Herbst 2016 – Kapitel 3

In meiner Jugend, wie auch etwas später im Leben, war ich Fan von Fantasy-Rollenspielen. Da ich kaum jemand fand, der mit mir fantasieren wollte, beschränkte sich die Beschäftigung meist auf einsame Abende vor den Computer oder der Konsole. Die Szene, in der ich gerade steckte, erinnerte mich an den Klassiker »The Bard’s Tale« und das Remake. Der coole Barde gewinnt darin die Herzen der Damen und besiegt am Schluss den bösen Magier.
Herbst sah in seiner Robe allerdings lächerlich unpassend aus. Wenn er wenigstens den Krieger-Mönch mit flammenden Schwert in der Hand spielen würde – so war er auf jeden Fall keine große Hilfe für eine Runde Live-Action-Role-Play. Zur Not würden wir uns darauf begnügen müssen, dass er die wilden Tiere, Monster und Mörder zum Christentum bekehrte.
Wenn dies der Anfang einer Computer-Rollenspielrunde war, dann müsste man an dieser Stelle das Tutorial starten können.
Ich erhob mich und durchsuchte unsere nähere Umgebung.
Unweit meiner Füße fand ich einen Rucksack, der halbvoll im Gras lag. In dem Ding lagen verstreut Sachen. Neben ein paar sofort sichtbare Münzen fand ich noch zwei Steckbriefe. Nachdem ich sie studiert hatte, reichte ich sie an Herbst weiter.
»Das kann nicht Dein Ernst sein. Das sieht nicht aus, wie das Papier, welches ich aus dem Mittelalter kenne. Dies hier ist sogar gebleicht.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Schau doch lieber mal, was drauf steht.«
»Augustinus – Fahrender Mönch – Gesucht wegen schweren Betrugs«
Herbst blätterte eine Seite weiter und las laut: »Bob der Barde – Barde – Gesucht wegen Falschspiels«.
Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Ein Barde, der wegen Falschspiel gesucht wurde! Irgendwer hatte viel Spaß an der Sache.
Herbst blickte mich kritisch an und schüttelte erneut den Kopf. »Das ist mit Abstand das Blödestes, was ich je gemacht habe.«
Ich ließ meine Hand auf seine Schulter fallen, was dazu führte, dass er zusammenzuckte, und sagte: »Du wolltest Dich darauf einlassen. Mir scheint, dass es ziemlich lustig werden kann.«
Herbst nahm mir den Beutel aus der Hand und kramte darin. Nach einer Weile holte er ein Messer und einen Morgenstern heraus und reichte mir das Messer. Er sagte: »Für einen Mönch ist ein Morgenstern sicherlich die adäquate Waffe. Das Messer scheint Dir zu gehören.«
Das Messer lag mir leicht in der Hand. Hoffentlich hatte der Gott der Spielleiter mir ein Talent im Messerkampf verpasst. Einer Idee folgend, versuchte ich es von der einen Hand zur anderen zu werfen, wobei es mir allerdings nicht gelang, das Messer zu fangen.
Es landete neben mir im Gras.
Anscheinend klappte es nicht beim ersten Mal.
Ich nahm die Schneide zwischen die Finger, setzte den rechten Fuß nach vorne und zielte auf einen Baum, der abseits von uns an einem Waldesrand stand.
Das Zielen machte mich schwindelig. Ich kniff ein Auge zu, um besser sehen zu können, und schmiss das Messer mit voller Kraft.
Die Flugbahn glich der eines Wienerwürstchens, das man mit voller Wucht durch ein Bierzelt wirft, bis es endgültig und völlig wirkungslos gegen eine Stahltür klatscht. Aus Richtung Herbst hörte ich belustigtes Grunzen.
»Wenn Du meinst, dass Du es besser kannst, dann darfst Du gerne mal versuchen.«
Als ich mich umdrehte, war sein Lächeln verschwunden. Er blickte an dem Griff mit der Kette hinab, an dem die schwere Eisenkugel mit Stacheln angebracht war.
Er holte mit der Waffe über seine Schulter aus und traf sich dabei mit der Kugel selbst am Rücken.
Diesmal konnte ich ein Lachen nicht unterdrücken.
Beide Waffen hatten uns besiegt. Wir waren vollständig wehrlos. Wer oder was auch immer hinter unserem Abenteuer stand, wollte anscheinend nicht, dass wir große Chancen hatten.
Mir kam ein Gedanke: »Sag mal Herbst, kannst Du zufällig zaubern?«
Er blickte mich fragend an und schüttelte den Kopf.
»Noch nicht einmal Deinen normalen ›Unsterblichen‹-Kram?«
Herbst zuckte mit den Schultern und sagte: »Ich glaube nicht. Irgendwie fühle ich mich hier anders.«
Das Spiel gefiel mir immer weniger.
Es war an der Zeit aufzubrechen und ein wenig die Umgebung zu erkunden. Wer weiß, welche Art von Abenteuer wir hier bestehen sollten.
Der Rucksack war nicht sehr schwer. Die Sachen, die wir ausgepackt hatten, stopfte ich zurück und bemerkte, dass ich das Messer noch nicht geholt hatte. Es musste noch irgendwo am Waldrand liegen.
Hier irgendwo musste doch ein Weg sein, dem wir folgen konnten und der uns irgendwo hinführte. Vielleicht fanden wir sogar einen Wegweiser, der uns mehr Informationen lieferte.
Zunächst sollte ich allerdings das Messer holen.
Je näher ich dem Wald kam, desto boshafter schien er auf mich. Die Äste der Bäume waren merkwürdig deformiert. Sie hatten nichts mit den Pflanzen zu tun, die ich normalerweise kenne.
Die untersten Zweige waren nach außen gerichtet und schienen auf mich zu zeigen. Jeder sichtbare Baum hatte einen fast schwarzen Stamm, als wäre er von einem Feuer verzehrt worden. Die unteren Blätter waren braun und spitz.
Zwischen den Blättern hingen Spinnenweben, die an manchen Stellen fast auf den Boden reichten.
Zum Glück war das Messer nicht in das dunkle Dickicht hineingeflogen, sonder lag außerhalb, auf dem letzten Grün des Grases. Kurz dahinter wurde die Wiese grau und anschließend konnte ich nur nackte Erde erkennen.
Ich drehte mich zu Herbst um und sagte: »Wer auch immer diesen Wald hier hingesetzt hat, wollte definitiv nicht, dass er betreten wird.«
Herbst rief zurück: »Vielleicht sollten wir dann da rein gehen?«
Gerade wollte ich ihm zurufen, dass mein Verlangen dort hinein zu gehen gegen Null tendierte, als ich ein leises Schnauben hörte.
Es war kaum wahrnehmbar und doch erstarrte ich in meiner Bewegung. Dort stand etwas und beobachtete mich.
Blinzelnd versuchte ich, durch die Dunkelheit zwischen den Bäumen zu blicken, konnte jedoch nichts erkennen.
Dann blitzten plötzlich zwei Augen auf. Da stand etwas, was vielleicht 1,5 Meter hoch war, giftig gelbe Augen hatte und mich schnaubend ansah. Eine Öffnung tauchte direkt unterhalb der Augen auf und ich sah weiße, verdammt scharfe Zähne blitzen.
Dann setzte sich das Ding in Bewegung. Leider in die für mich falsche Richtung. Blitzschnell griff ich nach meinem Messer.
Als ich erneut hochsah, war das Wesen bis auf 3 Meter auf mich zugeeilt. Mittlerweile konnte ich seien Umrisse erkennen.
Was dort auf mich zusprang, war eine riesiger Katze. Ihr Fell war nacht-schwarz und man konnte zwei riesige und aus dem Maul ragende Eckzähne erkennen.
Die Katze hatte das Maul aufgesperrt und setzt gerade im vollen Lauf zum Sprung an. Von einer Sekunde zur nächsten, schien die Zeit langsamer zu laufen. Es war, als hätte ein Fallschirmspringer, nach dem erfolgreichen Absprung und dem Freienfall endlich den rettenden Schirm aufgespannt.
Die Katze hatte die Vorderbeine in der Luft und der hintere Lauf streckte sich langsam in den Sprung.
Die Zähne der Katze blitzte im Sonnenlicht und die Augen waren zu engen Schlitzen geschlossen.
Ich hielt das Messer in der Faust, ging im Kopf meine Optionen durch und entschied mich für die coolste. So schnell ich konnte, ging ich in die Knie.
Mein Körper reagierte dabei erschrecken langsam. Er schien in Watte eingepackt und tausendmal schwerer als sonst.
Quälend langsam ging mein Oberkörper herunter.
Dann setzte ich alle Kraft in den Sprung.
Der Tiger, oder war auch immer dieses Tier darstellen sollte, flog auf mich zu, während ich unter ihm hindurch tauchte. Dabei drehte ich mich in der Luft um den eigenen Körper und rammte dem Tier mein Messer in den Unterkörper.
Anschließend rollte ich mich kopfüber ab und landete mit einem weiteren, federnden Sprung auf den Beinen.
Die Zeit schien mich erneut eingeholt und verhielt sich ruhig.
Ich drehte mich um und sah, dass das Monster hinter mir zusammengesunken war. Blut quoll aus einer Wunde, die seinen Unterkörper aufgerissen hatte.
Ich streckte den Daumen nach oben und sagte zu Herbst: »Du wirst es nicht glauben, aber sie haben hier sogar einen Bullet-Time-Modus. Ich sagte ja, dass es lustig werden könnte.«
Herbst antwortete mir nicht, sonder schüttelte nur den Kopf. Dabei hatte er seine Augen geschlossen und seine Mundwinkel zeigten nach unten.
»Du solltest das unbedingt ausprobieren. Das ist echt cool.«
Das Erste was Herbst zu mir sagte, war: »Das war nicht nur rein physikalisch völlig unmöglich.« Dann machte er eine theatralische Pause und stemmte die Hände in die Hüfte.
Mit der Robe wirkte diese Bewegung völlig deplatziert. Sein Schnäuzer passte überhaupt gar nicht ins Bild. Nur seine Laune war genauso, wie ich sie kannte.
Er schüttelte erneut den Kopf und sagte: »So ein Tier hat es auch noch nie gegeben. Was ist das überhaupt? Eine Mischung aus Panther und Säbelzahntiger? Selbst wenn es diese Art gab, war sie im Mittelalter längst ausgestorben.«
»Hier gelten andere Regeln. Wir sind nicht im Mittelalter, sondern in einem alternativen Universum. Hier gibt es boshafte Wälder und Säbelzahn-Panther.«
»Was machen wir jetzt? Willst Du darauf warten, dass noch so ein Monster angreift, oder bewegen wir uns in eine andere Richtung?«
Diesmal schüttelte ich den Kopf. Irgendetwas wollte nicht, dass wir den Wald betraten und es hatte mich handfest davon überzeugt, dass es keine wirklich gute Idee war, diesem Wunsch nicht nachzukommen. Schließlich hing ich an meinem Leben, auch wenn es hier nur ein virtuelles war.
»Wir sollten in die andere Richtung gehen.«
Dann lachte ich und sagte: »Wo bleiben meine Erfahrungspunkte? Sollte ich jetzt nicht hochgestuft werden?«
Herbst sah mich fragend an, und ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Kein Problem, lass und gehen.«
Das Tier war schwer und riesig. Der Körper dampfte leicht in der kühlen Umgebung und strömte einen Geruch nach nassem Fell aus. Bevor ich hier verschwand, wollte ich mein Messer zurückhaben. Aus diesem Grund nahm ich alle Kraft, die ich aufbringen konnte zusammen und rollte den Kadaver auf die Seite. Es ging erstaunlich leicht.
Das Messer lag in einer Lache von Blut und Erde und funkelte mich böse an.
»Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen«, rief mir Herbst zu, der sich schon zum Gehen herumgedreht hatte.
»Sollten wir nicht den Pelz abziehen? Wir könnten ihn als Trophäe mitnehmen oder ihn irgendwo verkaufen.«
»Das raubt uns zu viel Zeit.«
Kaum hatte er das gesagt, verschwand das Tier in einem kurzen Flimmern vor mir. Zurück blieben ein Fell, ein größerer Sack und ein kleiner Lederbeutel. Instinktiv wusste ich, was dort vor mir stand: Fleisch und Geld.
Ich nahm die Sachen an mich, steckte sie in den Rucksack und eilte Herbst hinterher, der sich schon ein großes Stück von mir entfernt hatte. Als ich ihn eingeholt hatte, sagte ich atemlos: »Da war schon wieder einer dieser Computer-Rollenspiel Tricks, um die Alterfreigabe zu senken. Gar nicht schlecht, wenn man sich nicht um das Häuten und Ausnehmen von Tieren kümmern muss.«
Die Reise verlief außergewöhnlich schnell. Meine Schritte schienen hier mindestens viermal so weit zu reichen. Außerdem hatte ich bei meinem kurzen Sprint bemerkt, dass ich zwar außer Atem kam, das Rennen allerdings keinerlei Kraft kostete.
Eigentlich war es überraschend, dass die Ansicht nicht in die Vogelperspektive schwenkte und wir, betrachtet von weit oben, als zwei Punkte über eine Karte zogen.
Die Landschaft um uns herum schien sich dabei kaum zu ändern. Wir sahen grüne, einheitliche Hügel unter einem betongrauen  Himmel. Es waren keine Wolken zu sehen, das Wetter passte zur Jahreszeit. Die Sonne schien schwächer als sonst und war kaum zu erkennen.
Von einem der unzähligen Hügel aus blickten wir auf einen Fußweg, der so aussah, als hätte ein Kleinkind ihn mit einem Kohlestift auf einen grünes Filz gezeichnet.
Herbst sagte: »Wenn wir dem Weg folgen, müssten wir bald etwas erreichen.«
»Du weißt nicht, ob wir dahin wollen, wo der Weg uns hinführt. Er könnte uns direkt zum bösen Zauberer bringen.«
»Ich kenne so einen Film, in dem es auch um einen Zauberer geht.«
Lachend schüttelte ich den Kopf und sagte: »Wir sind hier nicht in Oz und das hier ist nicht ›The Yellow Brig Road«, der wir folgen müssen.«
Herbst sah mich fragend an und ich sagte: »Es bleibt uns immer noch zu wählen, welche Richtung wir nehmen sollen.«
Plötzlich hörte ich ein Fauchen, welches direkt über uns die Luft zerriss. Als ich mich umdrehte, sah ich ein riesiges grünes Gebilde, welches seine mindestens zwanzig Meter langen Flügel ausgebreitet hatte und im Sturzflug auf uns zueilte. Über dem mannshohen aufgerissenen Rachen konnte man noch die spitzen Ohren sehen.
Ich brauchte Herbst nichts viel zu sagen – wir beide setzten uns gleichzeitig in Bewegung, immer auf den Weg zu.
Immer wieder blickte ich mich angstvoll um, wobei es klar wurde, das dieses geflügelte Ungetüm schnell aufholte.
Herbst keuchte neben mir. Wir waren in etwas gleich schnell.
Fast hätten wir die in Grün gekleidete Gestalt umgerannt, die sich nahe des Weges aufgebaut hatt und mit Pfeil und Bogen auf uns zielte. Der Typ hatte tatsächlich lange, spitze Ohren und blonde, lange und gelockte Haare. Er sah aus, als hätte man ihn aus einem Plattencover einer 80ger-Jahre Heavy Metal Combo befreit.
Herbst hechtet mit einem Kopfsprung ins Gras, während ich erstarrt stehen blieb. Das elfische Wesen vor mir zischte mir ein unverständliches Wort zu und nickte.
Etwas irritiert blickte ich ihm ins Gesicht. Er zischte das Wort noch einmal und Herbst schrie: „Runter!“. Erst jetzt schmiss ich mich auf den Boden. Der Pfeil surrte knapp über meinem Kopf vorbei
Hinter mir erklang ein fürchterlicher Schrei, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann schlug etwas ziemlich nah von uns auf dem Boden auf.
Herbst war der Erste, der wieder auf den Beinen war. Er murmelte: »Das ist sowas von lächerlich. Ein Pfeil für einen Drachen. Wer denkt sich nur so einen Unfug aus?«
Während ich mich aufrichtete, strich ich mir ein wenig Gras und Erde vom Umhang. Dann ging ich zu unserem Retter und streckte ihm meine Hand entgegen.
Er hatte seinen Bogen gesenkt und schaute mich prüfend an. Meine Hand betrachtete er, als wäre sie eine giftige Schlange, die sich ihm entgegenstreckte. Ich zog sie schnell wieder zurück und sagte: »Hallo ich bin Bob und dies hinter mir ist Augustinus.«
Der blonde Rauscheengel sah mich mit großen grünen Augen an und sagte kein Wort. Er schien meine Worte gar nicht wahrgenommen zu haben.
Herbst baute sich hinter mir auf und fragte mich flüsternd: »Ist er taub?«
Ich flüsterte zurück: »Vielleicht ist dieses Rollenspiel ja in Englisch.«
Das Wesen blickte uns immer noch kritisch aus großen Augen an.
»Hi I am Bob. Thank you for saving us.«. Erneut blieb eine Reaktion aus. Der Typ schien an Ort und Stelle festgefroren zu sein.
Herbst stand jetzt dicht bei mir. »Vielleicht brauchst du ein Schlüsselwort, um ihn zu aktivieren.«
»Meinst Du, ich rate jetzt groß rum? Die Situation ist mir viel zu doof. Wenn er nicht reagiert, ist es wohl auch nicht nötig. Ich greif mir lieber, was vom Drachen übrig beblieben ist, bade vielleicht noch kurz in seinem Blut und dann können wir weiter gehen.«
Nachdem ich einen kleinen Bündel Drachenhaut und einen größeren Geldsack aufgehoben hatte, gingen wir zurück auf die Straße. Wir entschieden uns, der Sonne entgegen zu reisen, und machen uns auf den Weg.
Erst später bemerkten wir, dass das magische Wesen mit den spitzen Ohren uns folgte.
Die Sonne, ein komisch geformter Ball, der gelangweilt am Himmel rumhing und kaum zu erkennen war, wollte sich gerade hinterm Horizont eine Auszeit nehmen, als vor uns ein Dorf erschien.
Das Wort Dorf war hier allerdings noch zu hoch gegriffen. Um eine Feuerstelle standen eine handvoll Holzhäuser, die alle so aussahen, als hätte man sich beim Bearbeiten des Baumaterials kaum Mühe gegeben. Aus zwei der Häuser erhob sich dichter schwarzer Rauch aus größeren, grob angebrachten Löchern in ihren Dächern.
Irgendwer war anscheinend zu Hause und ließ das Essen anbrennen. Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft. Es roch nach verkohltem Fleisch und etwas anderem undefinierbaren.
Der Statist hinter uns zog die Luft scharf ein.
Ich blickte Herbst an und sagte: »Sollen wir die Leute da unten besuchen?«
Herbst sagte: »Was sollen wir sonst machen? Wir haben keine Ausrüstung um im Freien zu übernachten.«
Wir gingen langsam auf das Dorf zu.
Je näher wir kamen, desto merkwürdiger schienen die Hütten auf mich. Die meisten hatten keine Türen, sondern waren mit schweren Lederfetzen vor den Eingängen versehen. Der Geruch wurde immer stärker und biss mir in die Nase.
Der Innenplatz war schwarz. Wahrscheinlich wurde hier regelmäßig zusammengesessen. Mitten auf dem Platz lagen riesige Holzblöcke, aufgeschichtet zu einem mehr als mannshohen Turm.
Die Häuser selbst wirkten merkwürdig groß. Zusätzlich konnten wir keine Bewohner ausmachen. Keiner blickte aus dem Fenster und keiner schien uns willkommen zu heißen.
»Sollten so welche Dörfer eigentlich nicht durch einen Zaun geschützt sein?«
Der Fremde hinter uns zischte erneut. Diesmal war er lauter und klang beunruhigt. Auch Herbst wirkte nervös. Mittlerweile waren wir bis auf 100 Meter auf eins der Häuser zugegangen.
Die Sonne versank am Himmel und verteilte ihre letzten roten Strahlen sparsam über alles Sichtbare um uns. Die Schatten wurden endlos lang und erstreckten sich ins Land.
Schlagartig blieb Herbst stehen und sagte: »Was ist, wenn dieses Dorf gar nicht geschützt werden muss, weil hier sowieso niemand hin will?«
Der Schatten des Hauses schlug über uns. Die ersten Sterne waren zu erkennen. Die Nacht brach ein, als hätte jemand ganz plötzlich den Lichtschalter betätigt.
Eine der Häute, die über den Türöffnungen baumelte, wurde plötzlich zur Seite gerissen. Im Halblicht der Dämmerung konnte man ein grünes Gesicht erkennen.
Die Zähne ragten aus dem Mund, als wollten sie diesem entfliehen. Rote Blasen bedeckten den größten Teil der Wangen und der Stirn. Aus jeder Blase spross ein schwarzes Haarbüschel. Die Stirn war viel zu weit nach oben gerutscht. Die wenigen Haare, die man noch erkennen konnte, ragten zu allen Seiten ab.
Das Geschöpf hatte seinen Körper in eine schwarze Wolldecke gewickelt und war in seiner ganzen Pracht über 2 Meter groß.
Von meiner Seite hörte ich ein Keuchen und die Frage: »Was zum Kuckuck ist das jetzt hässliches?«
Die Frage ließ den Bewohner der Hütte zu uns wenden. Die schwarzen Knopfaugen richteten sich auf uns und Geifer tropfte von den oberen Zähnen auf das schwarze Fell auf seiner Brust.
Dann stieß es, einen markdurchstreifenden Schrei aus, bis meine Ohren dröhnten. Den Pfeil, der knapp an meinem Ohr hinwegfegte, konnte ich daher diesmal nicht hören. Ich sah nur, wie er sich in das linke Auge des Monsters bohrte, das getroffen nach hinten taumelte und wenig später fiel.
Gleichzeitig fing das gesamte Dorf an, sich zu bewegen. Aus allen Türen kamen grüne Wesen. Einige waren sogar noch größter als das erste Exemplar.
Ich drehte mich zu Herbst um und sagte: »Soweit ich das erkenne, sind das Orks und sie sind nicht besonders erfreut uns zu sehen.«
Währenddessen holte ich das Messer aus dem Sack und schmiss Herbst seinen Morgenstern zu. Dieser fing ihn zwar auf, allerdings blickte er mich irritiert an.
»Wenn du nicht als Dönerspieß über dem Feuer enden möchtest, wirst Du wohl kämpfen müssen.«
»Aber ich kann dieses Ding nicht benutzen. Niemand hat mir eine Bedienungsanleitung gegeben.«
»Du solltest es lernen, während du es benutzt. Das macht sowieso am meisten Spaß.«
Herbst verdrehte die Augen, nahm dann allerdings seinen rechten Fuß nach vorne und wartete auf den ersten Angreifer. Ich brachte mich ebenfalls in Position.
Weitere Pfeile surrten um uns durch die Luft. Der erste Riese trampelte bis auf 2 Meter auf uns zu, als der Zeitlupen-Effekt einsetzte. Er hatte einen Arm über dem Kopf erhoben. In der Hand hielt er etwas Unförmiges, in der Größe eines Vorschulkindes.
Herbst stand in Reichweite des Riesen und hätte den Schlag abbekommen, der wahrscheinlich zu mehr als leichten Kopfschmerzen geführt hätte. Er duckte sich, sprang im selben Augenblick nach vorne, den Morgenstern knapp hinter sich herziehend. Noch während des Flugs holte er aus und traf das stinkende Wesen mit der schweren Kugel direkt in die Weichteilen.
Die ganze Szene war etwas unorthodox, allerdings sehr wirkungsvoll. Der Ork klappte hinter Herbst zusammen, wobei er seinen Unterleib mit beiden Händen umschlossen hielt.
Das Ungetüm welches soeben auf mich zurannte, war dem Ersten wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich dachte kurz darüber nach, dass der Programmierer anscheinend keine Zeit gehabt hatte, jedem Gegner individuelle Züge zu verpassen, als ich mich zum Sprung bereit machte.
Das Ding welches auf mich zu schwankte, wirkte auf mich wie eine Mischung aus Dampfwalze und Wand. Das rechte Bein war im Lauf geknickt und ich erkannte meine Chance.
Ich sprang auf das Knie meines Gegners, zog mich an seiner Fellbekleidung hoch, bis ich auf der Höhe seines Kopfes ankam und rammte ihm mit aller Kraft mein Messer ins Ohr.
Der Kollos geriet ins Schwanken, unterdessen ich bemerkte, dass dies genau der richtige Zeitpunkt war, meine Waffe wieder zu entfernen. Noch bevor ich reagieren konnte, war der Moment verstrichen und ich wurde mit dem sterbenden Titan nach unten gerissen.
Als wir zusammen dem Boden entgegenrasten, sah ich, wie Herbst von zwei Gegnern gleichzeitig attackiert wurden. Er hatte nur einen von ihnen im Blickfeld. Dass jemand hinter ihm stand, konnte er aus seiner Perspektive nicht erkennen.
Ich wollte ihn warnen, wollte schreien, wurde allerdings herumgeschleudert und hatte jetzt mein Gesicht genau vor dem Gesicht meines Opfers.
Glasige Augen sahen mich an, die erahnen ließen, dass dahinter schon nichts mehr funktionierte. Mit aller Kraft zog ich am Messer. Wir prallten auf den Boden, wie ein Auto, welches von einem Baum auf die Erde fällt. Alle Luft wurde aus meinem Brustkorb gepresst. Der Kopf meines Gegners knallte gegen meinen. Dann wurde es auf einmal dunkel.
Es war nur kurz dunkel. Dann erwachte ich mit einem Ruck. Meine Hände und Beine waren gefesselt. Neben mir schnaubte jemand.
Ein riesiges helles Feuer wärmte mein Gesicht, so dass ich für einen Moment glaubte, Fieber zu haben.
Eine Stimme neben mir flüsterte: »Bob?«
Ich drehte meinen Kopf, soweit ich das gefesselt konnte. Neben mir lag Herbst, der zu einem netten Geschenk verknotet worden war. Er hatte eine Schramme am Kopf, sah allerdings noch recht gesund aus. »Was passiert jetzt mit uns?«
»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich haben wir eine Einladung als Abendessen erhalten. Wenn wir Glück haben, werden sie uns erst töten. Allerdings verstehe ich nicht, warum wir kein ›Game Over‹ gesehen haben. Eigentlich müsste das Abenteuer doch längst zu Ende sein.«
Herbst verzog sein Gesicht und ich flüsterte: »Wie geht es Dir?«
»Eigentlich viel zu gut. Einer von den Tieren hat mir einen Baum auf den Kopf geschlagen. Der Schlag hätte im normalen Leben eigentlich tödliche Konsequenzen.«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Das hier ist alles sehr merkwürdig.«
Eine Horde wilder 2 bis 3 Meter Dinger tanzte um das Feuer. Einer von ihnen blieb stehen und blickte in unsere Richtung. Er beleckte sich die Lippen und kam auf uns zu.
»Jetzt, glaube ich, werden wir das Ende des Spiels erleben. Vielleicht ist das hier nicht mehr als ein programmierter Abspann.«
Ein zweiter Riese gesellte sich zum ersten. Der eine packte Herbst und der andere mich. Sie trugen uns huckepack zum Feuer.
Ich merkte, wie es ungemütlich heiß wurde.
Dann brach der Oger unter mir zusammen. Ich schlug auf dem harten Boden auf. Mein Träger sackte neben mir zusammen und als er dort lag, sah ich, dass ein Pfeil in seinem rechten Auge steckte.
In der Nähe hörte ich Herbst. Er rief: »Sag mal ist Deiner auch gerade gestorben?«
Die Nacht hörte sich so an, als wäre eine Horde wildgewordener Hornissen freigelassen worden. Überall um uns herum summte die Luft.
Ich drehte mich um die Aches, nur um zu sehen, die alle Grünlinge ins Taumeln gerieten, auf die Knie fielen und zusammensackten. Einer fiel dabei ins Feuer, was tausende kleiner Funken in den Himmel fliegen ließ.
Ein paar mal musste ich Keuchen, bis ich wieder genügend Luft in der Lunge hatte. Dann schrie ich, um den Kampflärm zu überwinden: »Soweit ich das sehe, werden wir gerade gerettet.«
»Meinst Du, das ist dieses Langohr, welches wir auf der Straße getroffen haben?«
»Ich bin mir nicht sicher, aber für eine Person sind das hier zu viele Pfeile. Sieht mir eher so aus, als kämen uns jetzt andere Mächte zu Hilfe.«
Etwas umständlich hatte sich Herbst in meine Nähe gerollt. Die Nacht war leiser geworden. Das Summen der Pfeile waren verschwunden. Jetzt konnte man nur noch das übermächtige Prasseln des Feuers hören.
»Es ist an der Zeit, dass man uns die Fesseln losbindet.«
Als hätte mich jemand gehört, wurde ich an meinen Armen nach oben gerissen. Ich blickte in ein Gesicht eines Ritters.
Das Visier war zugeklappt und ich konnte lediglich die Augen hinter der Gardine erkennen. Es Amüsierte mich etwas, als ich über die Ähnlichkeit von Burka und Ritterhelm nachdachte.
Das Wappen auf seiner Brust leuchtete hell im Feuer. Auf ihm waren drei Löwen zu erkennen und ich sang im Stillen: ›Football is coming home‹. Die gesamte Situation war merklich blödsinnig und extrem klischeehaft. Das war einer der stumpfsinnigsten Deus-Ex-Machina-Tricks, die mir seit den Adlern im großen Standardwerk untergekommen waren.
Der Ritter hatte sein Schwert erhoben und blickte mich weiterhin prüfend an.
Von hinten erklangen Worte, die ich nicht verstand und mein Retter packte mich fest an der Hüfte, warf mich über seinen Rücken und stampfte in die Richtung der Stimme davon.
Es gelang mir, meinen Kopf etwas anzuheben, nur um zu sehen, dass Herbst die gleiche Beförderungsmethode erfuhr. Abseits des Dorfes wurden wir unsanft auf dem Boden geworfen.
Ein Ritter trat auf uns zu. Er musste der Anführer dieser wilden Horde sein.
Ich sagte: »Es war nett uns zu retten. Wenn ihr uns jetzt noch unsere Fessel durchschneiden würdet, wären wir euch unendlich dankbar.«
Auch dieser Mensch schien meiner Sprache nicht verstehen zu können. Er blickte mich nur weiter fragend an.
Mehrere Ritter hatten sich hinter ihrem Anführer versammelt. Einer von ihnen trat hervor und reichte dem Chef zwei Blätter Papier.
Der Anführer zeigte uns, was auf den Blättern stand. Ich konnte erkennen, dass es zwei Bilder von Herbst und mir waren. Beide trugen die Überschrift ›tot oder lebendig‹ und einen Zahlenwert am unteren Rand.
Herbst sagte: »Oh toll, das müssen Fans sein.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Das sind eher andere Feinde. Mal ganz davon ab, warum kann hier eigentlich niemand Deutsch sprechen, obwohl alle Texte in Deutsch geschrieben wurden? Die Lokalisierung sollte dringend überarbeitet werden. Zumindest klemmt die Sprachausgabe.«
Der Anführer zog sein Schwert aus der Schneide und richtete es auf Herbst. Der sagte: »Ich hoffe, dass er mir jetzt endlich diese blöden Fesseln durchschneidet.«
Einer der Ritter zerrte Herbst an den Haaren nach vorne.
Der Hauptmann richtete die Spitze seiner Schneide direkt zwischen die Augen meines Mitstreiters, sagte irgendetwas undeutliches und holte zum Schlag aus.
Ich schrie, so laut ich konnte, doch das Schwert sauste mit ungebremster Geschwindigkeit auf den Hals von Herbst zu. Soweit ich es beurteilen konnte, war die Wucht ausreichend um Herbst Kopf vom Körper zu trennen.
Als die Klinge die Haut berührte, fing die Umgebung plötzlich an zu flackern. Es sah so aus, als hätte man einen alten Röhrenfernseher eingeschaltet. Die Landschaft verformte sich. Alle Ritter wirkten wie eingefroren, als hätte man sie zur Konsevierung in Einmachgläser gesteckt. Einige wechselte, ohne sich zu bewegen, ihre Position. Die Löwen auf ihren Wappen schienen für einen Augenblick lebendig und kämpften miteinander.
Dann verdampfte ein Ritter nach dem anderen, bis wir alleine im Gras lagen, welches kurz danach auch verschwand. Ich merkte, wie unsere Fesseln von uns abfielen. Dann standen wir unvermittelt in einem dunklen Raum, der überirdisch beleuchtet wurde. Man konnte keine Lichtquelle erkennen, allerdings waren sowohl Herbst, wie auch meine Gesichtszüge von einem inneren Leuchten erfüllt.
Wir standen uns gegenüber und Herbst sagte: »Was war jetzt das?«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Ich weiß es nicht. Anscheinend war das ein Bug in der Matrix.«
Dann änderte sich unsere Umgebung abrupt erneut. Herbst hatte eine Uniform an und wir standen auf der Brücke eines Weltraumschiffes. Auf dem riesigen, wandfüllenden Monitor vor uns drehte sich ein Planet im Licht einer fernen Sonne.

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