herr Berkowitz sagte: »Wir hatten eigentlich eine Schnipseljagd im Wald geplant. Diese wird wegen des Wetters ausfallen.«
Boris sah mich an. Ich wischte den Schweiß von meiner Stirn. Obwohl er sich nicht für Sport interessierte, hatte er mich mehrmals in Folge beim Tischtennis geschlagen. Erst als Anja mir zu Hilfe kam, konnten wir ihn besiegen.
»Die Jagd im Wald käme uns wie gerufen. Keiner würde merken, wenn wir unsere Untersuchungen durchführen. Hoffentlich wird sie morgen nachgeholt.«, flüsterte Boris.
»Kann Dein Raumschiff nicht das Wetter manipulieren?«
»Ich habe kein Silberjodit auf Lager. Außerdem würde das nicht viel helfen, wenn es sowieso schon regnet. Aber für morgen sieht es gut aus.«
»Kannst Du überhaupt mit dem Ding im All kommunizieren?«
Boris grinste breit. »Es ist kompliziert, allerdings geht das tatsächlich.«
Ich hatte Anja nicht bemerkt, die plötzlich hinter uns stand. »Wie geht das?«
»Ich steuere es über meine Uhr.«
Er zeigte auf ein überdurchschnittlich großes Modell, welches sichtbar allerdings nur die Uhrzeit zeigte.
Anja tippte dreimal aufs Display und sagte: »Kid, hol mich hier raus.«
Siegfried schaute im Raum herum. »Für einen solchen verregneten Tag haben wir euch Bastelarbeiten vorbereitet. Es passt inhaltlich gut zum Thema, das wir heute Nachmittag in unserer Bibelarbeit erarbeiteten. Wir werden kleine Archen bauen.«
»Sag mal, glaubst Du an den Blödsinn mit der Arche?«, flüsterte Boris.
Anja erwiderte: »Glaubst Du an den Blödsinn mit dem Ufo? Die eine Geschichte ist nicht viel realistischer als die andere.«
Boris wandt sich zu ihr. »Ich werde Dir das beweisen.«
Anja schaute ihn überrascht an. »Das mit der Arche?«
»Nein mit dem Ufo. Du wirst daran glauben, wenn Du es siehst.«
»Und bis dahin muss ich einfach glauben, ohne einen Beweis zu haben?«
Boris drehte an seinem Zifferblatt und eine kleine Diode blinkte auf. Er zeigte Anja siegesgewiss die Uhr. »Siehst Du, so spreche ich mit meinem Raumschiff.«
»Das beweist rein gar nichts.«
Ich schaute neugierig auf die Dioden. »Eigentlich baut man dort keine Dioden ein. Vielleicht kann man damit wirklich mit einem fliegenden Gefährt im Orbit sprechen.«
»Du glaubst auch jeden Mist, wenn man ihn plausibel erklärt. Wenn das so weiter geht, wirst Du mir noch sagen, dass Noa es leider nicht geschafft hat, die Dinos mit auf sein Schiff zu nehmen, weil sie nicht gepasst haben und die armen Tiere deshalb ausgestorben sind. Die Einhörner hatten dann leider während der Fahrt einen kleinen Unfall. Die Tatsache, dass sich Keiner fragt, warum neben Noa niemand auf der Erde noch ein Schiff besessen hat, find ich allerdings merkwürdig.«
Der Heimwerker Raum versprühte den rustikalen Flair einer mittelalterlichen Folterkammer. Die Gerätschaften ließen mein Blut gefrieren. Bisher wuchs ich behütet abseits solcher Dinge auf. Von dem Erbe meiner Großväter – der eine war Bergmann, der andere Schmied »auf’er« Zeche – hatten sich bisher keinerlei genetische Spuren manifestiert.
Vielleicht würde sich das heute ändern.
Ich gab mir einen Ruck. Heute würde ich, meine eigene kleine Arche zu bauen. Ein paar Bretter und Werkzeuge lagen vorbereitet in Reihe und Glied auf den Tischen.
Jeweils drei von uns sollten ein Schiff bauen. Ob meine Standard-Clique mich wirklich weiterbrachte, stand in den Sternen. Eigentlich hätte ich viel lieber mit Daniel und Jörg gebastelt, da ich deren handwerklichen Begabungen für solider einstufte.
Boris wusste allerdings sofort, wie er die einzelnen Teile zusammenfügen musste. Er schien den Bausatz nach nur einem einzigen Blick verinnerlicht zu haben. Während wir die Bausubstanz begutachteten, hielt sich Anja unerwartet dezent im Hintergrund.
Sie sah uns nur teilweise interessiert zu, so wie die klischeehafte Hausfrau aus den 60gern die Arbeit eines Klempners begutachtet. »Ich dachte, Mädchen können grundsätzlich Alles besser als Jungen.« Diesen Kommentar konnte ich mir nicht verkneifen.
»Mädchen sind so schlau, dass sie wissen, wann es besser ist, Jungs für sich arbeiten zu lassen.«
Ein Holz prüfend vor sich haltend, sagte Boris: »Wir müssen alle Bretter erst einmal auf eine Größe sägen. Ich mess das mal ab.«
Nachdem er eine kaum wahrnehmbare Markierung hinterlassen hatte, überreichte er mir das Holz. Ich versuchte mich mit der Säge.
Es dauerte genau drei Pflaster, bis ich alle Bretter gesägt hatte. Die Schnitte gingen zum Glück nicht tief. Sie brannten allerdings wie die Hölle und bluteten so sehr, dass man die Spuren meiner Arbeit gut nachverfolgen konnte. Anja lachte, immer wenn ich mich erneut zersägte.
»Du bist als Handwerker die absolute Null. Du könntest allerdings bei einem Zauberer, als durchgesägte Jungfrau anfangen. Jedenfalls solange dem Zauberer egal ist, welches Geschlecht die Jungfrau hat.«, sagte sie.
»Ich werde ihn nicht als Maschinen-Ingenieur in meinem Raumschiff einstellen. Er sollte vom Antrieb einen möglichst großen Abstand halten.«, lachte Boris.
»Du wärst überrascht, was ich alles kann, solange ich nur einen Computer vor mir habe. Mein C64 programmiere ich selbst.«
Anja verdrehte die Augen. »Es war klar, dass Du jetzt damit anfängst. Einen Brotkorb zu programmieren, ist für niemanden eine Herausforderung.«
Frustriert erhob ich den Hammer und landete ihn zielsicher auf meinem Daumen, der gut zwei Zentimeter vom anvisierten Nagel entfernt lag. Mit einem Schrei ließ ich den Hammer fallen, der direkt auf meinem Fuß landete.
Boris konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Er sagte: »Für Dich sollte man Schuhe mit Stahlkappe bereitstellen. Besser man packt Dich gesamt in Gummi. Es ist ja schon gefährlich, mit Dir am selben Tisch zu sitzen.«
Ich funkelte ihn böse an und hob den Hammer vom Boden. Mein Fuß schmerzte, genauso wie meine Hand. Mit einem Blick, der auf hundert Meter, Butter geschmolzen hätte, reichte ich Boris den Hammer.»Wenn Du es besser kannst, dann mach es selbst.«
Anja sagte: »Och, jetzt ist der Kleine aber eingeschnappt.«
Es war, als hätten Anja und Boris sich gesucht und gefunden. Sie plauderten den gesamten Nachmittag bis zum Schlafengehen miteinander. Dabei besprachen sie ein so breites Themenspektrum, dass einem vom Zuhören schwindelig wurde.
Ich rieb mir in der Zwischenzeit die Wunden. Außerdem bewunderte ich unauffällig Julia. Das Gespräch von Anja und Boris interessierte mich nicht.
Julia war beim Handwerken mit Daniel in einer Gruppe. Der hatte fast die gesamte Arbeit an sich gerissen. Am Ende hielt er strahlend ein dreistöckiges Ungetüm in die Höhe.
Unser Produkt war eher ein lächerliches Floß, mit gefährlich hervortretenden Nägeln und schlecht geleimten Brettern. Die Seetüchtigkeit war arg zu bezweifeln. Wahrscheinlich wäre Noa mit unserem Modell schon vor Anbruch der Sintflut auf dem Trockenen gekentert. Zumindest hätte das Aussehen der Arche alle Tiere verscheucht.
Jörg, der eine Gruppe mit Heiko und Hanna gebildet hatte, war ebenso erfolgreich, wie sein Bruder.
Ich neige nicht zur Eifersucht, die bewunderten Blicke von Julia in Richtung Daniel und Jörg machten mich trotzdem wütend. Heiko sah man an, dass er unglücklich war. Er kauerte auf seinem Stuhl und hatte augenscheinlich Angst, dass irgendjemand ihn bemerkte. Der Vergleich mit einer Schildkröte brannte sich in mein Gehirn. Sein Kopf blickte die gesamte Zeit in Sarahs Richtung. Sie schien der Nordpol seiner Kompassnadel zu sein.
Beim Abendessen wurde Boris so laut, dass ich seine Worte nicht länger ignorieren konnte. Er versicherte uns, dass das Wetter morgen besser sein würde. Er sagte, dass man das gut an der Wolkenbildung erkennen könne.
»Welche Wolkenbildung?«, fragte ich.
»Wenn man einen Satellit im Orbit hat, kann man die Wetterentwicklung für den nächsten Tag recht präzise vorhersehen. Im Moment nähert sich ein Hoch aus dem Westen, welches uns ein paar sonnige Tage bringen sollte.«
»Du klingst so, wie die Jungs im Fernsehen.«, sagte Anja.
Ich nahm einen Bissen von meinem Brot und sagte: »Die gesamte Situation erinnert mich eher an einen Videofilm.«
»Es muss eine tragische Komödie mit Antiheld sein, wenn Du mitspielst.«, sagte Anja.
»Vielleicht bekommt er für seine Leistungen noch den Oskar. Die Slapstick beim Heimwerken waren auf jeden Fall genial.« Boris lachte herzhaft.
»Ich meine natürlich die Geschichte mit dem Raumschiff erinnert mich an E.T.«
Boris blickte mich fragend an. »Was hat der Jesus-Film jetzt damit zu tun?«
»Was meinst Du jetzt damit?«
»Na denk einmal über die Handlung nach. Ein Außerirdischer kommt in einem Stall auf die Erde. Er will andauernd mit seinem Vater sprechen. Er heilt die Menschen, wird von der Obrigkeit gefangen genommen, stirbt und steht nach drei Tagen wieder auf, nur um anschließend zum Himmel aufzufahren. Wenn die Geschichte nicht geklaut ist, weiß ich nicht, wie deutlich man es noch machen muss.«
»Wenn Du es so zusammenfasst, ergibt es sogar einen Sinn. Ich meinte allerdings Deine Uhr, mit der Du nach Hause telefonieren kannst.«
»Denken wir lieber darüber nach, wie wir das Gold bekommen.«, sagte Boris.
Boris hatte tatsächlich recht. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, schien draußen die Sonne. Das Wetter gab uns neue Energie. Alle waren vergnügt. Nur die Bibelstunde stand uns noch im Weg. Wir wollten nach draußen.
Das dröge Thema an diesem Morgen, war der Turmbau zu Babel. Ich war etwas erleichtert, dass man den Zwischenteil im 1. Buch Moses mit dem Stammbaum übersprang. Die Bibel kann an einigen Stellen sehr langatmig sein.
Ich kann mich kaum noch an die Bibelarbeit erinnern. Während der gesamten Zeit sah ich entweder zu Julia, die in der Sonne, die durch die Fenster fiel, aussah wie ein Engel, oder ich sah nach draußen.
Ich weiß noch, dass Boris Anja fragte: »Wie gelingt es uns, die Sportstunde zu schwänzen?«
Sie antwortete: »Es gibt hier kein Pflichtprogramm. Wenn wir nicht teilnehmen wollen, wird uns keiner dazu zwingen. Allerdings werden wir erklären müssen, was wir stattdessen machen. Sebi sagte ja schon vorgestern, dass es merkwürdig erscheinen wird, wenn wir alle Drei gleichzeitig fehlen.«
Mir kam eine Idee, wie wir das Problem lösen konnten. Nach der Bibelstunde ging ich zu Siegfried, der mich lächelnd empfing.
»Hast Du noch Fragen zum Turmbau?« »Ne die Geschichte und deren Moral ist ziemlich einleuchtend. Wenn Du besser sein willst als Gott, wird er Dich mit einer anderen Sprache strafen. In dem Zusammenhang wundert es mich nicht, dass die hochnäsigen Schwaben so komisch sprechen.«
Einen Augenblick sah mich Siegfried verwirrt an. Er wartete anscheinend auf etwas. »Eigentlich wollte ich nachfragen, ob wir heute Nachmittag die Schnipseljagd nachholen werden?«
Über das gesamte Gesicht strahlend sagte Siegfried: »Auf jeden Fall.«
»Dann wäre es vielleicht hilfreich, wenn wir uns heute früh noch einmal im Wald umschauen dürften. Ich war vorgestern fasziniert von der Schönheit des Waldes. Spricht was dagegen, wenn Boris, Anja und ich heute Morgen einen Waldlauf unternehmen?«
Siegfried legte seine Stirn in Falten. Er dachte kurz nach. »Es gibt einige Bereiche, in die solltet ihr nicht gehen. Die eine Ecke grenzt direkt an die Autobahn. Geht dort bitte nicht an die Fahrbahnen.
Außerdem treibt euch bitte nicht am alten Steinbruch herum. Es gibt die merkwürdigsten Gerüchte über diesen Ort.«
»Welche denn?«
»Ich habe mal mit einem älteren Mann im Dorf gesprochen. Er meinte, dass der Steinbruch damals geschlossen wurde, weil sich während der Arbeit, die Erde geöffnet hätte. Vier Arbeiter sind damals ums Leben gekommen. Gott hat die Menschen für ihre Gier bestraft.«
»Wir werden diese Gebiete meiden.«, sagte ich. Während ich das sagte, wurde mein Kopf heiß.
Boris und Anja warteten hinter der Tür. Sie hatten das Gespräch belauscht.
»Hättest Du Herrn Berkowitz gefragt, wäre die Antwort sicherlich anders ausgefallen.«, sagte Boris. Er klopfte mir auf die Schulter.
»Wir sollten los, bevor er sich mit seinem Freund unterhält. Dann könnten wir tatsächlich noch mit einer Absage rechnen.« Anja wedelte ungeduldig mit der Hand.
»Ich muss mich noch umziehen.«, sagte ich. Für den Wald brauchte ich definitiv andere Schuhe als die Hausschuhe, die ich im Moment anhatte.
Ich schlüpfte schnell in die verdreckte Jeans vom letzten Geländespiel, streifte mir die matschigen Schuhe über und rannte zur Treppe.
Siegfried stand am Treppenende. Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Bitte renn nicht im Treppenhaus und auf den Gängen.«
Etwas langsam erklomm ich die Stufen.
Auf der Treppe kam mir Herr Berkowitz entgegen, der mich prüfend ansah. Als ich an ihm vorbeieilte, zuckten seine Hände. Für eine Schrecksekunde dachte ich, dass er nach mir greifen würde. Stattdessen drehte er sich wieder um.
Ich sah, wie er zu Siegfried ging. Meine Schritte wurden schneller, ohne das festgelegte Tempolimit innerhalb dieses geschlossenen Ortes zu brechen.
Als ich draußen ankam, standen Anja und Boris schon vor der alten Holzbank und warteten. Ich musste erst tief Luft holen.
»Wir müssen uns beeilen. Wenn wir zu langsam sind, erwischt uns Herr Berkowitz.«
Ohne zu antworten, liefen Anja und Boris los. Wir brauchten vielleicht 2 Minuten bis zum Wald. Ich sah, wie sich die ersten Fußballspieler auf dem Platz versammelten. Jörg winkte uns. Daniel war nicht zu sehen.
Als wir fast zwischen den Bäumen eingetaucht waren, hörte ich jemand nach uns rufen. Es klang nach Herrn Berkowitz. Dann waren wir aus dem Sichtfeld.
Bei der ersten Gabelung stoppte uns Boris. Er sah sich um. »Wir können nicht auf dem direkten Weg zum Steinbruch. Wir müssen erst sicherstellen, dass wir nicht verfolgt werden.«
»Wenn wir verfolgt werden, dann ist es allerdings auch nicht von Vorteil, wenn wir hier Wurzeln schlagen.«, sagte Anja.
Nickend setzte sich Boris wieder in Bewegung. Allerdings blieb er nicht auf dem Weg. Er rannte direkt durch die Sträucher in das Zwielicht des Waldes. Kopfschüttelnd rannte ihm Anja hinterher, allerdings nicht, ohne zu brüllen: »Wir werden genügend Spuren hinterlassen, wenn wir querfeldein laufen.«
Schon nach wenigen Metern zogen Zweige und Dornen an meiner Kleidung. Ich riss mich los und rannte weiter. Vor mit taumelte Boris. Er hatte sich in einem Loch verfangen. Beinahe wäre er gestürzt, hätte Anja ihn nicht im letzten Augenblick von hinten gestützt.
Ein unterdrücktes Fluchen erklang.
»Ich will ja nicht sagen, dass ich recht hatte, aber ich hatte recht.«, sagte Anja, »Wir sollten so schnell wie möglich zurück auf einen Weg.«
Kopfschüttelnd sagte Boris: »Wir rennen noch eine Weile weiter. Dann warten wir. Wenn uns jemals folgt, werden wir das hören.«
Dann drehte er sich um. Er sprang über ein kleines Gebüsch. Anja folgte ihm.
Ich setzte zum Sprung an, blieb allerdings mit dem linken Fuß an einer Wurzel hängen. Die Schwerkraft ließ mich direkt hinter dem Gebüsch mit dem Gesicht auf den Boden klatschen. In diesem Augenblick hasste ich die Gravitation.
Schnell rappelte ich mich auf, wischte ein wenig Dreck von meiner Kleidung und sagte, mit so viel Selbstsicherheit, wie ich aufbringen konnte: »Ist nichts passiert.«
Anja war stehen geblieben. Sie sah mich an. »Der arme Boden. Du solltest Ihn aus Deinem Mund wischen. Selbst Nilpferde bewegen sich im Allgemeinen graziler.«
Hektisch ruderte Boris mit den Armen: »Wir müssen noch ein kleines Stück. Dort drüben ist der Weg.«
Boris schlug einen großen Bogen um den Steinbruch, nur um von der anderen Seite die Lichtung zu betreten. Er schaute sich zu allen Seiten um, während er vorsichtig den schützenden Wald verließ.
Anja flüsterte mir zu: »Bei der Vorsicht würde ich mich an seiner Stelle einmal auf Paranoia untersuchen lassen. Die Vorkehrungen die er trifft sind doch völlig übertrieben.«
Das Grünzeug, hinter der die Tür verborgen lag, befand sich jetzt direkt vor uns. Die Bäume und Büsche vor dem Eingang waren mir vorgestern gar nicht so groß vorgekommen. Die Tür war dahinter nicht zu sehen.
»Die Pflanzen müssen schon vor Einbau der Tür hier gewesen sein. Wäre dieser Zugang immer sichtbar gewesen, wäre die Höhle kein gutes Versteck.«, sagte ich.
»Die Tür selbst sieht man ebenfalls nur, wenn man danach sucht.« Boris zog das Geäst auseinander. Tatsächlich fügte sich der Zugang perfekt in den Felsen. Die Tür erkannte man nur, wenn man sie sehen wollte. Die Details fielen mir beim ersten Besuch gar nicht auf.
Anja ging um das Grünzeug herum. Sie fuhr mit der Hand über die Stahltür. Danach legte Sie ihre Hand auf das merkwürdige Symbol. Anschließend tastete sie etwas darunter.
»Hier ist das Schlüsselloch. Eine Metallklappe ist darüber angebracht.«, sagte sie.
Das Material der Tür war kaum gealtert. Ich entdeckte keine Rostspuren. Vielleicht waren die Angeln trotzdem schon verwittert? Ich trat gegen das Metall. Ein tiefes Dröhnen erklang, als hätte man einen Gong geschlagen.
Anja sahen mich verärgert an. »Du musst nicht unbedingt auf uns aufmerksam machen. Das brauchen wir jetzt wirklich nicht. Oder binden Dir Deine Elter zu Hause zur Vorsicht immer eine schwere Kuhglocke um den Hals?«
»Es war einen Versuch wert.« »Warum Gewalt, wenn wir einen Schlüssel haben?«, sagte Boris und griff sich unter sein T-Shirt.
Die drei dreieckigen Gebilde am Stab schlugen gegeneinander. Boris versuchte sie, in das Schlüsselloch zu stecken. Nach ein paar Minuten gab er es auf.
Anja hatte die Arme verschränkt und lehnte gegen den Berg. Sie schüttelte mehrfach mit dem Kopf. »Das kann so nicht funktionieren. Wie kann man ein Schloss mit so einem komischen Ding aufschließen. Die Dinger müssen am Griff fixiert werden, sonst kannst Du das ewig probieren.«
Boris blickte sie an. »Hast Du eine Idee, wie das klappen könnte?«
Sie nahm ihm den Schlüssel umständlich ab, in dem sie die Kette, an dem er hing, über Boris Kopf streifte. Dann spielte sie mit den vier Teilen.
»Hier sind kleine Einkerbungen, als könnte man die Dinger darin gegeneinander befestigen, so dass sie fixiert sind. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie das klappen könnte.«
Ich griff nach dem Schlüssel, doch Anja zog ihn zurück, so dass meine Hand ins Leere griff. »Warum meinst Du, dass Du das besser kannst? Mädchen verstehen mehr von Technik, als Du denkst.«
»Ich wollte ihn mir nur anschauen.« »Vielleicht versuchst Du einfach, diese Dreiecke aneinander festzumachen, und wir schließen die Tür auf?«, sagte Boris.
Anja drehte und wendete die Dreiecke in ihrer Hand. Dann schüttelte sie ihren Kopf. Mit hochrotem Kopf versuchte sie zwei Dreiecke ineinander zu schieben.
Boris schaute auf seine Uhr. »Wir haben nicht so viel Zeit. Eigentlich sollten wir uns gleich auf den Heimweg begeben.«
Ich sah mir noch einmal die Tür an. Meine Hand wanderte über das Emblem. »Was sind das hier für Zeichen?«
Boris und Anja starrten auf die Tür. Das eingestanzte Logo zeigte drei Berge, die einander überlappten.
»Könnte das die Lösung sein?« Ich deutete auf die Zeichen vor uns. Die beiden Anderen blickten auf die Skizze.
Nach einer Weile sagte Anja: »Vielleicht ist das tatsächlich ein Tipp, allerdings bringt er uns nicht weiter. Wir müssen herausfinden, wie man die Teile ineinander befestigt.«
Boris nahm Anja den Schlüssel aus der Hand. »Wir müssen jetzt wirklich los. Unsere Zeit wird knapp.«
Anja betrachtete weiter die Symbole. »Ich glaube, dass sich die Nazis absichtlich keine genaue Lösung gegeben haben. Sie brauchten einen Hinweis, allerdings wusste jeder von ihnen, was grundsätzlich zu tun ist. Wir müssen uns den Mist erst erarbeiten.«
»Du meinst, es wäre so, als würde jemand etwas beschreiben – wir müssten allerdings erst einmal seine Sprache lernen, um ihn zu verstehen?«
Boris zog an meinem Arm. »Jetzt kommt endlich, bevor man uns hier erwischt.«
Schnell sah er sich um. »Wir nehmen den gleichen Weg zurück.«. Dann rannte er in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Anja folgte ihm und als Letzter setzte ich mich in Bewegung.
Der Rückweg erschien mir viel länger als der Hinweg. Der Umweg, den wir genommen hatten, um die Lichtung zu umrunden, kam mir endlos vor. Wir stoppten in der Mitte und nahmen eine kleine Auszeit.
Mit versteinerter Mine sagte Anja: »Der Ausflug hat sich überhaupt nicht gelohnt. Wir sind immer noch so schlau wie vorher.«
»Zumindest weißt Du jetzt, dass da tatsächlich eine Tür ist.«, sagte ich.
»Das bringt überhaupt gar nichts. Wir wissen nicht, wie man die Tür öffnet, wissen nicht, was hinter der Tür ist und ob das Gold wirklich da ist.«
»Wir sind immerhin noch ein paar Tage hier. Da werden wir das Rätzel bestimmt lösen können.«
»Soweit es mich betrifft, bleibe ich nur, so lange ich muss. Diese Bibelarbeiten und das Singen geht mir auf den Geist.«, sagte Boris. Er sah verdrießlich in den Wald, als würde er jemand suchen.
»Wir wären auch glücklicher, wenn Du uns sofort mit Deinem Raumschiff mitnimmst.«
»Diese drei Teile müssen doch irgendwie festzumachen sein. Wenn das Nazis konnten, müssten wir das auch hinbekommen.«, sagte Anja.
Sie lachte auf. »Es waren sogar männliche Nazis. Wir werden es bestimmt schaffen. Ihr habt Glück, dass ich dabei bin.«
»In Deinem Selbstvertrauen kann man ohne weiteres schwimmen.«, sagte Boris. Er fügt hinzu: »Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich darin ertrinken könnte. Bis zum Hals stehe es mir auf jeden Fall.«
»Was willst Du jetzt damit sagen?«
»Er meint, dass Du in Gefahr stehst, Dich selbst zu überschätzen. Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren.«, sagte ich.
Auf dem Weg zurück planten wir einen ungestörten nächtlichen Ausflug, um das Rätzel der Tür zu lösen. Dabei hatte Boris die gesamte Zeit Angst, dass man uns belauschte. Er blickte sich immer wieder um. Zunächst würden wir den Schlüssel zusammensetzen. Dafür hatten wir den gesamten Nachmittag. Das Geländespiel war perfekt. Keiner von uns glaubte, dass wir den Schlüssel schon vorher fertig hatten. Außerdem wäre die Gefahr, dass man uns nachts folgte, viel geringer. Wir würden auch nicht unter Zeitnot stehen.
Wenn wir später in der Nacht aufbrachen, war es wichtig, zu warten, bis die Anderen schliefen. Erst dann konnten wir unbemerkt aus dem Haus entfliehen.
Ich blickte zu Boris. »Die Anderen werden mitkommen wollen. Du hast ihnen gesagt, dass die Sache steigt, sobald das Wetter es zulässt. Sie wollten schon gestern Nacht raus.«
»Ich werde mir etwas einfallen lassen, dass sie ruhig stellt. Wir können heute noch niemand mitnehmen, da wir zunächst die Tür öffnen müssen.«
Wir traten aus dem Wald und konnten das Fußballfeld erkennen, auf dem Daniel gerade eine Attacke gegen die gegnerische Mannschaft lief. Er traf das Tor in der rechten oberen Ecke und der Ball prallte am Pfosten ab.
Herr Berkowitz stand am Spielfeld und beobachtete das Geschehen. Wir versuchten, an ihm vorbeizuschleichen, doch er drehte sich genau in dem Moment um, als wir direkt hinter ihm standen.
»Was habt ihr im Wald gemacht?«, fragte er.
»Wir wollten uns umsehen, damit wir wissen, was uns heute bei der Schnipseljagd erwartet.«
»Ihr wolltet euch einen Vorteil verschaffen?«
»Die Meisten sind schon oft hier gewesen. Sie kennen den Wald auswendig. Es wäre nicht fair, wenn wir Neuen die meisten Probleme hätten.«
Herr Berkowitz sah uns der Reihe nach an. Er hatte die Arme verschränkt und blickte über seine Brille auf uns hinab. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Ich mag es gar nicht, wenn man sich von der Gruppe absetzt. Wir haben hier eine Freizeit mit vielen Kindern. Wir können nicht auf jeden von euch aufpassen. Das nächste Mal unterlasst bitte solche Alleingänge. Das ist nicht im Sinne einer christlichen Gemeinschaft.«
»Sie meinen es wäre besser, wenn wir alle händchenhaltend zusammen herumturnen würden. Am besten ohne Individualität und Persönlichkeit?« Anja funkelte Herrn Berkowitz böse an.
»Anja, Du kommst aus einer guten Familie. Ich kenne Deine Eltern schon sehr lange, da sie auch zu unserer Gemeinschaft gehören. Sie haben mir Dein Leben anvertraut. Es geht hier nicht um Individualität, sondern darum, dass ich für eure Sicherheit verantwortlich bin. Außerdem mag keiner Außenseiter, die sich nicht in die Gruppe eingliedern wollen.«
Etwas Merkwürdiges geschah mit Anja. Vielleicht hatte sie eingesehen, dass eine weitere Diskussion keine Ergebnisse bringen würde. Auf jeden Fall sagte sie plötzlich: »Ja, Sie haben Recht.«, drehte sich um und ging zum Haus.
Wir folgten ihr.
Boris flüsterte: »Sie mögen keine Außenseiter?«
»Die meisten Christen fühlen sich selbst als Außenseiter in der Welt. Es wäre tragisch, wenn es unter den Außenseitern noch Außenseiter gäbe. Die wären dann schon fast Mainstream.«
Boris schüttelte den Kopf und sagte: »Verstehe ich nicht.«
Alle Energie floss in die Lösung des Schlüsselproblems. Während der Bibelstunde tüftelte Boris die gesamte Zeit verdeckt an dem Schlüssel. Er schob und zog, konnte allerdings keinen Teil an einem anderen verkeilen. Nach einer halben Stunde riss Anja Boris den Schlüssel aus den Händen. Ihre Mine war verkniffen. Auch sie probierte es eine halbe Stunde, war dann jedoch so genervt, dass ihre Hände zitterten.
Diesmal war ich an der Reihe. Im Gegensatz zu den Beiden studierte ich die Komponenten genau. Die Kerben schienen völlig zufällig angeordnet zu sein.
Durch ein vorsichtiges Verschieben gelang es mir, zwei Teile so anzuordnen, dass sie sich gegenseitig verzahnten. Mit einem leisen Klick hingen sie auf einmal zusammen.
Herr Berkowitz sah strafend in meine Richtung. Wahrscheinlich hatte er das Klicken gehört.
»Was meinst Du denn zur Geschichte von Sodom und Gomorra?«
»Würde die Geschichte verfilmt, würde ich sie wahrscheinlich noch nicht sehen dürfen. Dieser strafende Gott kommt mir sowieso etwas merkwürdig vor. Er scheint innerhalb der Bibel eine 180° Wende gemacht zu haben.«
»Wir müssen Gott auch fürchten. So wie es in der Bibel in Jesaja 40:10 steht: ›Denn siehe, der HERR HERR kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, sein Lohn ist bei ihm und seine Vergeltung ist vor ihm.‹.«
»Über das ›Gewaltige Kommen‹, sollten wir noch einmal reden«, flüsterte Anja von der Seite. Boris hielt beide Hände vor den Mund. Ich konnte nicht verstehen, warum er das tat.
Herr Berkowitz sagte: »Gott ist groß und wir haben einen Grund ihn zu fürchten. Doch durch Jesus ist er uns näher gekommen.«
»Sein Sohn hat bei ihm wohl einigen Eindruck hinterlassen. Er ließ seinen Vater einiges überdenken. Gar nicht mal schlecht für jemanden, der keinen vernünftigen Job hatte, die gesamte Zeit getrampt ist und am Ende gerne einfach so abhing.«, sagte Anja.
Herr Berkowitz verdrehte erneut die Augen. »Jesus war Zimmermann, wie sein Vater.«
»Bezeichnend, dass er hinterher so viele Probleme mit einem Stück Holz hatte. Er muss nicht sehr gut in seinem Job gewesen sein.«, flüsterte Boris.
Ich schob ihm den Schlüssel zurück in die Hand und er sah das Ding staunend an. »Du hast das erste Teil befestigt!«
Anja schüttelte den Kopf. »Bevor ihr jetzt jubelnd herumlauft, muss ich euch Hohlbirnen sagen, dass das nur einer von drei Schritten ist. Wir müssen das Gebilde hinterher noch an dem Stab anbringen.«
»Wir haben aber zumindest einen Anfang.«
Herr Berkowitz sah immer noch strafend in unserer Richtung. Ich nickte ihm freundlich zu. Er verdrehte die Augen und machte mit seiner Predigt über die Angst vor Gott weiter.
Nach der Bibelstunde zeigte mir Boris strahlend die Dreiecke. Sie bildeten eine feste Einheit. Anja riss ihm den Schlüssel aus der Hand. Ihre Mundwinkel berührten fast ihr Kinn. Ihr war nicht klar, wie wir das ohne sie hinbekommen hatten. Kopfschüttelnd sagte sie, dass sie das Gebilde sofort am Stab befestigen würde. Wenn sie schnell genug war, könnten wir vielleicht schon während des Geländespieles die Tür öffnen. Anschließend ließ sie die Kette in ihrer Hosentasche verschwinden.
Boris war über ihre Idee nicht glücklich. Er meinte, dass im Moment viel zu viele Leute im Wald waren, um ungestört arbeiten zu können.
Wir waren nicht nur in der Bibelstunde abgelenkt. Wir dachten nur noch an die Nacht. Unsere Sinne waren Kompassnadeln, die auf unseren Plan ausgerichtet waren. Selbst die große Jägerin Anja war nicht scharf auf das Geländespiel, wie es normalerweise der Fall war.
Wir suchten ewig nach den versteckten Hinweisen. Auf kleinen Papierkarten waren Fragen zu biblischen Geschichten aufgeschrieben, die wir beantworten mussten. Auf der Rückseite bekamen wir dann Hinweise, wo die nächste Frage zu finden sei.
Wir drei waren eine Gruppe. Diesmal konnten der alte Berkowitz und Siegfried uns nicht trennen.
Auf dem Weg trafen wir Daniel, Julia und Hanna, die gemeinsam suchten. Daniel baute sich vor uns auf. Er flüsterte verschwörerisch: »Geht es heute Nacht los?«
Den kopfschüttelnd sagte Boris: »Wir werden es auf morgen verschieben. Da ist noch ein kleines Problem mit dem Schlüssel.«
Sarah lehnte sich über Daniels Schulter. »Können wir helfen?«
»Nein.«, sagte Anja.
»Worum geht es?«, fragte Hanna.
»Der nächste Hinweis für eure Jagd, liegt gleich dadrüber hinter dem Baum.«, sagte ich und zeigte in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
»Du sagst Ihm jetzt aber bitte nicht, wo wir schon waren!« Sarah blickte fragend in Daniels Richtung. Der machte eine eindeutige Handbewegung, die die Richtung verriet und sagte: »Wir müssen ihnen ja nicht direkt sagen, unter welchem Stein sie zu suchen haben.« Er blinzelte dabei in Richtung Anja. Kaum hatte er das gemacht, war seine Gruppe auch schon unterwegs. Sie hatten es augenscheinlich eilig.
»Seine Charmeoffensiven sind ziemlich klebrig.«, sagte Anja.
»Nur weil sie bei Dir nicht ankommen, heißt das noch lange nicht, dass er unsympathisch ist.«, sagte ich.
Natürlich fand Anja den nächsten Hinweis. Sie tänzelte um den Stein herum, wedelte mit dem Zettel durch die Luft und schrie »Wie schreibt man Ass?«
Langsam und für alle deutlich buchstabierte ich: »A-A-S«
Sie funkelte mich böse an. Ich musste lachen.
»Was steht denn diesmal drauf?«, sagte Boris.
»Wie viele Geschwister hatte Josef?«
Ich schüttelte den Kopf. »Die Frage ist nicht zu beantworten. In der Bibel steht lediglich, dass er zwölf Brüder hatte. Nur eine Schwester wird erwähnt, die sich stark zu anderen Frauen hingezogen fühlte. Man muss davor ausgehen, dass es noch mehr Schwestern gab.«
»Die Frauen kommen in diesem Buch nicht wirklich gut weg. Sie werden einfach ausgelassen.« Anja zeigte ihre Wut, indem sie einen Stein so hart trat, dass er erst in einem gefühlten Kilometer erneut den Boden berührte.
»Was erwartest Du von einem Buch, welches laut christlichem Glauben ein alter Mann mit grauem Bart diktiert hat. Sei froh, dass überhaupt Frauen darin auftreten.« Boris lachte.
»Ich würde es anders schreiben.«, sagte Anja, »Und vielleicht mache ich das auch mal.«

Ein Kommentar zu „Frühling 2017 – Kapitel 3

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