Herbst 2016 – Kapitel 1

Herbst blickte mich über den Wohnzimmertisch aus an und schüttelte den Kopf. Er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte.
Sein gut frisiertes Haar war streng nach rechts gekämmt und seine Augen funkelten hinter den dicken Brillengläsern einer Hornbrille. Zur Zierde hatte er sich über den Sommer einen Schnäuzer wachsen lassen, der ihn um mindestens dreißig Jahre älter wirken ließ.
Insgesamt machte er auf mich den Eindruck eines Vorzeigemodells aus den 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts: Blond, Blauäugig und stark Begriffsstutzig.
Durch seine leicht geöffneten Lippen entwich ein hörbares Zischen. Dann sagte er: »Das Land, in dem Du lebst, geht vor die Hunde.«
Das gleiche Gefühl hatte sich in mir schon lange verfestigt. Normalerweise neige ich dazu, zu solchen Gelegenheiten, die Arme über den Kopf zu heben, mit ihnen zu winken und immer wieder mein Mantra »Wir werden alle sterben« zu brüllen.
Bei den Ereignissen der letzten Monate und meinem Gesprächspartner, hielt ich dies allerdings für unangebracht.
Daher nickte ich nur einmal kurz und sagte: »Leider muss ich Dir recht geben.«
Herbst erhob die Augenbrauen. »Schon letztes Jahr wollte ich Dir das klarmachen, aber Du wolltest ja nicht hören.«
»Vor einem Jahr hast Du davon gesprochen, das die Flüchtlinge unser Land bedrohen. Ich bin jetzt allerdings eher der Meinung, dass die neofaschistischen und völkischen Flachpfeifen immer mehr Aufmerksamkeit gewinnen und langsam das Land überrennen.«
Diesmal wirkte Herbst überrascht. Er lehnte sich zurück und sagte: »Die Übergriffe von Seiten der Flüchtlinge kannst auch Du nicht wegdiskutieren.«
»Und die Übergriffe von braunen Spinnern, die ständig an Zahl zulegen, kannst Du nicht ignorieren.«
»Es gibt auch Übergriffe von der linken Seite.«
»Und damit kommen wir zu dem Problem: jeder prügelt auf jeden ein. Wir sind kurz davor, dass wir uns gegenseitig zerfleischen. Wahrscheinlich hat unser Volk beschlossen, dass wir durch einen kollektiven Selbstmord mehr Platz für andere schaffen können, was übrigens eine noble Geste darstellt.«
Mit einem Seufzer ließ sich Herbst noch tiefer in die Kissen fallen. Er schüttelte erneut seinen Kopf.
Irgendwie konnte ich nicht nachvollziehen, wie ein kleiner, zunächst unbedeutender Funke, so viel Schaden anrichtete. Als ich mich letztes Jahr mit Herbst unterhielt, waren die Kritiker noch leise und lächerlich. Jetzt waren sie nur noch das Letztere bzw. das Letzte.
Ich sagte: »Woher, meinst Du, kommt der ganze Hass?«
»Wahrscheinlich daher, dass man sich nie wirklich verstanden hat. Die Linken und die Rechten waren ja schon immer Feinde.«
»Ich meinte den Hass der Leute, die vor einem Jahr noch die Schnauze gehalten haben.«
»Wie immer sehe ich, dass ich mit einem Gutmenschen spreche.«
»Das Wort Gutmensch verstehe ich nicht. Bisher wollte ich nie gut sein. Die Guten bekommen keine Frauen und sitzen in ihrer Wohnung alleine rum und verstehen die Welt nicht. Nur die Bösen haben Spaß. Das ist eine Tatsache, die mich ebenfalls an der Kirche verzweifeln lässt. Was ist daran erstrebenswert, gut zu sein? Das Wort ‘Gutmensch’ scheint mir mittlerweile allerdings fast schon eine erstrebenswerte Auszeichnung der Menschlichkeit und des Mitgefühls.«
»Du lenkst ab.«
»Wenn Gutmensch bedeutet, dass ich gegenüber Leuten denen es schlecht geht, emphatisch bin und ihnen gerne helfe, dann bin ich wohl gerne ein Gutmensch. Es besteht ein himmelweiter Unterschied, nicht jeden Tag nett und ordentlich zu sein, zu der Einstellung, dass Teilen und Helfen grundsätzlich verboten werden sollte.«
»Aber wir sollten uns nicht bestehlen, begrabschen und ausnutzen lassen.«
»Die Leute, die hierher kommen, sind zum größten Teil  unfreiwillig hier. Sie wären gerne in ihren Ländern geblieben und sehen Deutschland als fremd und angsteinflößend an. Meinst Du sie haben Spaß daran, in einem fremden Land wie Aussätzige behandelt zu werden und darum zu betteln, hierbleiben zu dürfen?«
»Aber sie belästigen unsere Frauen und bestehlen unsere Kinder.«
»Wenn jemand im Winter zu Dir kommt, weil er draußen erfrieren würde, dann wärst du ein absolutes Arschloch, ihn vor der Tür stehen zu lassen. Wenn er dann drinnen damit anfängt, Deine Frau anzubaggern, dann setzt Du ihn wieder vor die Tür. Natürlich gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen.«
Ich sagte: »Trotzdem verstehe ich nicht, wie aus einem Gedanken ein Flächenbrand wurde.«
Herbst sagte: »Soweit ich das sehe, ist der Gedanke im Internet geboren. Wenn Du wissen willst, wie er sich verbreitete, dann musst Du dort nachsehen.«
»Du hast jetzt nicht wirklich gesagt, dass ich meine Frage googlen soll?«
Herbst verzog das Gesicht zu einem zynischen Lächeln, welches gleich wieder verschwand.
Er sagte: »Das ist zunächst keine schlechte Idee, allerdings glaube ich nicht, dass Du aud der Seite viel finden wirst. Die eigentlichen Denker, halten sich an anderen Orten versteckt.«
»Was meinst Du damit?«
»Während Sommer hier auf den Putz gehauen hat, habe ich mich weitergebildet. Das Internet bietet viele Verstecke und interessante Bereiche.«
»Du willst mir sagen, dass Du mehrer Monate auf der Suche nach Porno-Seiten warst? Viele Singles in Deinem Alter machen in ihrer Freizeit das gleiche.«
»Du meinst in meinem Alter von ca. 4,6 Milliarden Jahren? Ich musste verdammt lange warten, bis überhaupt das Netz erfunden wurde.«
Der Kommentar brachte mich zum Schmunzeln. Herbst funkelte mich böse an. Ich sagte: »Ich musste gerade darüber nachdenken, wo Du Dir bisher Deine Pornos besorgt hast. Es muss verdammt langweilig ohne Internet gewesen sein.«
Den Mund zu einer schmalen Linie verzogen sagte Herbst: »Das Internet ist nicht nur dazu da, um seine niedrigsten Bedürfnisse zu befriedigen.«
»Zunächst wurde es erfunden um Messdaten über den Planeten zu schicken. Das stellte sich als so praktisch heraus, dass man gleich noch einen Haufen anderer Anwendungsgebiete gefunden hat. Ich kenne die Geschichte genauso wie Du.«
»Du kennst das Dark-Net?«
Ich schüttelte den Kopf und blickte ihn für einen Augenblick fragend an. »Bisher hat es sich mir noch nicht vorgestellt. Aber ich habe über den schmierigen kleinen Burschen gehört, der sich immer im Keller versteckt.«
»Das Dark-Net ist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist quasi der bekannte Ausläufer eines ganz anderen Netzes.«
Eine meiner Augenbrauen zog sich neugierig nach oben und bildete über meinem Auge ein Fragezeichen.
Leise und verschwörerisch flüsterte Herbst: »Es gibt ein Netz im Netz.«
Der Ton seiner Worte brachte mich dazu, laut aufzulachen. Strafend blitzte er mich durch seine Brillengläser an und sagte: »Es ist da.«
Meine Worte kamen stoßhaft und wurden von Lachern unterbrochen: »Und im Winter fliegen die Vögel rückwärts über die Scheibe namens Erde. Die Weltverschwörung der alten Männer in grauen Anzügen hat es bestimmt so geplant.«
Herbst wartete ungeduldig darauf, dass ich mich wieder beruhigt hatte. Sein Körper hatte sich in die Polster versenkt und er sah aus, als könne er mich jede Sekunde anspringen.
Er schüttelte den Kopf und sagte: »Du kannst sagen, was Du willst. Das Netz im Netz gibt es wirklich. Es wurde nicht geplant, es ist einfach da.«
Schwerfällig erhob ich mich und sagte: »Ich brauch erst einmal ein Wasser, sonst kann ich so schwere Worte nicht verdauen.«
Um Herbst nicht weiter zu verärgern, beeilte ich mich mit dem Wasser und saß kurze Zeit später, ihm gegenüber auf dem Sofa. Ich sagte: »Erzähl mir von dem Netz.«
Dabei konnte ich mir ein schwaches Lächeln nicht verkneifen, welches Herbst geflissentlich ignorierte.
»Das Netz ist einfach da. Es ist sozusagen natürlich gewachsen.«
Irgendwie kamen mir die letzten Worte sogar plausibel vor. Es gibt viele Systeme, in denen durch chaotische Zustände eine Art Leben entstanden ist.
Die letzten wissenschaftlichen Entdeckungen – ein paar Wissenschaftler hatten in einer Gesteinsprobe Spuren von versteinerten Mikroben gefunden, die wesentlich älter waren, als man dem Leben bisher zutraute – bezeugen, dass sich biologische Formen schneller bilden, als man dachte.
Mich hatte das nicht überrascht. Nach meiner eigenen kleinen Theorie ist das Leben auf einem Planeten von der Entropie begünstigt. Ohne jemand mit wissenschaftlichen Gebrabbel auf die Nerven zu fallen, nur die Kurzform:
Im Universum gibt es nur zwei treibende Kräfte. Die erste, die Enthalpie, bewirkt, dass alle Systeme den energetisch niedrigsten Zustand bevorzugen. Daher kühlt das Essen zum Beispiel ab und das Streichholz verbrennt, wenn es angezündet wird.
Die zweite Kraft ist die Entropie. Sie stürzt alle Systeme ins Chaos. Die Entropie ist daran schuld, dass ein Zimmer immer unordentlicher wird, solange wir keine Energie aufbringen, um es aufzuräumen.
Betrachtet man mit dem Wissen einen Planeten, so ist er mit dem merkwürdigen Grünzeug und den Barbaren, die auf ihm hausen weitaus chaotischer, als wenn er still und ruhig als Eiswürfel vor sich hin vegetiert, selbst wenn das energetisch günstiger wäre. Das Leben ist Chaos und daher begünstigt durch die treibende Kraft. Wenn meine Theorie stimmt, müsste es auch viele andere Planeten geben, die belebt werden.
Herbst hüstelte. Anscheinend war ich zu sehr in meinen Gedanken versunken.
Er winkte mir kurz zu und sagte: »Das Netz im Netz ist aus Informationen geboren. Du kennst vielleicht die Theorie von Richard Dawkins.«
Innerhalb der Pause gab er mir Zeit zu nicken. »Du meinst den Evolutionsbiologen. Er hat doch irgendetwas mit diesen Memen zu tun. Außerdem hat er den Atheismus zu einer Religion erhoben.«
»Meme sind Schnipsel von Ideen – ein Äquivalent zu den Genen – die sich evolutionär entwickeln und verbreiten. Das Netz hat seine eigene Meme entwickelt. Wenn Du nach dem Begriff suchst, wirst Du tausend Beispiele dazu finden.
Worauf ich allerdings aus war, ist, dass sich unter dem Internet, wie wir es kennen, ein Organismus gebildet hat.«
»Soweit ich das mit der Evolution verstanden habe, meinst Du eher eine Ursuppe.«
»Du kannst es auch Ursuppe oder Urschlamm nennen. Es ist ein Nährboden für Informationen.«
»Und diese Informationen sind der Grund, weshalb die Menschheit sich im Moment so komisch benimmt?«
»Das ist meine Theorie. Auf dem Nährboden haben sich Organismen gebildet, die den Menschen als Fehler ansehen.«
»Sie sind immer noch Informationen. Seit wann sind die so gefährlich?«
»Information ist sehr oft gefährlich. Denk nur mal an die Länder, in denen Journalisten im Gefängnis sitzen, weil sie ein wenig mehr wissen, als der Machthaber gerade zulassen möchte. Für Information wird sogar getötet.«
»Das klingt für mich nach einem Science-Fiction Film der übelsten Sorte. Die Maschinen wollen die Welt beherrschen.«
»Sie streuen nur Müll aus, den sie selbst erfunden haben. Das Morden übernehmen wir für sie.«
Ich schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: »Das ist doch alles Blödsinn. Amöben töten normalerweise nicht. Sie bleiben einfach still und teilen sich.«
»Du vergisst die Viren. Die sind tödlich.«
»Das kann stimmen. Die Dummheit, die im Moment kursiert, kann auch tödlich enden.«
Herbst sah erneut verschwörerisch zu mir. Dann suchte er den Raum ab, ging zu meinem Handy und schaltete es ab.
Plötzlich stand er neben mir und flüsterte mir ins Ohr: »Sie programmieren KIs.«
Ich sah ihn an und sagte: »Wer programmiert KIs?«
»So gut wie jeder. Wir programmieren sie gemeinsam. Sie lernen von dem was wir machen.«
Meinen Kopf schüttelnd sagte ich: »Was willst Du von mir?«
»Hast Du nicht gelesen, dass alle großen Internetfirmen im Moment Bots programmieren? Microsoft soll schon einen gehabt haben, bei dem ein durchschnittlicher User erst nach einer halben Stunde bemerkt hat, dass kein Mensch am anderen Ende saß – und ganz ehrlich: Microsoft ist nicht mehr für seine Innovation bekannt.
Die sind schon verdammt gut. Vielleicht hat Google bald auch schon ein paar, die die Geschäftsführung übernehmen. Wer weiß schon, wie weit die sind.
Außer, dass sie welche programmieren, wird nicht laut darüber gesprochen.«
»Wenn ich an Siri denke, dann halte ich das ganze Gerde über künstliche Intelligenz für etwas übertrieben.«
»Das Apple Produkt soll den Nutzer das Gefühl geben, dass ihm ein Computer antwortet. Der Mensch fühlt sich sicherer, wenn ihm der Unterschied bewusst ist und er sich überlegen fühlt.«
»Ich glaube nicht, dass schon irgendeine KI wirklich so weit ist, wie ein menschlicher Verstand.«
Herbst lachte trocken auf.
»Ihr Menschen fühlt euch so besonders. Ich kann mich noch an einen Blogbeitrag eines gewissen Zeilenendes über Künstliche Intelligenzen erinnern.
Er betrachtete nur die Philosophie dahinter, aber nicht das praktische Vorgehen.
Ein Verstand muss nicht unbedingt menschlich sein. Außerdem gibt es gar nicht so viele Paramter, die einen Menschen ausmachen. Ihr seid nicht unbedingt kompliziert, wenn es darum geht, eure Handlungen abzuschätzen.«
»Was meinst Du damit?«
»Kennst du Rollenspiele?«
»Willst Du Dir jetzt einen Vollkörper-Leder-Anzug anziehen und mich auspeitschen?«
»Ich meine Pen&Paper Spiele.«
»Kenn ich, bin aber überrascht dass Du die kennst. Ich habe früher mal DSA und Shadowrun gespielt. Leider lösten sich die Gruppen immer sehr schnell auf.«
»Das wird seine Gründe gehabt haben.
Worauf ich hinaus will, sind diese Charakterbögen die man für das Spiel benötigt. Dort wird der Mensch auf ein paar Eigenschaften eingedampft.
Meiner Beobachtungen zufolge, ist das Individuum nicht mehr als ein paar Variablen, die zufällig zusammengesetzt werden. Seine Handlung ist zum Beispiel von Angst, bzw. Mut abhängig. Es gibt für jeden Menschen einen Wert, der auf der beschriebenen Leiste liegt.«
»Du meinst, wenn man die Parameter zusammenhat, ist es immer vorauszusehen, wie er sich benimmt?«
»So einfach ist es nicht. Du weißt doch, dass im Rollenspiel immer gewürfelt wird. Es kommt der Zufall hinzu, der die Handlung spannend macht.
Beim Menschen ist das recht ähnlich. Eine Person kann extrem mutig sein, aber weil ihm heute Morgen schon drei schwarze Katzen entgegenkamen, er unter einer Leiter hergehen musste und zufällig einen Spiegel zerbrochen hat, kneift er im entscheidenden Moment, der gar nicht so viel Mut erfordert.
Es gibt bei jeder Situation auch ein Glücksmoment. Kennst Du den Film ›50 erste Dates‹?
Der Protagonist versucht, jeden Tag das Herz seiner ziemlich vergesslichen Flamme zu erobern, wie er dies am ersten Tag geschafft hatte. Diese hat ihn jeden Morgen aus ihrem Gedächtnis verbannt, wegen irgend so einem Hirntrauma.«
Ich nickte und sagte: »Ich kenne den Film«
»Interessant ist, dass der Held nie seine Vorgehensweise ändert. Leider klappen seine Bemühungen nur in sehr wenigen Fällen, da irgendetwas immer anders ist.«
»Das wäre dann die erste und letzte Weisheit, die man aus einem Adam Sandler Film abgeleiteten kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da noch mehr gibt.«
»Die meisten Filme sind wirklich flach, aber ich glaube, dass gerade dieses Problem sehr realistisch ist. Es gibt zwar bestimmte Parameter, aber Menschen können davon auch abweichen.«
»Du meinst also, dass Rollenspiele auf ihre Art realistisch sind?«
»Wenn man mal die Handlung weglässt, dann würde ich ja sagen.«
»Was willst Du mir jetzt eigentlich sagen?«
»Irgendein Bot, eine halbwegs fertige KI, ist auf dem perfekten Nährboden gelandet und ist voll aufgegangen. Ein Samen und der perfekte Boden und man erhält eine interessante Pflanze.«
»Und diese Pflanze greift uns jetzt an? Sie versorgt uns mit Informationen, die sie selbst erfunden hat?«
»Und zerstört unsere Gesellschaft durch Propaganda!
Hast Du Dich mich nicht gefragt, woher die ganzen Hass-Botschaften auf Facebook und Twitter kommen? Das ist bewusst gestreut.«
»Ich wundere mich eher, mit wie viel Höflichkeit intelligente Menschen diesen Hass-Botschaften entgegentreten. Normalerweise schreie ich zurück, wenn ich selbst angeschrien werde und beleidige, wenn ich beleidigt werde.«
»Der Punktestand ist interessant. Ich habe das Gefühl, dass die Maschine gewinnt. Immer mehr Menschen sind der Meinung, dass Politiker lügen und betrügen und nur Schlechtes tun. Wenn es nach der Masse ginge, würde man Grenzen bauen, die in den Himmel reichen.«
»Du meinst, dass es keine Lügenpresse, sondern ein Lügenprogramm gibt und dass dieses Pack von einem Computer gesteuert wird?«
»Schau Dir die Leute, die am lautesten schreien nur an. Wenn man ihre Intelligenzquotienten addieren würde, käme man kaum auf eine positiven Betrag. Von irgendwo müssen diese Leute gelenkt werden. Wenn Du jetzt meinst, dass die Lenker an der Spitze stehen, dann schau Dir diese Lenker an: Sie sind alle Intelligenzverweigerer und evolutionäre Sackgassen.«
»Im letzten Jahr hast du noch anders gesprochen.«
»Da wurde ich wohl auch noch von der KI gesteuert.«
»Gefällt es Dir als Jahreszeit nicht, wenn Du auf andere Fantasieprodukte triffst?«
»Ich will nur nicht manipuliert werden.«
Schwerfällig erhob ich mich von meinem Platz und sagte: »Das klingt für mich immer noch zu fantastisch. Zwar habe ich eine Schwäche für Verschwörungstheorien, glaube allerdings so gut wie keine.«
Herbst erhob sich ebenfalls und sagte: »Ich kann es beweisen.«
Meine Augenbrauen huschten auf meine Stirn. »Das will ich sehen.«
»Wir müssen dazu an die Uni. Ein befreundeter Wissenschaftler hat mir geholfen. Er wartet schon auf uns.«
»Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, dass nach 8 Tagen stumpfen Dialog noch irgendetwas passiert.«
»Bei Winter, Frühling und Sommer ist im ersten Kapitel auch fast nichts passiert.«
»Du musst mich nicht auf meine Schwächen aufmerksam machen.«
»Sieh es mal positiv, mit Dialogen kann man Einiges vermittel, was sonst auf der Strecke bleiben würde.«
Als Herbst vor dem Bus stand, sagte er: »Was ist das denn für ein krankes Gefährt?«
»Ich hatte Dir doch von meinem Kleinen erzählt. Das Ding, welches man nicht als Auto bezeichnen konnte?«
Herbst nickte.
»Sommer hat ihn an der Nordsee stehen lassen. Ich weiß nicht genau, ob er immer noch da steht. Auf jeden Fall hat er mir sein altes Mobil überlassen.«
Sehr kritisch beäugte Herbst den VW-Bus von allen Seiten. Er ging einmal um das Gefährt herum und sagte dann: »Das ist das Gegenteil von Stil und Eleganz, welche ich bevorzuge. Mit dem Ding sind wir so auffällig, wie eine Hummel auf einer Frosch-Party.«
»Wir können uns auch einfach Beamen. Mittlerweile macht mir das kaum noch was aus.«
»Ich mach es nicht so gerne. Ich habe damit sehr schlechte Erfahrungen gesammelt. Sommer und Frühling, die beiden Sprunghaften, sind viel mehr für diese Art von Überraschungen zu haben.«
»Du meinst, dass es gefährlich ist?«
»Hast Du Dich schon mal in einen Tisch gebeamt? Selbst für Unsterbliche ist die Sache nicht völlig schmerzfrei.«
»Dann wird uns wohl kaum etwas anderes übrig bleiben, als den Bus zu nehmen. Es ist völlig egal, ob er Dir nicht dezent genug ist, wir brauchen einen fahrbaren Untersatz. Die Uni ist zu weit entfernt, als dass wir laufen könnten.«
Herbst nickte nachdenklich. Nach einer Weile sagte er: »Wo steht noch einmal Dein Auto?«
»Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch steht. Auf jeden Fall passen meine Schlüssel für das Mobil.«
»Wir könnten auch auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen.«
»Vergiss es. Das letzte Mal, dass ich den Bus und die Bahn genommen habe, ist mir wieder bewusst geworden, warum ich das Auto bevorzuge. Wir sind viel schneller dort, wenn wir selbst fahren.«
Herbst zuckte mit der Schulter und ging zur Beifahrertür. Als er sie öffnete, sagte er: »Das stinkt da drin ja, wie im Ziegenstall.«
»Der Duft ist etwas süßer. Es ist eher der typische Sommerduft.«
Herbst schüttelte den Kopf und stieg ein.
Die Uni hatte sich geändert. In den letzten Jahren waren etliche Gebäude neu gebaut worden. In meiner Erinnerung bestand der Campus noch aus einer handvoll kunterbunten Türmen, die von innen nach alten Menschen rochen und deren Baumaterial schon seit einer Ewigkeit aus der Mode gekommen waren. Jederzeit rechnete man damit, dass ein Balkon nachgab und sich nach unter verabschiedete oder dass die Bauten direkt im Höllenloch versanken, in welches sie gehörten.
Zur Erinnerung hatte man die alten Bauruinen stehen gelassen, entkernt und frisch gestrichen – als hätte die neue Farbe den Mauern Sicherheit gegeben. Die neuen Türme standen an die alten gelehnt und stützen sie dadurch.
Herbst ging durch den Tunnel zum Innenhof, den ich als Student unzählige Male durchquerte. Im Zwielicht wirkte er wie einer dieser Steigbügelhalter eines verrückten Professors. Diese Typen, die immer um einen weltbekannten Wissenschaftler herumscharwenzeln, als würde der Ruhm ihrer Vorbilder irgendwann auf sie abfärben. Dabei bemerkten die hohen Herren entweder ihre Schoßhündchen gar nicht oder machten sich einen Spaß daraus, sie auszunutzen und zu erniedrigen.
Herbst hatte sicherlich einige Fehler, sein spießiges Äußeres war nur die offensichtliche Fassade. Für einen Moment bezweifelte ich meinen Entschluss, Herbst im letzten Jahr in mein Leben gelassen zu haben.
Mein Zögern wurde bemerkt und Herbst winkte mir ungeduldig, was mich erneut schaudern ließ. Diese Geschichte würde kein gutes Ende nehmen und ich hatte noch nicht einmal eine Ahnung davor, was überhaupt passieren wird.
Langsam folgte ich Herbst durch den düsteren Tunnel, in eine schmale Pforte, die gleich dahinter angebracht war. Er hielt mir die Tür auf und tippelte mit seinen Fingern auf der Tür, während er auf mich wartete.
Ich sagte: »Warum bist Du so ungeduldig? Du hattest doch Jahrhunderte Zeit, auf diesen Augenblick zu warten.«
Mit einem Schlag fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Herbst eilte an mir vorbei zur Treppe.
Im Treppenhaus fehlte die Beleuchtung. Wahrscheinlich war hier für die notwendige Renovierung das Geld ausgegangen oder der Hausmeister wagt sich einfach nicht mehr in diesen Teil des Gebäudes. Soweit man mir mal erzählte, sind die Fundamente nicht mehr die Verlässlichsten.
Herbst nahm die Treppe nach unten, was mich erstarren ließ.
Ich sagte: »Du willst nach da unten? Sind die Büros und Laboratorien des Lehrpersonals und der Studenten nicht weiter oben?«
Er stand schon am unteren Ende der Treppe, als er sich umdrehte und sagte: »Wir wollen zu keinem Typen oben. Wir wollen nach unten.«
»Bisher war ich noch nie hier unten. Das Tunnelsystem ist sehr verwirrend und verbindet alle Gebäude.«
»Sei keine Memme. Wir müssen nach unten.«
Herbst drehte sich wieder um und war verschwunden.
Das hatte ich ihm nicht zugetraut. Er hatte sich verändert oder er war einfach anders, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
Hier unten wirkte er so deplatziert, wie ein Flamingo auf einer Beerdigung. Die makellose Kleidung im Kontrast zu den dreckigen, unverputzten Wänden – ich musste einfach herausfinden, was er hier wollte.
Der Gang unten war spärlich durch Neonröhren beleuchtet, von denen nur jede dritte funktionierte. Hinter den Türen, an denen ich vorbeieilte, hörte ich mechanisches Stampfen und Zischen. Die Uni war zwar alt, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie von Dampfmaschinen angetrieben wurde. Diese Antriebsenergie würde allerdings das Wesen einiger obskurer Professoren erklären.
Wir bogen insgesamt vier oder fünf Mal im rechten Winkel ab und ich erwartete, bald an den Punkt zu gelangen, an dem wir unsere Odyssee angefangen hatten, was allerdings nicht passierte, als Herbst langsamer wurde.
Er blickte mich an und legte den rechten Zeigefinger an seine Lippen. Das Symbol war unmissverständlich, allerdings vollständig sinnlos. Hier unten herrschte ein solcher permanenter Lärm, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Warum man zusätzlich leise seien sollte, entzog sich meiner Logik.
Ich trat näher zu Herbst, der angestrengt an einer Tür lauschte. Diese hier war, abweichend von all den schweren, metallischen Feuerschutztüren, aus Holz.
Sein Gesicht war merkwürdig verzerrt, als wolle er einen bestimmten leisen Ton erneut hören, der sich im Dickicht einer Symphonie verborgen hielt.
Ich tippte ihnm auf die Schulter und als er sich umdrehte, sah ich ihn fragend an. Er gab mir das Zeichen still zu sein und zu warten.
Die Zeit streckte sich wie eins dieser Kaugummis, in die man versehentlich hineingetreten war. Meine Beine wurden schwer und ich lehnte mich an die Wand.
Plötzlich erhob sich Herbst und sagte, so leise, dass ich ihn fast nicht verstanden hätte: »Das ist merkwürdig.«
Es war mir bewusst, dass er mir jetzt keine langen Erklärungen geben konnte, mit diesem Satz hatte er jedoch mehr Fragen aufgeworfen, als er beantwortet hatte.
Was ich dann sah, ließ meinen Unterkiefer nach unten klappen.
Von seinen Füßen aufwärts wurde Herbst ganz allmählich durchsichtig, wobei es durchsichtig nicht ganz erklärte: Er wurde eher ›milchig‹.
In Filmen hatte ich gesehen, wie sich Menschen in Luft auflösten. Allerdings noch nie in Milch. Als die Verwandlung seinen Oberkörper erreichte, verschwammen seine Konturen unterhalb.
Mein Gehirn versuchte verzweifelt zu verarbeiten, was ihm da von meinen Augen gemeldet wurden und fanden eine Spur Erinnerung.
Sommer hatte mir erzählt, dass die Verwandlung in eine Wolke, bei den Jahreszeigen in der Schule trainiert wurde.
Tatsächlich stand ich vor einer grauweißen Wolkensäule, die sich langsam um sich selbst bewegte, wie ein extra kleiner Taschen-Tornado.
Eilig trat ich ein paar Schritte zurück und nahm die Hände schützend vor den Mund – schließlich wollte ich in keinem Fall etwas von Herbst einatmen.
Doch, anstatt mich anzugreifen, zog die Wolke auf die Tür zu. Wenig später war sie unterhalb der Schwelle verschwunden.
Sollte irgendein kranker Regisseur einmal auf die Idee kommen, diese Szene zu verfilmen, brauchte er nur Rauch, der unterhalb einer Tür hervorquillt und für den finalen Film die Szene rückwärts laufen lassen.
Die Tür öffnete sich von innen und Herbst zog mich in den Raum und schloss die Tür hinter uns gleich wieder.
Herbst war außer Atem. Seine Worte kamen stoßweise: »Hier ist irgendetwas sehr merkwürdig.«
Schnell blickte ich mich im Raum um und sagte: »Meinst Du den Typ, der da auf seiner Tastatur schläft. Er hätte sich ruhig waschen können. Hier drin stinkt es wie im Pumakäfig.«
Mit ein paar schnellen Schritten stand Herbst neben dem Stuhl und bückte sich zu der schlafenden Person.
Er sagte: »Er ist tot.«
»Na Prima. Das war dann wohl eine Sackgasse.«
Herbst sah auf den Monitor und flüsterte: »Dieser Typ hier ist meine Kontaktperson. Er hat mir von dem Netz im Netz erzählt.«
»Und anscheinend hat seine Paranoia irgendwann endlich beschlossen, dass es ihr reicht, und hat sein Gehirn zur Implosion gebracht.«
»Du solltest Dich nicht darüber lustig machen.«
Das rote Licht oberhalb des Monitors bereitete mir Bauchschmerzen. Etwas sehr spät hatte ich eins und eins zusammengezählt.
»Seine Webcamp ist an. Irgendjemand beobachtet uns. Ich bin sicher, dass die Diode gerade noch nicht geleuchtet hat.«
Herbst schlug das Ding vom Monitor und ich packte mir verzweifelt an den Kopf und sagte: »Das ist bestimmt nicht auffällig, dass nach dem Tod des Programmierers seine Webcamp zerschlagen wurde. Das CSI wird sich freuen.«
Von meinem Worten ungerührt stupste Herbst die Maus an, die noch von der Hand des ehemaligen Users umklammert wurde.
Der Monitor flackerte kurz auf und erwachte zum Leben. Er zeigte eine Eingabemaske in der man Benutzername und Passwort eingeben musste.
»Du hattest jetzt nicht wirklich damit gerechnet, dass man dadurch noch Informationen erhalten könnte, oder? Jeder Hacker schützt seinen Rechner.«
Herbst wirbelte herum und sagte: »Er hatte die Wahrheit gefunden. Er war dem Ding in der Maschine auf der Spur.«
»Na prima, dann können wir die Geschichte ja jetzt beenden und uns etwas Neuem zuwenden.«
»So leicht gebe ich nicht auf.«
»Das hatte ich befürchtet.«

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