Herbst 2016 – Kapitel 4

Ich sah Herbst an und musste schmunzeln. Er hatte ein blaues, hautenges Trikot, in dem man prima seinen Bauch sah, mit einer schlabbrigen schwarze Trainingshose an. An seiner Brust klebte ein Abzeichen und an seiner Schulter waren ein paar silberne Punkte angebracht. Seine Brille war jetzt total verschwunden. Dafür fehlte ihm seine Haarpracht. Auf seinem Kopf hatte sich seine Stirn breitgemacht und spiegelte das Neonlicht der Deckenbeleuchtung.
»Warum grinst Du so?«
»Du solltest Dich besser nicht im Spiegel sehen. Es würde Dich wahrscheinlich umbringen.«
Plötzlich wurde mein Nacken heiß. Es fühlte sich so an, als drückte man mir eine brennende Zigarette an die Haut. Der Schmerz breitete sich aus und wurde immer stärker.
Im gleichen Augenblick presste Herbst seine Hand gegen seinen Nacken. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.
Ich roch für einen Augenblick brennende Haare und Haut. Dann verschwand die Plage so plötzlich, wie sie gekommen war.
Herbst hatte sich als Erster gefangen. »Was war das?«
»Wahrscheinlich eine Rückkopplung. Wenn ich raten dürfte, dann war das der Grund, warum Dein Herr Franke sein Leben verloren hat.«
In Herbst Gesicht lag eine Spur Unwohlsein. »Hast Du einen Ausgang gesehen? Wir müssten doch irgendwo in die Einstellungen kommen. Zumindest müsste man ins reale Leben zurückgegangen.«
»Das System ist noch nicht fertig. Das hat ja auch unser letztes Abenteuer bewiesen. Dies hier ist eine Betaversion. Wer auch immer die Spiele hier programmiert hat, ist nicht fertig geworden oder arbeitet noch daran.«
»Du meinst, es gibt hier kein Entfliehen? Wir sind auf Gedeih und Verderb an das Spiel gebunden?« Herbst Stimme hatte einen merkwürdigen Unterton. Anscheinend überlegte er gerade, wie es wäre, auf ewig hier festzusitzen.
Mit kam ein Gedanke.
»Vielleicht kann Ali ja irgendetwas für uns machen. Wir müssen unbedingt Kontakt zu ihm aufbauen.«
Herbst wies mit einem Nicken auf die endlosen Knöpfe und Schalter hin, die uns von allen Seiten umgaben. In Gedanken ging ich die Serien durch, die ich gesehen hatte. Das Schaltpult des Kommunikationsgenerals, oder wie auch immer man diese Funktion nannte, lag normalerweise immer auf der unwichtigsten Position in der Nähe der Tür. Außerdem hatte man in den 60gern und 70gern noch so etwas wie ein Sprachrohr eingebaut. Die Ideen von damals, wie sich die Dinge ändern würden, war ziemlich beschränkt. Der Gedanke dahinter war wohl, dass man mit Außerirdischen bestenfalls mit einem Ding sprechen würde, was so aussah wie zwei leere Jogurtbecher und einer straff gespannten Leine dazwischen.
Tatsächlich erkannte ich eine Form, die mir vertraut vorkam. Natürlich lag sie fast direkt neben der Tür, die von der Brücke wegführte, wie das gute alte Küchentelefon in längst vergangenen Tagen. Ich sagte: »Vielleicht kann ich eine Leitung zum realen Leben herstellen.«
Über den letzten Spruch musste ich selbst schmunzeln. Für einige Menschen stellte das schon außerhalb von Computerspielen ein arges Dilemma dar.
Ich hatte das Pult noch nicht erreicht, als sich die Tür öffnete. Erschreckt blieb ich stehen und sah in ein ebenfalls überraschtes Gesicht einer jungen Frau, dich mich anstarrte. Sie trug ein rotes Trikot.
Mit einem Blick nach hinten sagte ich zu Herbst: »Sie soll bestimmt verhindern, dass wir die Brücke verlassen. Außerdem lässt ihr rotes Leibchen darauf schließen, dass sie ziemlich schnell sterben wird.«
Ihre Stimme hatte ein leichtes Zittern und erwischte mich kalt. Sie sagte: »Warum muss ich sterben? Und warum sollte ich sie nicht von der Brücke lassen, erster Offizier Bob?«
Zurückwirbelnd sah ich sie an und musste feststellen, dass ihr die Angst ins Gesicht geschrieben war.
Ich sagte: »Bitte entschuldigen Sie. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass man uns hier versteht.«
»Natürlich verstehe ich sie – aber warum muss ich sterben?«
Ihr Augenaufschlag ließ mein Herz schmelzen. Obwohl ich tief im Inneren wusste, dass das hier nur ein Spiel war, tat sie mir leid. »In vielen Serien, die ich gesehen habe, trugen die Leute, die als Erste starben, eine rote Uniform.«
»Aber die hier ist die Einzige, die ich im Moment habe. Sie haben mir hochgestuft. Vorher hatte ich eine lilafarbene. Hätte ich die behalten sollen?«
»Rot ist einfach nicht gut, wenn man am Leben bleiben möchte. Wahrscheinlich wurde die Farbe gewählt, um kein Kunstblut verwenden zu müssen.«
»Aber warum sollte man hier Kunstblut verwenden?«
Herbst drängelte sich an mir vorbei und sagte: »Können wir jetzt versuchen, ein Gespräch nach draußen zu führen?«
Die Dame stellte sich an einen Platz vor dem Pult, welchen ich angestrebt hatte und sah Herbst an. Sie sagte: »Jawohl Captain, ich werde den Planeten anfunken. Sie haben lange genug geschwiegen. Wollen sie mir sagen, was ich ausrichten soll?«
Herbst drängelte sich neben die junge Dame und blickte auf die Anzeigen, die ihm entgegenblinkten. Auf der anderen Seite des Stuhls versuchte ich mir, einen Reim aus den vielen Dingen zu machen, die ich sah. Soweit ich begriff, schienen viele widersprüchlich zu sein. Zumindest blinkte ein Lämpchen mit der Unterschrift ›Kontakt‹ auf, der mir sehr gefiel.
Die Rotgekleidete sagte: »Ich werde die Übermittlung auf den Hauptschirm legen. Sie können dann von dort aus sprechen.«
Sie drehte an ein paar Reglern und der riesige Monitor, der in der Front eingelassen war, flackerte kurz auf. Dort erschien das Bild eines Mannes, dessen Stirn mit komischen Auswüchsen versehen war und dessen Haut stark gebräunt wirkte.
Ich sagte zu Herbst: »Das ist ein Klingone. Wir befinden uns also im klassischen Start-Treck Universum. Übrigens finde ich es sehr bedenklich, dass die Bösewichte in diesem Universum fast grundsätzlich stark pigmentiert sind. Trotz des Einsatzes von schwarzen Kommunikationsoffizierinnen bleibt doch immer dieses eine Klischee.«
Mit einem Blinzeln blickte Herbst in das Angesicht des Typen auf dem Monitor. Es schien so, als würde der Kopf aus der Ebene des Bildschirms hervorragen. Anscheinend hatte dieser Programmierer einen 3D Effekt eingebaut, der zu der Sience-Fiction Umgebung passte.
Zu mir gerichtet sagte Herbst: »Ich habe keine Ahnung, wovon Du sprichst. Ich frage mich allerdings, ob Du die Ähnlichkeit des Gesichtes, mit denen von Deinem Hacker-Freund bemerkt hast.«
Tatsächlich zeigten sich einige Übereinstimmungen mit Ali in dem feindlich blickenden Klingonen. Dieser sagte: »Seit gegrüßt.«
Mit ein paar Schritten stand ich am Stuhl des Captains und sagte: »Hallo Ali.«
Die dumpfe Stimme, die einen leichten östlichen Akzent hatte, sagte: »Die Situation ist kritisch. Ich kann euch von hier nicht befreien. Gerade habe ich versucht, die Interfaces zu entfernen, allerdings gab es eine Rückkopplung. Es sah so aus, wie ein Lichtbogen zwischen der Elektronik und eurer Haut. Ich könnte höchstens den Strom ausschalten.«
Ich sagte: »Das wäre die letzte Möglichkeit. Im Moment besteht dazu allerdings noch kein Grund. Wir müssen etwas mehr herausfinden.«
Das Bild vor uns flackerte kurz und veränderte sich schlagartig. Die Parallelen zwischen Ali und diesem Oberkörper waren verschwunden. Die Augenbrauen waren nach unten zusammengezogen und die Mundwinkel neigten sich zu beiden Seiten des Gesichts zum Boden. Das Wesen sagte irgendetwas mit ›Pack‹ am Anfang des Satzes und starrte uns dann feindselig an.
Das Mädchen hinter uns sagte: »General Tkotkghe fragt, was dieses Gebrabbel darstellte und warum sie die Situation auf so eine leichte Schulter nehmen. Es könnte der Beginn eines Kriegs der Sterne darstellen.«
Flüsternd sagte ich zu Herbst: »Manchmal wäre ich gerne lautlos im Weltall. Ich wünschte, wir würden nicht um diesen verfluchten Dark Star herumfliegen.«
Dann drehte ich mich zum Monitor und sagte: »Verehrter General TK. Bitte schicken sie Ihre Vertreter nach Babylon 5 und nicht nach Deep Space 9, damit wir dort verhandeln können. Wir werden unsere Crew der Andromeda zusammen mit den Thundercats aussenden, damit die Verhandlungen beginnen können.«
Das Gesicht, welches uns anstarrte, zeigte mehrere Fragezeichen gleichzeitig. Es fing erneut mit seinem unverständlichen Kauderwelsch an, was mich ein wenig an die Töne eines Flippers erinnerte, den man mit einem Baseballschläger bearbeitet – dabei meine ich hier mit Flipper sowohl das Tier, wie auch das Tischgerät. Er klang weder belustigt noch erfreut.
Eine verzweifelte Stimme hinter mir sagte: »Ich kann leider kaum nachvollziehen, was er sagt. Soweit ich ihn verstehe, sagte er, dass seine totale Erinnerung, die bis zum Jurassic Park zurückreicht, ihren Avatar nicht verstehen kann und er jetzt die Blade Runner aktivieren wird, gegen die unsere Starship Troopers keine Chance haben.«
»Sagen sie ihm, dass wir unseren besten Mann, den Doktor schicken werden und das dies hier für einen ersten Kontakt mit Aliens kein Abyss darstellen sollte.«
Der Monitor flackerte erneut und die Anzeige zeigte den Planeten, der sich friedlich unter uns drehte.
Eine weibliche Stimme hinter mir sagte: »Sie haben gerade eine Ladung Photonentorpedos abgefeuert.«
Ich sagte: »Aktivieren sie Alarmstufe Rot. Es wäre doch ein Wunder, wenn wir diesen Planeten nicht unterhalb der Stufe M bomben könnten.«
Herbst schüttelte den Kopf und murmelte: »Verdammter Nerd.«
Schwere Detonationen erklangen von allen Seiten. Herbst sah mir zu, wie ich wahllos von einer Seite zur nächsten torkelte und sagte: »Was machst Du da?«
Ich sagte: »Es ist wichtig so zu tun, als würde ein Einschlag unsere künstliche Schwerkraft vorübergehend außer kraft setzen. Das machen die in den Filmen und Serien auch immer so.«
»Aber man kann diese Erschütterungen doch gerade deswegen gar nicht merken.«
»Das ist schon richtig. Es macht aber nur halb so viel Spaß, wenn man nicht so tut, als ob.«
Herbst schüttelte erneut den Kopf.
Hinter uns öffnete sich die Tür und mehrere Leute stürmten die Brücke. Alle waren in unterschiedliche farbliche Kostüme gequetscht worden. Für einen Moment dachte ich darüber nach, dass das an den Frauen gar nicht mal so schlecht aussah.
Unterdessen hatte Herbst seinen Kopf erneut zu mir gebeugt und schrie, über ein paar Explosionen hinweg: »Was machen wir hier eigentlich?«
Ich sagte: »Wir schwimmen gegen den Strom. Der Programmierer hat eine Geschichte erfunden, an die wir uns diesmal nicht halten werden. Du erinnerst Dich doch noch daran, dass man nicht wollte, dass wir im letzten Abenteuer in den Wald gehen. Diesmal werden wir alles machen, was wir nicht machen sollten. Vielleicht bringt das ja das Programm aus der Spur.«
»Und deshalb hast Du gerade in Rätzel gesprochen?« »Ne das habe ich gemacht, weil ich Lust darauf hatte.« Mit einem breiten Grinsen wies ich auf den Monitor vor uns.
»Du solltest etwas unternehmen. Eigentlich bin ich nur Dein erster Offizier und Du bist hier der Captain.«
Herbst nickte und setzte sich unbeholfen auf seinen Stuhl. Er wirkte verwirrt und suchte irgendetwas Vertrautes auf den Knöpfen, die in die Armlehne des Sessels eingelassen waren. Er blickte mich an und ich sagte: »Im Moment machst Du alles richtig. Vielleicht sollten wir nicht gleich draufgehen.«
Nach den erhobenen Augenbrauen und den hochgezogenen Schultern zu urteilen, war Herbst etwas überfordert.
Ich sagte: »Bitte Schilde verstärken. Dann bitte alle weiteren Photonentorpedos mit unseren Laserstrahlen abschießen. Anschließend beamen sie uns bitte direkt auf die Kampfstation unseres Gegners. Das wird ihn verwirren.«
Die Kommunikatorin sah mich an und sagte: »Was hat denn der Captain?«
»Er hat sich wohl von seinem letzten Besuch bei den Borg noch nicht erholt. Wahrscheinlich haben sie seine Träume infiltriert. Wir lassen ihnen bei dieser Visite lieber raus. Mir folgen …«
Suchend blickte ich mich um. Ich zeigte mit der Hand auf verschiedene, stark aussehende Charaktere, die mir nützlich erschienen und sagte: »… der, der und der. Außerdem wäre es nett jemanden dabei zu haben, der die Sprache da unten versteht.«
»Aber haben sie nicht gesagt, dass meine rote Kleidung nicht gerade vorteilhaft in solchen Situationen ist?«
»Ich werde persönlich auf sie aufpassen. Könnte uns jetzt bitte jemand beamen?«
Noch bevor ich denken konnte, flimmerte um mich die Luft. Es war ein anderes Gefühl, als bei den Reisen mit den Jahreszeiten. Diesmal fühlte ich, wie ich mich auflöste, nur um anschließend wieder zusammengesetzt zu werden.
Die Halle um uns herum war bis zur Decke mit großen Kisten gefüllt, auf dem fingerdick Staub lag. Merkwürdige Spinnennetze waren zwischen den Kisten aufgespannt. Der Staub in meiner Nase ließ mich niesen.
»Kann mir jemand sagen, warum man uns direkt in eine Abstellkammer gebeamt hat?«
Drei Gesichter starrten mich stumm an und zuckten mit den Schultern. »Wahrscheinlich war hier Platz dafür.«, sagte die Dame in Rot. Ihre Haare, die sie vorher streng nach hinten gebunden hatten, sprießten jetzt zu allen Seiten wie eine schwarze Koralle. In ihrer Uniform sah sie extrem heiß aus. Es war eigentlich schade, dass sie ein rotes Kostüm trug.
Ich sagte: »Wie heißen sie überhaupt?«
»Lieutnant Nyota Uhura, Sir!«
Nickend sagte ich: »Das hätte ich mir denken können. Dann haben sie vielleicht doch noch eine Chance bei dieser Mission lebend durchzukommen.«
»Das freut mich, Sir.«
In die Hände klatschend nahm ich meine Strahlungspistole an mich und sagte: »Sollen wir uns jetzt auf einen Kampf einstellen? Da draußen wird es bestimmt gefährlich werden. Bitte alle Phaser auf die härteste Stufe.«
»Ist es nicht üblich sie auf Betäubung zu stellen?«
»Wir wollen mal davon absehen, was üblich ist und sofort losschlagen. Fragen können wir hinterher stellen.«
Ein Klicken brachte mich aus dem Konzept. Das Abzeichen auf meiner Brust blinkte regelmäßig. Ich schlug mit meiner flachen Hand gegen das Ding und Herbst Stimme erklang. »Die schießen immer noch auf mich, obwohl ich jetzt schon fünfzig ihrer Torpedos abgeschlossen habe. Die Situation ist wirklich zu blöd.«
»Denk immer daran, dass Photonen nichts anders sind, als Licht-Teilchen. Das geht zurück auf den Wellen/Teilchen-Dualismus nach ›Einstein‹ und ›de Broglies‹. Ich erspare Dir die Details, aber womit sie dich beschießen, ist einfach nur Licht. Setz die Sonnenbrille auf, dann kann es nicht sonderlich gefährlich werden.«
Mit einem weiteren Schlag gegen die Brust ließ ich Herbst verstummen.
Schließlich rannte ich auf die Tür zu, die sich noch bevor ich mich gegen sie werfen konnte, lautlos öffnete. Das Ding hatte wirklich stabil ausgesehen und der Schwung ließ mich über einen schmalen Gang rennen und gegen die gegenüberliegende Wand prallen. Eigentlich hätte ich mich daran erinnern müssen, dass bei StarTrek grundsätzlich alle Türen elektronisch geöffnet werden – dummer Fehler. Langsam rutschte ich die Wand hinab, verzweifelt nach Halt suchend, bis ich bäuchlings auf dem Boden lag.
Die gut aussehende Nyota Uhura beugte sich über mich und sagte: »Haben sie sich verletzt Commander?«
Sämtlich Würde zusammenkehrend sagte ich: »Einer meiner Grundsätze lautet zunächst die Wände abzuklopfen. Man weiß ja nie, wie stabil sie sind. Diese hier ist auf jeden Fall OK.« Dabei rieb ich mir meinen Ellbogen, der ein Teil der Wucht abbekommen hatte.
Es war merkwürdig, dass ich Uhura nicht sofort erkannt hatte. Irgendwie hatte sie sich auf einmal in die Schauspielerin der letzten Filme verwandelt. Die Veränderungen waren dabei nicht groß, führten allerdings für einen kurzen Augenblick zu einer Verwirrung. Ich konnte mich nicht daran erinnern, was noch vor ein paar Minuten anders war.
Um mich nicht weiter lächerlich zu machen, sprang ich auf meine Füße und schaute mich gebückt im Gang zu beiden Seiten um. Während dessen hielt ich meinen Phaser, wie ich es aus diversen Polizisten-Filmen kannte, beidhändig vor mich ausgestreckt.
Meine Brust vibrierte erneut. Ich schlug mit der flachen Hand darauf und flüsterte »Jetzt nicht!«
Herbst Stimme sagte: »Es wäre aber wichtig.«
Seine Worte schrien förmlich durch die Stille des Gangs und gaben ein leichtes Echo ab.
So leise ich konnte, flüsterte ich: »Ich bin gerade bei einem Einsatz und es scheint gefährlich zu werden. Du störst.«
»Ich wollte Dir nur kurz sagen, dass der Beamer eine Fehlfunktion hatte. Wenn Du den Gang runtergehst, bist Du zurück auf der Brücke. Ich warte schon auf Dich. Dieser komische Kauz mit dem Blumenkohl auf der Stirn wird immer nerviger.«
Resigniert richtete ich mich auf und sagte: »Bin gleich da.«
Zurück neben Herbst blickten wir auf unzählige Lichtblitze, die sich vor uns entfalteten. Es sah aus, als würde man über dem Planeten gerade Sylvester feiern.
Er blickte mich genervt an und sagte: »Können wir nicht einfach abhauen? Das hier macht überhaupt keinen Spaß.«
»Ich hätte es mir auch lustiger vorgestellt. Dafür ist Uhura ein echter Hingucker. Das hier ist besser als diese Fantasy Grütze, in der wir vorher gefangen waren.«
»Aber was sollte der Slapstick? Das hier ist alles ungewollt lustig. Wie diese Stummfilme aus dem letzten Jahrtausend.«
»Die Serie auf der dies hier beruht ist aus den 70gern. Da hatte man noch ein wenig Theatralik im Fernsehen gewagt. Aber Du hast recht, wir können ruhig verschwinden. Wenn wir das Spiel aus dem Gleichgewicht bekommen wollen, sollten wir es mit Parametern füttern, welche der Programmierer nicht vorgesehen hat. Ein echter Beta-Test mit allen Schikanen.«
Herbst sah mich gelangweilt an und nickte. Dann rollte er mit den Augen und sagte: »Bitte Commander, bringen sie uns auf eine verdammt hohe Geschwindigkeit. Irgendetwas kurz vor Lichtgeschwindigkeit – halt das Schnellste, was sie können.«
»Das heißt hier ›Warp‹-Geschwindigkeit und die Geschwindigkeit ist schneller als das Licht.«
Erneut drehte Herbst seine Augen nach oben und sagte: »Das ist physikalisch völlig unmöglich. Nach Einstein kann nichts schneller als das Licht sein.«
»Das ist so nicht ganz richtig. Nur Materie kann nicht schneller als das Licht sein. Schwingungen haben zum Teil andere Gesetze.«
»Würdest Du uns nicht als Materie bezeichnen?«
»Wir sind in einem Computerspiel gefangen – ich würde sagen, es spricht einiges dafür, dass wir nicht Materie sind.«
»Bitte bring mich hier einfach weg. Bitte gib Gas.«
»Mit Gas hat das nichts zu tun. Sag doch einfach ›Energie‹«
»Von mir aus mach Energie – aber bitte plötzlich.«
Ich drehte mich zu Uhura um und fragte: »Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wie man das macht?«
Lächelnd sagte sie: »Nur den Hebel da betätigen und schon geht es los.«
Ich zog den Hebel ganz nach hinten und bekam nicht mit, dass Uhura noch irgendetwas gesagt hatte. Jetzt sah sie mich panisch an und wiederholte ihren letzten Satz: »Aber Commander, sie sollten zunächst die Zielkoordinaten eingeben. Sonst können wir wer weiß wo rauskommen.«
Ich zuckte mit der Schulter und betrachtete die Linie, die sich vor mir ins Unendliche zog. Wir werden schon irgendwo ankommen. Ganz bestimmt.
Nach gut einer viertel Stunde sah mich Herbst an und sagte: »Überlichtgeschwindigkeit ist ja ganz toll. Aber sollten wir nicht langsam irgendwo ankommen?«
Lieutnant Uhura betätigte die Knöpfe auf ihrem Mischpult so schnell, dass mir vom Zusehen schwindelig wurde. Dabei wirkte sie angespannt, fast schon panisch.
Ich stellt mich hinter sie und fragte: »Lieutnant, kommen wir zufällig irgendwo an?«
Sie schien in Gedanken ganz woanders zu sein. Als ich näher trat, hörte ich, dass sie irgendwelche Worte murmelte. Ich beuge mich noch näher, nur um von ihrem schweren Parfum in die Nase gebissen zu werden.
Sie sagte: »Meine Mutter hat mich gewarnt. Ein Raumschiff voller Typen, die keine Ahnung haben. Aber nein, ich musste ja unbedingt diesen Karren hier betreten. Bisher habe ich noch nie so große Stümper in meinem Leben getroffen. Dabei sollten es doch die Vorzeige-Vorgesetzten Spock und Kirk sein. Aber wen bekomm ich?«
Schnell drehte ich mich zu Herbst und sagte: »Ich glaube, ich lasse sie ihre Arbeit machen. Wahrscheinlich ist das besser. Sollen wir uns mal im Schiff umschauen? Bisher habe ich noch nichts gesehen, außer einer Abstellkammer und der Brücke.«
Herbst sah mich gähnend an und sagte: »Vielleicht vertreibt mir das die Langeweile.«
Die Tür glitt mit einem Zischen vor uns auf und wir verließen die Brücke. »Hast Du bemerkt, dass kein Anderer etwas sagt, außer Uhura? Auch hier scheine noch nicht alles fertig. Vielleicht finden wir im Raumschiff ja eine Möglichkeit herauszukommen.«
Herbst nickte abwesend und schaute sich die Gänge an. Hier war alles reichlich bunt gestrichen, sah allerdings auch trostlos und steril aus. Der Gang zu beiden Seiten wirkte absolut identisch.
Ein paar Details zur Enterprise fielen mir ein. Ich sagte: »Ich habe mal einen Plan aller Zimmer in diesem Raumschiff gesehen. Interessant war, dass man nicht an die Toiletten gedacht hat. Wahrscheinlich wird das Ausscheiden hier anders geregelt.«
Ein verächtliches Schnaufen erklang von meiner Seite. Herbst trabte neben mir den Gang entlang, welcher sich alle paar Meter weiter verzweigte und scheinbar ins Unendliche führte.
Immer wenn wir eine Tür erreichten, schritt ich auf sie zu und blickte hinein. Zweimal schaute ich in den verlassenen und verstaubten Lagerraum, in dem man noch die Abdrücke der letzten Expedition an den kahlen Stellen am Boden erkennen konnte, und weitaus öfter erblickte ich die Brücke.
Obwohl wir keine Abzweigung nahmen, kamen wir immer an diesen zwei Räumen vorbei. Herbst tippte mir auf die Schulter und sagte: »Ist dies Raumschiff kugelförmig?«
»Es sieht eher aus wie ein Bügeleisen mit merkwürdigen Flügeln.«
»Dann kann ich mir kaum erklären, warum wir immer nur zwei Räume sehen.«
»Ich hätte mir so gerne den Maschinenraum angesehen. Vielleicht sollten wir wirklich mal einen der vielen anderen Gänge benutzen.«
Herbst nickte und bog direkt an der nächsten Ecke unvermittelt nach rechts ab.
Dieser Gang war nicht sehr lang und endete vor einer Tür. Diese schwang nicht sofort auf, als wir davor standen. Anstatt dessen, erklang ein merkwürdiges Grummeln, welches immer lauter zu werden schien.
Dann öffnete sich die Tür doch noch und gab einen Blick in einen kleinen Aufzug frei. Ich kannte das Teil aus unzähligen Folgen. Misstrauisch blickte Herbst in den kleinen Raum und sagte: »Das sieht mir merkwürdig aus. In einer Zukunft, in der man sich Beamen kann, benutzt man weiterhin Aufzüge?«
»Die sind sicherer als das Beamen.«
»Irgendwie passt das nicht zusammen.«
»Vielleicht bringt uns das Ding ja in den Maschinenraum?«
Zusammen standen wir im Aufzug und warteten darauf, dass irgendetwas passierte. Nach ein paar Minuten sagte ich: »Aufzug? Bitte zum Maschinenraum.«
Die Türen schlossen sich vor meiner Nase.
»Anscheinend haben sie hier eine Sprachsteuerung eingebaut. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob sie in der Fernsehserie sowas hatten.«
Die Fahrt war kaum wahrnehmbar und schon öffnete sich die Tür vor uns.
Der Raum war merkwürdig ruhig. Vor einem Schaltpult saß jemand, der so aussah, als würde er schlafen. Meine Instinkte überschlugen sich gleichzeitig. Schnell blickte ich mich im Raum um. Oben an der Decke konnte ich Pfannenkuchen-Artige Gebilde sehen, die merkwürdig pulsierten und ein kaum wahrnehmbares Schmatzgeräusch von sich gaben.
Blitzschnell fasste ich nach Herbst, um ihn in den Fahrstuhl zurück zu ziehen, doch ich war zu spät. Er stand schon im Raum. Irgendetwas löste sich von der Decke und landete unsanft auf seinem Kopf.
Herbst sagte: »Igitt, was ist denn das?« Dann griff er sich an den Kopf und versuchte seine neue unförmige Mütze zu entfernen.
»Das ist eine Hommage an die Classic Serie. In einer der Folgen kamen diese außerirdischen Parasiten vor, die einen gesamten Planeten entvölkert hatten. Leider kann ich mich nicht daran erinnern, wie man sie entfernt.
Witzig ist, dass Futurama die Idee von Gehirnfressern ebenfalls aufgriff und sie in den Gehirnschnecken und den fliegenden Gehirnen wiederbelebte. Soweit ich mich erinnern kann, starben sie ab, sobald sie mit dem Gehirn des Protagonisten in Berührung gerieten. Er war viel zu dumm für die Schmarotzer.«
»Das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Mach irgendetwas – das ist wirklich unbequem.«
Für einen Bruchteil eines Moments langte ich zu meinem Phaser, verwarf die Idee dann jedoch wieder.
Dann griff ich nach dem Pfannkuchen, der wohlig schmatzte und versuchte meine Hand, unter den Rand zu bekommen. Das Resultat war, dass mich das Vieh tatsächlich biss. Warum hat ein Pfannkuchen an den Rändern Zähne?
Der Biss tat weh und ich schrie auf.
Mein Schrei hatte Leben in die anderen flachen, braunen Geschöpfe gebracht. Sie lösten sich von der Decke und aus den Augenrändern beobachtete ich ihren Flug auf meinen Kopf zu.
Blitzschnell riss ich den Phaser nach oben und schoss. Zwei von den UFOs konnte ich abwehren, während ein drittes angsterfüllt das Weite suchte. Ich schoss noch dreimal danach, dann wendete ich mich wieder Herbst zu.
Dieser hatte sich auf den Boden gesetzt und versuchte mit aller Kraft seine neue Mörder-Duschhaube zu entfernen. Sein Gesicht war verzerrt, voller Anstrengung und Schmerzen.
Plötzlich kam mir eine Idee. »Du solltest Dich nicht dagegen wehren. Vielleicht ist das der Weg nach draußen. Wenn Du stirbst werden wir einfach in ein neues Abenteuer gesaugt und wenn dies noch nicht programmiert ist, könnten wir vielleicht sogar fliehen.«
Herbst stöhnte und sagte: »Das tut extrem weh. Es ist, als wolle mir jemand den Kopf von innen sprengen. Mag sein, dass sich bei euch Kopfschmerzen so anfühlen. Ich hatte dieses Vergnügen noch nicht. Es wird jede Sekunde schlimmer.«
Herbst schrie auf und zuckte spastisch mit den Beinen. Er lag jetzt rücklings auf der Erde. Sein Schrei brachte die anderen Parasiten zu mir, die ich nacheinander ausschalten musste. Zum Glück reichte es aus, zwei bis drei aus der Luft zu schießen, um die restlichen in die Flucht zu jagen. Doch meine Treffsicherheit wurde immer schlechter.
Seine Stimme war nur noch ein Flüstern, als er sagte: »So welche Schmerzen hatte ich noch nie. Das ist so, als wollte man mir mein Gehirn durch einen Strohhalm aus den Ohren saugen.«
Dann flimmerte die Umgebung. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber der Raum blinkte, als hätte man einen alten Röhrenfernseher ausgeschaltet, nur um ihn direkt wieder anzumachen.
»Ich glaub, es geht los. Du musst nur noch kurz durchhalten, dann kommen wir in ein anderes Abenteuer.«
»Ich kann nicht mehr aushalten. Mein Hirn wird flüssig!«
Als er das letzte Wort gesprochen hatte, veränderte sich die Umgebung schlagartig. Es waren keine großen Veränderungen, wie bei unserem letzten Sprung in eine neue Welt oder ein Wechsel, wie er passierte, wenn man mit einer Jahreszeit durch den Raum reiste.
Einzelne Gegenstände wechselten ihre Farben. Einige wurden schwarz, obwohl sie sich vorher nahtlos in den weißen Raum angeglichen hatten. Ein Tisch wechselte seine Form – aus rund wurde eckig. Die großen Röhren im Zentrum wurden durchsichtig und verblassten anschließend vollständig.
Um alle Unterschiede aufzunehmen, wendete ich meinen Kopf und musste feststellen, dass die Tür zum Aufzug fehlte. Anstelle dieser Tür war auf der anderen Seite des Raums eine Holztür entstanden.
Das Gebilde auf dem Kopf von Herbst war nicht länger zweidimensional flach, sondern hatte Auswüchse wie Spinnenbeine, die sich an der Schädeldecke mit kleinen Widerhaken festhielten und einen schlanken Leib aus Stahl. Ein einzelnes elektronisches Auge sah mich blinkend an.
Die anderen fliegenden Dinger waren jetzt auch wieder da. Sie segelten mit durchsichtigen Flügeln auf mich zu.
Ich ergriff die Waffe, die jetzt nicht mehr ganz so futuristisch aussah. Sie glich vielmehr einem Lesegerät von der Supermarktkasse. Zum Glück funktionierte es wie vorher.
Herbst schrie erneut und das Ding auf seinem Kopf fiel von ihm ab.
Ein Zucken ging durch Herbst Körper. Er sah mich aus blutunterlaufenden Augen an, an denen Tränen klebten. Dann sagte er: »Das Mistding hat nicht bekommen, was er in meinem Schädel suchte.«
Etwas verwirrt sagte ich: »Was meinst Du damit?«
»Während ich diese unglückliche Perücke aufhatte, schossen mir immer wieder Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf. Es war so, als suchte man darin, wie in einer Suchmaschine.«
»Ich dachte, es würde Dein Gehirn aussaugen.«
»Das ist auch irgendwie das Gleiche. Es versuchte krampfhaft, alle Erinnerungen ans Tageslicht zu bringen. Ich kämpf dagegen an und konzentrierte mich auf etwas Anderes.«
»Du hast es mit schönen Gefühlen umgebracht?«
»Ich glaub, es ist an der Flut von Informationen gestorben. Normale Menschen haben Erinnerungen an höchstens 100 Jahre. Die meisten davon nehmen sie noch nicht einmal aktiv auf. Das Ding hier hatte niemals die Kapazität, die meine Erinnerungen besitzen, mal ganz davon ab, dass ich kein menschliches Gehirn habe.«
»Es hat sich also totgefressen. Ich hoffe, dass mir das nicht irgendwann passiert.«
»Ich hoffe, es hat seinen Kollegen gesagt, dass ich nicht lecker bin. Dann haben wir keine Probleme den Raum zu durchqueren.«
Langsam erhob sich Herbst, während ich ihm hilfreich meine Hand anbot, die er natürlich nicht ergriff. Statt dessen sah er mich an, als hätte ich gerade seine Ehre beschmutzt.
Er klopfte Dreck von seiner Kleidung und ging dann durch den Raum, während ich hinter ihm herging und unsere Köpfe nach allen Seiten gegen die Gehirnscanner mit meinem Laserpointer abschirmte.
Als er an der Tür angelangt war, sagte er: »Da müssen wir rein. Kurz vor seinem Tod bzw. seiner Fehlfunktion, hat mich dieser Scanner noch sehen lassen, wie wir hier rauskommen. Der Ausgang ist hinter dieser Tür.«
Aus einer Ecke des Raums hörte ich ein Summen, welches sich so anhörte, als würde 20.000 Mücken zu einem Angriff blasen.
»Egal was Du machst, aber bitte mach es schnell. So viele von den Dingern werde ich nicht abhalten können.«, sagte ich, während ich auf die Tür wies.
Herbst zog an dem Türknauf und öffnete die Tür. Blitzschnell sprangen wir durch den Schlitz und schlossen sie hinter uns.
Erst danach konnten wir uns umschauen.

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