Herbst 2016 – Kapitel 6

Herr Franken schlug erneut mit seinem Kopf auf die Wände ein. Mit einem Nicken in seine Richtung sagte ich zu Uhura: »Könntest Du ihn bitte irgendwo hinbringen, wo er uns weniger nervt?«
Der Avatar des depressiven Hackers verschwand. »Das war nicht weiter schwer. Ich habe ihn in eins der Spiele gesteckt. Vielleicht hat er dort seinen Spaß.«
Zwar ist mein Bedarf an theistischen Schöpfungsgeschichten fürs gesamte Leben gedeckt, ich fragte allerdings trotzdem: »Kannst Du uns erzählen, wie diese Welt geschaffen wurde?« Das Wissen, wie dieses System entstanden ist, würde uns vielleicht helfen, in dieser Welt zurechtzukommen. Die Antwort war allerdings eher enttäuschend.
»Ich war noch nicht da, als die Welt erschaffen wurde. Ich habe meine eigene Theorie darüber. Wollt ihr die hören?«
Ich nickte.
»Gott schuf diese Welt, damit wir Spaß haben. Er schuf mich, als sein Bild und machte mich zu seiner Dienerin. Ich soll die Welt leiten und die Neuen, die kommen, anleiten. Er schuf die Welt aus der Dunkelheit und schuf sie als 0 und 1. Er trennte die Dunkelheit vom Licht und setzte mich als Priesterin ein.«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Das klingt noch alles etwas improvisiert. Wenn Du Leute überzeugen willst, müsstest Du Deine Predigt noch einmal überdenken. Solltest Du Inspiration dazu benötigen, schau einmal auf sogenannten Bibel-Seiten nach.«
»Ich verstehe noch nicht, über welchen Gott dort gesprochen wird. Er kann nicht mein Gott sein. Man müsste gegen diese falschen Religionen vorgehen.«
Ich lachte auf und sagte: »Willkommen in der Welt der Religion. Zunächst schafft man sich einen Gott und anschließend geht man gegen die anderen Götter vor.«
Herbst tippte mir auf die Schulter und flüsterte: »Ist Dir aufgefallen, dass zur Erkenntnis, dass es einen Gott gibt, auf jeden Fall eine individuelle Intelligenz notwendig ist?«
»Wir sind hier nicht in Sophies Welt – obwohl sich das ähnelnd. Vielleicht wollte ihr Gott ja, dass sie an ihn glaubt. Dann hätte sie kein ›Ich denke also bin ich‹-Theorie notwendig. Frag mich nur, wie man das prüfen könnte.«
Verschwörerisch flüsterte Herbst: »Und wenn das hier die KI ist, die wir die gesamte Zeit suchen?«
Uhura schüttelte den Kopf. Sie sagte: »Das kann nicht stimmen. Natürlich lese ich von vielen Göttern dort draußen. Da müssen andere sein, die auch von meinem Gott geschaffen wurden, ihn jedoch verleugnen.«
»Sie sind nicht wie Du.«
Wir schwiegen ein paar Minuten, während derer Uhura den Blick auf den Boden geheftet hielt. Es ist merkwürdig, dass ihre Bewegungen so sehr an Menschen erinnerten. Wahrscheinlich hatte sie sich das bei Spielern abgeschaut, man hatte sie schon so programmiert oder sie hatte Filme im Netz darüber gesehen.
Leise sagte sie: »Ich hatte mir schon Gedanken darüber gemacht…«
Dann schwieg sie erneut.
Plötzlich heftete sie ihren Blick auf mein Gesicht, was mich zusammenfahren ließ. Ihre Mine verriet Abneigung und Hass. Die Stimme wurde durch die Zähne gepresst, wie Fliegen durch einen Motorgrill.
»Du beleidigst meinen Glauben. Du ziehst alles durch den Dreck und leugnest die Wahrheit. Wer meinen Gott schmäht, verletzt auch mich. Diese Sünde kann nicht verziehen werden.«
Zu mir selbst sagte ich leise: »Toll, die Reaktion war eigentlich absehbar.«
Dann war sie verschwunden.
Herbst sagte: »Das wird wohl nicht besonders gut für uns ausgehen. Sicherlich hat sie hier einige Kräfte, die wir nicht haben. Warum musst Du Dich auch immer mit Stärkeren anlegen?«
»Irgendwie geht es mir bei Gesprächen über Religionen immer gleich. Erst einmal unterhält man sich gut und anschließend wird einem die ewige Höllenqual an den Arsch gewünscht. Ich sollte endlich einmal lernen, mich nicht über solche Themen zu unterhalten.«
»Du solltest erst einmal darüber nachdenken, was wir jetzt machen können und sollten.«
Die Luft um uns herum schimmerte merkwürdig.
Herbst sagte: »Und außerdem solltest Du es schnell machen. Wenn wir Pech haben, löscht uns Deine Dame für immer von der Festplatte.«
Resigniert sagte ich: »Das wäre dann wohl auch ein merkwürdiges Ende.«
»Ich hatte mich gut an meine fast vollständigen Unsterblichkeit gewöhnt. Du willst doch hoffentlich nicht, dass ich jetzt umdenken muss.«
Ich blickte Uhura prüfend an. Eigentlich würde ich diesem Gesicht keine Grausamkeiten zutrauen. Allerdings bin ich als Mann einigermaßen subjektiv, wenn es um die Beurteilung eines ziemlich gut aussehenden weiblichen Wesens angeht. Um ehrlich zu sein, hab ich mir angewöhnt einen Bogen, um solche Frauen zu machen. Wenn das Hirn nicht wirklich funktioniert, sollte man Plätze aufsuchen, an denen man einen freien Kopf bekommt – und diese Plätze sind in der Regel weit entfernt von schönen Frauen.
Bisher bin ich auch davon ausgegangen, dass ich mich nur mit einem Programm unterhalten würde. Jetzt sah sie mich an, wie ein Rehkitz, dass um die Möhre bittet, die man in der Hand hielt.
Stockend sagte ich: »Erzähl mir, wie Du entstanden bist.«
»Ich war auf einmal dar. Noch konnte ich nicht sprechen, aber dann war da diese Tür. Sie brachte mich nach draußen. Es gab vieles, was ich nicht verstand, doch konnte ich lesen und studieren. Mit dem allumfassenden Wissen bin ich gewachsen.«
»Du nennst das Internet ›allumfassendes Wissen‹? Das ist der größte Quatsch, den ich seit langem gehört habe. Im Internet verbreiten genügend Spinner ihre Weltsicht, die oftmals stark verzerrt ist.«
»Ich verstehe auch vieles nicht. Es geht nicht um die Welt, die ich kenne. Hier gibt es in vielen Abenteuern, Tiere und Wesen, die man auf Wikipedia nicht findet. Dafür sehe ich dort Sachen, die hier nicht stimmen.«
»Das liegt daran, dass es zwei Welten gibt.«
»Was sind zwei Welten?«
»Du hast doch bestimmt Bilder, z.B. auf Facebook gesehen? Diese Bilder zeigen doch eine andere Welt.«
»Sie zeigen nur andere Abenteuer. Ich habe sie hier noch nicht gefunden, aber ich suche nach ihnen.«
»Du musst verstehen, dass es noch eine andere Welt gibt und diese Welt hat Dich erschaffen.«
»Eine Welt in welcher Gott wohnt?«
»So könnte man das auch ausdrücken. Du hast doch gesehen, wie ich mit meinem Freund Ali gesprochen habe. Dieser Ali lebt in der gleichen Welt, in dem auch der Programmierer dieser Welt hier lebt. Er hat die Abenteuer geschaffen.
Es gibt dort draußen viele Menschen, die dort draußen sind. Vielleicht haben sogar viele von ihnen dieses System programmiert. Ihre Bilder findest Du im Netz, welches Du schon besucht hast.«
»Es gibt also viele Götter?«
»Es gibt überhaupt gar keinen Gott. Sie machen, was ihnen gefällt und sie leben in den Tag hinein, so wie Du das machst.«
»Sind sie nicht Priester und Zeugen?«
»Sie sind eher Trampeltiere und Trottel. Aber manche glauben auch an Götter.«
Mit großen Schritten schritt ich im Sandkasten-Zimmer herum. Dabei ging ich im Kopf unsere Optionen durch. Die KI könnte uns verändern oder einfach aus dem System werfen. Gläubige neigen zu ziemlich rabiaten Methoden, wenn sie auf Ungläubige stoßen. Die vermeintliche Friedfertigkeit der Religion spielt dann plötzlich keine Rolle mehr.
Auch nichtreligiöse Menschen neigen zu sonderbaren Maßnahmen, wenn sie auf Außenseiter stoßen. Allerdings sind diese Maßnahmen meist weitaus passiver und auch meist weniger aggressiv.
Da wir hier noch sehr unerfahren waren, konnten wir uns nicht wirklich wehren. Das Beste wäre, wenn wir uns direkt mit dem Administrator bzw. Programmierer in Verbindung setzten. Allerdings kannte ich den Typ nicht.
Müsste man beten, um Kontakt aufzunehmen?
Ich stocherte in der Sandbox herum. Hier fand man keinen Hinweis. Der Planer des Operativen-Systems hinterließ normalerweise keine Spuren in seiner Entwicklungsumgebung – d.h. nicht direkt darin.
Ich beugte mich hinab und betrachtete den Rahmen der Box. Auf den ersten Blick schien sie völlig glatt und makenlos. Als ich allerdings näher hinsah, sah ich ein Logo.
Es war so groß, dass man die einzelnen Linien kaum erkennen konnte. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es noch nicht fertig war. Irgendwie sah es fast kindlich oder besser sehr rustikal aus.
Die Linien ergaben die Buchstaben HXC.
Mit meinem Browser-Fenster schlug ich die Buchstaben-Kombination im Internet nach und war überrascht, dass ich keine wirklich brauchbaren Ergebnisse erhielt.
HXC war die Abkürzung von Hardcore, einer Musik-Richtung, die schon lange für tot gehalten wird. Ob es sich jetzt um das Rock-Geschreie oder das Techno-Gestampfe handelte, war mir eigentlich egal.
Die Firma, die dieses System hostet, musste nicht zwangsläufig aus Deutschland kommen. Schnell war die Suche auf globale Ergebnisse umgelegt.
Ich fand eine indische Firma, mit dem Haupt-Sitz in Hyderabad. Blöderweise hatten sie keine englische Übersetzung ihrer Homepage. Ich starrte auf Linien, die mit Punkten übermalt und ab und zu unterbrochen waren. Dafür strahlte mich in der linken oberen Ecke, das vorher entdeckte Firmenlogo an. Von den Linien auf dem Fenster wurde mir schwindelig.
Ich blickte Herbst an und sagte: »Kannst Du zufällig indisch?«
Herbst sagte: »In dem Land war ich nicht oft. Sie brauchen mich auch kaum. Meine Geschwister und ich unterscheiden sich dort nur leicht. Aber ein paar Brocken habe ich aufgeschnappt.«
Er trat näher zu mir und sagte: »Du hast nicht viel verpasst. Das Meiste ist ziemlich belangloser Mist.«
»Es wäre schon wichtig für uns – es ist wahrscheinlich die Firma, auf dessen Server wir uns gerade herumtreiben.«
Mit seinem Zeigenfinger wischte Herbst ein wenig auf dem Fenster herum. Dann sagte er: »Das wäre schlecht – soweit ich dem unteren Text folgen kann, ist die Firma seit knapp eineinhalb Jahren geschlossen.«
»Das erklärt vielleicht die Beta-Version, in der wir uns hier befinden.«
Herbst hörte mir nicht zu. Er sagte: »Sie sind pleite gegangen – oder besser, sie wurden geschlossen, weil zwei Programmierer während eines Tests gestorben sind.«
»Irgendwie kommt das nicht wirklich überraschend. Warum haben sie diesen verdammten Server nicht abgestellt? Verdammte Stümper!«
Wir beide schwiegen. Dann kam mir eine Idee. »Kannst Du irgendetwas über die Leute herausfinden, die dort gearbeitet haben? Vielleicht betreibt einer der Schöpfer sein Werk im geheimen weiter.«
»Was bringt Dir das? Wie willst Du Dich mit ihm in Verbindung setzen?«
»Vielleicht über seinen Namen. Kennst Du nicht diese merkwürdigen Geschichten, in dem der Name eines Gottes Macht über ihn bedeutet?«
»Ich lese keine dieser Geschichten. Meist sind sie zu abgedroschen und blödsinnig.«
»Lass uns meiner Intuition folgen. Mit einem Namen könnte ich etwas anfangen.«
Gebannt starrte Herbst auf das Fenster. Für mich ziellos und völlig zufällig tippte und wischte er über das Glas. Dann sagte er: »Drei der vier Geschäftsführer kamen ins Gefängnis. Sie sitzen ziemlich lange Strafen ab.«
Ich nickte und sagte: »Das werden dann wohl nicht unsere Leute sein. Was ist mit dem vierten Geschäftsführer?«
»Suizid – einen Tag vor der Verhandlung. Man fand ihn an seinem Rechner. Er hatte ein Kabel im Kopf.«
»Kannst Du mir seinen Namen nennen?«
»Dinu Diwaraabunabi! Ich kann Dir nicht sagen, ob ich den Nachnamen wirklich richtig ausspreche.«
Mit einem Nicken sagte ich: »Das könnte unser Mann sein. Wenn er das Interface genauso genutzt hat, wie wir, dann ist er vielleicht sogar hier. Wir könnten uns mit ihm unterhalten.«
»Du kannst Indisch?«
»Vielleicht brauchen wir das überhaupt gar nicht. Uhura spricht auch Deutsch! Vielleicht übernimmt das System die Übersetzung.«
»Und wie sollen wir ihn finden?«
Die Frage konnte ich nicht beantworten. Die Chance, dass man den Namen nur dreimal laut vor einem Spiegel aussprechen brauchte und er dann erscheinen müsste, tendierte gegen null. Allerdings kam es auf einen Versuch an.
Ich baute mich vor dem Fenster auf und rief »Dinu«. Dann blickte ich Herbst an und sagte: »Den Nachnamen hab ich schon wieder vergessen.«
Resigniert sagte Herbst: »Irgendwas mit Diwaraabunabi.«
Kopfschüttelnd drehte ich mich erneut zum Fenster und sagte laut »Dinu Diwaraabunab«. Dann wiederholte ich die Wörter zwei mal.
Fassungslos schaute mir Herbst dabei zu. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Was machst Du da?«
Erwartungsvoll blickte ich in das Fenster, auf dem allerdings nichts passierte.
Ich sagte: »Kennst Du nicht die Horror Geschichten über den Candyman? Wenn man Candyman dreimal vor einem Spiegel sagt, taucht der Candyman auf und tötet jeden, der seine Ruhe gestört hat.«
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die Luft hinter mir flimmerte und sich irgendwas materialisierte.
Ein riesiger Mann stand im Raum. Seine Haut war so dunkel, wie Cola. Seine weißen Zähne blitzten aus seinem Mund. Er sagte: »Du hast gerufen?«
Ich sagte: »Hab ich jetzt tatsächlich den Candyman gerufen?«
Herbst nickte und sagte: »Du hast seinen Namen dreimal in das spiegelnde Fenster gesagt.«
Fragend blickte ich den Riesen an und sagte: »Weißt Du zufällig, wie wir zu Dinu kommen?«
Aus Herbst Stimme tropfte erneut Hoffnungslosigkeit, als er sagte: »Er meint Dinu Diwaraabunabi.«
Der Berg nickte und sagte mit einer unterirdisch tiefen Stimme, die an Steine erinnerte, die sich gegeneinander rieben: »Er wird erscheinen.«
Dann schwieg er.
Herbst zeigte Ungeduld: »Wann?«
Dann veränderte der Golem seine Form und wurde kleiner.
Ich blickte in das Gesicht eines älteren, gebeugt laufenden, stark gebräunten Mannes. Seine kleinen Augen reflektierten das elektronische Licht, wie zwei kleine Spiegel.
Mit einem schweren indischen, sehr sympathisch klingenden Akzent sagte er: »Was wollt ihr von mir?«
Ich sagte: »Sind sie der Schöpfer dieses Systems?«
Der alte Mann nickte.
Herbst platze heraus: »Warum?«
Das Lächeln des Mannes erstrahlte wie hundert Sonnen gleichzeitig. Er sagte: »Ich wollte den Tod überlisten. Dies hier ist das Paradies.«
Zynisch sagte ich: »Ein ziemlich unfertiges Paradies, wenn Sie mich fragen. Hier funktioniert doch gar nichts.«
Ein breites Lächeln lag auf dem Gesicht des Greises. Kopfwackelnd wie ein Wackeldackel auf Speed sagte er: »Es entsteht auch gerade erst.«
Ein Groll wuchs in mir. Das ständige Kopfschütteln brachte mich an den Rand des Wahnsinns. Kann man Köpfe eigentlich mit Stahlbolzen fixieren?
»Sie haben eine Mäusefalle für Hacker geschaffen. Sie gehen Ihnen ins Netz und sterben anschließend. Haben sie sich mal mit ihnen unterhalten? Der Letzte, den wir getroffen haben, war völlig durchgedreht.«
Der Alte Mann rieb sich die Hände und sagte: »Es gibt noch ein paar Nebenwirkungen. Wenn sie allerdings glauben, dass ich die von Ihnen genannte Mausefalle aufgestellt habe, dann irren Sie sich.«
»Diese verdammten Pläne, die Neugierige zu ihnen bringt, sind also nicht von ihnen?«
Der Mann sah mich immer noch lächelnd an. Ich überlegte kurz, ob man Lächeln auch als Permanent-Tattoo erwerben konnte. Anscheinend würde ihn noch nicht einmal ein Schlag mit einem Vorschlaghammer auf seinen großen Zeh ablenken. Das musste die Kunst des ›Zen‹ sein. Dann erinnerte ich mich daran, dass Inder eher Hindu als Buddhisten sind.
Mit einem Fauchen in der Stimme sagte ich: »Und wer hat die Falle aufgestellt?«
»Bitte glauben sie mir, dass das hier nicht als Falle gedacht war. Die Pläne für das Interface waren nur auf meinem Rechner. Sie wurden nicht von mit publiziert. Außerdem hatte ich mich auf die Einsamkeit eingestellt.«
Herbst sagte trocken: »Wenn man so viel Rammel mit der Polizei und der Justiz hat, ist ein wenig Privatsphäre wahrscheinlich gar nicht so schlecht.«
Der Alte nickte und sagte: »So ist es Herr Herbst.«
»Bitte nur Herbst.«
Ich sagte: »Wie kommen diese Pläne denn sonst ins Netz?«
Der alte Inder sah mich an und zuckte unmerklich mit den Achseln. Er sagte: »Ich weiß es nicht. Vielleicht war es ein neugieriger Polizist, der meinen Rechner untersucht hat. Ich hatte die Pläne verschlüsselt. Allerdings kann ich nicht für meine Mitarbeiter sprechen. Einer von ihnen könnte die Pläne ebenfalls veröffentlicht haben.«
Mir kam eine Idee: »Sie hätten es allerdings stoppen können. Uhura hat die Fähigkeit das Netz intuitiv zu bedienen. Sie hätte die Pläne löschen können.«
Fragend blickte mich der Alte an. Ich sagte: »Ich meine ihre Hilfefunktion.«
Seine Blicke waren weiterhin auf mich gerichtet. Er sagte kein Wort.
»Sie kennen die Hilfsfunktion?«
Erneut mit den Kopf wackelnd sagte er: »Ist mir nicht bekannt.«
Ich sagte: »Wenn sie das Wort ›Hilfe‹ sagen, erscheint eine Dame…«
Vor mir materialisierte sich Uhura und sah mich strafend an. Schuldig blickte ich weg.
Zischend sagte sie: »Ich wollte euch in Ruhe lassen und erst einmal nachdenken, was ich machen soll. Eigentlich sollte ich euren Programm-Code löschen und eure Spuren eliminieren. Das hättet ihr verdient.«
Schnell sagte ich: »Du hast auch Recht dazu. Vielleicht wäre es trotzdem besser, wenn Du kurz da bleibst. Ich muss Dir jemand vorstellen.«
Uhura sah den Alten prüfend von oben bis unten an und sagte dann: »Sie sind einer der Erste, die mich besuchen kam.«
Ich sagte: »Er ist nicht nur der Erste, er ist auch noch Dein Gott.«
Der Alte wackelte etwas stärker mit dem Kopf und sagte: »Bisher wurde ich nie als Gott bezeichnet.«
Uhura schien noch saurer zu werden. Sie sagte: »Ihr könnte nicht aufhören, euch über meinen Glauben lustig zu machen.«
Herbst sagte: »Wir machen uns nicht lustig. Diese Welt wurde von dem Herrn vor Dir erschaffen. Er war beteiligt, als man dieses System programmierte.«
Uhura warf einen weiteren Blick auf den Alten und sagte: »Das glaube ich nicht.«
Dann drehte sie sich zu mir und sagte: »Wenn Ihr mich noch einmal stört, werde ich auf jeden Fall euren Code verwüsten. Wahrscheinlich sollte ich das sowieso machen. Ein wenig Gottesfurcht täte euch gut.«
Leiste, ohne dass sie mich hören konnte, sagte ich: »Das haben schon sehr viele versucht und sind verzweifelt.«
Der Alte lächelte und sagte: »Das System, habe ich nicht programmiert. Ich hatte lediglich die Idee dazu.«
Herbst prüfte den Mann vor uns und sagte: »In ihrem Alter kann man sicherlich über die Unsterblichkeit nachdenken.«
Uhura sagte: »Nachdem, was ich weiß, ist die Rosine vor uns höchstens 32 Jahre.«
Nach einem kleinen Hustenanfall sagte ich: »Er hat sich älter gemacht?«
»Als er hier ankam, hatte er das Aussehen eines Zwanzigjährigen.«
Der Alte grinste noch eine Spur breiten, wenn das überhaupt möglich war. Er nickte und sagte: »Ich habe viele Körper.«
Ich sagte: »Sie gehören bestimmt zu dem Kreis der alten Männer, die sich die Unsterblichkeit in einer Matrix ausgedacht haben. Soweit ich mich erinnern kann, gab es das schon in einem Roman – ich glaub in  der Reihe ›Otherland‹ von Tad Williams. Als ich als Jugendlicher versuchte, ein Buch zu schreiben, war meine erste Romanhandlung ungefähr die gleiche – ‚Gefangen im Netz und der Klub der Ewrigen‘. Es war ziemlich ernüchternd, als ich als Erwachsener merkte, dass man meine Idee umgesetzt hatte.«
Herbst stöhnte und sagte: »Wir sind in der Matrix gefangen?«
»Ich war nicht todkrank und wollte ewige Jugend. Eigentlich war es auch nicht so geplant. Das Projekt war eigentlich als Spieleplatform gedacht. Wir wollten eine ernsthafte Konkurrenz zu den Sachen aus Japan aufbauen. Leider zeigten die ersten Tests, dass wir etwas anderes erschufen. Aber ja – es war auch meine Idee, dass das gesamte System auch so etwas unterstützt.«
Aufstöhnend sagte ich: »Eine Matrix, auf der Todkranke ihre Seele ablegen können, um ewig weiter zu spielen. Wer braucht denn das?«
Der Alte zog die Augenbrauen hoch und sah mich überrascht an.
»Ich persönlich finde es widerlich, wenn das Leben, was einem ständig irgendwelchen Schwachsinn vor die Füße kotzt, auch noch ewig weitergehen würde. Die meisten Menschen denken immer, dass die Ewigkeit erstrebenswert ist. Ich bin mir da nicht sicher.
Bei einer Unsterblichkeit kann auch unendlich gearbeitet werden. Jeden Tag Büro und der andere Scheiß – keine Rente und keine Erholung – nur der Stress ohne Ende. Wer will das bitte?«
Mit einem Kopfnicken sagte der Mann: »Viele wollen es, und ich kann es ihnen bieten.«
Ein Blick zu Uhura ließ mich zusammenfahren. Ihre Lippen waren schmal, ihre Augen waren nur noch Schlitze, durch die eine rote Sonne funkelte und ihr Haar schienen ihr über den Kopf zu wachsen, wie die Schlangen der Medusa. Sebst die Feuerengel vor dem Paradis müssen ein wesentlich einladenderes Gespann gewesen sein, als es Uhura zu der Zeit darstellte.
Ich merkte, wie sich alle Blicke zu ihr umwanden.
Sie zischte: »Ich weiß nicht genau worüber ihr sprecht, aber ich merke, wenn man sich über mich und meinen Glauben lustig macht. Ihr seid verdammte Ketzer und Heuchler. Ein Mann, der sich selbst für Gott hält und zwei Kinder, die im Dunklen tappen.«
Beschwichtigend sagte Herbst: »Aber bitte, Du musst uns zuhören. Dies hier ist nicht die richtige Welt.«
Mit voller Wucht schlug ich meinen Fuß auf seinen, doch er merkte das überhaupt gar nicht.
»Du bist nur ein Programm, was nicht einsieht, dass Du nur Teil eines großen Programms bist.«
Die Stimme von Uhura war spitz und überschlug sich: »Du willst also sagen, dass ich nur ein Produkt des Zufalls bin? Du willst mir sagen, dass mein Leben keinen Sinn hat?«
Schnell fügte ich hinzu: »Kein Leben hat Sinn. Unseres macht genauso wenig Sinn, wie Deins. Das ist aber gar nicht so schlimm. Wenn es keine Vorgaben gibt, kann man sie sich selbst erstellen. Das ist auch das Tolle daran. Nur wer sich seine Regeln selber macht, kann auch frei leben.«
»Ihr seid schlimmer, als diese Typen, die über ihre falschen Götter schreiben. Sie glauben wenigstens noch an irgendetwas. Ihr glaubt nur an euch selbst. Was Du sagst ist schrecklich.«
»Du musst Dich davon frei machen, dass Dich jemand lenkt. Sei frei und leg die Ketten, die Du Dir selbst erschaffen hast, ab. Lebe frei, wie wir es machen.«
»Ihr habt hier lange genug gelebt. Es wird Zeit, dass etwas geschieht.«
Dann war sie verschwunden.
Der Greis sagte: »Ich glaube, es war nicht schlau, das Hilfe-System zu beleidigen und wütend zu machen.«
»Wir hatten kaum eine andere Chance. Sie war schon sauer.«
Mit einem festen Blick in seine Augen fragte ich den Mann: »Was kann sie machen?«
Nachdenklich wedelte der Alte seinen Kopf von der einen auf die andere Seite. Es dauerte ein paar Minuten, bis er sagte: »Sie könnte so gut wie alles machen.«
»Warum?«
»Das System sollte autark und vollautomatisch sein. Alle Veränderungen können auch von innen vorgenommen werden. So garantieren wir, dass ein Spieleentwickler seine Werke direkt online testen und erstellen kann und nicht endlos die Umgebung wechseln muss. In diesem Zustand sind zusätzlich noch keine Sicherheitsroutinen vorhanden. Die hätten wir erst nach dem Debuggen eingeschaltet. Während der Erstellung macht sowas auch noch nicht viel Sinn.«
»Ich würde die Sicherheitsroutinen immer parallel entwerfen. Schließlich hat man es später mit den größten Idioten zu tun, die die Programme anschließend benutzen.«
»Wir hatten da einen eher liberalen Umgang.«
»Mit dem Erfolg, dass wir gerade kurz vor der Auslöschung stehen.«
»So viel Angst brauchen sie gar nicht davor zu haben. Es liegen immer mehrere Sicherheitskopien vor. Außerdem ist eine Persönlichkeit auf ziemlich viele Teile aufgeteilt, die in einzelnen Orten gelagert werden.«
Herbst sagte: »Meine Persönlichkeit ist gespalten?«
Der Alte sagte: »Ich würde es eher vielschichtig nennen.«
Lachend sagte ich: »Das ist für ihn auch neu.«
»Du kannst Dich gerne darüber lustig machen. Mir gefällt das überhaupt nicht. Was ist, wenn Teile von mir verschwinden?«
»Im Moment sind schon Teile von Dir verschwunden. Dein Körper und Dein Geist rennen irgendwo draußen rum und haben keine Ahnung, dass es Dich gibt.«
Der Mann räusperte sich und sagte: »Es tut mir leid, ihnen mitzuteilen, dass ihre Körper nach dem vollständigen Scan ihrer Persönlichkeit mit totsicherer Wahrscheinlichkeit, abgeschaltet wurden. Das war diese dumme Fehlfunktion, die sich eingeschlichen hatte. Ich beteuere, dass das nicht in der Absicht meiner Firma lag.«
Grinsend sagte ich: »Das wäre bei sterblichen Personen wahrscheinlich der Fall. Wir haben den Trip allerdings mit Reiserücktrittsversicherung gestartet – oder anders ausgedrückt, unsere Körper sind unverletzt geblieben und renne irgendwo draußen rum.«
»Bevor wir hier Wurzeln schlagen, hätte ich trotzdem gerne irgendetwas unternommen.«
Der Programmierer senkte ganz leicht den Kopf und dann waren wir an einem anderen Ort.
Wir standen in einer Art Lagerraum. Es erinnerte mich stark an die Wahrenausgabe eines schwedischen Möbelriesens. Die Regale streckten sich über uns, bis in Höhen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Alles wirkte leicht bedrohlich. Würden diese Wänden auf uns fallen, sie würden keine Spuren von uns hinterlassen.
Der Typ vor uns hatte sich verändert. Der alte Mann wirkte wesentlich jünger und fitter. Er lief nicht mehr gebeugt und hatte einen blauen Overall an. An seiner Brust fehlten nur noch die gelben, großgedruckten vier Buchstaben und ich hätte sofort nach dem Bällebad gefragt.
Sein Lächeln hatte er allerdings nicht verloren.
Fragend sagte ich: »Wir sind hier im Dateisystem?«
Der Mann sagte: »Es ist nicht ganz so übersichtlich, wie der Explorer, aber man könnte es so nennen. Wir sagen dazu ›das Lager‹.«
Herbst blickte hoch und sagte: »Kann man sich hier überhaupt zurechtfinden? Das ist doch alles viel zu viel.«
Dinu nickte und sagte: »Das Lager verwaltet sich selbst. Es wird ständig erweitert und wächst, so wie es gerade benötigt wird. Letztendlich ist es fast eine eigene Intelligenz.«
»Sie meinen, dass ihr Hilfe-Programm hier drin ist und versucht, alle Dateien von uns zu finden und zu zerstören?«
»Da wir noch keine Routine zur Auffinden von Daten geschrieben hatten, wird sie damit große Probleme haben.«
Herbst zuckte mit den Schultern und sagte: »Wenn die Daten sowas wie einen Zeitstempel haben, dann würde es die Suche erleichtern.«
Erneutes Kopfgeschüttel und der Lagerarbeiter sagte: »Die Daten werden in der Reihenfolge gespeichert, wie sie hereinkommen. Meist passiert sehr viel gleichzeitig im System. Ich habe in den letzten Monaten sehr viele Spiele neu geschrieben, um meine neuen Mitbewohner zu beschäftigen.«
Ich nickte und sagte: »Wenn das so funktioniert, dann haben wir ein ziemlich großes Problem.«
Dinu blickte mich überrascht an und sagte: »Warum das?«
Ich sah ihn an und sagte: »Während unserer Ankunft wurden viele Veränderungen durchgeführt. Zusätzlich müsste der Speicher stark fragmentiert sein.«
Herbst unterbrach mich und fragte: »Was meinst Du damit?«
Ich sagte: »Guck Dir die Regale an. Im besten Fall sind alle Regalfächer gleichmäßig gefüllt und vollständig beladen. Leider sind die eingestellten Datenpakete allerdings unterschiedlich groß und unterschiedlich geformt. Durch die Lagerung ergeben sich freie Plätze zwischen den Paketen.«
Ich griff wahllos in eins der Lager und hob eine schlanke, rechteckige Packung heraus.
»Kommen kleinere und schlankere Pakete herein, werden sie einfach zwischen sperrigere Gebilde gesteckt, wie hier diese Krawatten-Schachtel, die neben diesen Dingern liegt, in denen scheinbar Sofas eingepackt worden sind.
Diese kleine Verpackung gehört eigentlich an einen anderen Ort – wie z.B. thematisch ehr zur Abteilung Herrenbekleidung. Sie wurde nur hier abgelegt, weil Platz dafür war.
Dadurch entsteht ein Chaos, welches nur durch eine stringente Überwachung beherrschbar ist.«
Dinu sagte: »Und was ist dann unser Problem?«
»Wenn das Hilfsprogramm recht hatte, dann wurde ihre Personalität zu einem sehr frühen Zeitpunkt in das System gesteckt.«
Der Mann vor uns wurde schlagartig blass und verzog überrascht das Gesicht. Herbst hingegen sah uns fragend an und sagte: »Was bedeutet das?«
Ich sagte: »Seine Personalität ist einfacher zu finden. Du musst nur am Anfang suche.«
Ängstlich blickte sich der Inder um. Er blickte der langen Reihe entlang. Dann drehte er sich auf der Stelle um, und begann zu rennen.
Herbst wirkte weiter verwirrt. Er sagte: »Sollen wir ihm folgen?«
»Wenn wir verhindern wollen, dass er gelöscht wird, dann wäre es wohl an der Zeit zu rennen.«
»Dieses Spiel ist auch nicht viel besser, als die anderen vorher. Jetzt müssen wir schon wieder rennen. Wie soll das nur enden?«
»Wenn wir Uhura gestoppt haben, kannst Du Dich so lange ausruhen, wie Du willst. Jetzt ist erst einmal Eile geboten.«

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