Der Herbst hält nicht, was er mir versprochen hatte, als ich ihn letztens getroffen habe. Eigentlich muss es mir damals schon klar gewesen sein, dass man von so einem Tropfkopf nichts erwarten kann.
Kaum hatte er meine Hand ergriffen, wurde mir kalt und klamm. Kein Typ der einem sofort sympathisch ist. Sicherlich hat er auch einige positive Seiten – in dem Augenblick hatte ich sie allerdings nicht gesehen. Er kam mir irgendwie unterkühlt und nass vor.
Dazu kommt allerdings, dass sich gerade dieses Jahr so viele auf den Weg gemacht haben, um den Herbst hier in der Wüste der Moral zu erleben. Sie applaudieren und singen ihm ihre Lieder. Die klingen komisch und fremd.
Was ist an unserer Tonleiter so verkehrt? 8 Töne und ein paar halbe sind doch wirklich genug oder?
Trotzdem hat der Herbst sie willkommen geheißen und klatsch begeistert in die Hände, sobald er sie sieht.
Entscheiden kann ich mich noch nicht. Ist steht nur fest, dass sich etwas ändern wird. Vielleicht sollte ich auf Winter warten?
Im Moment bin ich auf Herbst jedenfalls nicht so gut zu sprechen.

Aber-Menschen und der Durchschnitt

Der Herbst saß mir heute in der Kantine gegenüber. Von seiner Nase tropfte es auf den Tisch. Glücklich war er augenscheinlich nicht.
Er sagte: „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ Da musste ich ihn unterbrechen. Mein Kopf flog von der einen, zur anderen Seite und ich sagte: „Alles was vor dem ABER kommt, wird mit dem Satzteil dahinter negiert.“
Der Herbst guckte irritiert. Kurz hielt er inne, ließ sich dann allerdings nicht mehr stoppen: „Denkst Du nicht, dass der Landsmann im Augenblick, aufgrund der Betrügereien und Bestechungen einen schlechten Leumund erhält?“
Ich wäre fast an meinem Broccoli erstickt. Als ich erneut Luft bekam, sagte ich: „Meinst Du nicht, dass der Leumund sowieso beschissen war?
Der Landsmann ist eigentlich nur für zwei Dinge bekannt (wenn man mal von der starken Liebe zu David Hasselhoff absieht) und das sind

  1. die abstoßende Hässlichkeit und

  2. die ebenfalls abstoßende Humorlosigkeit.

Der erste Vorurteil ist schnell zu erklären. Durch die Austausch-Stangenwahre – insbesondere der holden Weiblichkeit als Aushängeschild für das Land, hat es eine Dame geschafft, das Bild ihrer Heimat auf die Netzhaut der Welt zu projizieren.
Dir ist doch sicherlich klar, dass ich von Heidi Klum spreche?“
Ich ließ das Gesagte kurz sacken und sagte dann: „Über die Humorlosigkeit zu diskutieren hat keine Sinn. Das macht die Sache nicht besser.
Von früheren Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit haben die heimkehrenden Urlauber von Außerhalb, nach dem Genuss einer Bahnfahrt, anscheinend nichts mehr übrig gelassen.
Es bleibt dabei: Vielleicht hilft uns ja Bestechung und Betrügereien das Bild des Humorlosen abzulegen. Das wäre doch nur positiv für uns.“
Den Herbst hatte ich mit meiner Rede leider nicht überzeugen können. Wie ich ihn kenne, rennt der gleich weiter zur nächsten Idioten-Demo, nur um zu beweisen, dass er kein Nazi ist. Armer Irrer.

Heute leider krank

Heute war Herbst krank.
Auf seinem Schreibtisch fand ich eine bunte Karte mit den Worten:

„Nach Diktat erkrankt.“

Ich wundere mich was er hat. Wahrscheinlich Margen/Darm. Außerdem wunderten mich seine gestelzte Worte. Wer schreibt denn heute noch „Nach Diktat…“?
Eigentlich sollt mich das nicht überraschen. Schließlich kenne ich Herbst ja schon fast mein ganzes Leben. Er gehört definitiv zu den konservativen Leuten. Daran muss ja nichts schlimmes sein.
Der Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Nach einem Tipp von heute morgen, kann man einen Leser bestens mit der Ungewissheit und dem Fremden verschrecken. Anscheinend liegt es in unserer menschlichen Natur.
Warum Herbst allerdings diesen Grundwert so überhört und fast zur Phobie stilisiert hat, kann ich mir nicht erklären. Er wird schon leicht panisch, sobald etwas nicht in die Richtung geht, in die es das letzte Jahr gegangen ist. Dabei sagt schon der Volksmund, dass nichts so beständig ist, wie der Wandel.
Herbst ist halt konservativ und damit kann man rechnen. Er spielt den Leuten nicht vor, jemand anderes zu sein. Vielleicht sollte man auch mal mit solchen schlichten Charakterzügen zufrieden sein. Selbst wenn sie befremdlich wirken.

Winter is coming

Herbst ist immer noch nicht an seinem Arbeitsplatz.
Heute fand ich einen Ansichtskarte, auf der er mir viel Spaß wünscht. So langsam bereitet sich Herbst auf Winter vor.
Vorne auf der Karte stand der Satz „Winter is coming“.
Was er damit meint, ist wohl ziemlich offensichtlich. Er spielt darauf an, dass ich lahme Ente, die Winterreifen immer noch nicht anbringen ließ – geschweige denn sie selbst getauscht habe.
Als ich es das letzte mal selbst versucht hatte, bluteten meine Hände noch drei Tage später schwarzes Öl. Ich schwor mir darauf, es lieber machen zu lassen, finde aber keine Zeit um einen Termin zu vereinbaren.
Aber was soll ich sagen – der Kollege Winter ist mir gegenüber weitaus weniger kühl, als er es mal gewesen ist. Früher hatten wir noch unsere Differenzen, aber heute kommen wir prima miteinander aus.
Man muss sich halt nur auf die Leute einlassen, sag ich immer.

Netz Leitfaden und andere Schleichwerbung

Herbst ist wieder da.
Schön dass er gesund ist. Ein Wenig hat er mir gefehlt.
Wir kamen ins Plaudern. Er meint er hatte während seiner Krankheit mal wieder Zeit gefunden, um sich um seine Internetprojekte zu kümmern.
Ich frage ihn, ob er denn genügend Follower habe und er meinte, dass es ihm genügen würde. Zwar hatten seine Brüder und Schwestern mehr als er, besonders Frühling der alte Poser hatte sich extrem gut verkaufen können, aber es genüge ihm.
Ich sagte Herbst, dass ich von einem neuen Leitfaden gelesen hatte. Man sollte sich zurücknehmen, wenn es um Produktplatzierungen gehen würde.
Herbst schnaubte nur. Er sagte: „Ich mache für nichts Werbung.“
Ich glaubte ihm nicht.
Seine Farben sind doch mittlerweile der letzte Schrei. Gerade helle Gelb- und satte Rottöne sind bei einige Sportwagenherstellern nicht mehr wegzudenken.
Ich fragte ihn, ob er damit etwas zu tun habe und er sagte, man wäre fast ganz alleine darauf gekommen. Das wären halte die Farben von Mutter Natur.
Ist ja schön, dass er zurück ist, aber auf die Nerven gehen mir solchen Phrasen trotzdem.

Wen hast Du kennengelernt?

Herbst hält nichts vom Internet.
Alle Leute, die damit zu tun haben, haben seiner Meinung nach, einen an der Klatsche. Soweit er sich zurück erinnern kann, hat er noch keinen normalen Typen unter den IT-Kobolden getroffen.
Ich sagte ihm, dass es auch schwer wäre, da sie nicht in seinen Kreisen verkehrten. Meist findet man die Spezialisten eher an ihren Rechnern, als öffentlich zusammen mit Herbst in den Straßen.
Herbst meint, dass das doch der beste Beweis für ihren Wahnsinn ist. Sie könnten sich einfach nicht mit anderen Leuten unterhalten.
Ich sagte Herbst, dass ich da anderer Meinung bin.
Durch das Internet hab ich immer wieder neue interessante Leute getroffen. Vor Jahren war da ein Mädchen aus dem Osten, die mir aus ihrem Leben erzählte. Ein Dorf, welches ihre Hochzeit erwartete, allerdings enttäuscht wurde, da sie sich auf den Typen, den man ihr vorschlug, nicht einlassen wollte.
Oder die Frau, die mir Einblick in ihren Beruf ermöglichte und mir dadurch half, einige Szenen in meinen Geschichten, wesentlich realistischer zu gestalten.
Das Internet hat mich nicht dumm gemacht, sondern mich Leute kennen lernen lassen, die mich interessieren.
Herbst war überrascht. Er meint, ich wäre da eine Ausnahmen. Die anderen sind doch nur eigenbrödlerische Spinner.
Ich beließ ihn in seiner Meinung. Manchmal hat es keinen Sinn Leute von der Wahrheit zu überzeugen.

Fakten Fakten Fakten

Herbst sagte: „So viele Flüchtlinge können wir einfach nicht aufnehmen. Sie überrennen und doch total.“
Ich sah ihn an, schluckte den letzten Rest meines Mittagessen runter und sagte: „Wie viele können wir denn aufnehmen?“
Er riss die Augen auf. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Das weiß ich nicht“
„Was wäre wenn ich Dir jetzt sage, dass an einer deutschen Universität ermittelt wurde, dass ein Mensch durch das Rauchen, niemals so viel Schadstoffe ausstoßen kann, wie eine Fahrt mit dem Auto von Berlin nach Hamburg ausstößt.“
Herbst nickte und sagte, dass das plausibel klingt.
Ich sagte: „Das ist absolut frei erfunden – keine bewiesenen Fakten.
Siehst Du, dass ist das Problem. Ohne statistische bzw. wissenschaftliche Fakten, glauben wir einfach das, was wir glauben wollen.
Wenn wir unsere Reden mit pseudo wissenschaftlichen Phrasen ausschmücken und an die Intelligenz des Zuhörers appelieren,  neigen diese dazu das Gesagte zu glauben. Solange wir nicht wissen, wie viele wir aufnehmen können, werden wir auch nicht wissen, wie viele zu viel sind.“

Ratten

Herbst sagte: »Die Flüchtlinge werden unsere Kultur verändern.«Ich musste lachen. Als ob Herbst vorher soviel von unserer Kultur gehalten hätte. Eigentlich war gerade er es, der sich immer über das Land beschwert hatte.
Ich sagte: »Stell Dir vor, wir haben zwanzig Ratten in einem Käfig.
Sie sind schon lange da drinn und kennen sich gut.
Sie sind alle grau und langweilig.
Jetzt gibst Du drei neue, weiße Ratten in den Käfig.
Was wird passieren?«
Herbst zuckte und sagte: »Keine Ahnung – erzähl es mir«
Ich sagte: »Ich habe auch keien Ahnung. Vielleicht übernehmen die neuen Ratten die Gesellschaft und töten die zwanzig anderen. Das wäre allerdings sehr unrealistisch.
Vielleicht töten die grauen Ratten ja auch die Neuankömmlinge. Das wäre sehr schade.
Ich bin davon überzeugt, dass man nach einiger Zeit viele neue bunte Ratten im Käfig hat.
Um es anders auszudrücken – die Kultur wird sich ändern. Solange wir jedoch nicht die neuen Ratten im Käfig umbringen, könnte eine neue Kultur entstehen.«
Herbst sagte, dass es immer noch Ratten sind. Ich nickte nur.

Bunte bling-bling Welt

Heute war Frau Facebook da.Meiner Meinung nach, ist sie eine Tratschbase mit viel zu viel Schminke und einem Hang zur Melodramatik. Trotzdem unterhalte ich mich gerne mit ihr. Ich will halt auch auf dem Laufenden bleiben.
Frau Facebook klagte mir ihr Leid. Herbst verdrehte dabei die Augen. Er kann die Dame gar nicht ab. Soweit er das beurteilt, jammert sie zu sehr über ihre Depressionen, immer wenn er in die Nähe ist.
Mir ist das auch schon aufgefallen. Wir können uns stundenlang gut unterhalten, aber immer wenn Herbst naht, fängt Sie an zu jammern.
Sie sagt dann immer wiedersinnige Sätze, wie „Die Tage werden kürzer.“ oder „Da ist eine Erkältung auf dem Weg.“.
Wie sie auf solche blöden Ideen verfallen kann, erschließt sich mir nicht. Weder weichen Tage von den vorgegebenen 24 Stunden ab, noch können Erkältungen laufen.
Aber die Frau meint es bestimmt nur gut.
Wenn sie mir nur nicht immer alle Meinungen meiner (zum Teil auch nur sehr entfernten) Kollegen auf die Nase binden würde.
Außerdem muss sie jeden Modetrend hinterherhecheln, wie ein räudiger Köter hinter einem Wurstverkäufer.
Eine eigene Meinung hat sie jedoch nicht. Das gefällt mir an ihr wahrscheinlich noch am Meisten.

Kinderbilder

Facebook hatte mich heute extrem lang in ihren Händen.Kaum blickt man mal auf die Uhr – schon sind Stunden vergangen.
Sie sagte, wie schlimm sie es findet, dass Menschen Fotos ihrer Kinder ins Netz stellen.
Wenn ich an die Nackedei-Bilder meiner frühesten Kindheit denke, bin ich glücklich, dass es damals noch kein Internet gab. Mein Vater hätte die Fotos damals bestimmt gepostet.
Heute gilt schon das öffentlich Auftauchen des Gesichts eines Kindes als Strafbestand, den man nicht unter Ausschluss aus der Community bestrafen muss.
Man könnte mit seinem Posting Verbrecher animieren oder auch nur stimulieren.
Zumindest meint das Facebook, die auf ihrer sonst so glatten Stirn, viele runzlige Falten zeigte.
Ich hielt das erneut für theatralisch Überhöhung der Realität. Aber stoppen kann man die Holde nicht.
Sie schüttet viel zu gerne Kinder mit dem Bade aus. Getreu dem Motto: was raus muss, muss raus.

Glauben und Humor

Heute war die kleine Schwester von Facebook da. Praisebook ging mir schon auf die Nerven, als sie mein Büro betrat.Das liegt besonders daran, dass sie sich rechtfertigte, als sie die Tür öffnete.
„Ich weiß, dass ich von normalen Menschen nicht gerne gesehen werde.“, sagte sie. Ich hatte noch nicht einmal die Zeit gehabt sie kennenzulernen und schon ging sie davon aus, dass ich sie nicht mochte – anscheinend so etwas wie eine selbst erfüllende Prophezeiung.
Nach dem Gespräch, hatte ich viele Gründe sie nicht zu mögen.
„Glauben ist heute sowas von out!“. Dabei sah sie mich an, als hoffte sie in meinem Gesicht die Bestätigung zu lesen.
Ich sagte: „Warum?“ „Glauben ist so wichtig und die meisten Menschen machen sich darüber lustig.“
Mir fällt bis heute niemand ein, der sich über eine Person lustig macht, die glaubt. Sicherlich kann man sich über Religionen lustig machen. Aber warum sollte ich sie nicht ernst nehmen, nur weil sie glaubt?
Ich fragte sie, was sie wollte und sie sagte, dass sie sich gerne über ihren Glauben unterhalten würde.
Darauf hatte ich allerdings gerade keine Lust. Es gibt so Situationen in denen hat man einfach keine Zeit. Obwohl ich das sagte, sprach sie fleißig weiter.
Ich bin sicherlich kein unhöflicher Typ. Nach zwanzig Minuten hatte ich allerdings den Kaffee auf und entschuldigte mich.
Zum Glück konnte sie mich nicht auf die Toilette verfolgen.

Neu, neuer, Mist

Herbst erzählte mir heute von einer besonders heißen Neuerung im Internet.
Geocashing gehört ja mittlerweile zu den bekannten Zeitvertreiben einer ganzen Generation von Fortschrittsgläubigen.
Neu ist hingegen Geobashing. Dabei werden Geo-Daten hinterlegt, die man persönlich aufsuchen muss – so weit wo uninovativ.
Sobald man den Ort allerdings gefunden hat, lacht sich eine Gruppe von angeheuerten Schwachsinnigen über den Suchenden lustig.
Wenn er Glück hat, wird er daraufhin auch noch vermöbelt.
Ich fragte Herbst, warum der Sucher überhaupt bei dem Spiel mitmacht.
Darauf wurde mir gesagt, dass die anderen Suchen irgendwie auch blöd sind und man Neues sucht. Außerdem gebe es genügend Masochisten, die auf so einen Scheiß stehen.

Zeitreisen

Manchmal ist sich Herbst sicher, in die Zukunft blicken zu können. Sein Gesicht wird dann immer so verklärt und er spricht in einem merkwürdigen Ton.Heute sagte er: „In nur 150 Jahren wird sich unserer Sprache vollständig geändert haben. Die ersten Beweise dazu, können wir schon jetzt spüren.
Es fängt langsam an, doch die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.“
Ich sah ihn an und sagte: „Du meinst, dass die Ausländer unsere Sprache ruinieren?“
Herbst lachte und schüttelte den Kopf. Er sagte: „Die Änderung kommt nicht von außen. Sie kommt von innen.“
Der Kerl sprach in Rätsel. Für einen Moment überlegte ich, ob es mir nach der Auslösung der Mysterien verlangte oder ob er mir auf die Nerven fällt.
Da es Herbst allerdings eine Herzangelegenheit zu seinen schien, mit mit seiner Offenbarung die Ohren voll zu sülzen, sagte ich: „OK, schieß los…“
Er sagte: „Es wird sich eine zweite Sprache entwickeln, die nur von Vorgesetzten genutzt wird. Diese Sprach klingt fast wie die Landessprache, ist jedoch völlig unverständlich.
Nach ein paar Jahren, werden Übersetzer eingesetzt.
Das hat sehr viele Vorteile.
Der erste ist, dass die Vorgesetzten noch mehr in die Entwicklung ihrer Sprache ein- und abtauchen können. Der Effekt ist, dass sie sich teilweise untereinander kaum noch verstehen.
Der zweite Vorteil ist, dass zwischen den Arbeitern und ihren Vorgesetzten ein Puffer besteht, der zusätzlich vermitteln kann.
Der größte Vorteil jedoch ist, dass bei Fehlern grundsätzlich immer der Übersetzter Schuld trägt und gefeuert werden kann.“
Ich nickte nur. Irgendwie klingt das plausibel.

Weltuntergang

Herbst sagte heute, dass wir in unserem Land schrecklich schlecht auf den Weltuntergang vorbereitet sind. Die Apokalypse würde uns eiskalt erwischen.Ich sah ihn an und wusste nicht was er wollte. „Was willst Du von mir? Wie kann man denn darauf vorbereitet sein?“
Herbst sagte: „Ein gutes Beispiel dafür liefern die Amerikaner. Sie sagen immer, dass man jeden Tag so leben sollte, als wäre es der letzte.“
Ich sagte: „Solche fatalistischen Tendenzen möchte ich nicht teil. Würde ich jederzeit davon ausgehen, das nach mir die Sinnflut käme und überall verbrannte Erde hinterließe, würde ich sicherlich auch nicht glücklicher werden.
Wer sich keine Freunde macht, muss sich anschließend nicht wundern, wenn er hinterher Feinde hat.“
Herbst nickte. Er sagte: „Auf der anderen Seite gibt es auch Kulturen, in denen man sich jederzeit auf sein Ende, z.B. durch Beten und fasten, vorbereitet.“
Ich sagte: „Die Einstellung, dass vor mir die Sinnflut kommt, bietet sicherlich auch keinen erweiterten Horizont.
Außerdem würde ich mich jeden Morgen darüber aufregen, dass ich meinen Tag vorher mit etwas verschwendet habe, was jetzt völlig unnütz war.“
Herbst sagte: „Siehst Du und deshalb ist das Land so schlecht vorbereitet auf den Weltuntergang.“
Ich sagte: „Vielleicht sollten wir den deshalb auch besser auf morgen verschieben. Dann können wir heute den Tag noch nutzen um uns ein wenig auszuruhen.“

Herbst stört es, dass man einen Lebensabschnitt nach ihm benennt. Er meint, dass die meisten Leute, die sich mit seinem Namen schmücken, eigentlich eher Winter zugeschrieben werden sollten.
Ich sagte ihm, dass Winter doch eher auf die vielen Zombies zutreffen würde – Leute die irgendwie tot sind, aber immer noch nicht ganz davon überzeugt wurden.
Das erinnerte mich an Freunde, denen ich die dazu gehörige Freundschaft mit ca. 21 Jahren gekündigt hatte. Sie saßen in einer Runde, alle fast gleichaltrig mit mir, und unterhielten sich darüber, dass der Spaß ihrer Jugend jetzt wohl unwiederruflich vorbei sei. Irgendwie klang es so, als würde man sich jetzt gerne mit ernsthafteren Dingen beschäftigen und dem Glück für immer abschwören.
Da ich mit ca. 30 meine eigentlich wildesten Jahre hatte (jedenfalls für meine Begriffe), würde ich immer noch sagen, dass diese Leute das Zombie-Stadium erreicht hatten, ohne es zu wissen. Es gibt glaub ich keinen Punkt, an dem man sich aufgeben sollte.
Herbst sagte, dass man solche Leute auf jeden Fall nach Winter benennen sollte.

Geschichte

Ich fragte Herbst heute, ob er in der langen Zeit in der er hier ist, für Weisheiten gesammelt hätte. Er stöhnte, wie ein Walfisch, den man auf einen Sattelschlepper schleudert.
Aus dem Geräsusch würde ich nicht schlau und sagte: „irgendwas musst Du mir doch beibringen können.“
Er sah mit mitleidig an und sagte: „Ich glaube, ich kann dir sagen, dass man die Vergangenheit – die gesamte blödsinnige Geschichte – einfach auslöschen sollte.“
„Aber wir können doch nicht ohne Geschichte leben! Sie bringt uns so viel bei. Wir können aus der Vergangenheit lernen. Fehler vermeiden und neue Wege gehen.“
Herbst lachte trocken. „Geschichte wiederholt sich grundsätzlich und keiner lernt daraus. Es ist kein Rad der Zeit, sondern die Laufmühle der Zeit. Jeder Mensch ist dazu verurteilt, die gleichen Fehle zu begehen.“
Ich sah ihn fragend an und er sagte: „Nimm doch mal den alten Caesar. Nach seiner Herrschaft hätten die Leute wissen können, dass Diktatoren scheiße sind. Aber nein – erst Monarchie, dann Demokratie, dann Diktatur, dann Monarchi…
Selbst heute wollen die Leute nicht wahrhaben, wenn ein gewählter Volksvertreter plötzlich abdriftet. Er ist bestimmt kein Diktator – Nein so ist er nicht.
Dann wartet man ein paar Jahre und schon ist er einer.
Ich finde es langweilig.“
Ein wenig bedrückt war ich schon.

Politisch Korrekt

Herbst wäre heute lieber zu Hause geblieben. er meint, dass so spät im Jahr seine Lust langsam schwindet. Es wird ja auch immer dunkler und kälter. Er sagte: „Vor einer halben Ewigkeit hab ich mir in Russland, um diese Zeit herum, mal fast den halben Arsch weggefrohren. Nicht dass ich nicht auf einiges davon verzichten könnte, aber ich hasse Väterchen Frost.“
Ich fragte ihn, ob die Aussage politisch korrekt ist.
Er sagte: „Ach – vergiss doch den Ausdruck. Hier geht es um meine Meinung.
Ich glaub, dass niemand dieses politische Korrekte braucht, solange er kein Arschloch ist. Dann brauchte er es zwar, aber es wäre trotzdem umsonst.“
Ich sagte, dass mir die Worte wie eine Predigt vorkommen und er entschuldigte sich. Er wollte mich nicht einschläfern.
Ich sagte: „Die Regeln die wir uns auferlegen, sind doch wichtig für den Umgang miteinander.“
Herbst sagte: „Ihr kastriert euch selbst und bringen euch um euren Humor, nur weil es Idioten gibt, die diesen nicht verstehen.
Warum lacht ihr nicht einfach mit den Leuten?
Warum habt ihr verlernt über euch selbst zu lachen? Eure Zeit ist so spießig, dass man euch schon als Grillhänchen ausstellen könnte.“

Verfolgungsjagd

Herbst regt sich schon wieder über die Menschheit auf.Ich erzählte ihm daraufhin eine Geschichte, die mir vor einiger Zeit passiert war.
Ich war gerade bei meinem alltäglichen Hobby – der Suche nach einer Parkmöglichkeit, welche in unserer Straße so dünn gesät sind, wie Hochschulabsolventen in der Kindertagesstätte – als mir auffiel, dass ein Auto immer in die gleiche Richtung wie ich fuhr.
Es war einer der Wagen, den man kauft, um zu sagen, dass Gott einen mit zu viel Geld, einem noch größeren Ego und keinerlei Intelligenz bestraft hatte.
Ich kam gerade von einer Firmenfeier und sah dementsprechend zerfranst aus.
Als ich dann endlich den erhofften Parkplatz mit meinem Gefährt erreichte, war ich dementsprechend überrascht zu sehen, dass der andere Fahrer neben mir angehalten und das Fenster heruntergelassen hatte.
Ich blickten in das Gesicht eines grade der Pubertät entflohenen Jünglings, der mich böse anblitzte. Eigentlich war ich mir keiner Schuld bewusst, trotzdem verließ ich den Wagen mit ungutem Gefühl.
Dazu muss ich sagen, dass ich von meinem Gefährt absichtlich nicht von Auto spreche.
Mein Wagen ist mit dem Titel „Rasenmäher mit Fahrerkabine“ recht passend zu umschreiben.
Der Jüngling grunste mich an und sagte: „Verfolgst Du mich?“
In meinem Kopf manifestierte sich die Angst, welche ein Gänseblümchen vor einer Kettensäge haben muss. Ein ungleiches Paar – auf der einen Seite ein halbstarker, sonnengebräunter Typ, den man als jung und übertrainiert beschreiben könnte und auf der anderen Seite…
Ich glaub, dass derjenige der mich jung und dynamisch nennt, wohl auch einen Pottwal als possierliches, kleines und schnelles Tierchen, beschreiben würde. Aber zumindest hat dieser Pottwal promoviert.
Herbst fragte, was ich dann gemacht hätte.
Ich sagte: „Von mir erwartet wurde offensichtlich, dass ich mich auf die Erde warf und mich so lange selbst kasteite, bis der Boden mit Blut benetzt war. Dabei hätte ich immer: ’Ich bin unwürdig’ schreien müssen.“
Herbst lachte und sagte: „Was war die Alternative?“
Ich sagte: „Das Beste, was ich hätte tun können, wäre es gewesen, eine noch brennende Zigarette auf der Zunge auszudrücken, den Rest vor dem Fahrer auf die Erde zu spucken und dann im verschwörerischen Ton zu sagen: ’Du gefällst mir, dich töte ich als Letzten.’“
Herbst grinste und sagte: „Keiner schlägt Psychopathen.“
Ich sagte: „Außer andere Psychopathen – und dass mein Gegenüber eine handfeste Paranoia hatte, lag auf der Hand.
Wenn ich jedes Kind, welches mir zufällig in der Stadt ein paar Meter hinterherrennt, mit diesem Blick angucken würde, hätte man mich schon lange einweisen lassen.“
Herbst sagte: „Du hast gekniffen?“
Ich sagte: „Jepp“
Herbst sagte: „Du Opfer!“

Die einfache Antwort

Herbst knallte mir erneut einen pauschalen Allgemeinplatz nach dem nächsten um die Ohren, bis es mir reichte.Ich sagte: „Mein Ausbilder brachte mir mal bei, dass man allen Antworten, die einem zu einfach erscheinen, grundsätzlich misstrauen sollte.“
Herbst sah mich fragend an. Er sagte: „Wie meinst Du denn das jetzt?“
Ich sagte: „Wir Menschen machen es uns immer leicht. Wir berechnen z.B. die Geschwindigkeit von fallenden Objekten mit einer simplen Formel.
Dabei vergessen wir, dass die Formel nicht immer passt. Federn oder im Normalfall auch Flugzeuge, Vögel und Fallschirmspringer scheren sich einen Dreck darum.
Es reicht uns jedoch aus, wenn die Formel zu 80% richtig ist. Den Rest schneiden wir einfach aus unserem Gedächtnis.
So gehen wir auch mit allen anderen Dingen um.
Die eine Gruppe schreit euphorisch ‚Das schaffen wir!‘ und die andere dagegen ‚Das schaffen wir nicht!‘. Beide sehen sich im Recht und da beides pauschale und einfach Antworten sind, misstraue ich beiden.
Glaub nie jemand, der auf eine komplexe Frage eine einfache Antwort gilt. Er lügt auf jeden Fall.“
Herbst betrachtet mich skeptisch und sagte: „Und worauf projezierst Du jetzt diese Einsicht?“
Ich zuckte mit den Achseln und sagte: „Auf Alles. Auf jeden Menschen, der meint die Wahrheit erkannt zu haben. Auf jeden Prediger, Lehrer und Weisen der glaubt den tieferen Sinn erlangt zu haben.
Und ganz besonders auf alle Aussagen, die Du mir den Tag über hinterhergeschmissen hast.“
Herbst lachte und sagte: „Du misstraust wohl Jedem.“
Ich lachte nicht und nickte stumm.

S-I-G-B-E-F

Ich pfiff heute morgen den Song, den ich gerade noch im Radio auf dem Weg zur Arbeit gehört hatte, so wie ich es oft machte – ohne viel darüber nachzudenken.
Erst zu spät bemerkte ich, dass Herbst in die Melodie einstimmte. Ich sah ihn an und er sagte: “Imagine – den Song habe ich schon immer sehr geliebt.
Ich habe schon so viele Religionen kommen und gehen sehen. Zunächst waren da einige mit vielen Göttern – meist Muttergötter, wie Sonne, Erde und Mond. Eigentlich waren die Zeiten ganz nett, aber man einigte sich dann endlich darauf, dass ein paar Götter wesentlich übersichtlicher sind, als tausende, dann räumte man auch dort auf und zu guter Letzt hatte man nur noch einen.
Mit den vielen Göttern schien auch der Spaß zu schwinden.
Eigentlich wäre es jetzt nur konsequent genug, ganz ohne Gott und Religion auszukommen. Meinst Du nicht auch?”
Ich sagte: “Und Du meinst, das wäre dann besser?”
Herbst sah mich an und sagte: “Na die Pig-Ida Leute, meinen doch immer, dass man alles an der Religion fix machen kann. Schaff sie ab, sowohl auf der einen wie auf der andern Seite und wir hätten keine Probleme. So wie John schon sang: ‘Image no religion, it’s easy if you try.’”
”Das ist schon wieder eine Vereinfachung der gesamten Problematik. Was meinst Du, warum die Flüchtlinge nicht in Ländern bleiben, in denen ihre Religion ausgelebt werden. Einige davon durchqueren sie ja gerade und wollen dort auf keinen Fall bleiben. Lieber sterben sie bei dem Versuch dort weg zu kommen.”
Ich lehnte mich zurück und sah Herbst an. Dann sagte ich: “Folgendes Gedankenexperiment. Auf der Insel beginnt ein Völkerkrieg. Die Engländer kloppen sich mit den Schotten. Alles schon mal vorgekommen, also nicht ganz abwegig.
Jetzt machen sich Milionen Engländer mit Schlauchboten auf den Weg nach Deutschland. Sie wehen hier ihre große Rettung.
Selbst wenn diese ‘Schweinchen-Ida’ Bewegung sich auf Europa beruft, so würden sich in diesem Fall schnell andere Kundgebungen bilden. Die Menschen sind halt so. Sie wollen keine Fremden im eigenen Land.
Auf den Straßen würde man mit ‘Stolze Idioten gegen die Britanisierung des europäischen Festlands’ Fahnen durch die Häuserschluchten ziehen.
Sicherlich wären es vielleicht nicht so viele, da die Engländer ja nicht ganz so anders aussehen. Du würdest aber trotzdem merken, dass man sich hier über sie aufregt.”
Herbst nickte und sagte: “Vielleicht hast Du recht.”

Martinszug 2015

Heute war der erste klimaerwärmte Skt. Martins Umzug meines Lebens.
Zunächst fragte ich mich, was wohl die Flüchtlinge dachten, an denen wir vorbeizogen.
Danach kam das große Theater – bei dem ich diesmal sehr viel Mitleid mit dem Bettler hatte:

  1. musste er am warmen Feuer sitzen, wärend wir uns Luft zufächelten,

  2. bekam er zur Strafe auch noch den halben warmen Mantel – und musste sich darüber freuen.

Was mich aber wirklich traurig werden ließ, war der herrliche Duft von Glühwein. Es war aber so warm, dass ich kurz darüber nachgedachte, ob ich mir Eiswürfel in den Kragen stecken sollte, um den Genuss zu rechtfertigen. Weinschorle war leider schon ausverkauft.
Herbst hätten seinen Spaß gehabt.

Wann geht der Herbst

Heute fragte ich Herbst, was er von meterologischem und kalendarischem Denken hält. Er musste lachen. Eigentlich, so sagt er, wäre es ihm prinzipiell egal was andere meinten.
Ich erinnerte mich auf seine Reaktion gestern und sagte: „Das klang aber schon einmal anders.“
Er sagte: „Als Kind wollte ich immer anders als alle anderen sein. Das ging soweit, dass ich mich ohne nachzudenken von der rechten Brückenseite geschmissen hätte, wenn alle anderen links sprangen.
Erst als Jugendlicher fand ich heraus, dass das genauso unsinnig ist. Man sollte gar nicht springen.
Als ich erwachsener wurde, fand ich heraus, dass ich mich so oder so völlig von meinen Geschwistern unterscheide. Das gab mir die Kraft die ich brauchte.
Jetzt ist es mir eigentlich egal.“
Ich sagte: „Das beantwortet noch nicht meine Anfangsfrage. Metero oder Kalendar?“
Er sagte zuckend: „Kommt einfach darauf an, wie ich mich fühle. Manchmal so und machmal so. Sobald es mir zu kalt wird hau ich ab.“

Viel hilft Viel

Herbst sah mich an, als hätte ich ihn ins Gesicht geschlagen.
Ich fragte: “Was ist denn jetzt los? Kann ich Dir irgendwie helfen?”
Er sagte: “Ich verstehe euch Deutschen einfach nicht. Ein Land der Dichter und Denker wollt ihr sein, aber ich sehe hier nur Weicheier und Warmduscher.”
Ich sagte: “Vielleicht sollte ich Dir die Deutschen etwas näher bringen. Wir sind wohl am besten mit dem Spruch ‘Viel hilft Viel’ zu beschreiben.
In keinem Land der Erde gilt das mehr als hier. Es gibt kein Land in dem so viel und so überflüssig gemacht wird, wie hier.
Guck Dir zum Beispiel die Waschpulver an. Sie sind eines der besten Beispiele für die Deutschen.
Die wirklich großen Kisten gibt es nur noch in Deutschland – jedenfalls nach Aussagen des Herstellers Henkel. Sie werden von keinem anderen gekauft als von uns Deutschen – also scheinen sie ein ideales Bild für uns zu sein.
Das Zeug in den großen Kartons besteht aus 90% aus Füllstoff. Der Füllstoff hat überhaupt keine Auswirkungen auf das Waschen. Er ist einfach nur da und nimmt Platz weg.
Und glaub mir eins, wenn ein Deutscher vor dem Regal steht, dann nimmt er lieber den großen Karton, obwohl er sperrig und wirklich dämlich ist.
Und warum nimmt er ihn? Weil er weiß, dass viel viel hilft.
Wir neigen einfach zur Übertreibung. Bevor wir eine Regel erlassen, um eine Kleinigkeit oder Nebensächlichkeit zu klären, erlassen wir 20, die es unmöglich wacht, dass das überhaupt noch einmal passiert.”
Herbst blickt mich an und sagte: “Klar zu verstehen, aber das macht euch auch nicht netter.”
Ich sagte: “Aber wesentlich verzweifelter.”

Faul und unglücklich

Herbst sagte: “Entweder seid ihr faul oder unglücklich. Eure ständige Jagd nach dem Glück geht mir auf den Hut.”
Ich sagte: “Lieber Dein Hut, als meine Eier. Wenn man es genau betrachtet, können wir für das eine nichts und das letzte ist unsere größte Tugend.”
Herbst sagte: “Wie meinst Du das jetzt?”
Ich sagte: “Ganz einfach. Dass wir faul sind, ist ein physikalisches Gesetz. Das hat etwas mit der Trägheit zu tun. Jedes System bleibt am liebst da wo es ist und wartet ab. Es aus der Ruhe zu bringen, kostet Kraft. Das ist in der Natur so und auch beim Menschen.
Wir machen einfach mit, wenn uns die Regeln der Physik etwas diktieren. Dass wir uns überhaupt bewegen ist schon bemerkenswert. Eigentlich müssten wir nur faul rumgammeln.”
Herbst sagte: “Klar und im Winter kahl werden. Aber erkläre mir das noch mit der größten Tugend.”
Ich sagte: “Das ist kein Problem. Wäre jeder Mensch glücklich, hätte er keinen Grund irgend etwas zu ändern. Ohne dass er diesen Wunsch hätte, hätte er nichts erfunden, was sein Leben verbessert.
Wir würden wahrscheinlich noch im Meer rumhängen und uns fragen, ob es da Draußen vielleicht besser gewesen wäre – hätte keine Auswirkungen – wir wären ja glücklich.
Nur durch die Suche nach Glück, haben wir es geschafft Autos und Computer zu erschaffen, die uns Arbeit abnehmen sollen und uns im Endeffekt noch unglücklicher werden ließen.”
Herbst nickte und sagte: “Tja, ich glaub ich werde mal dem Naturgesetz der Faulheit frönen.”
Ich meinte “Hoffe Du wirst dadurch tierisch unglücklich.”

Herbst sagt, worüber wir kaum klagen könnte, ist eine Fülle an unsinniger Werbung.
Ich sagte ihm, dass das Thema schon so abgegriffen ist, wie eine Toilettenspühlung auf einer öffentlichen Entleerungsanstallt. Wer sich noch nie über die Werbung aufgeregt hat, muss im Urwald leben.
Das hätte bei der meisten Werbung allerdings auch sehr viel gutes.
Herbst sagte: “Aber das Thema ist doch ideal. Was regt Dich im Moment am meisten auf?”
Ich sagte: “Die neueste Dröhnung stellt wohl die Bundeswehr-Reklame dar. Wie war der Spruch noch? Wahre Härte findet man nicht zwischen zwei Hanteln?
Die Frage ist, was man zwischen zwei Hanteln überhaupt findet. In der Regel ist dort nichts zwischen. Erst in Benutzung kommt was dazwischen.
Jeder weiß, dass zwischen zwei Hanteln nie etwas Hartes ist. Meist steckt dazwischen nur eine weiche Birne.
Kommen wir jetzt zur Bundeswehr. Die ist nicht unbedingt für ihre Härte oder den Effekt des Hartmachens bekannt.
Sind etwa die temporären Besucher des Etablissements ‘Bund’ besonders hart? Ist die Bundeswehr jetzt das Viagra der Persönlichkeit?
Wenn ich die Klischees bemühe, macht die Bundeswehr doch eher betrunken. Aber damit lässt sich offenbar schlecht werben. Was wäre, wenn man dort hinschrieb: ‘Komm her, wir machen Dich trinksicher’?
Auf der anderen Seite wirbt man ja niemals mit der Werbung. Sonst würde auf einigen Toiletten-Papieren wohl Slogans wie ‘Heute so rau wie Stahlwolle’ stehen.”
Herbst sagte: “Du hast recht. Das Thema ist blöd.”
Ich sagte: “Ich kann es auch kaum noch hören.”

Warum nicht?

Auf die meisten Fragen antwortet Herbst mit “Warum nicht.” Als er es erneut tat, sprach ich ihn darauf an.
Er sagte: “Ich mach es wie Douglas Adams. Wenn eine Frage mit ‘Warum’ anfängt und die Frage offensichtlich dämlich ist, sag ich einfach ‘Warum nicht.’”
Ich sagte: “Was wäre denn so eine dämliche Frage?”
Herbst sagte: “Warum wird es immer dunkler? Warum bist du wärmer oder kälter als im letzten Jahr? Warum sind die Jahreszeiten so genial voneinander getrennt?”
Ich sagte: “Die Fragen sind wirklich blöd.” Herbst sagte: “Sag ich doch. Die meisten Frager wollen eine Antwort, die sie sich vorher schon ausgedacht haben.
Wenn es ihnen ernst wäre, würde ich ihnen von El Ninio und anderen Wetterphänomenen erzählen. Aber das wollen sie gar nicht.
Sie wollen, dass ich ihnen sage, dass Gott, die Klimaerwärmung oder irgend eine andere höhere Sache, von denen sie annehmen, dass sie wahr ist, erzähle.”
Ich sagte: “Und dann kommt das ‘Warum nicht?’”
Herbst sagte: “Ohne die Frage nach dem Warum gäbe es keine Wissenschaft. Die will die Fragen beantworten. Doch hier geht es nicht um Wissenschaft, sondern um das Ego der Menschen.
Das sollte man meiner Meinung nach immer klein halten. Sonst nehmen sich die Pflaumen gleich zu wichtig.”
Ich sagte: “Recht hast Du.” – und hielt mich für völlig unwürdig.

Sprachakrobatik

Herbst sagte, dass wir uns irgendwie komisch verhalten würden, wenn wir mit Fremden sprächen. Ich sagte ihm, dass das ganz individuell und instinktiv passiere und definitiv dämlich sei.
Er lachte. Bisher hatte er beobachtet, wie flüssig sprechende Menschen sofort zu grenzdebilen Sprach-Legastheniker verkamen. Die meisten zeigten nicht viel mehr Talent in ihrer Muttersprache, als ein Salat zum Spazieren-gehen.
Ich musste ihm zustimmen. Es gibt da die unterschiedlichsten Formen, die ich auch an mir selbst feststellen kann. Der erste und meiner Meinung nach noch verzeihliche Modus, ist das einbauen von Fehlern, in die Sätze, um sich dem Fremden anzunähern.
Es kommt dann zu Dialogen wie folgt:
‘Wo Aldi?’ ‘Da Aldi’ ‘Weit?’ ‘Gleich da. Baum – da hinter!’ ‘Dank.’ ‘Bitt’.
Vielleicht würde es dem Gegenüber ja helfen wenn man sich in ganzen Sätzen ausdrückt, aber man kann es einfach nicht.
Der zweite Modus, der schon weniger zu verzeihen ist, ist das falsch und langsam sprechen. Der Mensch auf der anderen Seite muss einen für einen entflohenen Idioten halten, wenn er uns – mit weit aufgerissenen Augen und Mündern, wild gestikulierend – vor sich stehen sieht.
Das kann nur noch getoppt werden, durch zeitgleiches extra lautes Reden.
Ich sagte Herbst, dass ich schon oft lachen musste, wenn ich einen Landsmann vor einem Fremden stehen sah, der extra laut, falsch und langsam sprach.
Herbst sagte: “Ihr seid schon komisch, ihr Menschen.”
Ich sagte: “W-I-R    M-E-N-S-C-H    WAS     D-U?”
Herbst lachte.

Die Anschläge in Paris

Im Anbetracht der Ereignisse in unserem Nachbarland meinte Herbst heute, dass es doch einen ganz einfachen Weg gäbe, die Menschen von so einem Unsinn zu erlösen. Ich fragte ihn was man denn machen könnte.
Er sagte:

“Jeder Mensch in Europa sollte einen Text unterschreiben, in dem er eindeutig bestätigt, dass ihm seine Mitmenschen und von mir aus sogar das Land in dem er lebt, wichtiger sind, als seine Religion und seinen Gott. Wer den Text nicht unterschreibt, wird aus Europa ausgeschlossen.”
Ich überlegte kurz über seinen Vorschlag. Tatsächlich wäre das gerecht. Sowohl Christen als auch Moslems müssten einen Standpunkt beziehen. Es ginge nur um die Menschlichkeit und nicht um Herkunft oder Hautfarbe.

Trotzdem kam mir der Vorschlag zu radikal vor. Wir sprechen hier immer noch über Herbst!

Hallo Service?

Herbst sagt, dass er es nicht verstehen könnte, wie wir in einem Land leben können, das einem so wenig Service und so Bequemlichkeit liefert.
Ich sage ihm: “Schon wieder das gleiche Thema? Service-Wüste Deutschland – erneut die alte Kamelle?”
Er sagte: “Nein viel schlimmer. Hier geht es nicht darum, dass eine Kassiererin mal weniger gute Laune hat. Hier geht es ums Ganze.”
Ich sagte: “Doch schon wieder so schlimm?”
Er sagte: “Und ob!
Vor ein paar Jahrzehnten standen an jeder Kasse ein Einpacker, der nur dafür zuständig war, die eingekauften Dinge in Plastiksäcke zu verstauen und sie anschließend evtl sogar zum Auto zu tragen. An den Tankstellen standen Menschen, die für einen Tankten und das Geld direkt am Auto entgegen nahmen.
Kein Techniker fuhr seinen Wagen alleine – er wurde gefahren. Überall waren Helfer. Die wurden alle entlassen und an die Luft gesetzt.
Jetzt lebt ihr in einer Zeit, in der ihr euch schon rechtfertigen müssten, wenn ihr vor dem Erscheinen der Krankenschwester, nach Drücken des Notrufes,nicht schon gestorben seid.
In den Geschäften kann man es den Kassierern nachsehen, dass sie keine gute Laune haben. Sie sind gestresst, weil man die Stellen systematisch eingestrichen hat.
Auf dem Amt bearbeitet ein Beamter jetzt 50 Anträge, anstelle von 20, die er vielleicht noch schaffen würde. Im Moment stehen die Beamten sowieso an der Grenze und begrüßen die Flüchtlinge.
Überall spürt ihr, dass ihr es nicht schafft, weil euch die Arbeit über den Kopf wächst. Das tolle daran – ihr tut nichts dagegen.”
Ich sagte: “Was soll ich machen? Die Arbeit verweigern?”
Herbst sagte: “Ist wohl doch keine gute Idee. Aber ihr könnten schon etwas machen.
Wenn ihr von jemanden bedient werdet, dann seid dankbar darüber. Scheut euch nicht Trinkgeld zu geben. Es muss euch nicht peinlich sein, wenn irgend jemand eure Frontscheibe wischt. Ihr müsst nicht abwinken, wenn in einem Geschäft eure Taschen für euch gefüllt werden. So wie ich Dich kenne, wirst Du bei solchen Sachen doch direkt rot.”
Ich sagte: “Vielleicht kennen wir uns schon zu lange.”

Rebellen

Herbst hat mir heute etwas erzählt, was mir immer noch die Nackenhaare hochstehen lässt, als hätte man mich an einen mit Katzenfell aufgeladenen Luftballon. Er sagte, dass er das Rezept des Aufstands mittlerweile verfeinert hatte.
Ich konnte meinen Ohren kaum trauen. Er sagte: “Mittlerweile habe ich ja doch schon einiges gesehen und es verwundert mich überhaupt gar nicht, dass das bei euch so einfach ist.”
Ich sagte: “Du meinst bei uns hier?”
Er sagte: “Nee – überhaupt.”
Eigentlich hatte ich wenig Lust noch weiter auf das Thema einzugehen, doch er ging mir damit immer wieder auf die Nerven. Dann gab ich nach.
Er sagte: “Es ist ganz einfach. Man nehme eine Minderheit. Welche ist eigentlich egal. Es kommt noch nicht einmal darauf an, dass es sich wirklich prozentual um eine handelt – sie muss sich nur wie eine Minderheit fühlen.
Dann braucht man einen Menschen oder besser ein Opfer.
Auch hier gibt es keine eingeschränkten Parameter. Es ist völlig egal, was der Mensch vorher gemacht hat.
Vielleicht ist ein gewisser Ruf von Vorteil, aber es kann auch ein Knastvogel sein, der für drei Abscheulichkeiten schon zehn Jahre gesessen hat.
Moral spielt keine Rolle.
Dieser Mensch wird hinterher sowieso zum Märtyrer – wir wollen hier also nicht allzu viel Federlesen betreiben.
Jetzt lassen wir diesen einen Menschen, der der Minderheit angehört, auf die Obrigkeit (das ist wohl das Gegenteil von Minderheit oder?) treffen. Jetzt ist es wichtig, dass der Mensch von seinen Leuten als völlig unschuldig gehalten wird.
Die Obrigkeit ist in den meisten Fällen zu dumm und prügelt auf den Mensch ein.
Solange genug Blut bei dieser Begegnung fließt, ist das alles in Ordnung.
Jetzt macht man den Schaden unter der Minderheit publik und lässt die ganze Sache ein paar Stunden oder Tage köcheln.
Gegen Ende der Garrzeit hat man einen super Aufstand.”
Ich sagte: “Meinst Du, dass uns das hier auch passieren könnte?”
Herbst sagte: “Weiß ich nicht. Musst Du Dir selbst beantworten.”
Seit dem Gespräch überlege ich, welche Minderheit wohl am ehesten in Frage kommt.

Geschichten

Herbst fragte mich, ob ich nicht noch so eine lustige Geschichte auf Lager hätte. Diesmal musste ich länger nachdenken.
In einem Leben gibt es so viele lustige Geschichten und Geschichten, die man lustig erzählen kann. Stellt sich bloß die Frage, wem man welche davon erzählen kann?
Ich sagte es Herbst und er nickte. Schließlich kann man viel zu viel Dinge aus den Geschichten des Erzählers schließen. Die Geschichten sind der Browser zum Intranet des Erfinders. Und wenn man nicht aufpasst, wir die Firewall runtergerissen und man steht mit runter gelassenen Hosen von der eigenen Webcam.
Vielleicht wird das ja bald zum Standard-Traum einer ganzen Generation. Wobei ich mich frage, wer noch eine externe Webcam braucht? Gibt es die überhaupt noch zu kaufen?
Herbst sagte, dass ich mich doch lieber wieder auf seine Frage konzentrieren sollte.
Ich sagte, dass ich mich schon kaum noch auf die seine erinnern kann. Dann sagte ich: “Ach so! Ja klar – eine Geschichte.”
Also fing ich an: “Es gab mal eine Zeit – und die ist schon lange her – da musste ich an einem Micro-Biologie Praktikum teilnehmen.
Mit weißen Kitteln ausgerüstet, desinfizierten wir nacheinander so allerhand. Das war auch sehr nötig.
Nachdem wir am zweiten Tag schon Keime auf unseren Fingerabdrücken auf Nährlösungen bestaunen konnten, war uns allen klar, wie unrein wir waren. Das lag nicht nur an unserem Alter (zwischen 16 und 18 hat man so allerhand Flausen im Kopf), sondern eher an unserer Natur.
Auf jeden Fall brachte man uns bei, wie wichtig das Desinfizieren doch wäre, um sauber arbeiten zu können.
Als besondere Maßnahme stand auf jedem Tisch ein angeschalteter Brenner. Dieser Brenner sollte verhindern, dass sie Bakterien aus dem Universum auf unsere Nährlösungen stürzten würden.
Gleich neben dem Brenner stand ein Becken mit reinem Alkohol.
Wir hatten schon einige Zeit fleißig gearbeitet, als mein Nachbar sich zu mir umdrehte und sagte: “Sag’ mal – brenn’ ich?”
Ich hätte fast laut los gelacht. Die Frage war einfach nur dumm.
Reflexartig bat ich darum, mich nicht weiter mit so etwas aufzuhalten.
Als sich mein Nachbar jedoch umdrehte, sah ich Flammen an seinem Kittel herauflaufen.”
Herbst sagte: “Und was war dann?”
Ich sagte: “Erzähle ich Dir morgen.”
Herbst platze schon fast vor Neugier, als ich morgens endlich zur Tür hinein kam. Er sagte: “Erzähl weiter. Was ist passiert?”
Ich setzte mich zunächst auf meine Stuhl und sagte dann: “Na der Typ neben mir hatte auf jeden Fall Feuer gefangen.
Das kannte ich so gar nicht von ihm. Sonst war er zwar nicht unbedingt unauffällig, ich hätte aber nie über ihn gesagt, dass er Feuer und Flamme wäre.
Zu der Zeit war ich auch eher Schall und Rauch.
Seit dem Augenblick weiß ich auf jeden Fall, wie ich in Panik reagiere. Die Reaktion kennt man in der Regel aus der freien Natur. Sie spiegelt sich in der Kröte wieder, die vom Scheinwerfer des nahenden Lastwagens geblendet wird.
Ich stand da und war gelähmt. Erst als die Lähmung langsam nachließ und ich die Worte: “Flammen, Flammen” vor mich hinstammelte, bemerkte ich, dass ich mehr machen musste.
Zum Glück brennen Laborkittel nicht schnell – daher hatte ich noch einige Sekunde um mich von meinem Schock zu erholen.
Als nächstes tat ich dann das Einzige was sich mein Hirn gerade einfallen ließ. Ich zog den Kittel in meine Richtung und pustete.
Für mein Hirn, welches wahrscheinlich immer noch fast vollständig verreist war, war es merkwürdig, dass die Flammen einfach nicht ausgehen wollten, sondern eher fröhlicher brannten.
Während dieser völlig intelligenzfreien Zeit, war auch den anderen im Labor aufgefallen, dass bei uns gerade etwas bemerkenswertes geschah. Sie hatte sich in einem Halbkreis versammelt und schrieen den Refrain: ‘Notdusche, Notdusche, Notdusche!’
Die Situation wird mir wohl immer als höchstgradig obskur in Erinnerung bleiben.”
Herbst sagte: “Und ist er dann unter die Notdusche gegangen?”
Ich sagte: “Zum Erstaunen Aller saß mein Nachbar plötzlich im Spühlstein und löschte sich selbst mit dem Wasserhahn. Die Notduschen-Jünger wurden damals nicht befriedigt und mussten geschlagen ihre Plätze auf den billigen Reihen verlassen.
Wenn ich mir heute noch einmal alles vor Augen führen, dann ist es ein Wunder, dass mir mein Hirn nicht gesagt hat, dass ich das Becherglas Alkohol über den armen Typen leeren sollte.”
Herbst lachte und sagte: “Da hast Du noch mal Glück gehabt.”
Ich sagte: “Das kannst Du laut sagen.”

Der feine Unterschied

Herbst, wie ich das schon geschrieben hatte, kennt sich nicht so aus mit virtuellen Welten. Er ist halt eher ein Naturbursche – er versteht einfach nicht, wie man sich mit künstlichen Sachen anfreunden kann.
Damit vertritt er in meinen Augen, die konservative Seite, wenn man dies auch von ihm von Anfang an vermutet hätte. Wer so lange auf der Erde ist, wird zwangsläufig anfällig gegen Veränderungen.
Heute fragte er mich, was denn der Unterschied zwischen den Netzwerken wäre. Ich musste etwas länger überlegen und verglich die Netzwerke auf denen ich unterwegs bin.
Dann sagte ich: “Das Einfachste ist Facebook. Mal ganz davon ab, dass Du sie schon kennst, sie war ja neulich hier.
Ich würde sie als Kneipenzeitung beschreiben. Irgendwie ist sie immer leicht abgegriffen und speckig, allerdings auch höchst informativ. Wenn man Glück hat, trifft man in der Kneipe auch gerade seine Freunde, die einen mit Banalitäten quälen. Ein klarer Sieger für Freundeskreise und Bekannte.
Twitter ist ein Telegramm eines Bekannten. In Eile geschrieben, an die Wand geheftet und im gleichen Moment schon out of date. Ein Zeichen für die Schnellebigkeit. Letzt endlich haben viele ihren Spaß daran gefunden, jedoch würde ich Twitter als klares Zeichen von ADHS werten.
Tumblr ist die Dorfdisco. Man geht hin um zu sehen und gesehen zu werden. Wenn man dann da ist, bemerkt man, dass das Durchschnittsalter ein bis zwei Dekaden unter dem eigenen liegt. Es gibt noch einige Gleichgesinnte, die haben sich allerdings in einer Nische zusammengefunden.
Wordpress ist das Kaffee an der Ecke. Hier trifft man sich um sich auszutauschen und zu plaudern. Von allen anderen wird sich hier auf höheren Niveau unterhalten.
So scheint es mir auf jeden Fall im Moment.”

Die deutsche Hysterie

Fassungslos sah ich Herbst an. Ich sagte: »Habe ich mit Dir schon über die deutsche Hysterie gesprochen?«
Herbst schüttelte desinteressiert den Kopf und schmatzte weiter an seinem Brot, welches er sich von zu Hause mitgekommen hatte. Es stank bestialisch nach alten Eiern.
Ich sagte: »Neben dem Leitsatz ›Viel hilft viel‹…«
Herbst fiel mir ins Wort und sagte: »Das hatten wir schon, ich kann mich gut daran erinnern.«
Ich ließ den Kopf hängen und sagte: »Das hat auch was damit zu tun, was ich schon gesagt habe. Die Deutschen sind Weltmeister der Hysterie. Wenn andere Nationalitäten nur mit der Schulter zucken, erlassen wir Gesetzte und setzen verschärfte Regeln in die Welt.«
Herbst blickte mich an, wie eine Kuh, die gerade die Schnauze voll hat. Er murmelte: »Das Fußballspiel gestern?«
Ich sagte: »Ja, das war schon wieder einer der Punkte. Wir müssen unbedingt die gesamte Welt in unserer Hysterie übertreffen.«
Herbst sagte träge: »Dafür ist auch nichts passiert.«
Ich sagte: »Tolle Einstellung. Wo nichts ist, kann auch nichts falsch laufen. Halleluja!«
Herbst kaute munter weiter. Ich konnte ihn anscheinend nicht von meiner Haltung überzeugen.

Erziehung

Herbst war langweilig. Er saß auf seinem Stuhl und rutschte hin und her. Das Wackeln seiner Füße machte mich wahnsinnig. Eigentlich hatte ich genug zu tun, aber er starrte mich immer wieder über den Bürotisch hinweg an.
Er sagte: “Was hältst Du eigentlich von Erziehung?”
Ich sgate: “Weiß nicht, meine Kinder haben sich noch nicht beschwert. Aber dafür sind sie wahrscheinlich noch nicht alt genug.”
Er sagte: “Ich hab ja jetzt schon einiges gesehen. Irgendwie bin ich eher ein Typ für die harte Erziehung.”
Ich sagte: “Eigentlich ist das absolut nicht mein Thema. Ich finde man kann nicht viel falsch machen, solange man sie nicht mit einer Pfanne schlägt oder unter die Treppe in eine Abstellkammer sperrt, werden sie so oder so groß.”
Herbst sagte: “Früher haben die Eltern ihre Kinder geschlagen.”
Ich sagte: “Früher war auch Mittelalter und die Leute haben auf die Straße geschissen. Du willst mir ja wohl nicht sagen, dass wir das heute auch machen sollten?”
Herbst sagte: “Bei Gott, auf keinen Fall! Das brauch ich definitiv nicht noch einmal.”
Ich sagte: “Siehst Du, irgendwann siehst selbst Du das ein.”

Vorgeschriebene Trauer

Heute hatte ich mich in einen schicken schwarzen Anzug geschmissen. Herbst sah mich über den Tisch an und sagte: »Was ist los. Willst Du zu einer Beerdigung?«
Ich sagte: »Mir war nur gerade danach.«
Auf der anderen Seite hörte ich ein langgezogenes ›Mmmm‹. Dann schüttelte Herbst den Kopf. Er hatte sich heute erneut in Farbe geschmückt – alles erdige Töne, aber definitiv für mich zu bunt.
Ich sagte: »Dein Modegeschmack ist mir zu etwas zu extrovertiert.«
Herbst sagte: »Deiner ist mir heute zu traurig.«
Ich sagte, nur um ihm ein wenig den Wind aus dem Segeln zu nehmen: »Trauer ist doch im Moment ›en vogue‹. Wenn man sich im Internet umsieht, trauern doch immer tausende um andere. Manchmal geht es nur um eine verlorene Meinung, eine verlorene Diskussion oder ähnlich unnützem Zeug.
Nur selten ist man sich in seiner Trauer einig.«
Herbst sagte: »Es sollte doch Einigkeit bei einigen Dingen geben. Bei einem Anschlag zum Beispiel oder dem Tod einer großen Persönlichkeit muss Einigkeit gezeigt werden.«
Diesmal war es an mir, den Kopf zu schütteln. Ich sagte traurig: »Im Zeitalter der Massenunterhaltung bekommt jeder Probleme, der nicht um die richtigen Sachen trauert. Und auch die Leute, die um die vermeintlich richtigen Begebenheiten trauern, bekommen von anderer Seite gesagt, dass ihre Trauer falsch ist.
Irgendwie kann man im Internet über die persönliche Trauer diskutieren.«

Früher war auch Scheiße

Herbst atmete tief aus und sagte: “Früher war alles besser.”
Dieser Satz ist meine wunde Stelle – mein seidener Faden, das Eichelnblatt auf meiner Schulter. Wer auch immer diesen Satz sagt, muss sich darauf gefasst machen, dass ich explodiere.
Ich sage: “Was soll denn das jetzt bitte? So ein Quatsch. Früher war alles anders, aber definitiv nicht besser.
Das gehört zu unserem Wesen, dass wir das, was wir überlebt haben, als ganz toll empfinden. Ich hatte z.B. mal eine Lehrerin, die ich abgrundtief verabscheute. Heute muss ich sagen, dass die Dame mir Englisch beigebracht, wie es sonst keiner hätte machen können.
Damals hätte ich sie gerne erwürgt. Heute, mal davon ab, dass sie schon lange tot ist, würde ich sie fast schon mit einem Orden belohnen.
Die Zeit in der ich mich redlich um eine Frau bzw. Freundin bemühte, war die schlimmste meines Lebens. Mir ging es pausenlos beschissen, ich las Kafka (schon das ein Zeichen tiefster Depression) und hörte dumpfe Musik.
Heute rede ich gerne von der Zeit und denke mir, dass sie grandios gewesen ist und ich doch so viel erlebt habe.
Das sind nur meine persönlichen Beispiele, den anderen geht es nicht besser.
Ein kleines Gedanken Experiment:
Wenn es früher kontinuierlich besser war, wie viel Spaß hatten die Leute dann während des zweiten Weltkrieges? Das muss grandios gewesen sein.”
Herbst sah mich an und sagte: “Na ja aber vieles…”
Ich sagte: “Glaub mir doch endlich. Es war immer scheiße.”
Herbst sah nicht glücklich aus, wollte allerdings auch nichts mehr sagen.

Immer die Gleichen

Erst einen Tag später führte Herbst seine Tyrannei weiter aus. Er sagte: “Aber die Jugend von heute ist doch sehr schlimm.”
Ich sagte: “Klar das sagte ein bekannter Mann mal: Unsere Jugend hat kein Respekt mehr vor dem Alter und geht vor die Hunde.”
Herbst sagte: “Recht hat er!”
Ich sagte: “Ist aber ne Weile her. Als er das gesagt hat, kleidete man sich in Handtücher und hatte Sandalen unter den Hufen.
Das kam von einem alten Philosophen aus Griechenland. Der hatte damals das gleiche Problem, wie Du heute. Wenn man bedenkt, dass es seit damals kontinuierlich bergab ging, leben wir heute in der Hölle.”
Herbst sagte: “Und siehst Du, Griechenland, die große Kultur der Antike, ist auch untergegangen.”
Ich sagte: “Was natürlich allein an seiner Jugend lag.“
Ich schwieg. Nachdem Herbst nur nickte und meinen ironischen Unterton anscheinend überhört  hatte, sagte ich: „Ich glaube kaum.
Die alten Griechen waren einfach zu satt um sich noch zu wehren. Das ist ein Problem, welches wir heute vielleicht auch haben. Aber die Jugend hat nichts damit zu tun.”
Herbst sagte: “Und wie siehst Du dann die Sache?”
Ich sagte: “Wenn ich an meiner Kindheit denke, dann muss ich sagen, dass ich hoffe, dass die Jugend nicht so ist, wie wir. Wir waren schlimm.
Kleine Monster die keine Gnade kannten.
Vor einiger Zeit hab ich einen Jungen einer älteren Dame seinen Sitzplatz freigeben lassen. Das hätten wir damals nicht gemacht.
Die Kinder haben heute ein großes Problem: Wir haben schon gegen alles rebelliert. Wogegen sollten sie noch aufbegehren ?
Ihre Eltern haben so viel Erfahrung in Blödsinn, dass sie keine andere Auswahl sehen, als tierisch spießig zu werden.
Das ist dann auch das Problem, was ich sehe. Die neue Generation wird so spießig, wie es noch unsere Opas und Omas waren.
Das steuert direkt auf einen neuen Weltkrieg zu.”
Herbst nickte und sagte: “Siehst Du, die Jugend wird auch nach Deiner Ansicht immer schlimmer.”
Ich sagte: “Wenn Du das so siehst – allerdings ist meine Definition von SCHLIMM vielleicht anders, als die der restlichen Welt.”

Schmetterlinge und Dominosteine

Herbst fragte mich, ob es eine Zeit gebe, zu der ich gerne zurückspringen würde, wenn ich das denn könnte.
Ich sagte: “Sicherlich hat jeder eine Zeit, die er noch einmal erleben oder einen Moment, den er gerne rückgängen machen würde.
In meinem Leben fallen mir so einige Punkte ein, die ich vielleicht nicht mehr so machen würden, wenn ich die Konsequenzen daraus hätte absehen können. Aber wer wäre ich heute, wenn ich die Fehler von damals nicht gemacht hätte?”
Er sah schwärmerisch aus dem Fenster und es schien mir, als würde er die verbliebenen Blätter an den Bäumen zählen. Ich wollte mich gerade über seine Unaufmerksamkeit beschweren, als Herbst sagte: “Was wäre der eine Punkt, den Du berichtigen würdest?”
Ich sagte: “Ich bereue nichts. Das ist der eine Grundsatz.
Könnte ich jetzt z.B. die eine Entscheidung rückgängig machen, die mir zwei Jahre mehr Studium eingebrockt hat, hätte ich heute vielleicht keinen Job, kein Geld und keine Familie. Wer weiß schon was passiert wäre, wenn ich schneller fertig geworden wäre.”
Herbst sagte: “Der Schmetterlings-Effekt?”
Ich sagte: “Schlichtes Domino.”

Konservativität und Menschlichkeit

Ich sagte Herbst, er solle sich ruhig mal ein wenig mehr wie in den letzten Jahren verhalten. Für meinen Geschmack war er dieses Jahr etwas zu heißblütig. Für jemanden der sonst so konservativ ist, war sein Auftreten in diesem Jahr irgendwie überraschend.
Er sagte: “Konservativ ist ja nichts schlechtes und nichts ist so beständig, wie der Wandel.”
Ich sagte: “Wenn Du noch mehr Phrasen auf Lager hast, dann her damit. Ich bin heute richtig scharf darauf.”
Herbst lachte. Ich sagte: “Was meinst Du denn damit, das Konservativität gut wäre?”
Herbst sagte: “Ach weißt Du, ihr Menschen sucht doch Sicherheit. Die bekommt ihr, wenn ihr nicht überrascht werdet. Solange Du glaubst, dass morgen so wie heute wird, desto weniger Probleme hast Du.
Ein wenig Planungssicherheit ist für die Meisten ein fester Hafen. Sie gibt ihnen Sicherheit. Wenn man jemanden foltern möchte, muss man ihm nur in ein System setzten, welches sich ständig verändert – wechselnd Hell/Dunkel, Wach/Schlafen und Kalt/Heiß. Das hält niemand langer aus.”
Ich sah ihn an und sagte: “Mag ja sein. Aber warum dann dieses Jahr das merkwürdige Benehmen?”
Er sagte: “Ach weißt Du, ab und zu kann man sich doch auch einmal ein wenig Wahnsinn leisten oder?”
Ich sagte: “Du überrascht uns auf jeden Fall mit Deinem Wahnsinn.”

Dinosaurier mit Altersproblemen

Herbst sagte: “Ihr seid doch alle dumme Rudeltiere. Wenn einer von euch mit Blödsinn anfängt, macht ihr das alle nach.”
Ich sagte: “Warum ärgert Dich die Menschheit eigentlich so?”
Er sagte: “Vielleicht gehen sie mir einfach kollektiv auf die Nüsse. Sie rennen rum, halten sich für die ganz Großen und glauben tatsächlich, sie seien die Spitze der Schöpfung.
Die Dinosaurier waren größer, vielleicht ein wenig minderbemittelt, aber glücklich. Die Menschheit glaubt an einen Plan, den sie sich selbst auferlegt hat. Die Dinosaurier gingen ihren Weg und grasten. Viel weniger Aufregung um die ‚ach-so-wichtigen‘ Dinge die euch ausmachen.”
Ich sagte: “Wir sind heute aber wieder einmal pessimistisch unterwegs. Wie kommt es?”
Herbst sagte: “Ich fühle mich einfach verarscht. Da gibt es in Amerika tatsächlich einen Forscher, der meint ‘gut erhaltenes’ Gewebe eines Dinos gefunden zu haben. Dazu gibt er an, dass das Tier definitiv nicht älter als 6.000 Jahre tot seien kann, sonst hätte er kein Gewebe gefunden.”
Ich sagte: “Und was nervt Dich daran?”
Herbst sagte: “Stell Dir vor, Du wärst schon ein paar Milliarden Jahre alt und irgend jemand würde behaupten, dass Du erst 6.000 alt wärst. Das wäre für Dich doch auch eine Beleidigung.”
Ich sagte: “Glaub mir, darüber kann ich schlecht nachdenken. Kommt mir etwas irreal vor. Aber wenn man mich ein wenig jünger schätzt als ich bin, fühl ich mich immer sehr geschmeichelt. Ist doch gut, wenn man für nicht so alt gehalten wird, als man tatsächlich ist.”
Herbst sagte: “Aber wenn man dich beim Tanken nach einem Ausweis fragen würde, wärst Du auch irritiert.”
Ich sagte: “Ach nimm es mit Humor.”
Er sagte: “Ich versuche es ja, aber irgendwie klappt es heute nicht.”

Spaßvögel und andere Zugvögel

Ich fragte Herbst, ob er denn niemals Spaß hätte. Er sagte, dass er nicht der Spaßvogel seiner Familie wäre. Ganz im Gegenteil, das wäre eigentlich die Rolle seiner Schwester Frühling.
Mit einer solchen Chaotin im Schlepptau, hätte man es schließlich schwer genug. Da brauchte man nicht noch eigene Sachen anstellen.
Ich fragte ihn, ob Frühling denn wirklich ganz alleine und isoliert in der Spaßecke stehen würde und er sagte, dass man in der Familie sich umeinander sorgte.
Aber ab und zu müsste man sie einfach auflaufen lassen.
Ich fragte, was sie denn so Schlimmes gemacht hätte und er sagte: “Es gibt jetzt keine wirklich extremen Dinge, aber sie ist halt immer für einen schnellen Witz zu haben.
Vor ein paar Jahrhunderten, es können auch ein paar Jahrtausende sein, ich erinnere mich da nicht mehr ganz so genau, auf jeden Fall hat sie einen Stein beschriftet.
Heute ist der Jux alt, aber damals war es ganz heißer Shit.
Auf jeden Fall war die Schrift gerade erst erfunden worden und man bildete sich tierisch etwas darauf ein.
Sie schrieb auf den Stein die Wörter: ‘Wer das ließt ist doof’.
Die Leute waren entsetzt. Sie wussten nicht, wie die Schrift dorthin gekommen war. Nur die reichsten und schlausten Leute konnten Lesen und schreiben.
Sie waren sich allerdings nicht sicher, ob sie den Satz laut vorlesen sollten.
Ein Jahr ging vorbei und um den Stein hatte sich eine enorme Horde Menschen niedergelassen. Ein paar Philosophen schlugen sich regelmäßig die Zähne ein – damals hatten sie noch eher handfeste Argumente – weil sie verschiedener Meinung über die Entstehung der Worte und ihrer Bedeutung waren.
Frühling stachelte sie an.
Nach zwei Jahren hatte sich eine Religion um den Stein gebildet. Sie pilgerten von allen bekannten Gebieten um das Heiligtum zu sehen.
Winter und Sommer, die beiden älteren, konnten es irgendwann nicht mehr sehen.
Durch Stürme und Bltzeinschlag wurde der Stein unleserlich gemacht. Die Menschen verloren das Interesse und irgendwann wusste gar keiner mehr von dem Stein.
Ist schon lange her.
Das witzige an der Geschichte ist jedoch, dass der Stein im letzten Jahr wiedergefunden wurde. Jetzt rätseln Forscher über den Inhalt und die Bedeutung der längst vergessenen Sprache.
Frühling muss sich tierisch darüber freuen.
Wenn sie bald wieder zurück ist, musst Du sie unbedingt darauf ansprechen.”
Ich versprach ihm das zu machen.

Wir schaffen es oder wollen wir nicht?

Ich sagte: »Ab und zu bekomme ich Ausschlag, wenn ich im Internet einige Kommentare lese.«
Herbst lachte trostlos auf und sagte: »Es ist sicherlich berechtigt, was sie sagen. Außerdem ist es ja ihre Meinung.«
Ich sagte: »Du willst doch nur die Leute in Schutz nehmen.
Die gesamte Sippschaft, die sich als gute Christen fühlen, wenn sie ihr eigenes Land verteidigen.
Sie rechtfertigen ihre Meinung mit dem Treffen von Jesus mit der der samaritischen Frau am Brunnen. Die Frau war am Mittag zum Brunnen gekommen, weil sie niemand anderen treffen wollte. Sie war so etwas wie ein Flüchtling im eigenen Land.
Dazu kam, dass sie nicht nur Ausländer, sondern auch andersgläubig, d.h. aus den Augen Jesus eine Ungläubige war.
Jesus sieht diese Frau, die ja nichts anderes ist, als die Ausländer die uns gerade vermutlich überrennen.
Er packt sie, stößt sie in den Brunnen und drückt so lange, bis sie sich nicht mehr wehrt.«
Herbst sagte: »Irgendwie erinnere ich mich anders an die Geschichte.«
Ich sagte: »Sonst passt sie doch nicht zu der Meinung dieser Leute.«
Herbst sagte: »Ach komm schon, wir schaffen das doch nicht.«
Ich sagte: »Ich kann es nicht mehr hören. Wenn wir es nicht schaffen, wer schafft es denn?«
Herbst schwieg.

Vergänglichkeit im Herbst

Ich sagte: „Du hast es gut Herbst, Du brauchst Dir über das Altern keine Gedanken machen.“
Er sagte: “Warum macht ihr es?”
Ich sagte: “Ich weiß nicht, wir wollen nicht ständig an die Vergänglichkeit erinnert werden.”
Er sagte: “Dann müsstet ihr mich hassen. Meine ganze Familie ist für die Änderungen in der Natur zuständig. Und gerade meine Wenigkeit ist die Vergänglichkeit in Person.”
Ich sagte: “So hab ich das nicht gemeint. Ich meinte, dass du Dir keine Sorgen machen musst, weil Du kein Ende hast.”
Er sagte: “Macht ihr euch auch immer Gedanken darüber, dass ihr nicht wisst, was vor eurer Geburt passiert ist?”
Ich sah ihn überrascht an. Was wollte er jetzt von mir. Niemand hatte Angst, weil er nicht wusste, was vor seiner Geburt mit ihm passiert ist. Nichts war vor der Geburt mit einem passiert.
Ich sagte: “Warum stellst Du mir jetzt diese merkwürdige Frage?”
Er sagte: “Du meinst, dass ich mir keine Gedanken machen muss, weil ich unsterblich bin. Du bist es nicht, aber ich verstehen nicht, warum Du überhaupt über Deine Sterblichkeit nachdenkst. Das ist doch völlig unwichtig.”
Ich sagte: “Warum?”
Er sagte: “Du sagst, dass Fragen über Dich vor Deiner Geburt merkwürdig wären. Dann sind sie es doch auch, wenn wir über die Zeit nach Deinem Tod sprechen.
Meinst Du nicht, dass vorher und nachher meistens das Gleiche sind? Schau Dir mal eine Wurst an. Die hat zwei Enden und die jammert auch nicht den ganzen Tag rum.”
Ich sagte: “OK, wenn Du meinst.”

Familie

Ich fragte Herb wie er sich denn so die Zeit vertreiben würde. Er sagte, dass man als Ewiger doch etwas zu viel davon hätte. Zumindest könnte er mehr als die Hälfte des Jahres Urlaub machen. Das hätte sicherlich seine Vorteile.
Danach wäre es dann eigentlich ganz angenehm. Man käme halt viel rum, sähe das ein oder andere und könne gut mal verweilen und sich treiben lassen.
Trotz der konservativen Grundhaltung ist Herbst eigentlich tief in seinem Inneren, ein ganz schöner Herumtreiber. Wenn die Blätter fallen, kommt es schon vor, dass er sich dann auch fallen lässt.
Sicherlich nicht mit Drogen im Bett, als eher mit Sandalen im Blätterhaufen.
Ich fragte ihn, ob es ihn schwer fällt, dass er seine Familie nur so selten treffe.
Er sagte, dass das auch Vorteile hätte. Wenn er sich so die Menschen betrachte, dann würden viele besser ohne Familie auskommen. Einige binden sich stark, die anderen sagen, dass man ohne besser dran ist.
Ich sagte, dass mir meine Familie auf jeden Fall fehlen würde. Er sagte: “Na ja wir treffen uns ja schon regelmäßig. Bis auf Frühling, die treffe ich selten. Normalerweise gibt es allerdings auch immer einen Streit, wenn wir uns dann sehen. Das letzte mal hätten wir dabei fast die Südliche Hemisphäre abgefackelt.”
Er sagte noch, dass ihm Atlantis schrecklich Leid täte, aber das wäre halt das Problem mit seiner Familie: Wenn es denn los bricht, dann war kein Halten mehr.
Ich sagte, dass ich es nicht verstehen würde, so ein schlechtes Verhältnis zu seiner eigenen Schwester zu haben.
Er sah mir tief in die Augen, schwieg einen Augenblick und sagte dann: “Du hast ja auch keine.”

Präsidenten und anderes Vergessliches

Ich fragte Herbst, wie sein Gedächtnis funktionierte und er sagte: “Eigentlich besser als das von euch Menschen.”
Ich sagte: “Dann bedauere ich Dich.”
Er sagte: “Warum jetzt das?”
Ich sagte: “Wir hatten uns ja schon darüber unterhalten, dass die meisten Menschen meinen, dass früher alles besser war – weil die Vergangenheit verklärt wird.
Es kommt jedoch noch ein weiterer Effekt dazu. Kennst Du die Geschichte von der Erinnerung von Roland Reagan?”
Herbst schüttelte den Kopf. Ich sagte: “Er muss einmal aus seiner Jugend erzählt haben, noch lange bevor bei ihm Alzheimer erkannt wurde. Er behauptete steif und fest, dass ihm die Geschichte tatsächlich passiert wäre.
Viele hörten ihm zu. Im Nachhinein konnte man feststellen, dass die erzählte Geschichte direkt von einem seiner Filme stammte. Dabei behauptete er allerdings fest, selbst nachdem man ihm die Tatsachen vor Auge führte, dass ihm die Geschichte tatsächlich widerfahren war.
Jetzt könnte man sagen, dass Politiker immer lügen. Tatsache ist allerdings, dass unser Gedächtnis so schlecht ist, dass wir viele Dinge von wichtigen Geschichten vergessen haben, die wir uns dann einfach dazu erfinden.
Deshalb sind Zeugenaussagen auch so schwer auszuwerten. Es kann sein, dass drei Leute das Gleiche sehen, am Ende jedoch drei verschiedene Dinge beschreiben. Wir können uns einfach nicht erinnern und unserer Gehirn fängt an zu dichten.”
Herbst sagte: “Das kann ein echter Vorteil sein.”
Ich sagte: “Klar ist es auf jeden Fall. So muss man nicht alle Dinge im Kopf haben.”

Verbrechen bis Weihnachten

Herbst erzählte mir, dass er auch schon andere Jobs vor diesem gemacht hatte. Ich sagte: “Noch bevor Du Herbst wurdest?”
Er sagte: “Ach man ist jetzt in der Funktion Jahreszeit nicht unbedingt stark ausgelastet. Meist reicht es ja schon, wenn man einfach da ist.”
Ich sagte: “Du malst also die Blätter nicht an?” Er sagte: “So ein Quatsch. Als nächstes glaubst Du noch daran, dass ich jedes Blatt einzeln vom Baum stupse. Das ist doch völliger Blödsinn.”
Ich fragte ihn, was er denn sonst mache? Er sagte: “Ach man schlägt sich so durch. Einmal war ich Detektiv. Das war recht spannend.
Ich hatte einen wirklich harten Fall, der sich lange hinzog.”
Ich sagte: “Und hast Du den Täter gefasst?”
Er sagte: “Ich habe alles versucht. Du musst wissen, dass es ein merkwürdiger Fall war. Das Haus war von innen verschlossen, der Schlüssel steckte, das Sicherheitsschloss war verriegelt und soweit man sehen konnte, gab es keinen Weg nach drinnen. Trotzdem war die alte Frau augenscheinlich erdrosselt worden.
Das Haus wurde durchsucht und Geld fehlte. Die Alte hatte vor ihrem Tod 10.000 DM abgehoben.
Man fand weder die Mordwaffe, noch einen Verdächtigen. Die Frau war völlig allein. Wäre das fehlende Geld nicht gewesen, bzw. hätte es nicht gefehlt, wir wären alle von einem höchst obskuren Selbstmord ausgegangen.
Die Sache wurden noch komplizierter, als sich herausstellte, das sie vor vielen Jahren eine Zeugin eines Raubüberfalls geworden war. Sie hatte die Täter erkannt und hatte sie durch ihre Aussagen hinter Gitter gebracht.
Die Beute wurde allerdings nie gefunden. Es gab keine Spur von einem der größten Diamanten der damaligen Zeit. Er wurde nach dem Überfall nie wieder gesehen.”
Ich sagte: “Der Fall war doch klar! Es muss einer der Räuber gewesen sein. Die alte Dame hatte den Diamanten damals an sich genommen und hatte die Räuber ins Gefängnis gebracht.”
Herbst sagte: “So einfach war das nicht. Die beiden Räuber waren bei ihrer Verhaftung schon alt gewesen. Der letzte von den Beiden war am gleichen Tag wie die alte Frau gestorben. Man sagte mir, dass die Alte wahrscheinlich in der gleichen Stunde, wie der Räuber starb.”
Ich sagte: “Da ich nicht an Geister glaube, muss es ein Bekannter des Räubers gewesen sein.”
Herbst sagte: “Dachten wir auch. Wir haben recht lange nach dem Kerl gesucht.”
Ich sagte: “Und? Wer war es?”
Er sagte: “Ach das ist ja das Problem. Weihnachten kam viel zu schnell und damit der Winter. Ich musste gehen, bevor ich den Fall gelöst hatte.”
Ich sagte: “Das ist ja blöd.”
Herbst sagte: “Und ob.”

Vielleicht ein neuer Job?

Ich fragte Herbst, ob er auch noch in anderen Jobs gearbeitet hatte. Er sagte, dass er das gerne machte. Ein paar Jahre war er als Weihnachtsmann auf Weihnachtsmärkten unterwegs gewesen. Da seine Funktion ihn ja bis zu der Zeit ihm Jahr hier bindet, war dieser Job kein Problem.
Ich sagte, dass er es dieses Jahr wohl besser getroffen hat. Schließlich konnte er hier im Büro ja drinnen sitzen.
Er sagte, dass es definitiv etwas für sich hat. Sicherlich immer noch nicht das gelbe vom Ei, aber immer noch besser als Weihnachtsmann spielen.
Ich sagte, was er denn am liebsten wäre. Er sagte: “Das weiß ich im Moment auch nicht. Letztendlich hab ich ja schon Allerhand ausprobiert, aber so richtig gefallen hat mir kein Job.”
Ich fragte, ob er denn überhaupt arbeiten müsste und er sagte, dass er es auch lassen könne. Letztendlich kann er ja machen, was er will und der Bereich, den er überblicken muss, ist auch groß genug. Wenn er Lust hatte, konnte er bis zum Äquator runter.
Da unter braucht er noch nicht einmal ein Haus. Man kann sich einfach dort niederlassen, wo man will.
Ich sagte, dass ich ganz gerne mit ihm arbeiten würde. Schließlich wären unsere Gespräche immer sehr erhellend.

Literatur für Opportunisten

Ich fragte Herbst, ob er auch lesen würde. Er sagte mir, dass er in den Monaten, in denen er Zeit hätte, kaum etwas anderes machen würde.
Verwundert fragte ich ihn, wo er in der Zeit denn überhaupt steckte.
Er sagte: “Ach das ist so eine Sache. Meistens ziehe ich mich zurück und schließe mich ein. Es gibt dann kaum einen Grund noch einmal nach draußen zu gehen. Allerdings hat sich meine Zeit in den letzten Jahren immer etwas geändert.”
Ich fragte ihn, was er denn so lesen würde. Er sagte, dass er am liebsten Krimis und Liebesromane lese. Das überraschte mich gar nicht.
Diese Jahreszeiten orientieren sich eigentlich immer am Mainstream. Er musste lachen, als ich ihm das vorhielt. Er sagte: “Als Opportunist hätte man es echt schwer. Man müsste immer auf dem Laufenden bleiben, um zu wissen, was gerade die Meinung der Massen wäre.”
Ich sagte, dass er kein Mitleid von mir erwarten könnte.
Er fragte, was ich denn so lesen würde. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich leider kaum noch zum Lesen kommen würde. In den letzten Jahren wäre ich dazu übergegangen Hörbücher zu hören. Auf der Fahrt zur Arbeit und zurück, hätte ich so einige Bücher geschafft.
Er sagte, dass ich ihm nicht geantwortet hätte. Die Art der Literatur wäre interessanter, als die Methode sie zu kosumieren.
Ich sagte: “Eigentlich höre ich ein breites Spektrum. Krimis interessieren mich dabei nicht.
Es sind viele Jugendbücher dabei oder meine liebste Kost: fantastische Komödien. Solange es lustig ist und dabei noch übernatürliche Elemente dazu kommen, ist es genau nach meinem Geschmack.”
Er fragte, was mich im letzten Jahr besonders gefallen hat. Ich sagte: “Den größten Eindruck hat sicherlich ‘Unterwerfung’ von Michel Houellebecq hinterlassen.
Was mich allerdings furchtbar amüsiert hat, waren die Bücher von Christopher Moore (Secondhand Soulds) und von John Scalzi (Redshirts).”
Herbst versprach mir, diese Bücher nicht zu lesen.

Depressionen für die Jugend

Herbst war erneut schwermütig. Er sagte, dass seine Zeit langsam gekommen war. Jetzt würde er bald los müssen. Ich sagte, dass diese Art von Melancholie doch eher was für junge Leute war.
Dieser Meinung konnte er sich nicht anschließen. Er sagte, dass es immer schön wäre, ein wenig in die Melancholie abzutauchen. Wenn man erneut daraus erscheine, wäre es umso besser.
Dieser Meinung konnte ich mich hingegen nicht anschließen. Ich sagte: “Ich habe in meiner Zeit schon viel zu viele Leute an Depressionen leiden sehen. Das wäre sicherlich nichts, was man gerne machen würde. Es ist eine ernsthafte Erkrankung – sowohl bei jungen Menschen, wie auch bei Älteren.
Allerdings habe ich das Gefühl, dass so ein bisschen Depression – eine Depression light – eigentlich das Anrecht der Jugend wäre.
In einem gewissen Alter, verwandelten sich Jugendliche plötzlich in schwermütige Greise, hören langsame Musik, kleideten sich schwarz und tun so, als würden sie gleich sterben müssen.
Herbst sagte, dass wir Menschen irgendwie komisch wären. Warum geben sich die Menschen solchen Gedanken hin?
Ich sagte ihm, dass er damit angefangen hätte. Als ich einmal gegenüber einem Bekannten äußerte, dass mich auch ab und zu, in stillen Stunden, eine Schwermut überfällt – ganz ohne Grund – sagte der Bekannte nur, dass ich mich doch unbedingt behandeln lassen müsse.
Herbst lachte.
Ich sagte: “Siehst Du, jetzt geht es Dir schon besser”.
Er sagte: “Du gönnst mir aber überhaupt nichts.”

Die Stürme sind weg

Ich fragte Herbst, was er heute in seinem Adventskalender gehabt hatte und er sagte traurig, dass er diesmal schon wieder keinen bekommen hatte. Es würde sich ja auch nicht lohnen, da er die letzten Türchen meist nicht öffnen würde.
Seine Traurigkeit nervt mir den letzten Verstand. Zum Teil kommt er mir vor, wie IA in Puh der Bär. Was ihn so niederschmettert, kann ich nicht genau sagen. Nur der baldige Abschied ist etwas zu kurz gegriffen. Und ich traue Sachen nicht, die so klar auf der Hand liegen.
Natürlich versuchte ich ihn aufzuheitern. Ich fragte ihn, was denn so seine Lieblingsbeschäftigung wäre. Er sah mich sehr lange an.
Eigentlich hatte ich keine Antwort mehr erwartet. Seine Augen waren wässrig und trüb. Wie ein Hund, den man, sobald man mal die Zeit dafür hat, zum Tierarzt bringt, damit er seine letzte Spritze bekommen.
Natürlich sehe ich ein, dass Menschen ab und zu leiden. Wenn es sich jedoch als Dauerzustand herausstellt, suche ich normalerweise das Weite. Meist finde ich es eine Straßenkreuzung später auf der Erde liegen. Das Weite kommt in der Regel nicht sehr weit.
Fast träumerisch sagte er: “Die Herbststürme! Die hatte ich eigentlich immer sehr gern.”
Für einen Augenblick schaute ich wie Bahnhof – nur nicht so schnell und der Zug war verspätet. Dann sagte ich: “Aber um Himmels willen, hat es in der letzten Zeit nicht genug gestürmt?”
Er sagte, während sein Blick versuchte hinter mir die Tapeten zu entfernen: “Dieses Jahr haben mir meine Geschwister die guten Stürme abgenommen. Sie sagte, ich würde sie nicht brauchen und sie würden selbst gerne mal Spaß damit haben.”
Dann verstand ich und sagte: “Diese Katastrophen im Frühling, Sommer und Winter – das waren alles Deine?”
Herbst nickte und sagte: “Und eigentlich hatte ich sie drei Jahre aufgespart. Jetzt hab ich gar keine mehr.”
Mein Unterkiefer klappte nach unten. Als er mir erneut gehorchte sagte ich: “Scheiße – ich hatte die Naturgewalten eigentlich für die Zeichen der Klimaerwärmung gehalten.
Jetzt wird mir einiges klarer.”
Ich stand auf und hieb ihm meine Pranke auf den Oberarm. Ich sagte: “Da müssen wir was machen.”
Herbst fragte: “Was willst du denn machen?”
Herbst hatte mir gerade erzählt, dass ihm seine Stürme fehlten. Ich war drauf und dran, das Land aufzureißen um die Dinger zurück zu bekommen.
Ich sagte ihm: “Wann hat man Dir denn die Stürme geklaut?”
Herbst Hände zitterten. Er zuckte zusammen, als hätte ihn eine Biene in den Hals gestochen. Sein Kopf pendelte von einer Seite auf die anderen. Seine Stimme war leise als er sagte: “Das ist schon eine ganze Weile her.”
Jetzt wollte ich auf jeden Fall alles hören. Ich sagte: “Sag mir genau wann das passiert ist.”
Ich konnte ihn kaum verstehen und rückte näher an ihn heran. Es war nur eine ganz dünne Stimme die sagte: “Das war im Dezember 2006.
Damals war ich unterwegs und hab mich umgesehen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass einer meiner Brüder oder Schwestern bei mir einbrechen würde um mir meine Lieblinge zu klauen.”
Es ging nicht an, dass er sich weiter in sich verkroch. Jedenfalls nicht, wenn ich kein Richtmikrofon in Händen hielt. Da ich so etwas auf der Arbeit allerdings meist nicht mit hatte, musste ich Herbst dazu bekommen lauter zu sprechen.
Die Taktik war recht simpel. Ich wurde selbst etwas lauter und versuchte das Thema zu wechseln, als ich sagte: “Was waren das denn für Lieblinge? Beschreibe sie mir doch.”
Herbst erhob sein Haupt und sagte: “Ich liebte sie alle. Sie glänzten und waren so super mächtig. Wenn man es geschickt anstellt, kann man ganz tolle Sachen mit Stürmen machen.
Natürlich geht es mir hier nicht um ‘Drachensteigenlassen’ oder ähnlichem Kinderkram.
Mein ganzer Stolz war ein junger Sturm – sehr aufbrausend und laut. Keiner von den kleinen Winzlingen, sondern ein handfester Orkan.
Du kennst ihn vielleicht unter dem Namen Kyrill.”
Ich sagte: “Scheiße ja. Das war kein lauhes Lüftchen. Hat einigen Schaden hinterlassen.”
Herbst sagte: “Man hat ihn auch völlig falsch genutzt. Hätte ich ihn zu meiner Zeit losgelassen, hätte er sicherlich drei mal länger gedauert.”
Diese Freude konnte ich nicht teilen.
Vielleicht war es besser, Herbst die Stürme nicht erneut in seine Hände zu legen. Er schien so sicher, etwas Großes damit anzufangen, dass er mir wie ein verrückter Wissenschaftler vorkam, der für seinen Durchbruch auch die Welt riskieren würde.
Ich sagte: “Wer die Winde hat, müsste doch recht einfach herauszufinden sein.
Kyrill war im Januar 2007. Das war einer der Wintermonate. Hast du mal Deine Schwester gefragt?”
Herbst schüttelte den Kopf und sagte: “Sie hat sie nicht. Das heißt nicht mehr. Es ist wie dieses Schweinchen-Spiel auf dem Schulhof, ich weiß immer nur, wer die Stürme hat, wenn derjenige sie benutzt. Danach gibt er sie aber schnell weiter.”
Ich sagte: “Deine Geschwister scheinen nicht gerade nett mir Dir umzugehen. Was ist los?”
Herbst sagte: “Weiß ich auch nicht. Den einen bin ich zu konservativ und die anderen halten mich zu verstaubt.”
Eigentlich war beides das Gleiche. Herbst war nun mal Spießer. Das musste man ihm ja nicht gleich vorhalten. Viele meiner früheren Freunde waren mit der Zeit zu Spießern mutiert. Es würde mir auch schwer fallen zu sagen, dass ich nicht einige Eigenschaften des Spießers an mir habe. Wenn man bedenkt, wie lange Herbst schon auf der Welt war, konnte man seine Spießigkeit gut nachvollziehen.
Ich sagte: “Der Sturm vor zwei Jahren, der hier halb NRW verwüstet hat?” “Das weiß ich immer noch nicht. Kann sein, dass es noch Frühling war – kann sein, dass Sommer auf die dumme Idee kam. Egal wer es war, es war eine Schande. Den Sturm hatte ich mir schon ein paar Dekaden aufgespart. Du kannst Dir gut vorstellen, dass ich tierisch traurig war, als ich erfuhr, dass man ihn entfesselt hatte.
Hätte ich da meine Hände im Spiel gehabt, hätte nicht nur Norddeutschland einen Denkzettel bekommen.
Die Lokalität spricht eigentlich eher für Sommer, der sich sowieso lieber in wärmeren Gefilden aufhält.”
Ich sagte: “Was ist eigentlich mit euren Eltern?”
Herbst musste lachen.
Herbst sagte: “Mit meinen Eltern kann man kaum sprechen. Gaja hat voll ein an der Schüssel.
Ich mein, ich möchte jetzt nicht schlecht über die eigene Mutter sprechen, aber wenn ich sie besuche, sitzt sie still in einer Ecke und raucht Hanf. Die Frau ist meistens so breit wie hoch. Eine ordentliche Antwort auf eine Frage habe ich schon seit tausend Jahren nicht mehr gehört.
Muss ihr allerdings zu Gute halten, dass sie vor der Industriellen Revolution noch nicht ganz so abgespaced war. Es ging ihr noch richtig gut und sie hatte genug Kraft.
Heute jammert sie ständig vom ‘Letzten Baum’ und ‘Letztem Fisch’ und ‘Letztem Fluß’ und meint, dass man Geld nicht essen kann. Ich frag mich, wie sie darauf kommt. Wann hat sie es denn probiert, dass sie da so sicher ist?”
Ich sagte: “Und Dein Vater?” Herbst sagte: “Pappi ist ein rollender Stein. Na ja eher ein lauhes Lüftchen.
Er lässt sich gehen. Er sagt immer, dass man als Atmosphäre auch ein Recht darauf hätte. Wenn man schon etwas wäre, was jeder braucht, allerdings keiner sieht, dann könnte man seine Komplexe am besten an die Wolken hängen.
Ich hab ihn schon lange nicht mehr gesehen. Er ist eigentlich ständig unterwegs.”
Ich sagte: “Und ihr seid die beste Mischung aus beiden?”
Herbst sagte: “Wären Dir kleine Elfen mit langen Ohren und Flügeln lieber?” Ich sagte: “So lange sie gut aussehen.”
Herbst schnaufte. Er sagte: “Bei der Vererbung ist es doch so, wie bei einer Firmen-Zusammenschließung. Als Kunde kann man seine Vorfreude gar nicht mehr zurück halten. Da ist eine Firma, die ein gutes Produkt hat. Die Hardware ist einfach gut und funktioniert auch in Jahren. Dafür ist die Software gnadenlos schlecht.
Dann ist da die andere Firma, die eine super Software herstellt. Damit kann jedes Gerät gesteuert werden. Allerdings ist die Hardware der Firma B lange nicht so gut wie die der Firma A.
Kommen die Firmen zusammen, würde ich wetten, dass der Zusammenschluss die schlechteste Mischen aus beiden aufweist.
Die Hardware und die Software sind schon vom ersten Tag an schlecht.
Das ist meine Meinung von Vererbung.”
Ich sagte: “Wer Dich optimistisch nennt, würde einen Strick auch für die ideale Art und Weise halten, um mal so richtig abhängen zu können.”
Herbst sagte: “Ich hänge mich erst auf, wenn alle Stricke reißen.”
Ich sagte zu Herbst: “Was unternimmst Du jetzt in Sachen Stürme?” Er lächelte, aber ich konnte keine Fröhlichkeit in seinem Gesicht sehen. Er sagte: “Ich habe Winter eine Falle gestellt. Wenn sie die Stürme hat, werde ich sie mir zurück holen.”
Ich sagte: “Was ist denn der tolle Trick, den Du anwenden willst?”
Er sagte: “Das wirst Du schon sehen. Sobald sie auftaucht – und es kann sich jetzt nur noch um Tage handeln – wird sie an meinem Haken baumeln.”
Auf meinem Hintern herum rutschend sagte ich: “Kannst Du mir nicht wenigstens ein Teil Deines Plans verraten?”
Er sah mich an und sagte: “Ich werde sie direkt konfrontieren. Sobald sie erscheint wird sie mir Rede und Antwort stehen.”
Ich sagte: “Das ist der schlappste Plan, den ich je gehört habe.”
Herbst sagte: “Hast Du einen besseren?” Ich schüttelte den Kopf und sagte: “Ich muss erst einmal darüber nachdenken. Im Moment kommt mir keine gute Idee.
Du kannst mir allerdings mal sagen, was Winter für eine Person ist. Vielleicht fällt mir dann was ein.”
Herbst sagte: “Winter ist eine sehr kalte Dame. Sie hat einen sehr trockenen Humor. Wenn Du sie mal lächeln siehst, wird es wohl Schadenfreude sein. Die meisten ihrer Witze verstehe ich nicht – und ich bin noch mit ihr aufgewachsen.
Sie ist ein Eisblock.”
Ich sagte: “Mist – ich hätte jetzt eher mit so einer wie Elsa aus die Schneekönigin gehofft.”
Herbst sagte: “Da liegst Du ungefähr so weit von der Wahrheit entfernt, wie die nächsten Rastplatz-Toilette, wenn Deine Blase gerade vollständig gefüllt ist.
Die Frau ist eher wie die Eiskönigin aus den Narnia-Geschichten.”
Ich sagte: “Dann passen diese Stürme doch gar nicht zu ihr. Sie ist doch mit ganz anderen Dingen beschäftigt.”
Herbst sagte: “Ich hätte den Diebstahl auch eher meiner Schwester Frühling oder meinem Bruder Sommer zugetraut. Beide haben das verbrecherische und sonnige Wesen meiner Mutter geerbt.”
Ich sagte: “Und Du das kalte und luftige Wesen Deines Vaters?”
Herbst sagte: “Ich bin fest davon überzeugt, dass man mich bei der Geburt vertauscht hat. Ich passe nicht in diesen Laden voller Wahnsinniger. Eigentlich will ich auch nichts mit ihnen zu tun haben.”
Ich sagte: “Wenn Du Deine Stürme zurück haben willst, wird Dir wohl nichts anderes bleiben.”
Herbst sagte: “Ich befürchte auch.”
Ich versprach ihm, mir einen Plan zu überlegen, mit dem wir seine Schwester Winter zu einer Aussage zwingen konnten.
Ich sagte Herbst: “Wir müssen das Ganze proaktiv angehen.”
Herbst fixierte mich so sehr mit seinem Blick, dass ich für einen Moment dachte, er würde schielen. Dann sagte er: “Proaktiv für den Arsch. Was meinst Du sollen wir machen? Bei ihr einbrechen?”
Das klang nach einer guten Idee. Natürlich können wir bei Winter einbrechen und schauen, ob wir die Stürme finden. Die Sache hat nur einen Haken – Winter war zur Zeit definitiv und auf jeden Fall zu Hause.
Ich sagte: “Wir können das ja wie folgt machen. Du lenkst sie ab, während ich von hinten einsteige. Je länger du sie beschäftigst, desto länger hab ich Zeit zum Suchen.”
Herbst sagte: “Neben dem Detail, dass Du Dich dort nicht auskennst, könntest du auch nichts mit den Stürmen anfangen wenn Du sie findest. Als Mann bist Du da ganz schön außen vor.”
Mit meinem kalten und logischem Verstand und dem meist ausgeglichenen Temperament, würde ich tatsächlich nicht mit Stürmen umgehen können. Ich kenne zwar ein paar Wirbelwinde, aber ich will nicht unbedingt meine eigene Familie ins Spiel bringen.
Ich sagte: “Und wenn wir es andersherum machen? Ich unterhalte mich mit Winter, während Du nach Deinen Stürmen suchst?”
Herbst nickte und sagte dann: “Eigentlich schon ein Plan, aber gefallen tut er mir nicht.”
Ich sagte: “Was soll denn groß passieren? Wenn sie merkt, dass Du in ihr Zimmer eingedrungen bist, kannst Du ihr ja immer noch vorhalten, dass sie das Gleiche bei Dir gemacht hat.”
Herbst ging seinen Gedanken nach. Er ist einer dieser Typen, denen man beim Denken zusehen kann. Seine Mine änderte sich ständig und er murmelte leicht. Zum Teil benutzte er neben der monologen Mimik auch eine Art Gestik, die an Theatralik so einiges zu bieten hatte.
Vor ein paar Tage stand er im Zimmer und schritt den Raum von oben nach unten ab. Er bewegte im Takt seiner Schritte, den Zeigefinger, den er erhoben hatte, von oben nach unten und wieder zurück. Dabei bewegten sich seine Augenbrauen, wie Raupen auf Speed.
Ich will ja nicht sagen, dass er sich dabei zum Affen machte, aber auf der andern Seite hätte man fast Eintritt dafür fordern können.
Jetzt war er augenscheinlich besorgt. Oder auch nicht – seine Mine wechselte ständig und fließend. Manchmal lachte er sogar.
Nach vielleicht 10 Minuten sagte er: “OK, der Plan ist gut.”
Damit hatte er mich ein wenig überrascht. In der gesamten Wartezeit, die er brauchte um seinen Ideen nach zu rennen, hatte ich ganz vergessen, über was wir uns vorher unterhalten hatten.
Ich sagte daher: “Welcher Plan?” Er sagte: “Ich steige ein und Du lenkst Winter ab.”
Ich sagte: “Ach der Plan. Ja der war gut.”
Er sagte: “Wann machen wir es?” Ich sagte: “Warum nicht gleich morgen, dann haben wir es hinter uns. Du weißt doch wo Winter wohnt?”
Er sagte: “Ich werde es herausfinden. Bis morgen habe ich die Adresse.”
Wir verabredeten uns und gingen nach Hause. Dort angekommen war ich stark verwundert, warum ich schon so früh zurück war.
Herbst hatte sich eine Skimütze über das Gesicht gezogen und zischte mich gefährlich aus einem dunklen Winkel an. Für eine Sekunde war ich überzeugt, dass er jetzt den Verstand verloren haben musste. Ich sagte ihm, er solle das lächerliche Ding ablegen. Er sagte: “Dann erkennt mich ja jeder.”
Mit dem Griff an die Stirn sagte ich, dass keine Sau wusste wer er war. Wer kennt schon die Jahreszeiten persönlich? Das müssen schon ganz komische Idioten sein. Und die größten von ihnen unterhalten sich mit ihnen.
Herbst sagte, dass Winter ihn erkennen würde. Ich sagte, wenn sie ihn in ihrem Zimmer vorfand, würde sie sowieso wissen wer er war.
Selbst wenn sie es nicht wusste, konnte sie es sich zusammenreimen, wenn er die Stürme wieder ansichgenommen hatte. Allzu viele Personen kommen ja schließlich nicht in Frage.
Herbst blickte stumm auf die Straße. Seine Augen schienen ein wenig nach unten verrutscht zu sein. Anscheinend wollte er traurig erscheinen.
Wenn ich an die letzten Wochen dachte, wollte ich ihn nicht erneut traurig erleben und sagte ihm, dass er die Mütze ruhig anlassen könnte, wenn es ihm so viel bedeutete. Er sagte, dass ich recht hätte und dass er sich schäme, nicht selbst darauf gekommen zu sein.
Ich fragte ihn nach der Adresse seiner Schwester und er sagte, dass er sie im Telefonbuch gefunden hatte.
Das machte mich neugierig. Ich sage: “Unter welchem Namen lässt sie sich denn im Telefonbuch finden?” Herbst sagte: “Einfach nur ‘Winter’ – Wie sollte sie sich denn sonst nennen?”
Jetzt war ich mir sicher, dass Herbst nicht die Adresse seiner Schwester gefunden hatte. Es gab viel zu viele Menschen mit dem Nachnamen Winter. Ich hätte mich selbst um die Adresse kümmern müssen.
Wir trafen uns heute noch einmal. Diesmal hatte ich die Adresse. Es war überraschend einfach Winter zu finden. Solange man Herbst kannte, musste man nur den Spuren folgen.
Ich will jetzt nicht sagen, dass ich perfekt bin, aber so ein gepflegtes Rätsel regt mich immer an. Insgesamt hatte ich vielleicht drei Stunden verbracht, bis ich die Adresse hatte.
Noch überraschender war allerdings, dass das betreffende Haus nicht wirklich weit entfernt war. Ich hätte damit gerechnet, dass sie vielleicht sogar in einem anderen Bundesland wohnen würde. Dass es auch noch die gleiche Stadt war, hätte ich nicht zu hoffen gewagt.
Herbst war schon da, als ich eintraf. Er betrachtete das Haus, in dem seine Schwester wohnte argwöhnisch.
Ich sagte: “Hast Du sie schon gesehen?” Er sagte: “Ich traue mich nicht wirklich heran. Schließlich will ich unseren Plan nicht ruinieren.
Ich sagte: “Das solltest du auch nicht. Wird schon schwer genug, wenn der Plan hinterher in die Hose geht. Man muss ihn nicht schon den Anfang gefährden.”
Herbst sagte: “Ich gehe ums Haus. Welches Zeichen verwenden wir als Warnung?”
Ich sagte: “Hast Du Dein Handy dabei? Ich rufe Dich einfach an, sobald es nicht mehr sicher ist. Dann kannst Du Dich ganz schnell entfernen. Mach aber bitte Deinen Klingelton leiser. Er muss diesmal keine Toten erwecken oder Kirchenglocken neidisch werden lassen.”
Er nickte und fuchtelte an seinem Mobiltelefon herum, als hätte er es als Wilder im Urwald gerade erst auf dem Boden aufgelesen. Bis er es so hatte, wie er es wollte, vergingen gefühlte Stunden. Am Ende riss ich ihm das Ding aus der Hand und veränderte schnell die Einstellung.
Die Klingel spielte eine reißende Melodie. Wenn ich mich nicht verhört hatte, war es der Schneewalzer.
Das hätte mich eigentlich nicht überraschen dürfen.
Die Tür öffnete sich und eine engelsgleiche Dame schwebte hinaus. Sie hatte das Blonde Haar, welches mindestens so lang war, wie ein kleines Kind, geflochten und zu einer Krone über ihr Haupt gestapelt.
Meine Angst von dem Haar erschlagen zu werden, sah man mir hoffentlich nicht an.
Winter sagte: “Ja bitte?”
Natürlich hätte ich mir eine Geschichte einfallen lassen sollen. Ich bin aber nicht begnadet, wenn es um Geschichten geht. Eigentlich schreibe ich lieber über meine Meinung und meine Überzeugungen, wenn ich überhaupt schreiben.
Wer schreibt schon gerne? Und erzählen kann ich erst recht nicht.
Die Gedanken rannten in meinem Kopf herum, wie entflohene, mit Cola abgefüllte, 5 Jährige auf dem Kinderspielplatz. Wie eben diese Kinder verfolgten sie sich gegenseitig oder schlugen Purzelbäume.
Ein weiser Mann hat mal gesagt, dass wenn einem nichts mehr einfällt, die Wahrheit kein schlechter Start ist. Im Nachhinein frage ich mich, ob dieser weise Mann vielleicht sein Leben in einer Zelle verbracht hatte, die bis zur Decke mit Teppichen ausgelegt war.
Ich sagte: “Hallo ich bin ein Freund von Herbst und wollt mich vorstellen.”
Winter wirkte überrascht. Sie sagte: “Ich hab schon seit Jahren nicht mehr mit meinem Bruder gesprochen. Geht es ihm gut?”
Ich schluckte und sagte: “Ich weiß nicht recht, ob es ihm gut geht. Manchmal wirkt er wirklich traurig.”
Winter sagte: “Er hat sich auch früher immer gerne hängen lassen. Was soll man von einem erwarten, der nicht mehr schafft, als alle Blätter von den Bäumen zu schupsen?”
Ich sagte: “Zwischenzeitlich ist er ein netter Typ.”
Winter sagte: “Nett ist die kleine Schwester von Scheiße.”
Ich sagte: “Ich hoffe ich erscheine ihnen nicht nett.” Winter sagte: “Im Moment würde ich sie sogar als ausgesprochen unsympathisch bezeichnen.”
Sie sah mich mit scharfen Blick über ihre Brillengläser hinweg an.
Diesen Blick hatte ich nie wirklich verstanden. Warum trug man eine Brille, wenn man über die Gläser guckt? Dann sah man doch Nichts. Eigentlich hätte ich sie gerne danach gefragt, aber der Zeitpunkt schien mir unpassend.
Ich räusperte mich und sagte: “Dann habe ich ja noch einmal Glück gehabt.”
Sie sagte: “Wenn das dann alles wäre, würde ich gerne wieder zurück an meine Strickerei.”
Die Überraschung war mir wohl ins Gesicht geschrieben. Sie sagte: “Ach hatte mein fauler Bruder nicht erzählt, dass ich mich künstlerisch betätige?”
Ich sagte: “Das hat er wohl ganz vergessen zu erwähnen. Aber beim Anblick einer Schneeflocke hätte man sich das eigentlich denken können.”
Sie sagte: “Schmeicheleien mein Junge, bringen Ihnen auch nichts.”
Ich sagte: “Was machen Sie denn so?”
Winter sagte: “Ach ich habe einige Felder auf denen ich mich austobe. Da gibt es die Malerei, die Bildhauerei, Musik, Literatur und den ganzen anderen Quatsch.”
Die Gelassenheit, mit der sie ihre Worte aussprach ließen mich frösteln.
Winter war nicht ganz mein Fall. Sie wirkte hochnäsig, obwohl man ihr auf den ersten Blick eine gewisse Art von Fähigkeit anerkennen musste.
Es gibt im Leben nur eine Kombination an schlechten Eigenschaften, die zwar sehr oft aufzufinden, aber definitiv unverzeihlich ist: Arroganz gepaart mit Inkompetenz.
Beides alleine ist erträglich. Ein unfähiger allerdings bescheidener Mensch, wird nicht weiter anecken. Irgendwann erhält er sogar das Mitleid der Anderen. Mit ein wenig Geschick, kann er es richtig weit bringen.
Ein hochnäsig, kompetenter Mensch kann so gut wie alles erreichen. Seine Arroganz hat einen Grund, der sie trägt und stützt. Viele werden einsehen, dass sich die Kompetenz auch etwas auf ihre Erfolge einbilden kann.
Nur die Mischung aus beiden negativen Eigenschaften führt unweigerlich zur Katastrophe. Das Schlimmste daran ist leider nur, dass in der Regel sehr viele auf diese Menschen hereinfallen. Man hält diese Typen für große Stützen, da die Arroganz als Fähigkeit fehlinterpretiert wird. Wenn man den Fehler dann bemerkt, ist es meisten zu spät. Dann ergeht es einem, wie den Beratern des Kaisers im Märchen, der nackt über die Straße rannte. Da man es vorher nicht gesehen hat, muss man weitermachen, auch wenn man weiß, dass man mit der Hoffierung eines hochnäsigen, inkompetenten Deppen nicht gewinnen kann.
Winter erschien mir auf jeden Fall nicht inkompetent. Ich konnte mich da aber irren. Am Anfang hatte ich Herbst auch für einen lustigen Gesellen gehalten.
Ich sagte: “Ich würde mir ihre Kunstwerke wirklich gerne mal ansehen.”
Winter sagte: “Sie glauben auch, dass ich jeden in mein Haus lasse.”
Ich sagte: “Aber ich bin ein guter Freund von Herbst.”
Sie sagte: “Jetzt hat der Trottel auch noch Freunde?”
Aus den Augenwinkeln blickte ich auf meine Uhr. Es konnten keine 10 Minuten vergangen sein. Herbst hatte definitiv noch nicht genug Zeit gehabt, um die Wohnung zu durchsuchen.
Winter hatte meinen Blick bemerkt. Erneut dieser scharfe Blick über die Brille und gespitzte Lippen. Sie sagte: “Junger Mann, wenn ich ihnen auf die Nerven falle, warum unterhalten sie sich denn mit mir. Soweit ich weiß, haben sie mir auch noch keinen Grund für ihr Erscheinen geliefert.”
Ich sagte: “Herbst hat gesagt, dass ich sie schon einmal kennenlernen sollte, wenn sie doch in ein paar Tagen seinen Job übernehmen.”
Sie sagte: “Gut jetzt kennen sie mich. Und wenn sie das noch nicht richtig haben, dann werden sie mich in ein paar Tagen richtig kennenlernen.”
Ich sagte: “Warum nennen sie mich eigentlich Junge?”
Sie sagte: “Macht der Gewohnheit nenne ich jeden, der jünger ist als ich, Junge.”
Ich sagte: “Da es kaum jemanden gibt, der älter ist als sie, müssen sie ziemlich viele mit ‘Junge’ anreden.”
Sie sagte: “Ja ungefähr die Hälfte der Menschheit – es ist auf jeden Fall leichter, als sich Namen zu merken. Eine ganz einfache Sache.”
Winter sah nicht älter aus, als ich. Eigentlich sah sie sogar wesentlich jünger aus. Sie hatte etwas mädchenhaftes in ihrer Stimme, ihrem Gesicht und ihrem ganzen Auftreten. Eine zeitlose Schönheit. Nur die Kälte machten es schwer, sich mit ihr anzufreunden.
Ich sagte Winter, dass ich sie für höchstens 24 Jahre gehalten hätte, wäre sie mir auf der Straße begegnet.
Ihre Mine verfinsterte sich schlagartig. Die Luft wurde kälter, bis mir das Atmen schwer fiel.
Sie sagte: “Mein Körper ist der einer 18jährigen.” Jedes Wort sprach sie dabei so scharf aus, als wäre es der Inhalt eines Glascontainers nach einem Erdbeben. Die Luft die aus meinem Mund kam, fiel als Block auf die Erde um dort zu zerspringen.
Ich sagte: “Bitte entschuldigen Sie. Das war ganz und gar mein Fehler. Ich hätte es besser wissen müssen.”
Sie sagte: “Die Unterhaltung wäre wohl damit beendet.”
Ich sagte ihr, dass es mir schwer fallen würde, sobald Herbst nicht mehr da wäre, in meinem Zimmer ganz alleine zu sitzen und fragte sie, ob sie mich besuchen würde.
Sie sagte: “Also mein Junge, wenn mein Bruder sich schon herabgelassen hat Sie zu besuchen, dann muss ich das doch nicht auch noch tun.”
Die Blicke die sie mir widmete waren Laser, die durch mein Fleisch schnitten. Es hing mir am Leib hinunter und für den Moment fühlte ich mich wie ein Dönerspieß. Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, diese Frau öfter zu treffen.
Sie sagte: “Ach wissen sie, mit der Zeit wird die Arbeit einsam. Vielleicht wäre es ja tatsächlich nett, ab und an mal jemand persönlich zu quälen. Ich werde mir es überlegen.”
Eigentlich hätte man dieses Zugeständnis als ‘auftauen’ bezeichnet können, aber Winter meinte das mit der Folter absolut ernst. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass ihre Besuche nicht meiner Belustigung dienen würden.
Langsam sollte ich Raum gewinnen. Es wird schon schlimm genug, wenn sie mich besucht, dachte ich.
Sie sagte: “Sie merken sicherlich, dass sie mir zur Last fallen. Also verschwinden sie jetzt umgehend.”
Zu sehen, was sie sonst mit mir anstellen würde, dafür reichte meine Motivation einfach nicht aus. Meist konnte man mit meiner Motivation sowieso eher eine Horde Elefanten einschläfern.
Ich drehte mich um und wollte gehen. Winter sagte: “Ohne sich zu verabschieden sollte man allerdings keine Dame verlassen.”
Ich sagte brav die Worte, die sie hören wollte und entfernte mich.
Hoffentlich hatte Herbst das erreicht, was er machen wollte.
Auf der Straße, an dem Ort, an dem wir uns getrennt hatten, fand ich Herbst. Er saß zusammengekauert auf dem Gehweg und hatte den Kopf zwischen seinen Händen, als wolle er ihn daran hindern, von seinen Schultern zu fallen, über die Straße zu kullern, um im Rinnstein liegen zu bleiben.
Ich ließ mich neben ihm nieder und obwohl ich es besser wissen müsste, sagte ich: “Was ist denn los?”
Er sagte: “Ich habe nicht gefunden, was ich suchte.” “Du hast noch mehr Geschwister und jeder von ihnen könnte Deine Stürme haben. Außerdem könnte Winter die Dinger woanders versteckt haben und Du hast sie einfach nicht gefunden.”
Herbst sagte: “Das ist mir alles bewusst. Ich hatte die Hoffnung, dass Winter sie einfach offen auf ihrem Schreibtisch liegengelässt.”
Ich schüttelte die Kopf und sagte: “Soweit ich Winter kennengelernt habe, würde sie nichts einfach so liegenlassen. Das Biest hat einen genauen Plan.”
Herbst sagte: “Deshalb gehe ich ihr auch gerne aus dem Weg.”
Ich sagte: “Das kann ich gut verstehen.”
Wir saßen einen Weile auf der Straße, bis aufgrund der Kälte, mein Hintern gefühllos wurde. Ich sagte: “Es wird Zeit, ich glaub ich gehe nach Hause.”
Herbst sah mich an und sagte: “Das wollte ich jetzt gerade sagen. Für mich wird es auch Zeit.”
Ich verstand nicht sofort, was er meinte. Er fügte hinzu: “Wir sehen uns dann im nächsten Jahr wieder.”
Ich sagte: “Ich werde die Augen offen halten und gucken, ob ich Deine Stürme bei einem Deiner Verwandten finde.”
Er sagte: “Dank Dir dafür.”, stand auf und hielt mir die Hand hin.
Auch wenn er mir in der letzten Zeit ziemlich oft auf die Nerven gegangen war, würde er mir fehlen. Ich zog seine Hand zu mir und umarmte ihn. Als ich mich von ihm verabschiedete hatte er eine Träne im Augen. Wahrscheinlich würde er mich auch vermissen.
Nachdem ich mich von Herbst verabschiedet hatte, dachte ich darüber nach, was Abschied überhaupt ist.
Es fällt mir schwer, darüber nachzudenken. In meinem Leben habe ich nie wirklich gerne Abschied genommen. Es gibt viele Menschen, die rennen einfach weg, ohne ‘Auf Wiedersehen’ gesagt zu haben. Da es jedes Mal das letzte Mal gewesen sein kann, ist es dumm, so voneinander zu scheiden.
Auf der anderen Seite, weiß ich auch nicht, ob es besser ist, immer ein großes Drama daraus zu machen. Oft ist ein Abschied ja nur eine Trennung auf Zeit. Man sieht sich ja irgendwann wieder – läuft sich über den Weg – sagt dann, dass man sich unbedingt treffen müsste – schreibt ein paar Mal auf Facebook oder irgendwo anders und dann ist der andere wieder vergessen. Das geht so schnell, wie der Bus, den man leider nicht mehr erreicht hat und tut gar nicht weh.
Dann gibt es den Abschied, da weiß man, dass man sich wohl nicht mehr wiedersehen wird (wenn man jedenfalls, so wie ich, nicht an das jüngste Gericht glaubt – der Abschiedsgruß „Wir sehen uns spätestens vor Gericht wieder“ ist in christlichen Kreisen übrigens merkwürdiger Weise unüblich…)

Man ist vielleicht darüber verletzt und es ist schwer wirklich los zu lassen. Das sind die Abschiede von Menschen, bei denen die Möglichkeit sich noch einmal zu sehen, so gering ist, dass man eigentlich sagen müsste: “Schönes Restleben.”
Vielleicht sollte ich gerade jetzt über etwas fröhlicheres nachdenken. Schließlich werde ich alle meine Kraft für Winter aufsparen müssen.

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