Herbst 2016 – Kapitel 2

Der Gestank in dieser Kellerkammer brachte mich fast um. Die Leiche schien noch halbwegs frisch, aber irgendwer hatte Fertigfraß-Kästen neben ihr aufgeschichtet, die ein unhygienisches Eigenleben entwickelt hatten. Die kleine Kammer schien mir eher wie ein Gefängnis als ein Arbeitsraum. Es gab keine Fenster und nur eine Lüftung, die allerdings nicht funktionierte.
Bücher waren an einer Wand sorglos aufeinandergestapelt. Auf der anderen Seite stand ein Tisch, auf dem ein Lötkolben neben einer Platine lag. Tausend kleine elektrische Bauteile waren daneben verstreut. Das gesamte Chaos lag im Zwielicht der Zelle.
Ich ging die paar Schritte auf die Elektronik-Müllhalde zu und betätigte den Lichtschalter. Das Licht ging nicht an.
Über meine Schulter sagte ich zu Herbst: »Ruf doch bitte sofort Maira von der Kripo an. Wir könnten uns am Tatort eines Mordes befinden.«
»Warum glaubst du das?«
»Der Typ war jung und der Tod ist für mich unnatürlich. Natürlich weiß ich nicht genau, warum die Lampe hier nicht brennt, aber der Tote könnte an einem Stromschlag gestorben sein. Außerdem die Geschichte mit der Webcamp. Es ist besser, den Tod sofort zu melden.«
Herbst holte sein Handy aus der Jackentasche und begann zu wählen.
Hätte ich Sommer darum gebeten, jemanden anzurufen, hätte ich ihm auch gleichzeitig ein Handy geben müssen. Bei Herbst war ich mir sicher, dass er eins der neusten Modell besaß und auch gerne damit angab. Soweit hatte er mich nicht enttäuscht – ich sag nur iPhone 7.
Ich sah mich weiter um. Es steckten ein paar bedruckte Seiten im Ausgangsfach des Druckers.
Hinter mir hörte ich, wie der Anruf zur Polizei durchgestellt wurde. Das Freizeichen dröhnte förmlich durch den Raum.
Es war wohl besser, zunächst auf die Spurensicherung zu warten. Vielleicht sollte ich meine Neugierde zügeln.
Zum Glück hatte ich einen Kugelschreiber dabei. Vorsichtig schob ich ihn unter die Blätter im Drucker und versuchte zu entziffern, was dort stand.
Herbst fragte am Handy, ob man ihn zu Maria durchstellen könne. Es erklang eine Wartemelodie.
Plötzlich bollerten schwere Schläge von Außen gegen die Kellertür.
Wir sahen uns an. Herbst hielt immer noch das Handy am Ohr. Mein Kuli hielt die letzte Seite im Drucker hoch.
Herbst flüsterte: »Wer ist das?«
Ich flüsterte zurück: »Es wird wohl nicht Dein Netz im Netz sein. Ich glaube nicht, dass das klopfen würde.«
Herbst fuhr erneut zusammen, als am Ende der Leitung die Stimme von Maria an sein Ohr drang. Ziemlich klar hörte ich die Worte: »Hallo Herr Herbst. Ich kann im Moment nicht sprechen, wir sind bei einem Einsatz.«
Lächelnd sagte ich zu Herbst: »Bei unserem Glück, steht sie vor der Tür. Frag sie, ob der Einsatz zufällig an der Uni ist und ob sie gerade vor einer Kellertür steht.«
Herbst fragte mit sehr gedämpfter Stimme. Als er die Antwort bekam, ging er direkt zur Tür und öffnete sie.
Vor der Tür stand Maria und ein weiterer Beamte, mit Pistolen bewaffnet, und sie sahen uns mit großen Augen an.
Ich sagte: »Hallo Maria. Es ist schön, Dich wieder zu sehen.«
Die riesige Dame mit den breiten Schultern erholte sich erst langsam aus ihrer Starre. Sie blickte uns immer noch sehr ungläubig an und hielt dabei ihre Dienstwaffe auf Herbst gerichtet.
Der schritt auf sie zu und wartete, bis sie ihm ihre Hand reichte, und schüttelte sie anschließend. Der andere Beamte schien Probleme dabei zu haben, seine Starre zu überwinden.
Herbst sagte: »Es wäre an dieser Stelle höflich, uns Deinen Freund vorzustellen.«
Schnell fügte ich hinzu: »Was allerdings nicht unbedingt notwendig ist – ihr könntet uns zumindest sagen, was euch herführt. Herbst hatte noch gar nicht von unserem Fund berichten können.«
Maria schüttelte sich, begrüßte uns kopfschüttelnd und sagte: »Wir wurden hierher gerufen. Ein anonymer Anrufer meinte, dass hier zwei Leute einen Studenten umgebracht hätten und die Täter immer noch anwesend wären.«
Herbst schüttelte verblüfft den Kopf und sagte: »Herr Franke ist kein Student und war schon tot, als wir ankamen. Allerdings glaube ich nicht, dass seine Mörder noch in der Nähe sind, wenn er überhaupt umgebracht wurde. Das müsstet ihr erst einmal untersuchen.«
Der Polizist, den Maria mir zwar vorstellte, desen Namen ich allerdings sofort wieder vergaß, sagte: »Wer sind sie?«
Maria stellte sich zwischen uns. »Das hier ist Kommissar Herbst und das hier ist Bob. Ich habe die beiden bei einem anderen Fall kennengelernt. Wir haben damals an einem sehr verzwickten Mord zusammengearbeitet.«
Ungeduld füllte meinen Bauch und kribbelte in meinen Muskeln. »Wann kam der anonyme Anruf rein? Wir sind erst seit höchstens zehn Minuten hier. Ich nehme an, dass man uns eine Falle stellen wollte.«
Mit großen Augen sah mich Herbst an und sagte: »Warum glaubst Du das?«
»Vielleicht habe ich schon zu viele schlechte Krimis im Fernsehen gesehen oder es liegt an meiner allgegenwärtigen Paranoia – ich hab einfach das Gefühl, als wolle man uns hier einen Mord unterschieben. Dabei bin ich mir immer noch nicht sicher, ob es sich hier nicht doch um eine natürliche Todesursache handelt. Zumindest habe ich keine Einschusslöcher gesehen.«
»Ihr habt euch den Toten schon angesehen, ohne auf die Spurensicherung zu warten?«
Herbst verzog das Gesicht und sagte: »Natürlich haben wir auf die Spurensicherung gewartet. Wir haben den Toten nicht angerührt.«
»Du hast seine Hand bewegt.«
»Ich wollte nur sehen, ob man erkennen kann, woran er gearbeitet hatte.«
Maria blitzte Herbst strafend an. Sie sagte: »Das werden wir protokollieren müssen. Habt ihr noch etwas verändert?«
»Als wir reinkamen, war die Webcamp an. Herbst hat sie ausgeschaltet.«
Maria sah zum Rechner und sagte: »Er hat wohl eher die Kamera vom Computer geschmissen.«
Ich zuckte mit den Achseln. »Er war augenscheinlich erfolgreich. Mich persönlich würden eher die Ausdrucke interessieren. Vielleicht zeigen sie uns, woran der Student gearbeitet hat.« Herbst schüttelte den Kopf. »Herr Franke war kein Student. Er war sowas wie ein Helfer der Uni. Er war dafür zuständig, Experimente für die Physik-Vorlesung zu organisieren. Sicherlich ein eher trostloser Job, aber er tat ihn gerne. Nebenbei hatte er hier eine kleine Werkstatt und seinen Computer.«
»Und er arbeitete an ein paar Verschwörungstheorien.«
Der andere Beamte sagte: »Welche Verschwörungstheorien?«
»Größtenteils über die Bedrohung aus dem Netz.«
In Maria Gesicht lag ein Ausdruck, den ich nicht gleich deuten konnte. Ihre Mundwinkel wirkten ausgefranst, auf ihrer Stirn zeigten sich Wellen, wie bei einem Sturm über dem Ozean und ihre Augen waren geweitet.
»Diese Spinner gehen mir in letzter Zeit total auf die Titten. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Idioten das Internet verklagen wollen. Wir haben einen Trottel, der alle drei Tage in die Wache kommt, um durch seine Anzeigen, das Netz endlich dicht zu machen.«
Meine Blicke wanderten zu Herbst, der seine Augenbrauen erhoben hatte. Er sagte: »Von dem Typen brauchen wir die Adresse. Außerdem würde Bob gerne wissen, was dort im Drucker steckt.«
Vorsichtshalber zog ich meinen Kopf ein und wartete auf das Gewitter, dass merkwürdigerweise ausblieb. In Krimis wurde immer davor gewarnt, irgendwelche Dinge am Tatort anzufassen.
Maria schritt an mir vorbei, nahm die Blätter aus dem Drucker und reichte sie mir. Sie sagte: »Wenn Du sie angesehen hast, bekomme ich das Zeug zurück. Es ist nämlich Beweismaterial.«
Die Blätter waren mit geraden Linien und merkwürdigen Schaltelementen durchzogen. An ihnen standen merkwürdige Buchstaben-Kombinationen und Zahlenwerte. Es war nicht besonders schwer, zu erkennen, dass es sich hier um einen elektronischen Plan handelte. Was ich da allerdings vor mit hatte, erschloss sich mir genauso, als hätte man einem sibirischen Urmenschen die Betriebsanweisung eines Kühlschranks überreicht.
Herbst blickte über meine Schulter und schüttelte den Kopf.
Mit der rechten Hand, zog ich mein Smartphone aus der Tasche und fotografierte die merkwürdigen Hieroglyphen. Es waren insgesamt zehn Seiten ohne Text oder Beschreibung.
Mit ein paar Schritten war ich am Tisch mit dem Elektronik-Schrott und prüfte, ob hier irgend ein Teil Ähnlichkeiten mit den Plänen aufwies. Allerdings waren meine Erwartungen,etwas zu finden, gering, da mein Wissen über diese Welt eher beschränkt ist.
Missmutig reichte ich Maria die Seiten zurück und sagte: »Das ist irgendein Plan zu irgendeinem Gerät.«
»Das wäre ich nie darauf gekommen. Ich lasse es mal von unseren Experten checken.«
Mittlerweile stand Herbst in der Tür. Seine Brillengläser spiegelten sich im Neonlicht und man konnte seine Augen nicht erkennen. Allerdings sah ich, dass seine Finger auf dem Rahmen trommelten.
Er sagte: »Wir sind hier fertig? Den Rest der Arbeit sollten wir den Profis überlassen.«
Dann wandt er sich zu Maria: »Ich werde Dir meine Nummer geben. Bitte melde mir den Autopsiebericht und schick mir die Adresse von diesem komischen Kautz, der das Internet verklagen möchte. Ich werde ihn besuchen. Vielleicht hören dann seine unliebsamen Treffen mit Dir auf.«
Maria nickte, trug die diktierte Nummer in ihr Handy ein und verabschiedete sich schließlich. Ich schüttelte ihr zum Abschied die Hand.
Auf dem Weg zur Treppe sagte ich: »Was machen wir jetzt?«
Herbst wirkte abwesend. Er beantwortete meine Frage nicht und schien weit weg zu sein. Wenn ich mich nicht irrte, brummte er irgendetwas in sich hinein. Seine Augen waren glasig und sein Blick auf den Boden gerichtet.
Erneut versuchte ich, auf mich aufmerksam zu machen. Mit ein paar Schritten stand ich vor ihm und schnitt ihm den Weg ab.
»Was machen wir jetzt? Es ist ja nicht so, als hätten wir eine Spur.«
Die Worte, die aus dem Mund von Herbst kamen, waren nicht zu verstehen. Ich gab ihm ein Zeichen, dass er lauter reden sollte.
Er sagte: »Ich weiß auch nicht. Eigentlich wollte ich Dich nur davon überzeugen, dass das Internet wie eine riesige und giftige Spinne in ihrem Netz sitzt und hinter dem Hass in der Welt steckt.«
»Ein Mord stand also nicht auf der Tagesordnung?«
»Es muss kein Mord sein. Dieser Franken hat sich extrem ungesund ernährt. Er könnte auch an seiner fehlenden Hygiene gestorben sein.«
»Oder er hatte es am Computer einfach übertrieben. Ich hatte schon Angst, dass die Geschichte sich in Richtung Krimi entwickelt. Das hatte ich doch schon mit Frühling.«
»Hast du eine Ahnung, wer uns diesen Schaltplan lesen kann?«
Es war nicht besonders schwer, den Richtigen zu finden. Ich hatte ihn zwar schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, aber Ali wäre genau derjenige, den wir jetzt brauchten.
Es war merkwürdig Ali wiederzusehen. Ich hatte ihn schon fast vergessen. Hätte Herbst nicht nach einem Experten gefragt, er wäre wohl irgendwo in meiner Vergangenheit verloren gegangen.
Dafür, dass wir uns so lang aus den Augen verloren hatten, fiel es mir extrem leicht, ihn zu finden. Er verkehrte immer noch in der gleichen Pinte.
Auf den ersten Blick hatte er ein paar Kilo zugelegt, schien allerdings sehr glücklich zu sein. Als ich ihn kennengelernte, wirkte er permanent gehetzt und schaute sich in jeder freien Sekunde um, als wären die Männer in den schwarzen Anzügen jederzeit hinter ihm her. Sein Teint war nicht mehr aschfahl, sondern hatte eine angenehme Bräune angenommen.
Als ich seine Hand umfasste, sagte ich: »Du scheinst immer noch mit Judith zusammen zu sein. Die Beziehung bekommt Dir augenscheinlich gut.«
Wie es seine Art war, lachte er aus voller Lunge. »Ja klar bin ich immer noch mit ihr zusammen. Wer sagt denn, dass eine Gefahrensituation ein Pärchen nicht zusammenschweißt.«
Herbst blickte unbeeindruckt auf Ali hinab. Dieser lachte erneut und sagte: »Wo hast Du denn diesen Spießer her? Ist der schon mit dem Stock im Arsch geboren worden oder hatt er ihn sich selbst eingesteckt?«
»Sorry, ich sollte euch vorstellen.«
Ich wandt mich zu Herbst und sagte: »Das hier ist Ali. Einer der besten Hacker, die ich kenne. Außerdem gehört er zur alten Schule: Er kennt sich nicht nur mit der Software, sondern auch mit der Hardware aus.«
Dann wandt ich mich zu Ali und sagte: »Dass hinter mir, ist Herbst. Er ist ein wenig steif, aber wenn man ihn erst einmal kennenlernt, wird er penetranter als ein Hund, der sich einem ins Bein verbissen hat.«
Ali streckte seine Hand entgegen, die Herbst beflissentlich übersah. So viel Unfreundlichkeit hatte ich ihm gar nicht zugetraut. Ab und an überraschte er mich doch noch. Soweit ich denken konnte, war Herbst eher lammfrommer Pantoffelträger, als eiskalter Rowdy. Irgend etwas schien ihn an Ali zu stören.
Dieser lehnte sich zu mir und sagte: »Der Typ ist mir fast zu sympathisch, wie Herr Bergmann. Ich hoffe, er taut noch auf.«
Wir setzten uns an einen Tisch und Ali bestellte drei Cola-Zero für uns. Zunächst war ich irritiert, doch als ich ihn ansah, sagte er nur: »Ihr zückt beim Bezahlen viel zu schnell eure Bonus-Karten. Als Du Dich angemeldet hast, hab ich sofort geschaut, was mich erwarten würde. Mal ganz davon ab, dass euer Verbrauch an Toilettenpapier astronomisch hoch ist.«
»Ich hab drei Frauen zu Hause. Sag denen das.«
In Herbst Gesicht gingen die Augenbrauen nach oben. Anscheinend hatte ihm der kleine Trick gefallen.
Erklärend sagte ich: »Ein Freund hat mal jemanden vom Chaos Computer Club getroffen. Der sagte ihm, dass er ihm nur seinen Vornamen und sein Geburtsdatum nennen solle. Sie trennten sich und der Hacker rief ihn ein paar Stunden später über die nicht registrierte Festnetznummer zu Hause an und erzählte ihm, was er bisher in seinem Leben alles gemacht hatte.«
Ali lachte und sagte: »Das ist eigentlich auch sehr leicht – nur ein Taschenspieler-Trick. So etwas lernt man in der Hacker-Grundschule.«
Die Getränke wurden vor uns gestellt und Ali beugte sich verschwörerisch über den Tisch. »Wann wird denn meine Geschichte endlich fertig?«
Mein
Kopf wurde warm und ich merkte, wie er rot wurde. Stotternd beichtete ich: »Die Geschichte ist so gut wie fertig. Ich habe bis jetzt alles, bis auf den Schluss. Danach müsste sie überarbeitet werden. Daran habe ich nie wirklich Spaß.«
Er rutschte zurück auf seinen Platz und sah mich strafend an. Anscheinend erwartete er von mir eine Entschuldigung.
Ich sagte: »Du weißt, dass ich den Roman vor Deinem in einem Rutsch aufgeschrieben habe. Bei Deiner Geschichte gingen mir die Ideen beim Endkampf aus. Ob Du es glaubst oder nicht, ich hätte es fast geschafft, Deinen Charakter zu töten.«
Ali schüttelte langsam den Kopf.
Ich sagte: »Wenn jemand die Geschichte lesen möchte und mir einen Tipp gibt, wie sie ausgeht, wäre ich sehr dankbar. Im Moment habe ich sie einfach beiseitegelegt.«
Ein Räuspern unterbrach uns und ich war Herbst sehr dankbar, dass er die peinliche Situation unterbrach. Er sagte: »Können wir jetzt bitte zurück zu unserer Geschichte kommen? Wolltest Du Deinem Hacker-Freund nicht die Pläne zeigen?«
»Ja natürlich«, sagte ich und kramte in meiner Tasche nach dem Smartphone. Ich reichte Ali mein Handy mit den Fotografien und wartete auf seine Antwort.
Es dauerte einige Minuten, in denen er zoomte und einige Details genauer betrachtete. Dann lachte er laut auf.
»Das ist genau das Zeug, mit dem ich mich die letzten paar Wochen herumgeschlagen habe. Die Geschichte ist etwas länger.«
Ich sagte ihm, dass wir dazu Zeit mitgebracht hatten.
»Vor ein paar Monaten erschienen diese Pläne im Netz. Es sieht fast so aus, als hätte jemand die Entwicklung einer Firma geleaked. Das Bauteil hier spielt mit Ideen, die eigentlich wie Zukunftsmusik klingen. Wenn Du mich fragst, ist das hier eine Schnittstelle, die einen Menschen mit dem Rechner verbinden kann.«
»Das ist doch unmöglich. Das heißt, eigentlich mag ich ja Cyber Punk und hatte immer gehofft, dass es bald soweit sein wird. Aber bisher zeigte die Entwicklung noch nicht in diese Richtung.«
»Niemand weiß, woher die Pläne stammen. Es ist völlig unmöglich den Weg der Dateien zurückzuverfolgen. Einige meiner Freunde sind daran verzweifelt. Ich habe es gar nicht erst probiert. Judith wäre wohl auch sauer gewesen, wenn ich zu viel Zeit damit verschwendet hätte.
Die ersten sagten, dass die Pläne völliger Müll wären. Es gibt einfach zu viel Unsicherheitsfaktoren und es riecht zu sehr nach Science-Fiction. Einige Foren sind voller Kommentare über die Schwächen der Schaltbilder.«
»Hat denn schon jemand versucht, es nachzubauen?«
Ali nickte eifrig. »Zwei der Exemplare liegen bei mir auf dem Tisch. Ich habe mich allerdings nicht getraut, sie auszuprobieren. Eine Fehlfunktion würde das Hirn rösten, wie Kaffeebohnen für den Espresso – besonders kross. Da ich nur eins davon besitze, ist es mir doch etwas zu schade.«
Herbst erhob sich, nachdem er das Glas in einem Zug leerte und sagte: »Wir sollten die Dinger ausprobieren.«
In Alis Gesicht spiegelten sich Überraschung und Ungläubigkeit. Ein Ausdruck, den man einem Mann entgegenschleudert, der  versucht einen Tieger mithilfe eines Zahnstochers zu erledigen. Mit einer Handbewegung zeigte ich Herbst, dass er sich noch einmal hinsetzten sollte und mit einer anderen, dass ich mein Handy zurück wollte, bevor Ali irgend eine Überwachungssoftware oder einen Troianer installieren konnte.
Ich sagte: »Bevor wir uns in ein Abenteuer stürzen, solltest Du Maria noch einmal anrufen und fragen, ob es neue Erkenntnisse gibt.«
Ein kurzes Nicken und Herbst hatte sein eigenes Telefon am Ohr. Er sagte ein paar Worte in den Hörer, die ich aufgrund der lauten und rustikalen Musik in der Spelunke nicht hören konnten.
Das Gespräch dauerte ein paar Minuten, in denen mich Ali erneut auf seine Geschichte ansprechen wollte, und ich alle Mühe aufbringen mussten, um ihn vom Thema abzubringen.
Nachdem Herbst auflegte, sagte er: »Bei der Untersuchung von Herrn Franke wurde eine Verbrennung im Nacken festgestellt. Sein Hirn war übrigens mehr als flüssig. Es stand kurz davor, ihm aus Ohren und Nase zu tropfen.
Wenn ich raten dürfte, würde ich sagen, dass er an diesem Interface gestorben ist.«
Atemlos sagte Ali: »Mike Franken? Der Hacker von der Uni?«
Ich nickte. »Das wird er gewesen sein. Es sei denn, dass noch andere Hacker mit dem gleichen Nachnamen mit überflüssigem Gehirn unterhalb der Uni hausen.«
»Wenn wir dürften, würden wir alle unterhalb der Uni leben. Die haben dort eins der besten Netze. Dafür würde jeder von uns seine Mutter und Geschwister verkaufen. Das Uni-Netzwerk ist sowas wie der feuchte Traum jedes Computer-Narren.«
»Jetzt verstehe ich auch, warum ihr immer so lange für euer Studium braucht. Wenn man euch nicht rausschmeißt, würdet ihr nie die heiligen Hallen verlassen.«
Ein wenig zu theatralisch sagte Ali: »Ich gebe mir wirklich Mühe. Bisher habe ich auch nur 5 Semester zuviel.«
Herbst schüttelte traurig den Kopf und sagte: »Können wir die Interfaces jetzt testen? Ich platze gleich vor Neugier.«
»Dein Stockmensch scheint es wirklich eilig zu haben, unter die Erde zu kommen.«
Lachen sagte ich: »Er hat da so diverse Talente, die das verhindern werden.«
Wir brauchten nicht lang zu Alis Wohnung. Dort trafen wir auf Judith.
Sie umarmte mich, was mich etwas verlegen werden ließ. Dabei drückte sie mich so eng an sich, dass mir schwindelig wurde. Hinter mir räusperte sich Ali und sagte kühl: »Sein Besuch ist geschäftlich.«
Judith ließ ihre Unterlippe sinken und sah mich an, wie es eigentlich nur ein bettelnder Hund kann. Schnell fügte ich hinzu: »Ich hatte immer vor, euch wiederzusehen. Es ist bisher leider immer was dazwischen gekommen. Wirklich peinlich die Geschichte.«
Sie blieb weiterhin vor mir stehen und blickte mich groß an.
»Glaub mir, wenn Du wüsstest, was mir in der letzten Zeit alles passiert ist, würdest Du mich verstehen.«
Herbst drängelte sich an Ali vorbei und sagte: »Wo sind jetzt diese elektronischen Wunderwerke?« Er bemerkte Judith erst, als er vor ihr stand und entschuldigte sich höflich, in dem er sagte: »Es tut mir leid, ich hatte hier kein weibliches Wesen erwartet. Sind Hacker nicht immer Singles und wissen nicht, wie man ein Weibchen anspricht?«
Seine ungehobelte Naivität und den ungeschickten Umgang mit Vorurteilen, erinnerte mich sehr an Sommer. Peinlich gerührt schüttelte ich den Kopf und sagte: »Wir sollten uns diese Interfaces anschauen, bevor es hier zu Handgreiflichkeiten kommt.«
Judith fragte noch, ob wir etwas zu trinken haben wollten, doch Herbst wischte den Gedanken für uns alle, mit einer Handbewegung aus der Welt.
Ein wenig später saßen wir vor einem Computer, neben dem Ali zwei merkwürdige Geräte gelegt hatte. Ich betrachtete die Dinger neugierig. Sie sahen aus, wie metallische Stirnreifen – eine Mischung aus sportlicher und modischer Entgleisung der 80ger und einem Folterinstrument aus dem Mittelalter. Insgesamt nicht wirklich vertrauenserweckend.
Ich sagte zu Herbst: »Sollten wir die Dinger wirklich ausprobieren? Eigentlich hatte ich mein Leben gerade wieder lieb gewonnen.«
»Es wird schon nichts passieren. Ich bin ja bei Dir.«
»Deswegen habe ich ja auch solche Angst.«
Ali schüttelte den Kopf und sagte: »Das ist ein Himmelfahrtskommando.« Trotzdem nahm er eins der Geräte und gab es mir.
»Dich interessiert zu sehr, was passiert, wenn man es benutzt.«
Er nickte und gab Herbst das Zweite. Dann schaltete er seinen Computer an.
Das Hintergrundbild zeigte ihn, in einer innigen Umarmung mit Judith, wie sie beiden vor dem Eiffelturm standen und extrem verliebt aussahen. Als ich es sah, musste ich lächeln.
»Ich werde von hier eure Reise begleiten. Allerdings weiß ich nicht, wie viel ich davon aufzeichnen kann. Die Dinger sind per WLan mit meinem Netzwerk verbunden und es war schwer überhaupt die Verbindung zwischen Rechner und Interface herzustellen. Ich musste zunächst einen HTML Client installieren. Der USB-Anschluss ist letztlich nur eine Stromzufuhr. Ich hätte die Dinger auch gleich an die Steckdose anschließen können. Jedoch war mir die Sache zu suspekt. So können keine tödlichen Ströme fließen.«
Mit einem Kopfschütteln sagte Herbst: »Uns wird schon nichts passieren. Wie funktionieren die Dinger überhaupt?«
»Sie sind vollständig autark. Als ich sie zum ersten Mal ans Netz angeschlossen habe, haben sie sich eine riesige Datenmenge gekrallt. Anscheinend ist irgendwo eine Art Betriebssystem hinterlegt, auf das die Hardware automatisch zugreift. Woher die Daten jedoch stammten, konnte ich nicht ermitteln. Ich habe keine Ahnung, was da vor sich ging. Mein Rechner meldete mir nur, dass sie jetzt einsatzbereit sind.«
Herbst legte sich das Stirnband auf die Schläfen und wartete gespannt darauf, dass irgendetwas passierte. Als nach ein paar Sekunden immer noch keine Reaktion eintrat, sagte er: »Was ist jetzt?«
Ali schmunzelte und sagte: »Du musst das Ding auch noch anschalten. Allerdings wäre es ratsam, sich vorher hinzusetzen.«
Ich war noch unentschlossen und sagte: »Hast Du nicht doch noch etwas über die Funktionsweise herausbekommen?«
»In der letzten Zeit wurden immer mehr solcher Geräte entwickelt – meist medizinische – die Impulse des Gehirns elektronisch auswerten und darauf reagieren. Die meisten Forschungen stehen jedoch noch in den Kinderschuhen.
Ich glaube, dass dieses Gerät, die Impulse am unteren Stamm des Gehirns manipuliert und damit irgendetwas anstellt. Was das genau ist, kann ich allerdings nicht sagen.«
Ich pfiff durch die Zähne und setzte die Krone auf. »Von mir aus kann es losgehen.«
Ali wies uns an, uns in die beiden Stühle zu setzen. Nachdem wir uns gesetzt hatten, betätigte er Schalter, die direkt über unseren rechten Ohren angebracht waren.
Zunächst dachte ich, dass die gesamte Geschichte eine pure Zeitverschwendung war. Noch fühlte ich mich genauso wie vorher. Vor meinen Augen stand der Monitor, von dem mich zwei Leute anstrahlten.
Dann wurde die Welt um mich herum plötzlich schwarz.
Instinktiv krallte ich mich mit beiden Händen an der Lehne des Stuhls fest. Doch meine Finger griffen durch die Luft. Mir wurde bewusst, dass ich nicht mehr auf einem Stuhl saß. Die Realität hatte sich aufgelöst. Ich wollte schreien, aber kein Laut kam über meine Lippen. Es war, als hätte man mir den Mund mit Klebefolie zugebunden.
Panisch blickte ich mich um und konnte nichts sehen.
Instinktiv wusste ich, dass ich nicht tot war. Der Tod fühlt sich anders an, soweit ging meine Erfahrung, die ich durch die Jahreszeiten gesammelt hatten.
Hier ging etwas Anderes vor und ich konnte nicht begreifen, was es war.
Vor mir wurde es hell. Das Licht kam aus einem schmalen Schlitz, der tausende von Meter von mir entfernt seien musste.
Es war, als beobachtete ich den Sonneraufgang aus einer Kiste, die nur einen Spalt weit aufstand.
Der Streifen wurde immer heller und blendete mich. Verzweifelt schloss ich meine Augen, nur um festzustellen, dass mir das nicht gelang.
Ich konnte meine Hände nicht spüren und meine Füße waren nutzlos. Sie wollten mir nicht gehorchen und rannten nicht, obwohl ich laufen wollte. Der Wunsch so schnell und so weit wie möglich zu fliehen drückte mir die Luft aus der Kehle, wenn ich noch eine Kehle besessen hätte. Mein Körper war nicht da.
Jetzt füllte der Spalt schon den gesamten Horizont. Im Licht konnte ich Konturen erkennen. Dort wartete etwas auf mich. Mein Gefängnis, die Kiste in der ich gerade noch schlief, wurde aufgemacht und umgestoßen.
Mein Blick drehte sich mehrmals um die eigene Achse, wie eine angeschaltete Taschenlampe, die man eine Klippe heruntergeschleudert hatte.
Dann lag ich im Gras und ein eisiger Wind ließ mich frösteln.
Jemand stöhnte in meiner Nähe. Als ich mich umdrehte, lag Herbst unweit neben mir im Gras. Seine Verkleidung ließ mich laut auflachen.
Er hatte ein graubraunes Mönchsgewand an und sah aus, als hätte man ihn als Statist im Film »Im Name der Rose« falsch eingesetzt. Seine Frisur wies auf der obersten Spitze seines Kopfes, eine kahlrasierte Stelle auf. Anstatt seiner Hornbrille balancierte er eine kleine Nickelbrille ohne Bügeln auf der Nase.
Er sagte: »Wenn ich komisch aussehen sollte, müsstest Du unbedingt sehen, wie Du aussiehst.«
Meine Blicke wanderten an meinem Körper hinab. Soweit ich das sehen konnte, hatte ich ebenfalls eine Robe an. Diese war jedoch nicht vom gleichen Stoff und stammte nicht zum gleichen Berufszweig wie der von Herbst. Die merkwürdig geformte Gitarre, die neben mir im Rasen lag, zeigte mir allerdings schnell, was ich hier zu sein hatte.
»Jetzt ehrlich? Barde? Welcher Mensch wird in ein Rollenspiel gesteckt und muss dort den Barden spielen?«
»Mönch ist ebenfalls sinnlos. Soweit ich es verstanden hatte, spielt man in den Spielen doch eher den Ritter oder den Zauberer.«
»Wir wissen nicht, ob es in diesem Spiel überhaupt Zauberer gibt. Was auch immer hier geschieht, bisher ist es noch völlig sinnfrei.«
Herbst zuckte mit den Achseln und sagte: »Was hattest Du denn erwartet?«
»Sowas, mit dem man das Netz betreten und womit man Daten abgreifen und sie verarbeiten kann. Ich hatte die Hoffnung nicht die neueste Entwicklung einer Spielekonsole in Händen zu halten.«
»Das scheint allerdings nicht viel mehr zu sein. Hast Du eine Ahnung, wie wir hier wieder rauskommen?«
»Normalerweise würde ich einfach auf den Knopf über unserem Ohr drücken, aber ich habe das schon probiert. Soweit ich das verstehe, funktioniert es nicht.«
»Dann werden wir das Spiel wohl zu Ende spielen müssen?«
»Haben wir denn die Zeit dazu?«
»Warte erst einmal ab. Vielleicht ist das Spiel nicht besonders lang.«
Ich hoffte, dass Herbst recht behielt. Wir wollten doch einen Mord in der realen Welt aufklären.

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