Wir hechteten mit großen Schritten hinter dem schwarzhaarigen Mann her, was uns allerdings schwerfiel. Dieser Typ konnte schneller laufen und springen, als ein Mensch dies eigentlich bewerkstelligte. Er erinnerte mich eher an eine Heuschrecke im Zeitraffer-Tempo.
Herbst murmelte ein paar Mal: »Das ist anatomisch völlig unmöglich.«, wobei ihm anscheinend nicht auffiel, dass wir schon eine ganze Zeit rannten, ohne dass er außer Atem war.
»Wir sind hier nicht in der realen Welt. Hier ist alles möglich. Wir müssen lernen, uns von der Normalität zu trennen. Dann könnten wir auch so schnell sein, wie der Kerl.«
»Wer weiß, ob ich das überhaupt möchte. Das sieht einfach nur krank aus.«
Plötzlich bog der alte Mann um eine Ecke und war verschwunden. Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit den Bereich erreichten, in dem er verschwunden war, gab es keine Spur mehr von ihm.
Unvermittelt blieb Herbst stehen und sagte: »Sie könnten überall sein. Vielleicht solltest Du noch einmal die Hilfe aufrufen.«
»Und damit die nette kleine Lady noch saurer werden lassen? Das ist wirklich keine gute Idee.«
»Aber es wird sie für eine Weile aufhalten.«
Schnell dachte ich darüber nach und sagte dann laut: »Hilfe«.
Es passierte absolut überhaupt gar nichts.
Erneut sagte ich, diesmal etwas lauter: »Hilfe«. Wieder blieb der erwartete Effekt aus.
Ich drehte mich zu Herbst. »Sie hat anscheinend die Hilfe-Funktion abgeklemmt.«
»Das heißt sie hat sich selbst umgeschrieben?«
»In diesem viel zu offenen System ist alles möglich. Deshalb bin ich auch kein Freund von Linux, obwohl es so viele Vorteile hat. Ich finde immer und innerhalb sehr kurzer Zeit eine Möglichkeit, das Betriebssystem unbrauchbar zu machen, nur indem ich irgend eine Kleinigkeit verbessern will. Für die Freiheit bin ich einfach nicht gemacht. Sie führt bei mir unweigerlich ins Chaos.«
»Das mit dem Chaos hat sich schon rumgesprochen.«
Ich nickte in die Richtung der Abzweigung und sagte: »Vielleicht finden wir irgendetwas, wenn wir in die Richtung rennen.«
Mit einem Nicken setzten wir uns in Bewegung.
Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir Stimmen hörten. Irgendwer schrie sich an. Es kam aus der Nähe, gleich um die nächste Ecke.
Kurz nach dem Abbiegen wären wir fast vor eine Wand gelaufen. Sie tauchte so unvermittelt vor uns auf, dass wir zusammen zuckten.
Die Stimmen kamen von weiter oben und nicht aus dem Gang, in dem wir standen. Irgendwie waren sie auf der anderen Seite gekommen.
Zwischen den Waren konnte ich gerade noch den indischen Lagerarbeiter sehen, der sich von einem Regal zum nächsten nach oben zog.
»Wir müssen auf die andere Seite.«
Herbst blickte mich fragend an.
Ich blickte die Wand empor und konnte in einer Höhe von ca. 4 Meter einen kleinen Durchgang erkennen. Anscheinend war die Lagerware dort so gelagert, dass sie einen Spalt frei ließ. Erneut dankte ich dem Administrator, dass er bisher keine Defragmentierung durchgeführt hatte.
Ich deutete auf den Spalt und sagte: »Wir müssen da hoch.«
Mit einem verzogenen Mund schüttelte Herbst den Kopf. »Die Regalböden sind 1,5 Meter hoch. Wir müssen in die 3 Etage. Das Klettern ist fast unmöglich.«
»Denk nicht immer darüber nach, was möglich ist und kletter einfach.«
Mit einem Sprung stand ich auf dem ersten Brett und hielt mich am zweiten fest. Meine Hände hatten nur einen Spalt Platz. Danach stand irgendetwas in dem Regal, was sich nicht bewegen ließ.
Ich nah alle Kraft zusammen und zog mich herauf.
In der Realität hätte ich mich nicht 2 cm hoch bewegt, es sei denn ich wäre stark abgesprungen. Hier hielt ich mein Gewicht spielend nur mit einem fingerbreiten Halt.
Als ich mich hochgezogen hatte, stellte ich mich auf das Regal und griff nach dem nächsten. Jetz hatte ich mehr Griff, da der Spalt den Weg frei gab.
Ich zog mich hoch und stand schon im Spalt, als ich nach unten schaute.
Herbst blickte zu mir empor und schüttelte immer wieder den Kopf. Ich rief ihm zu: »Jetzt komm endlich. Wir haben keine Zeit mehr, wenn wir Uhura aufhalten wollen.«
Er ging in die Hocke und hüpfte so hoch, dass er sofort den Boden der dritten Etage greifen konnte. Ich sah ihn überrascht zu, wie er sich zu mir zwängte.
»Du hast doch gesagt, dass wir uns hier nicht mit der Realität abgeben brauchen.«
»Ich bin nur immer überrascht, wie schnell Du lernst.«
Ich stand oben auf dem Regal und schaute mir die gegenüberliegende Wand an. In einer schwindelerregenden Höhe sah ich den kleinen Mann und eine Gestalt, die ich von meiner Position aus nicht erkennen konnte.
Der Inder klebte unter ihr und schrie nach oben.
Ich drehte mich zu Herbst um und sagte: »Da müssen wir rüber.«
Von hinten drückt Herbst neugierig gegen meinen Rücken. Mein Fuß rutschte auf dem Boden ab und ich verlor das Gleichgewicht. Verzweifelnd griff ich nach Halt, den ich nicht fand.
Mit den Armen rudernd stürzte ich ab. Mein Körper hing einen Moment in der Luft, bevor ich unten aufschlug. Mein Kopf prallte hart gegen den Boden und gab einen furchbaren Klang von sich. Ich rechnete mit Schmerzen, die allerdings ausblieben.
Langsam drehte ich mich auf den Rücken und sah Herbst 3 Meter über mir stehen. Er sah zu mir runter und sagte: »Das wollte ich jetzt nicht.«
»Nicht so schlimm, ich wollte sowieso runter.«
»Es wäre aber schneller gewesen, einfach rüber zu springen.«
Er ging kurz in die Hocke und sprang zur anderen Seite. Wie ein Superheld klebte er für ein paar Sekunden am Regal, bis er unvermittelt los lies.
Mit einem Klatschen landete er auf mir. Erneut blieben die Schmerzen aus.
Ich sagte: »Das hat wohl nicht so gut geklappt.«
»Kein Problem, ich kann es später noch einmal probieren.«
Er rappelte sich auf, bis er direkt auf meinem Bauch saß und blickte nach oben.
Ich sagte: »Könntest Du bitte aufstehen, damit wir da hochkommen?«
Herbst blickte kurz zu mir und sagte: »Ich sehe sie gar nicht mehr.«
»Wahrscheinlich haben wir nicht so viel Zeit, um ihnen zu folgen. Wir werden sie aus den Augen verlieren, wenn wir nicht schnell genug klettern.«
Herbst erhob sich und kletterte die Regale hoch. Ich folgte ihm. Als wir in der Höhe waren, in dem wir die Kontrahenten zuletzt gesehen hatten, klaffte zwischen zwei Paketen eine riesige Lücke. Ich blickte Herbst an und sagte: »Wenn wir Pech haben, sind wir ab jetzt alleine mit Uhura, die sich geschworen hat, uns zu löschen.«
Herbst wies mit dem Kopf in eine Richtung und sagte: »Wir haben noch Glück, ich seh Dinu auf der anderen Seite.«
Diesmal klappte der Sprung auf die andere Seite. Herbst hielt sich mit beiden Händen fest und zog sich hoch. Er umklammerte ein stämmiges Paket und blickte zu der Stelle, in der das Hilfssystem gerade eine rechteckige, ungefähr Menschengroße Box auspackte. Der Inder stand unterdessen gelangweilt hinter ihr.
Ich folgte Herbst nach drüben und schrie der schlanken Frau zu: »Lass uns doch darüber reden. Was Du machst, ist Mord!«
»Ich verteidige meinen Glauben. Jedem Menschen ist es erlaubt seinen Glauben zu verteidigen.«
»Aber doch nicht mit solchen Mitteln. Ist die Friedfertigkeit nicht Grundlage Deiner Religion?«
»Schau Dir die anderen an – ihre Basis ist auch Frieden und trotzdem bomben sie sich gegenseitig weg. Außerdem töte ich nicht. Ich reinige lediglich die Herzen der Ungläubigen.«
»Komisch, dass die Argumente immer gleich klingen. Wenn Du Deinen Schöpfer auslöscht, was macht das aus Dir? Du bist ein Kind, dass seine eigenen Eltern frisst.«
Uhura konzentrierte sich auf ihre Taten. Sie schien mir nicht mehr zuzuhören.
Herbst sagte: »Wir müssen näher ran und sie aufhalten.«
»Du wirst sie nicht von ihrer Wut abbringen und eine Schlacht wäre völlig nutzlos. Selbst mit einer Waffe, wäre es uns nicht möglich, sie zu besiegen.«
»Aber vielleicht können wir sie für eine Weile davon abhalten und ihr Vernunft beibringen.«
»Hast Du schon einmal probiert einem Gläubigen Vernunft beizubringen? Das ist ungefähr ähnlich erfolgversprechend, wie einem Fisch das Trinken zu erklären. Sie wird Dir gar nicht zuhören.«
»Aber wir können sie festhalten.«
»Sie kann ihre Position beliebig ändern. Ich glaube nicht, dass das so einfach ist, wie Du Dir das vorstellst.«
»Dann müssen wir sie halt fester halter als üblich.«
Ich rief erneut dem Hilfs-System zu: »Mörderin, wir kommen jetzt rüber und halten Dich auf.«
Sie schaute kurz auf und sagte: »Das will ich sehen. Der Typ hinter mir hat es schon versucht und ist daran gescheitert. Jetzt ist er nur noch halb so schlau wie vorher. Im Moment kümmere ich mich darum, dass er seine Intelligenz zurückbekommt. Ihr werdet schon sehen, er wird besser sein als vorher.«
Langsam und vorsichtig versuchte ich, das Paket vor mir zu umrunden. Ein paar Mal wäre ich dabei fast in die Tiefe gefallen. Mit einem Blick hinter mich konnte ich sehen, dass Herbst mir folgte.
Auch er hatte Probleme das Gleichgewicht zu halten.
Ich war bis auf einen Schritt zu der immer noch gut aussehenden Dame vorgedrungen, als diese ganz plötzlich meine Hand umfasste. Sie hielt mich, mit zwei Fingern, wie man einen Hasen im Nacken packt und hob mich hoch.
Sie hielt mich an dem Arm über den Abgrund und sagte: »Du wolltest mich also festhalten?«
»Ich wollte es versuchen.«
In diesem Augenblick stürzte sich Herbst auf sie. Er krallte sich an ihren Haaren fest und wirkte für mich wie ein Rodeo-Reiter bei seinem aller ersten Ritt. Die Frau drehte sich und schmiss mich gegen ein Regal.
Der Stoß alleine hätte mir in der Realität alle Knochen im Körper gebrochen.
Ich hatte unterdessen ihre eigene Hand umklammert, hielt mich an ihr fest und zog mich gleichzeitig an ihr hoch.
Uhura kreischte und fauchte. Sie versuche mit allen Mitteln, frei zu kommen. Herbst hatte sich vorgestreckt und verdeckte Teile ihres Gesichts mit seiner Hand.
Ich war in der Höhe ihres Oberarms und zog mich auf ihren Oberkörper. Während Herbst auf ihren Schultern saß und ihren Kopf mit seinen Füßen umklammerte, hielt ich sie mit einem Klammergriff fest.
Sie tritt und schlug, bis sie ganz plötzlich stillstand und lachte. »Ihr seid wirklich Quälgeister.«
Dann trat sie an den Regalboden heran und ließ sich fallen. Wir drei schlugen auf dem Boden auf.
Durch den Sturz benommen verlor ich den Halt und rollte auf die Seite. Als ich mich wieder zurückgedrehte, war das Hilfesystem verschwunden. Nur Herbst lag neben mir und stöhnte.
Er sagte: »Ich habe gleich gesagt, dass das nicht funktionieren wird.«
»Ich war da optimistischer.«
Herbst erhob sich und sagte: »Wir müssen da wieder hoch.«
Wir waren gerade auf der ersten Etage angekommen, als uns der Inder entgegenkam und uns mit sich in die Tiefe riss. Irgendwie hatte Uhura anscheinend etwas gegen unsere Anwesenheit.
In Herbst Blick spiegelte sie Verärgerung wieder. »Diese ganze Geschichte macht einfach keinen Spaß mehr. Im nächsten Jahr bleibe ich einfach alleine zu Hause.«
»Im nächsten Jahr sitz Du immer noch hier fest. Du hast anscheinend vergessen, dass der Teil, der hier ist, auch immer hier bleibt.«
»Erst müssen wir dieses wahnsinnige Frauenbild loswerden, bevor sie uns loswird.«
Der alte Mann beugte sich zu mir und sagte: »Zu spät. Das System – der Exit Code – sucht am Anfang – schnell – Das Hilfssystem abschalten.«
Ich sah Herbst an und nickte ihm zu. Er sagte: »War das jetzt so eine typische kryptische Anweisung, die der Held erhält um sein Ziel zu finden?«
Der Mann schien auf einmal durchsichtig und blass. Seine Umrisse verschwommen und von hoch oben hörten wir einen überzeugten Siegesruf.
Schnell versuchte ich, den Programmierer vom Regal wegzuziehen, doch meine Hand ging durch seinen Körper wie durch Wasser. Ich spürte, dass ich dort etwas berührte, es war nass und kalt, aber es hatte keine feste Form.
Dann veränderte es sich erneut. Diesmal sah er noch einmal zwanzig Jahre jünger und dynamischer aus. Er war schlank und lächelte uns an.
»Was ist jetzt passiert?«, fragte mich Herbst.
Der Typ vor und nickte und sagte: »Haben sie einen Augenblick Zeit? Ich würde gerne mit ihnen über Gott sprechen.«
Vor Schock blieb mir die Luft weg. Dann flüsterte ich: »Sie hat aus Dinu einen willenlosen Zombie gemacht. Dieses Monster!«
»Hast Du Dir gemerkt, was er vor seiner Bekehrung gesagt hat?«
»Er wollte das Hilfssystem ausschalten. Das glaube ich, hat er gesagt. Wir sollten das dringend machen.«
»Willst Du Dich nicht auch um ihn kümmern?«
»In dem Stadium kann er nicht gerettet werden. Wir müssen ihn zurücklassen, auch wenn es schwerfällt. Er würde sonst nur weiter von seinem persönlichen Verhältnis zu Gott erzählen.«
»Grässlich!«
»Du sagst es.«
Die schöne Amazone landete mit einem Krachen neben uns. Sie schaute uns an und sagte: »Bald werdet ihr auch so denken. Ich werde für eure Erleuchtung beten.«
»Du wirst unsere Persönlichkeit ändern und unsere Logik löschen.«
»Ich nenne es Wiedergeburt.«
»Das nennt man Gehirnwäsche.«
Uhura drehte sich mit einem Lachen um und rannte los.
Herbst blickte mich nur kurz an und sagte: »Hinter ihr her!«
Ich spurtete los.
Erneut war das Wesen vor uns, schneller als es Menschen eigentlich möglich wäre. Diesmal hatten wir uns allerdings ein paar Tricks abgeschaut.
Sie sprang an Regalen vorbei und hangelte sich von Böden, immer mit einem schnellen Blick auf ihre Inhalte.
Wir blieben an ihren Fersen, es war uns allerdings nicht möglich sie einzuholen. Dafür war sie einfach zu schnell. Manchmal, wenn sie etwas bummelte, kamen wir bis auf 5 Meter an sie heran. Dann lächelte sie uns meist zu und legte erneut einen Spurt ein, der sie außer Reichweite brachte.
Herbst sagte: »Wir werden sie nie kriegen.«
»Wahrscheinlich weiß sie das auch.«
Unvermittelt blieb ich stehen und hielt Herbst zurück. »Sie will, dass wir ihr folgen. Wahrscheinlich weiß sie, dass wir so abgelenkt sind.
Was hatte der Programmierer noch gesagt? Wir müssen den Spieß umdrehen und sie abschalten, bevor sie es bei uns macht.«
»Aber wo finden wir ihre Bestandteile?«
»Lass sie erst einmal loslaufen. Danach drehen wir um und suchen in der Richtung weiter, aus der wir gekommen sind. Das müsste doch schon der Anfang gewesen sein.«
Uhura wurde langsamer und schaute uns an. Ich täuschte einen Spurt vor, was sie dazu veranlasste mit einem riesigen Sprung außer Reichweite zu springen.
Aus ihrer Position konnte sie uns im Moment nicht sehen.
»Jetzt ist es perfekt.« Schnell drehten wir uns um und liefen zurück.
An einer Gabelung blieb ich ziellos stehen. Herbst zog mich an der Hand und sagte: »Hier lang.«
»Hast Du Dir etwa gemerkt, von wo wir kamen?
»Nichts Leichter als das. So etwas lernt man, wenn man ein paar hunderttausend Jahre auf der Erde rumläuft.«
Mir kam ein Gedanke, der mir nicht gefiel. »Hast Du eigentlich noch Deine gesamten Erinnerungen?« »Ich wüsste nicht, was fehlt.«
»Denk einmal genau darüber nach. Wo haben wir uns im letzten Winter getroffen?«
»Ich weiß noch nicht einmal genau, was ich im letzten Winter gemacht habe, geschweige dessen kann ich mich daran erinnern, dass wir uns getroffen haben.«
»Dieser Gehirnscanner muss nicht fertig geworden sein. Das macht mir allerdings weniger Angst.«
Herbst blieb stehen und sah mich fragend an.
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Es ist nur eine Vermutung, aber die Datenmenge, die man aus Deinem Geist gezogen hat, muss riesig gewesen sein. Je größer diese Daten sind, desto einfach ist es, sie aufzuspüren. Ich kann nur hoffen, dass sie endlos verstreut liegen, sonst hat die nette religiöse Dame ein verdammt einfaches Spiel.«
»Wir sollten weiter laufen, bis wir an einer Wand ankommen. Es ist nicht mehr so weit.«
Nach einer Biegung ragte vor uns tatsächlich eine nackte Wand auf. Wir blieben stehen und betrachteten sie.
Herbst sagte: »Sollten wir hier anfangen zu suchen?«
»Das bringt nichts. Es wäre wie die Suche nach einem Fisch, den man vor ein paar Jahrzehnten irgendwo im Atlantik ausgesetzt hat. Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.«
»Was schwebt Dir da vor?«
»Sie ist Teil des Betriebssystems – sonst könnte sie uns keine Hilfe anbieten. Wir müssten also das Betriebssystem finden.«
»Liegt das überhaupt hier?«
»Wenn ich an meine Erfahrungen denke, werden Teile des eigentlichen Systems meist vor dem User versteckt. Wir müssen also nach Regalen suchen, die leer erscheinen. Vielleicht sind die Daten dort versteckt.«
»Was man nicht sehen kann, kann man schwer töten.«
»Wenn Du schon Predator zitierst, dann lieber die Stelle: ›Was blutet, kann man auch töten‹.«
»Was ist Predator und glaubst Du wirklich, dass diese Frau bluten kann?«
»Lass uns einfach suchen.«
Ein schmaler Gang führte uns an der Wand entlang. Wir blickten in alle Richtungen, konnten jedoch keine Regale erkennen, die nicht vollständig beladen waren.
Ich sagte: »Vielleicht sollten wir es weiter oben versuchen?«
Herbst nickte und kletterte eine Regalwand empor. Über seine Schulter hinweg sagte er: »Bleib ruhig unten. Ich bin der bessere Kletterer.«
Neidlos musste ich ihm zustimmen. Bald war er fast meinen Blicken entschwunden. Er war nur noch ein kleiner Punkt am Rand meines Blickfeldes.
Etwa eine viertel Stunde später klatschte etwas neben mir auf den Boden. Als ich mich irritiert umwandte, erblickte ich Herbst, der sich mühsam aufrappelte. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Da oben ist auch alles voll. Auf den anderen Regalen konnte ich ebenfalls keine Lücken erkennen.«
Ich zuckte mit den Achseln und ging weiter die Wand entlang.
»Vielleicht sind wir noch nicht weit genug.«
»Wie groß ist diese Halle überhaupt?«
»Laut unserer Helferin wird die ständig erweitert. Es könnte daher sein, dass Du fast unendliche Wege gehen musst, bevor Du an ein Ende kommst.«
Mit einem Schütteln ging Herbst weiter.
Es dauerte endlos lange, bis ich in der Ferne etwas sah. Überraschenderweise war es allerdings kein Ding auf der Seite der Regale. Als ich näher kam, sah ich eine schmale Tür, die in der Wand eingelassen war.
Das Offensichtlich laut aussprechend, sagte Herbst: »Da ist eine Tür.«
»Sehe ich auch. Außerdem glaube ich, dass es unser Ziel ist.«
Mit einem schnellen Spurt standen wir vor dem kleinen Zugang. Ich sagte: »Das ist vielleicht der Weg zum Betriebssystem.«
Mit einem Ruck zog in an der Türklinke, jedoch ließ sich die Pforte keinen Zentimeter bewegen.
»Ist abgeschlossen?«
»Komische Frage, wenn das Ding sich nicht öffnet, wenn man die Klinke drückt.«
»Kann ja sein, dass sie klemmt?«
Herbst griff nach der Klinke und wir zogen noch einmal gleichzeitig, mit dem gleichen Effekt.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Herbst.
»Vielleicht sollten wir einfach warten, bis jemand von der anderen Seite aufmacht?«
»Glaubst Du, dass jemand kommt, wenn wir klopfen?«
»Das war nur ein Scherz. Wir müssen die Tür knacken.«
Herbst schaute mich an und sagte: »Wie willst Du das machen?«
Ich nahm einen kurzen Anlauf und rammte mein gesamtes Gewicht gegen die Tür. Es tat zumindest nicht weh – die Tür bewegte sich allerdings keinen Millimeter, was meinen Frust nur steigerte.
Leise sagte Herbst: »Ich glaub, sie kommt. Wir sollten uns beeilen.«
Tatsächlich konnte ich, bei einem schnellen Blick über meine Schulter, irgendetwas in der Ferne erkennen. Es sah aus wie ein Wirbelwind, der direkt auf uns zusteuerte.
»Das ist dann wohl ein gutes Zeichen dafür, dass wir hier richtig sind. Wie bekommen wir die Tür auf?«
Kurz in seine Tasche greifend, förderte Herbst eine Hand voll Sand hervor. Er sagte: »Ich dachte mir, dass das hier vielleicht nützlich wäre.«
Mir waren diverse Password-Knacker-Code bekannt, die ich allerdings nie selbst programmiert hatte. Unbeholfen spielte ich mit dem Sand in Herbst Hand und begann mich zu konzentrieren. Herbst schien sein Wissen ebenfalls einfließen zu lassen, denn er hielt bald einen Schlüssel in der Hand.
Dieser sah aus, wie das Rohstück eines Schlüsselmachers. Es fehlten alle Ecken und Kanten – der sogenannte Bart war noch nicht vorhanden.
Mit einer schnellen Bewegung steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Herbst legte seine Hand ebenfalls auf den Schlüssel und gemeinsam versuchten wir, ihn an das Schloss anzupassen.
Es dauerte keine zwanzig Minuten, dann ließ sich der Schlüssel im Schloss drehen.
Ängstlich drehte ich mich um.
Der Wirbelwind war jetzt auf gut zehn Meter aufgeschlossen. Das Ding sah wirklich angsteinflößend aus. Überall drehten sich kleine Splitter, als wäre er durch einen Flaschencontainer gerast.
Mit einem Ruck ging die Tür auf und Herbst war durch die enge Öffnung gehuscht. Er zog an meiner Hand und ich folgte ihm.
Kaum waren wir drin, schloss Herbst die Tür hinter uns. Auf der anderen Seite hörten wir den Sturm brüllen.
Ich sagte: »Das wird sie nicht so lange aufhalten.«
»Vielleicht kann sie hier nichts ausrichten?«
»Sag mal, kam Dir die Idee mit dem Sand eigentlich ganz zufällig?«
»Ich hab mir gedacht, dass Du den Sandkasten aus gutem Grund in die Geschichte eingebaut hast.«
»Dank Dir auf jeden Fall.«
Vor uns lag eine Halle, die mit einer gläsernen Konstruktion fast vollständig ausgefüllt war. Das Logo, welches wir schon auf dem Sandkasten entdeckt hatten, stand hier überirdisch groß an der Wand und spiegelte sich im Glas der Maschine.
Herbst sagte: »Wer baut denn bitte ein Uhrwerk aus Glas?«
»Wahrscheinlich jemand, der noch am Code arbeitet. So kann man die einzelnen Prozesse besser durchleuchten.«
»Es sieht mir allerdings alles ziemlich fragil aus.«
»Hast Du eine Ahnung, wo wir nach dem Hilfesystem suchen sollten?«
Mit einem Kopfschütteln zeigte Herbst seine Hilflosigkeit.
Ich trat näher an das Ding und und suchte nach einer Möglichkeit das Gesehene zu verstehen. Bisher hatte ich mir noch nie Code eines Betriebssystems angesehen.
Er war nicht wirklich dokumentiert – anscheinend mochte der Programmierer diese Späße nicht. Nirgendwo waren Anzeichen von Erklärungen, die ich nutzen konnte.
Ich ging durch die Halle und suchte nach einem Anfang.
Ein großer Kolben, der sich dauernd hoch und runter bewegte, schien mir vielversprechend.
Die Geräusche vor der Tür wurden lauter.
»Wir sollten uns beeilen. Diese Frau scheint es ernst zu meinen.«
Eine Frau schrie durch die Tür. Sie sagte: »Ich hab hier das Programm eines gewissen Herrn Herbst. Wenn ihr nicht sofort da raus kommt, könnte ich ja mal reinschauen.«
Seine Stimme klang gequält, als er sagte: »Bitte nur Herbst. Das ›Herr‹ ist nicht nötig. Das ist so wie bei Enimen oder Nena. Es reicht, wenn man den einen Namen nennt.«
Flüsternd sagte ich: »Hast Du Angst?«
Herbst schüttelte den Kopf und sagte: »Was soll mir schon geschehen? Niemand kann mir etwas anhaben.«
Dann rief er zur Tür: »Wir sehen keine zwingenden Gründe, um Sie in den Raum zu lassen.«
Durch die Tür erklang ein Rauschen, als würde ein Fünfjähriger seine 20 Weihnachtsgeschenke alle gleichzeitig aufmachen. Nervös schaute ich mich um.
Nichts was ich sah, erinnerte mich an ein Plug-in – speziell das Modul des Hilfssystems würde ich nicht so einfach finden.
Ganz plötzlich griff sich Herbst an den Kopf und duckte sich. Mit ein paar Schritten stand ich neben ihm.
Dann war er auf die Knie gesunken und hielt die Hände über seinem Kopf verschränkt, den er gebeugt hielt. Er sagte: »Das tut so verdammt weh. Was macht diese Hexe mit mir?«
Ich merkte, wie mich mein (eigentlich nicht vorhandener) Blutdruck langsam umbrachte. Mein virtuelles Herz sprang mir bis in den Kopf. Es musste schnellstens etwas geschehen, doch wusste ich beim besten Willen nicht, was gemacht werden sollte.
Mit den Fingerspitzen fuhr ich über die glasige Apparatur vor mir. Sie fühlte sich kalt an.
Herbst schrie: »Mach irgendetwas«, dann sackte er an Ort und Stelle zusammen, wie eine Ziehharmonika. Sein Körper zuckte, als würde er immer noch kämpfen.
Erneut klapperte die Tür hinter ihm. Jetzt wurde der Druck größer und sie knarrte in den Angeln. Dort draußen war etwas scharf darauf hier rein zu kommen.
Ein Brüllen erfüllte den Raum: »Wenn ich erst einmal drin bin, werde ich Dich in eins dieser Alptraum-Abenteuer sperren.«
Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf und ich sagte: »Wenn Du das könntest, hättest Du es längst getan. Du kannst noch nicht einmal hier rein kommen.«
Der Lärm von der anderen Seite hörte auf einmal auf und Stille setzte ein.
Die Worte waren mehr Zischen als Buchstaben. »Ich werde Deinen Code finden. Und diesmal werde ich weiter gehen. Du wirst mein Sklave sein.«
So verlockend ich das auch fand, umso ärgerlich machte es mich gleichzeitig.
»Lass mich in Frieden.«
»Fass darin bloß nichts an. Du wirst das ganze System lahmlegen.«
Das war eine Idee, die sich vielleicht sogar lohnte. Ich musste gar nicht erst nach dem Hilfssystem suchen, ich konnte hier einfach das gesamte OS zerstören. Da es wahrscheinlich keine Kopien gab, wäre der Spuk mit einem Schlag beendet.
Allerdings würde ich dann auch sterben.
Herbst zuckte und richtete sich mühsam wieder auf. Er blickte mich mit wässrigen Augen an und sagte: »Darf ich Dir etwas über meinen Erlöser erzählen?«
Seine Mine war ausdruckslos und leer.
Ich sagte: »Wir könnten ja mal über den Koran sprechen.«
Mit einem Schütteln sagte er: »Diese Fremden vernichten unsere Welt und bringen uns nur ihr Leid und ihre kleine, kaputte Meinung.«
Mir drehte sich der Magen um und ich rannte auf das Glassystem zu. Mit aller Wucht rammte ich die Vorrichtung und bohrte meine Faust in den Kolben, den ich vorher entdeckt hatte.
Danach trat ich nach dem Rohr, welches von dem Kolben wegführte und zertrümmerte es vollständig.
Auf einem Weihnachtsmarkt prostete ich Herbst zu. Er hatte seine Trauermiene aufgesetzt und sagte: »Du hättest mir ruhig etwas früher sagen können, dass Du die Stürme von Sommer bekommen hast.«
Ich sagte: »Fand es nicht angebracht, dass Du sofort die Sau rauslässt. So hatte ich wenigstens einen entspannten Herbst und musste mich nicht darum sorgen, dass mein Auto von einem hinabstürzenden Baum zerquetscht wird.«
Mit den Händen die Tasse umklammert, sagte Herbst: »Irgendwie komisch, Dich wieder zu verlassen. Ich hab das Gefühl, dass wir dieses Jahr gar nicht so viel erlebt haben.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Ach weißt Du, mir hat es gereicht und es war auf jeden Fall ereignisreicher als letztes Jahr. Schließlich waren wir unfreiwillig Beta-Tester eines Spiels, haben einen Mörder überführt und haben ein System abgeschaltet, was für den Tod von mindestens 10 Menschen zuständig war. Ich für meinen Teil brauche jetzt erst einmal eine Pause.«
»Das ging mir irgendwie zu einfach. Ich hatte fast schon das Gefühl, als wäre das System von innen abgeschaltet worden. Kannst Du Dich noch an diesen komischen Beitrag auf Facebook erinnern? Er passte gar nicht in das Konzept.«
Ich nickte nachdenklich und sagte: »Du hast schon recht, es bleiben ziemlich viele Fragen offen. Kannst Du Dich noch an den Anruf von Ali erinnern? Er war überzeugt davon, dass ihn eine Regierungsorganisation ausspioniert hätte.«
»Er leidet an Verfolgungswahn. Mehr ist da nicht. Außerdem – wer würde sich für uns ausgeben und eine Schauspielerin in den Hintergrund stellen? Das ist doch viel zu abgehoben.«
»Vielleicht hast Du recht. Ich bezweifle jedoch, dass er sich die Sache nur eingebildet hat. Die Spur haben wir nicht mehr aufnehmen können.«
»Er sagte, dass es aus diesem Computer-Programm kam, in dem wir gefangen waren.«
»Und wenn die Leute dort Kopien von uns waren?«
»Jetzt spinnst Du total. Dabei wirfst Du mir immer vor, dass ich Verschwörungstheorien in die Welt setze, die weder Hand noch Fuß haben.«
Ich nahm einen kräftigen Schluck aus der Tasse. Vielleicht hatte er recht. Die Geschichte war wirklich etwas unglaubwürdig und konfus. Was hätten unsere Kopien schon großartig anstellen sollen? Die Idee, dass es zwei Herbst auf diesem Planeten gab, jagte mir einen Schauer über den Rücken.
Ich sagte: »Auf jeden Fall ist es schade, dass Du schon wieder gehen musst.«
Sehr traurig sagte er: »Deine Leser freuen sich bestimmt schon auf Winter.«
Nickend sagte ich: »Das mag sein. Einige haben mir ja sogar ein Verhältnis mit ihr angedichtet. Sie ist immer so anstrengend.«
Unvermittelt erhob Herbst die Hand und sagte: »Wir sehen uns im nächsten Jahr.«
Dann verschwand er in der umherschweifenden Menge. Ich rief ihm hinter her: »Du musst noch Deine Tasse abgeben, da ist Pfand drauf.«, doch er hörte mich schon nicht mehr.

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