Herbst – Kapitel 5

Wir standen in einem dunklen Raum. Dabei war jedes Wort des letzten Satzes genaugenommen eine Lüge.
Es gab kein ›Wir‹ mehr. Das Gefühl war das gleiche, wie wenn man die Augen geschlossen hielt. Ich konnte Herbst neben mir schmecken, allerdings hatte man mich gerade vertauscht. Nichts von dem was ich fühlte, war wirklich ich. In diesem Augenblick erkannte ich mich selbst nicht mehr. Nur das Bewusstsein sagte mir, dass Herbst neben mir war.
Wir schwebten in einer Leere, die so hell war, wie ein eingeschalteter Fernseher, der kein Signal bekommt. Hier herrschte eine elektronische Finsternis, die von innen beleuchtet wurde.
Worte flossen wie Quecksilber durch den Raum. Sie waren so hell, dass sie sich in mein Ego bohrten. »Wo sind wir hier?«
Unbewusst antwortete ich: »Das muss das System sein. Wir sind außerhalb eines Programms.«
»Und was können wir hier machen?«
»Ich habe weder eine Ahnung, was wir hier machen können, noch wie wir es bewerkstelligen.«
Vielleicht waren Gedanken die Bedienungsebene, die wir hier nutzen mussten. Ich dachte das Wort »Hilfe!«. Das hatte sich schon damals bei DOS Programmen bewährt. Gab man ein Fragezeichen an, so konnte man alle zur Verfügung stehenden Befehle erhalten.
Unvermittelt tauchte neben uns die Silhouette einer jungen Frau auf. Sie war durchsichtig, als hätte man den Charakter in einem Spiel noch nicht aktiviert.
Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass vor uns Lieutnant Nyota Uhura stand, die etwas sauertöpfisch auf den Punkt starrte, an dem wir flogen.
Sie sagte: »Was habt ihr Schwachköpfe jetzt wieder angestellt? Ihr verhaltet euch wie ein Rudel Waschbären in einer Großküche. Sobald man euch aus den Augen lässt, richtet ihr das größte Chaos an, welches man sich vorstellen kann. Ihr braucht keine Hilfe, ihr braucht einen Babysitter.«
»Für den Anfang wäre es nett, erst einmal seine Körper wieder zu haben.«
»Da kann ich euch nicht helfen. Wenn ihr hier Körper braucht, dann müsstet ihr sie selbst programmieren. Ich könnte euch in die Entwicklungsumgebung bringen, wenn ihr sie nicht selbst findet.«
»Gibt es keine wichtigeren Themen, außer unseren Körpern?« Herbst klang entnervt. Anscheinend sah er keinerlei Probleme darin, dass wir keine deutlichen Umrisse zeigten. Als ich kurz darüber nachdachte, musste ich ihm recht geben.
Ich sagte: »Gibt es einen Weg nach draußen?«
Unsere Helferin sah stirnrunzelnd zu mir, auch wenn ich in diesem Fall nicht vorhanden war. Sie sagte: »Was ist draußen?«
»Ich meine, gibt es einen Weg aus dem System?«
»Tut mir leid, ich kann diese Frage nicht beantworten. Sicherlich kann man eure Programme löschen, dann sind sie nicht mehr da – das scheint mir allerdings etwas endgültig und weniger erstrebenswert.«
»Der Tod ist für alle Menschen ziemlich endgültig, auch wenn einige etwas anderes behaupten. Das meinte ich allerdings nicht. Ich meinte: Wie verlässt man diese Umgebung?«
»Das sind wir – unser Betriebssystem! Was sollte es anderes geben?«
Herbst sagte: »Es gibt doch auch das Internet. Das hat doch ein anderes Betriebssystem.«
Es war etwas schwierig, ohne Augen mit eben diesen zu rollen, und der Versuch machte mich schwindelig. Ich sagte: »Das Internet hat kein Betriebssystem. Im Grunde sind Browser so etwas wie Übersetzer eines geschriebenen Textes. Sie holen die Seiten, die auf anderen Rechnern und Festplatten abgelegt sind und bilden sie ab. Das Internet brauch kein OS, nur eine einheitliche Sprache.
Deshalb ist die Idee von einer KI im Internet auch so abwegig – wenn ich jetzt darüber nachdenke. Was auch immer Du jagst, lebt irgendwo anders.«
Uhura wirkte immer verwirrter. Ich versuchte, Beruhigung in meine Stimme zu legen, was mir nicht gelang, denn ich hatte momentan keine Stimmbänder.
»Du weißt bestimmt, dass es noch andere Betriebssysteme gibt. Gibt es einen Weg, zu diesen zu gelangen?«
»Es gibt andere Betriebssysteme?« Sie blickte mich kurz neugierig an, zuckte dann aber mit den Achseln.
Resigniert sagte ich: »Bis uns eine andere Idee kommt – könntest Du uns bitte in die Entwicklungsumgebung bringen?«
Ganz plötzlich standen wir in einer Art Sanitärraum. Die Wände waren gekachelt. Allerdings fehlten die Waschgelegenheiten und die Toiletten. Dafür war an einer Seite ein riesiger Sandkasten im Boden eingelassen.
Da war ein verdammter Sandkasten und ich wusste sofort, was ich damit anfangen konnte. Es gelang mir instinktiv, etwas zu formen, dabei fehlten mir sogar die Hände. Uruhra stand gelangweilt in einer Ecke und sagte, wobei sie mir dabei zusah, wie ich immer wieder neue Formen schuf und sie danach wieder verwarf: »Braucht ihr mich noch oder kann ich gehen?«
Herbst antwortete, noch bevor ich sie erlösen konnte: »Was kann man hier noch machen?«
»Es gibt eine Menge Abenteuer, die allerdings meist noch nicht fertig sind und einige Bugs enthalten.«
»Woher weißt Du das?«
»Der Gott, der mich schuf, hat mir das Wissen gegeben. Er gab mir die Bestimmung, hilfreich zu sein, für alle die nach ihm kommen, und er gab mir den Auftrag mir hier alles anzuschauen.«
»Warum nennst Du ihn Gott?«
Hätte ich einen Kopf, hätte ich ihn an dieser Stelle immer wieder geschüttelt. Das Gespräch drehte sich arg in eine Richtung, die mir nicht gefiel. Außerdem konnte ich mich bei dem Gelaber nicht konzentrieren.
Ich sagte: »Uhura? Wir melden uns, wenn wir weitere Fragen haben. Jetzt ist es erst einmal genug – danke Dir.«
Die Stimme von Herbst hatte einen schneidenden Unterton. Ich weiß nicht genau, wie er es bewerkstelligte – meine Stimme hatte im Moment keinerlei Modulation. »Meinst Du nicht, dass wir so viel wie möglich über unsere Umgebung erfahren sollten?«
»Vielleicht sollten wir erst einmal probieren, was mit dem Sand in dieser Box möglich ist. Danach können wir anfangen unsere Umgebung zu erkunden. Ich hätte nur gerne Augen dazu.«
Uhura löste sich auf und noch während sie das machte, sagte sie: »Ihr wisst ja, wie ihr mich erreicht.«
Langsam erschien vor meinem Geist ein Körper, der mir gefiel. Er hatte nicht ganz so viel Masse, wie mein aktueller realer Körper und war wesentlich muskulöser, aber trotzdem gefiel mir, was dort entstand.
Mit Knete bin ich normalerweise sehr unbeholfen. Hier gab es jedoch Routinen, die das Formen eines menschlichen Körpers vereinfachten.
Als ich meinen Körper fertig hatte, sagte Herbst: »Der hat so viel Ähnlichkeiten mit Dir, wie ein Aktenordner mit einer Festplatte.«
»Ich hoffe, du bezeichnest mich als die Festplatte?«
Vor meinen Geist verformte sich mein Körper, bis er aussah, wie eine Fotografie von mir, von vor 15 Jahren, als ich mich selbst noch als fitt und jung bezeichnete. Das Modell hatte etwas zwanghaft Lässiges an. Es wirkte, als hätte man mich ›Retro‹-designed.
Sofort nach Fertigstellung der ersten entstand eine zweite Figur, die Herbst vollständig glich. Mit etwas Neid musste ich feststellen, dass er es einfach besser draufhatte als ich, allerdings hatte er auch viel mehr Zeit (und ich spreche hier von Jahrtausenden) seine Talente zu entwickeln.
»Du lernst verdammt schnell. Das sieht wirklich gut aus. Allerdings hätte ich mir doch ein paar Muskeln gewünscht.«
»Die hattest Du auch früher nicht. Wir wollen doch realistisch bleiben.«
»Wir sind hier nicht in der Realität, sondern in der Virtualität. Hier ist alles möglich.«
Ein Brummen war zu hören. »Sag mal, wie kommen wir jetzt in die Körper?«
Die Körper zu programmieren, war bedeutend einfacher, als der Eintritt in sie. Ich brauchte ein paar Versuche, bis es mir gelang. Dann fühlte ich mich endlich wieder, wie ein ganzer Mensch.
Herbst hatte das Kunststück zeitgleich geschafft. Wahrscheinlich hatte er es von mir abgeschaut.
Versuchsweise hob ich beide Arme, ging ein paar Schritte und sagte: »Das klappt doch ganz gut. Was machen wir jetzt?«
»Was kann man mit dem Spielplatz noch anstellen? Vielleicht basteln wir uns einen Browser und nehmen Kontakt nach Außen auf.«
Der Gedanken war viel zu naheliegend, als dass ich darauf gekommen wäre. Natürlich war Ali unsere einzige Hoffnung. Solange es uns nicht gelang, uns von selbst zu befreien, konnte nur ein Eingriff von Außen Hilfe bringen.
Einen Browser hatte ich noch nie programmiert. Wenn dieses Zeug allerdings auf Microsoft basierte, lieferte es uns die nötige Schnittstelle quasi mit. Man benötigte nur ein paar Zeilen und die richtigen Einstellungen und schon konnte sich jeder, seinen eigenen Browser erstellen, der dem Internet-Explorer allerdings glich, wie ein Ei dem nächsten.
Allerdings war eine kleine Frage wesentlich naherliegender. Mit einem Ruf nach Hilfe, ließ ich Uhura erneut erscheinen. Ich finde immer noch, dass es die richtige Schauspielerin für die Rolle war. Die aus der alten Serie war zwar auch nett, allerdings war die aus den neueren Filmen einfach besser anzuschauen.
»Kannst Du uns sagen, ob wie Zugriff auf Software haben, wie z.B. Skype oder Whatsapp?«
Uhura sah mich prüfend an. Sie ließ ihren Blick von oben nach unten gleiten und sagte anschließend: »Der neue Körper sieht auch nicht viel besser aus, als der alte. Ich frage mich, warum Du den nicht einfach behalten hast.«
»Er wurde mir entwendet, als wir aus dieser Tür gegangen sind.«
»Drin bleiben stand nicht zur Diskussion?«
»Wir wollten einfach raus aus dem Programm.«
»Das ist hier anscheinend das Problem von allen. Ich frag mich, warum keiner da bleiben kann, wo er hingehört.
Aber Du hattest nach Standard Software gefragt. Natürlich haben wir das alles hier. Was wollt ihr denn genau?«
»Wir würden gerne Kontakt aufnehmen zu Ali, einem Freund.«
»Meinst Du vielleicht den Ali, der euch schon in der letzten Woche zu erreichen versucht hat? Der Typ ist ziemlich nervig. Er hatte das schöne Abenteuer fast sabotiert.«
Herbst schien verwirrt. Er sagte: »Was heißt hier letzte Woche? Wir hatten doch erst vor höchstens ein paar Stunden miteinander gesprochen. Wie kann denn die Zeit hier so schnell vergehen?«
Überrascht sah ich ihn an: »Können wir durch Unterernährung sterben?«
»Solange meine Tante ihre Hand darauf hält, kannst Du nicht sterben. Aber ich kann ich auch nicht vorstellen, warum Ali uns noch nicht befreit hat.«
Jetzt schien Uhura überrascht. »Wovon befreien? Ihr seid hier und euch geht es gut. Wovon redet ihr?«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Das kannst Du nicht verstehen. Du kennst nur diese Realität hier.«
»Jetzt fangt ihr schon wieder mit diesem Schwachsinn an. Sprecht ihr über das Jenseits? Soll ich veranlassen, dass man euch löscht?«
»Das wäre nicht nett von Dir. Eine Möglichkeit mit Ali zu sprechen wäre nett.«
»Das kann ich ohne Probleme machen. Moment.«
Vor unseren Augen materialisierte sich ein Fenster. Uhura sagte: »Ich habe seine IP Adresse gespeichert. Er hatte sich zwar gut getarnt, allerdings war es nicht schwer, seine Spuren zurückzuverfolgen. Wenn man sich etwas Zeit nimmt und mit verschlüsselten Bildern und Video-Übertragungen arbeitet, kann jeder erwischt werden.«
»Du arbeitest mit miesen Tricks?«
»Das Tor-Netzwerk zwingt einen gerade dazu und da es jeder macht, ist es ja wohl auch kein Trick für Eingeweihte mehr.«
Das Bild im Fenster flackerte rhythmisch, bis es sich schließlich stabilisierte. Auf der anderen Seite sah ich in das verwirrte Gesicht meines Freundes. Dann brachte er doch noch ein Lächeln hervor.
Ali sagte: »Hätte nicht gedacht, dass Du Dich durch meine Firewall hacken kannst. Anscheinend ist sie nicht mehr so gut, wie sie mal war. Ich sollte mich dringend darum kümmern. Aber es ist trotzdem gut, Dich zu sehen. Ich muss Dir was erzählen.«
Ich sagte: »Hallo.«
Verdutzt sah Ali die Leute, die hinter mir standen, schüttelte den Kopf und sagte: »Du bist noch besser, als ich dacht. Wie hast Du den Effekt angestellt, jünger auszusehen und Zoe Saldana erscheinen zu lassen? Das musst Du mir unbedingt erklären.«
Verzweifelnd drehte ich mich um und richtete meine Blicke auf Uhura. Tatsächlich hatte ich den Namen der Schauspielerin total verdrängt. Als Nerd war Ali weitaus aktueller und gebildete als ich.
Ali sprach unbeirrt weiter: »Ich wollte Dich erreichen, weil kurz, nachdem ihr in der letzten Woche gegangen ward, ein Typ auftauchte. Er klingelte hier und wirkte hochgradig konfus, als ich ihm die Tür öffnete. Es war fast schon lächerlich. Er stotterte herum und fragte, ob alles in Ordnung wäre.
Natürlich…«
Ich unterbrach ihn: »Was heißt hier: ›als wir letzte Woche gegangen waren‹? Wir sind immer noch hier drin!«
Den Kopf schüttelnd und lachend sagte Ali: »Jetzt willst Du mich verarschen. Wo seid ihr überhaupt? Habt ihr den Fall schon gelöst? Ich sag Dir ja, dass es keine künstliche Intelligenz im Internet gibt. Das ist schon rein technisch nicht möglich.«
Meine Stimme klang gebrochen und irgendwie flehend als ich sagte: »Wir waren nicht weg. Wir sind nie raugekommen.«
In Alis Gesicht bewegten sich die Augenbrauen nach oben. »Ihr wollt mich verarschen. Wir haben doch noch darüber gesprochen. Das ganze System ist zusammengebrochen, als ihr die Tür durchschritten habt.«
Herbst klang genervt. »Hohl uns gefälligst hier raus. Wir hängen schon viel zu lange fest.«
Ali schüttelte erneut den Kopf. »Ich kann euch nicht helfen. Ihr seid rausgekommen und euch geht es gut.«
»Wer auch immer hier rausgekommen ist, waren nicht wir.«
»Euch ging es gut. Wir haben noch einen Tee getrunken und dann seid ihr ziemlich enttäuscht gegangen.«
»Was haben wir gesagt?«
»Dass diese Spur eine Zeitverschwendung und eine Sackgasse war. Ihr wolltet schauen, ob ihr irgendwie anders weiterermitteln könnt.«
Dann stockte Ali und er hob die Hand vor dem Mund. Er sah uns erschrocken und fassungslos an. Dann verwandelte sich seine Mine. Er wirkte verärgert und verdammt sauer.
Seine Stimme zischte. »Wer seid ihr? Es hätte mir gleich klar seien müssen, als meine Firewall durchbrochen wurde. Das konnte keiner von euch sein. Sowas kann nur ein Profi.«
Uhura schnalzte mit der Zunge und sagte: »Das war nicht weiter schwer. Wenn man auf dem Stand der Technik ist, wirkt dieser billige Schutz, wie eine Microsoft Entwicklung aus dem letzten Jahrhundert.«
»Dann sind sie es also, die mich ausfragen will? Was wollen sie von mir? Informationen über Bob? Das können sie vergessen.«
Uhura klang kalt. »Du hast doch schon alle Informationen ausgeplaudert. Und die beiden sind hier und nirgendwo anders. Da kann ich, alles was ich wissen will, auch selbst erfragen.«
Dann wandt sie sich zu uns und sagte: »Was ist das überhaupt? Mit wem sprecht ihr da? Dieser Schnösel kann euch nicht helfen. Warum braucht ihr überhaupt Hilfe? Bisher habt ihr doch auch alles gut geschafft.«
Immer wieder zum Monitor und Uhura sehend, wurde mir gleichzeitig heiß und kalt. Herbst schlug mit seiner Faust in seine flache Hand. Er wirkte aufgebracht.
»Diese ganze Scheiße geht mir gehörig auf die Nerven.«
So hatte ich ihn noch nie erlegt. Im letzten Jahr hing er eher abwesend in seinem Bürostuhl ab. Bisher tendierte er immer zwischen melancholisch und depressiv, mit leichten Tendenzen zur Paranoia.
Der Monitor schaltete sich ab. Ali hatte die Verbindung unterbrochen. Uhura sagte: »Es tut mir leid, aber die Übermittlung ist unterbrochen. Ich schätze, dass das System auf der anderen Seite ausgeschaltet wurde.«
Mit einem Nicken quittierte ich die Aussage die nur das Offensichtlich aussprach und bat Uhura, uns im Moment in Ruhe zu lassen.
Zu Herbst sagte ich: »Was hältst Du von der Sache?«
»Du hast uns mit Deiner Geschichte einiges eingebrockt. Außerdem geht Deine Fantasie mit Dir durch. Ich verstehe das immer noch nicht. Sowas passiert, wenn man die Handlung vorher nicht perfekt plant. Entdeckendes Schreiben bringt einen immer in Sackgassen, die man nicht verlassen kann. Deine Technik ist einfach schlecht.«
»Wir sollten jetzt nicht über meine Schreibtechniken sprechen. Es ist wesentlich wichtiger, sich zu konzentrieren und darüber nachzudenken, was wir jetzt machen.«
»Kannst Du irgendwie herausfinden, ob Ali recht hat und wir den Raum schon körperlich verlassen haben?«
Zunächst musste ich kurz meine Gedanken sammeln. »Wenn wir eine Möglichkeit hätten, im Netzwerk zu schauen. Vielleicht finden wir auf Facebook oder auf WordPress eine Spur.«
»Kannst Du das, ohne diese nervtötende Hilfe zu aktivieren? Ich habe wenig Lust schon wieder ihre Nörgelei aushalten zu müssen.«
Mit den Werkzeugen, die ich im Raum fand, versuchte ich, ein paar Fenster zu erzeugen. Tatsächlich gelang es mir nach ein paar Versuchen, eine Art Monitor zu erschaffen. Auf ihm erschien nach einigen Klicks und Wischgesten, das vertraute Blau und das weiße W auf hellblauem Grund.
»Urhura und Ali hatten recht – wir stecken hier schon seit mehr als einer Woche und ich bin aktiv gewesen. Dazu muss ich sagen, dass meine Beiträge weiterhin geistreich und lustig sind. Anscheinend habe ich mich kaum geändert, seit dem ich wieder zu Hause bin.«
»Ist schön, dass Dir Deine eigene Kreativität gefällt und wie ich seh, hast Du immer noch Aussetzer bei der Rechtschreibung. Was bringt einen Hobby-Legastheniker eigentlich auf die Idee, schreiben zu wollen?«
Ich ignorierte die Bemerkung und klickte weiter. Das Blau änderte sich und ich sagte: »Auf Facebook sind auch ein paar Einträge. Ich war mit meinen Kindern im Park. Wenn der da draußen ein Betrüger ist, dann spielt er mich äußerst gut.«
»Du meinst, dass er es nicht ist?«
»Was ist, wenn wir Kopien sind? Wenn wir nur die Abbilder unserer Egos als Echo im System sind?«
Herbst sagte: »Du verschreckst alle Leser. Die letzten Kapitel waren ja ganz nett, aber dies hier ist das Letzte. Jetzt wird sich jeder fragen, wie viele es von Dir auf dieser Welt noch gibt.«
»Wir könnten exakte Abbilder sein. Teile unsere Logik unsere Gefühle könnten hiergeblieben sein, während unsere Körper und unser Geist schon da draußen ist.«
Herbst lachte trocken und ohne eine Spur von Humor auf und sagte: »Nie geht man so ganz.«
»Das ist jetzt weniger lustig, als es klingt. Wir wären dann für immer hier gefangen.«
»Ist es nicht der Traum des Menschen, dass er eine digitale Kopie anfertigt, die dann für immer lebt?«
»Du lebst sowieso ewig. Wahrscheinlich wirst Du das nicht nachvollziehen können.«
Herbst schüttelte den Kopf und sah mich traurig an: »Ich lebe nicht ewig. Wenn die Erde untergeht, werde ich auch vergehen. Eigentlich muss sich nur die Erdachse verändern und schon werde ich nur noch eine Erinnerung sein.
Auch hier bin ich nicht ewig. Es muss nur irgendwer den Stecker ziehen und schon gibt es mich hier nicht mehr. Ich bin sogesagen hier noch viel sterblicher als in der Realität.«
»Ein vergessener und sterblicher Gott.«
»Zitierst Du schon wieder Neil Gaiman?«
»Es war zu naheliegend, zumal ich mich so sehr auf die Fernsehserie zu meinem momentanen Lieblingsbuch freue. Was schlägst Du denn vor?«
»Hinterlass doch einfach auf Deiner Facebook-Seite einen Kommentar an Dich selbst. Vielleicht können wir uns ja mit der Außenwelt unterhalten.«
»Ein Monolog mit sich selbst wird dieser Geschichte bestimmt helfen.«
»Wer weiß, was wir noch machen können.«
»Vielleicht schauen wir erst einmal auf unserer Seite der Realität nach, was wir haben. Danach können wir überlegen, was wir noch brauchen.«
»Die Grundbedürfnisse werden hier auf jeden Fall befriedigt.«
»Du meinst Fernsehen, Internet und die Gesellschaft von Freunden?«
»Das Letzte würde ich nicht unterschreiben. In seltenen Fällen sucht man sich seine Freunde nicht aus.«
»Was wäre, wenn wir nicht die Ersten wären, denen genau dies hier passiert ist? Vielleicht könnten wir uns mal umsehen, ob es noch mehr wie wir gibt?«
Uhura wirkte augenscheinlich entnervt, als sie sich erneut vor uns materialisierte. Gelangweilt fragte sie: »Was kann ich diesmal für euch tun?«
»Wir suchen Leute, die so sind wie wir.«
Ihre Stimme war monoton, als sie sagte: »Niemand ist wie ihr.«
»Ich meine Leute, die hierher gekommen sind und immer noch hier sind.«
Ihre Mine zeigte Verwirrung und Neugier.
Herbst drängelte sich vor und sagte: »Ist zufällig ein gewisser Herr Franken hier?«
Die Augenbrauen von Uhura sprangen nach oben und sie sagte: »Der ist tatsächlich da. Allerdings wird es euch nicht gefallen, mit ihm zu reden. Er ist ziemlich deprimierend, seit dem er da ist.«
»Wir würden ihn wirklich gerne sehen.«
»Gerade das wird schwierig. Er ist meilenweit davon entfernt, sich hier zurechtzufinden. Für einen Hacker ist er eine Katastrophe. Wenn ihr allerdings darauf besteht, hol ich ihn her. Moment!«
Einen Augenblick geschah nichts, dann fragte eine zögernde Stimme: »Hallo?«
Ich dankte Uhura, die sich sofort dematerialisierte.
Herbst sagte: »Hallo Herr Franken.«
Die Stimme fragte erneut: »Hallo? Herr Herbst? Sind sie das?«
In Herbst Stimme lag Resignation. »Bitte einfach nur ›Herbst‹ – ja natürlich bin ich es. Es ist schwer, sich mit ihnen zu unterhalten, wenn sie nur einfach so im Raum hängen. Ich werde unsere Unterhaltung etwas erleichtern.«
Mit ein paar geschickten Griffen formte Herbst eine menschliche Form und erklärte dem Geist detailliert, wie er sich in den Körper niederlassen konnte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich der Körper vor uns bewegte.
Herr Franken sah Herbst an und sagte: »Sie hätten mir ruhig einen muskulöseren Körper anfertigen können.«
»Ein Dankeschön wäre netter gewesen. Jeder beschwert sich, als mal mit dem zufrieden zu sein, was er bekommt. Dabei gibt es wichtigere Dinge zu besprechen.«
Der Typ vor uns schien immer noch sehr irritiert. Er sagte: »Ich begreife das nicht. Das hier ist zu viel für mich.«
Herbst drehte sich zu mir. In seinem Gesicht spiegelten sich Ungeduld und Gereiztheit. Er sah aus wie ein Vater, der einmal zu oft von seinen Kindern genervt wurde.
In seiner Stimme lag ein bedrohlicher Unterton. »Die ganze Geschichte ist ein einziges Fiasko.«
»Es ist ja nicht so, als wäre es Deine Idee gewesen.«
»Das macht es nicht besser.«
Herbst wandt sich an Herrn Franke, der in der Zwischenzeit seine Hände betrachtete, als hätte er so etwas zum ersten Mal gesehen. Herbst sagte: »Wie weit waren sie mit ihren Ermittlungen? Was und wo ist die KI, die das Netz steuert?«
Der Mann vor uns schüttelte sich und sah anschließend in unsere Richtung. Er sagte: »Wie meinen Sie das?«
»Sie hatten mir doch von der Bedrohung aus dem Netz erzählt. Soweit ich verstanden hatte, wollten sie die KI aufspüren und unschädlich machen.«
Immer wieder den Kopf schüttelnd sagte der Hacker: »Die KI.«
Seine Stimme kam von fern, als wäre ein riesiger Abstand zwischen uns. Die Wörter waren abgehackt und kamen stoßweise.
»Die KI – ich war ganz kurz davor sie zu finden. Die Pläne – ich habe diese verdammten Pläne gefunden. Mit ihr sprechen – vielleicht ist das der Weg mit ihr zu kommunizieren. Sie hört mich bestimmt. Dann hier.«
Herbst sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und sagte: »Na toll. Jetzt klemmt irgendetwas in seinem Gehirn. Er scheint nicht wirklich klüger geworden zu sein.«
Ich sagte: »Sich ein unbekanntes Interface in den Nacken zu rammen, ohne zu wissen, was es bewirkt, ist wirklich ziemlich blöd. Vielleicht hätte man sich vorher ein paar Gedanken darüber machen können.«
»Das meinte ich nicht. Was hat das Interface mit der KI zu tun?«
Herr Franke sah Herbst an und sagte: »Es ist eins. Das hier ist die KI.«
Etwas zu laut sagte Herbst: »Sie hätte uns ruhig von ihren Erkenntnissen erzählen können, bevor sie starben.«
Die Augen in der Person vor uns wurden weit. Er sagte: »Ich bin gestorben? Ist das der Tod?«
Ich schüttelte den Kopf: »Ich sehe hier keinen Typ mit schwarzem Mantel und Sense. Außerdem würde ich es nicht mit dem Jenseits gleichsetzen. Bisher habe ich weder ewiges Feuer gerochen noch Harfen gehört.«
Die Hände von Herbst ballten sich zu Fäusten. Zwischen den Zähnen presste er hervor: »Ich will verdammt noch einmal hier raus.«
Traurig schüttelte ich den Kopf und sagte: »Ich glaube nicht, dass das noch zur Debatte steht. Wir sind hier gefangen, ob wir wollen oder nicht.«
Herbst hatte sich auf den Rand des Sandkastens gesetzt. In der Zwischenzeit schlug Herr Franke mit den Fäusten auf die Wände ein, die uns umgaben. Dabei schrie er immer wieder: »Lasst mich raus.« Seine Bewegungen waren manisch. Seine Stimme überschlug sich.
Vorsichtig näherte ich mich und wollte ihm gerade meine Hand auf die Schulter legen, als er sich umdrehte. Sein Blick konnte ich nicht deuten. Bisher hatte ich noch nie in eine Mine geblickt, die so viel Panik ausdrückte.
Er sprang auf mich zu und schlug mit seinen Fäusten auf mich ein. Seine Rechte traft meinen Kopf mit voller Wucht. Die Linke drückte sich mir in den Magen.
Der erste Schlag musst mir die Nase gebrochen haben. Ich sprang viel zu spät aus der Schussbahn und gab damit den Weg zu Herbst frei. Dieser erhob sich blitzschnell.
Mit ein paar Schritten war Herr Franken bei Herbst. Der hob seine Fäuste zum Schutz. Alle vier Fäuste trafen einander. Es entbrannte ein wilder Kampf.
Derweilen hatte ich mich gesammelt und tastete nach meiner Nase. Zum Glück konnte ich kein Blut entdecken. Vielleicht war ja noch alles heil?
Ich drückt vorsichtig auf alle Seiten meiner Nase, konnte allerdings keine Veränderung feststellen. Ganz im Gegenteil konnte ich überhaupt keinen Unterschied merken. Was mich allerdings am Meisten überraschte, war die Tatsache, dass die Schmerzen ausblieben.
Bei dem zweiten Schlag hätte ich eigentlich zusammenklappen müssen. Allerdings war auch dies ausgeblieben. Die Schläge hatten auf mich genauso wenig Auswirkungen, wie die Fliege Einfluss auf die Glasscheibe nahm, gegen die sie pausenlos flog.
Ich sah den beiden Kämpfern zu, wie sie unbeeindruckt aufeinander einschlugen. Ein paar der Schläge hätten selbst einen Profiboxer auf den Boden geschickt. Herbst konnte extrem gut austeilen. Sein Gegner war hingegen ganz Naturkraft und nicht berechenbar. Es war nicht sicher, wie der Kampf ausgegangen wäre, allerdings bezweifele ich, dass die Beiden überhaupt irgendwann aufgehört hätten.
Ich rief: »Es hat keinen Zweck. Hier drin habt ihr weder Gefühle noch Blut. Ihr seid beide unverletzlich.«
Es dauerte bestimmt eine halbe Stunde, während dessen die Kontrahenten unbeeindruckt aufeinander einschlugen. Dann flackerte das Licht um uns.
Die beiden Streithähne blickte auf und sahen sich um. Dann wurde es für einen Augenblick schwarz.
Böses ahnend ging ich zu dem Monitor, den ich vorhin genutzt hatte, um mich in den sozialen Netzen umzusehen. Das aktuelle Datum und die Anzahl der neuen Beiträge ließen mich zusammenzucken. Wir hatten erneut ein paar Tage verloren.
Herbst und der Wahnsinnige kamen zu mir und blickten über meine Schultern. Keiner sagte ein Wort.
Dann durchbrach Herbst die Stille. »Wir werden hier nicht rauskommen.«
Ich schüttelte immer wieder den Kopf. Die Niedergeschlagenheit in Herbst Worten, drückte mich zu Boden. Das Gefühl einer tonnenschweren Last ruhte auf meinen Schultern. Selbst wenn die Last hier virtuell war, zerschmetterte sie mich vollständig.
Herr Franken drehte sich von uns.
Ich murmelte still und unbewusst das Wort »Hilfe«.
Augenblicklich erschien die schöne Dame erneut und blickte mich erwartungsvoll an.
Sie sagte: »Was gibt es diesmal?«
Meine Stimme klang hohl und müde. »War das System gerade abgeschaltet?«
Im Plauderton sagte unsere Hilfe: »Soweit ich das an meinen Uhren sehe, waren wir für ein paar Tage offline. Ich nehme einmal an, dass ein paar Wartungsarbeiten anlagen. Das passiert in der letzten Zeit immer häufiger. Gott gefällt nicht, wie es hier aussieht. Wahrscheinlich überlegt er sich, wie er die Dinge besser strukturieren kann.«
Herbst Stimme war tonlos und ermüdet. »Wer ist dieser Gott und wie können wir Kontakt zu ihm aufnehmen?«
Ein helles Lachen erklang. Darin war keine Spur Zynismus oder Ironie zu erkennen. Es hatte einen befreienden Klang. Dann sagte Uhura: »Keiner kann mit Gott sprechen. Er ist der Schöpfer. Sicherlich hat er Besseres zu tun, als mit uns zu plaudern.«
Ich sagte: »Dein Gott ist ein Arschloch, dass eine Mausefalle programmiert hat, die Leuten das Leben nimmt und sie für immer hier einsperrt. Dem Typ würde ich gerne einmal meine Meinung sagen.«
Sie zuckte mit den Achseln und sagte: »Gottes Wege sind unergründlich. Vielleicht tut er das nur, um uns zu prüfen.«

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